20. Dezember

Unzufrieden blickte Draco in den Spiegel. Es gab Tage, da fielen seine mittlerweile etwas zu langen Haare genauso, wie er es von ihnen erwartete, und es gab Tage wie diesen. Nicht, dass er heute unbedingt gut aussehen wollte, er hatte schließlich kein Date oder ähnliches. Es ging hier ums Prinzip.

Das Mittagessen hatte er Hermine aus reiner Höflichkeit angeboten, da ein Gentleman wie er einer war sich nicht mit einer Frau traf, nur um eine kleine geschäftliche Angelegenheit zu erledigen. Das tat man einfach nicht. Und von allen Mahlzeiten war das Mittagessen am unverfänglichsten.

Genervt ließ er von seinen Haaren ab, schnappte sich Geldbörse und Schlüssel, um dann direkt vor die Wohnungstür von Hermine zu apparieren. Er war sich sehr sicher, dass er die Wohnung nach dem letzten Besuch gut genug kannte, um direkt rein apparieren zu können, aber so sehr ihn dieser Streich auch in den Fingern juckte, er wusste, dass das wirklich unhöflich gewesen wäre. Mit einem Grinsen bei dem Gedanken an Hermines empörtes Gesicht, wenn er es doch tun würde, klopfte er an.

„Hey", wurde er begrüßt, doch ehe er das erwidern konnte, war Hermine bereits wieder im Innern ihrer Wohnung verschwunden. Unschlüssig, ob er eintreten sollte, obwohl sie ihn nicht herein gebeten hatte, blieb Draco im Türrahmen stehen: „Ja, Hallo. Was für eine überschwängliche Begrüßung."

„Ach, halt die Klappe!", ertönte es aus einiger Entfernung, was Draco darauf schließen ließ, dass Hermine ins Bad verschwunden war. Unbehaglich trat er ein und schloss die Tür hinter sich: „Du musst deine schlechte Laune nicht an dem auslassen, der dir einen Gefallen tut."

„Halt die Klappe, Malfoy!", kam es nur noch genervter, doch diesmal mischte sich auch ein Hauch Verzweiflung in die Stimme. Interessiert, was diese Nervosität in Hermine ausgelöst haben könnte, schlich er sich zur angelehnten Badtür und spähte durch den offenen Spalt.

Vor ihm stand Hermine, bereits fertig angezogen, und kämpfte mit ihren Haaren. Offensichtlich versuchte sie, ihre Lockenmähne in irgendeine Art von Frisur zu zwingen, doch obwohl ihre Haare schon viel weniger störrisch waren als noch zu Schulzeiten, schien der Kampf aussichtslos. Der Gedanke jedoch, dass sie sich für ihn solche Mühe gab, erfreute ihn.

„Lass gut sein, Granger", sagte er vorsichtig: „Du siehst auch so gut aus."

Die Worte waren raus, ehe er über sie nachgedacht hatte. Das war tatsächlich ein Kompliment gewesen und wie es aussah, war Hermine mindestens ebenso überrascht davon wie er selbst. Da er es nun einmal gesagt hatte, konnte er genauso gut dazu stehen: „Schau nicht so entsetzt, es war ein ernst gemeintes Kompliment, das du ruhig akzeptieren darfst. Keine Hintergedanken."

Grinsend bemerkte er, wie Hermine tiefrot anlief, doch sie nickte ihm dankbar zu, während sie mit einem letzten bösen Blick auf ihre Bürste das Licht im Bad löschte und zu ihm trat.

"Tut mir leid, dass ich so unhöflich war", murmelte sie mit immer noch roten Wangen: "Ich hätte nicht gedacht, dass es sich als so unmöglich heraustellen würde, meine Haare zu bändigen. Also: Hallo!"

"Bereit für das Mittagessen?"

"Wenn du mir verrätst, wohin wir gehen?"

Draco grinste: "Nein, das wirst du schon vor Ort herausfinden müssen."

Grummelnd, aber nicht wirklich abgeneigt, hakte sich Hermine bei ihm unter, damit Draco sie Seit-an-Seit in das ausgewählte Restaurant apparieren konnte. Als der Wirbel sich gelegt hatte, stellte Hermine fest, dass sie vor einem sehr alten Gasthaus am Ende der Winkelgasse standen. Sie war bereits mehrere Male daran vorbei gelaufen und hatte registriert, dass die Karte auf einen Koch hindeutete, der nicht eine Küche anbot, sondern offenbar seine Lieblingsgerichte aus aller Welt zusammen gestellt hatte, doch bisher hatte sie nie Gelegenheit gehabt, seine Künste auszuprobieren. Mit einem anerkennenden Nicken trat sie vor Draco ein.

Zielsicher führte er sie zu einem kleinen Tisch an der Fensterfront und es dauerte nicht lange, bis einer der Kellner ihnen die Karten reichte und anschließend ihre Bestellungen aufnahm. Als er schließlich wieder Richtung Küche verschwunden war, beschloss Draco, das Gespräch vom Vortag noch einmal aufzugreifen.

"Ich hoffe sehr, dass du nicht komisch von mir denkst", sagte er langsam, bemüht, die richtigen Worte zu finden, ohne zu freundlich oder an ihr interessiert zu klingen: "Dass ich dir gestern von dem Verdacht meiner Kollegen erzählt habe, meine ich. Es ist ja immerhin mein Problem und da es völlig aus der Luft gegriffen ist, sollten wir uns beide gar nicht darum kümmern, aber..."

"Oh, keine Sorge", fiel ihm Hermine ins Wort: "Es war nett von dir, mich gewarnt zu haben. Immerhin stehe zumindest ich ja noch immer im Interesse der Öffentlichkeit. Aber wie du schon sagst, der Gedanke, dass irgendetwas zwischen uns sein könnte, ist wirklich absurd."

"Ja."

"Ja."

Schweigen breitete sich zwischen beiden aus, während Draco sich fragte, was mit ihm nicht stimmte, dass er den Gedanken gar nicht so lächerlich fand. Sicher, eine Hermine Granger würde immer so denken, aber er selbst konnte nach allem, was seit Hogwarts geschehen war, keinen wirklichen Grund mehr finden, sie einfach so als unmögliche Partnerin abzutun. Und wenn er ehrlich zu sich war, kratzte ihre Ablehnung ein wenig an ihm.

"Andererseits", setzte er an, wieder darauf bedacht, seine Worte so unverbindlich wie möglich zu wählen: "Man kann es niemandem verübeln, Frauen zu unterstellen, Interesse an mir zu haben. Und du bist auch nur eine Frau, Granger."

Interessiert beobachtete, wie Hermine erneut tief rot anlief: "Du bist ein eingebildeter Idiot. Wenn du eine Frau zum Essen ausführst, solltest du ihr Komplimente machen, anstatt wie ein arroganter Gockel herumzustolzieren."

"Ich habe dir bereits ein Kompliment gemacht", erwiderte Draco ungerührt, tatsächlich ermuntert durch ihre feurige Antwort: "Ich wollte dir nur die Gelegenheit geben, das zu erwidern."

Das Essen kam und für einige Minuten fürchtete er, dass Hermine das als Ausrede nutzen würde, nicht mehr mit ihm zu reden. Gerade, als er auf ihre Unhöflichkeit hinweisen wollte, rang sie sich doch zu einer Antwort durch: "Du siehst heute wirklich gut aus, Malfoy. Ich bin mir sicher, dass dir kaum eine Frau widerstehen kann."

Sein Mund klappte auf. Es war offensichtlich, dass sie sich Mühe gab, die Worte so klingen zu lassen, als ob sie sich selbst in diese Frauen nicht einschloss, doch dass ihr Blick dabei starr auf den Teller gerichtet blieb, sprach eine eigene Sprache. Und plötzlich fragte er sich, ob Hermine Granger eine Beziehung zu ihm wirklich so absurd fand, wie sie vorgab.

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