2001- The Black-Hearted Queen

Der gesunde Mensch quält andere nicht. Für gewöhnlich sind es die Gequälten, die wieder andere quälen.

                                                                                                                    - Carl Jung

 

Gelangweilt rührte Haylee Ferguson in ihrem halbleeren Erdbeermilchshake und schaute aus dem Fenster. Draußen, am wolkenlosen Himmel, schien die Sonne und tauchte die Einkaufsstraße in ein schillerndes, klares Licht. Leute liefen hektisch an dem kleinen Cafè vorbei und gingen ihren alltäglichen Beschäftigungen nach. Kurz schweiften ihre grünen Augen zu ihrer Armbanduhr. Es war Viertel nach zwei. Normalerweise säße sie jetzt im Chemieunterricht und würde irgendwelche idiotischen Versuche durchführen, aber sie schwänzte diese Stunde. Mal wieder.

Haylee hatte nun mal keine Lust ihre kostbare Zeit mit nervtötendem Unterricht und strengen Lehrern zu verschwenden. Sie hatte eindeutig besseres zu tun, darum gönnte sie sich regelmäßig eine Auszeit. Wie oft habe ich schon gegen die Schulregeln verstoßen? Wie zur Antwort zuckte sie mit den Achseln und fuhr sich mit einer Hand durch das bronzefarbene Haar, das sie als Bob trug.

Die Vierzehnjährige war, besonders zum Ärger ihrer Eltern, keine Musterschülerin und ein braves Mädchen schon gar nicht. Das lag jedoch auch an ihrer Mitschülerin Ophelia, die häufig die treibende Kraft für ihre Regelverstöße war, wie auch heute.

Ophelia Monroe. Wie mechanisch hob sie den Blick und beobachtete ihre beste Freundin, die ihr gegenüber saß und heftig mit einem Typen namens Adam knutschte. Viel wusste sie nicht über ihn, so, wie über die anderen Kerle, die sie im Monatstakt wechselte. Meistens waren sie älter als Ophelia, Adam war 20, und na ja… irgendwie merkwürdig. Sie selbst würde sich niemals mit solch zwielichtigen Männern einlassen, aber Ophelia war anders. Das war Haylee bereits bei ihrer ersten Begegnung vor drei Jahren klar gewesen. Sie rief sich die Erinnerungen in ihr Gedächtnis.

Damals, an ihrem ersten Schultag an der Abigail Halen School, war ihr das brünette Mädchen sofort ins Auge gefallen. Ihre außergewöhnliche Schönheit und Eleganz hatten sie verblüfft und neidisch gemacht, denn sie selbst litt aufgrund ihrer Nase, mit dem kleinen Höcker, und ihrer geringen Körpergröße unter starken Minderwertigkeitskomplexen. Trotz ihres Neides war sie dennoch fasziniert und erpicht darauf gewesen, sich mit ihr anzufreunden. Also hatte sie sich in der Aula, bei der Willkommensfeier für die neuen Schülerinnen, neben sie gesetzt und sie direkt angesprochen.

„Hi, ich bin Haylee“, begrüßte sie das dunkelhaarige Mädchen mit einem freundlichen Lächeln. Dieses drehte wie mechanisch den Kopf und musterte sie eingehend. Ihre Gesichtszüge waren dabei starr und leblos.

„Mein Name ist Ophelia.“ Der warme, sanfte Klang ihrer Stimme wollte nicht zu ihrer ablehnenden Haltung passen, was Haylee verunsicherte. Darum herrschte erstmal ein unangenehmes Schweigen, bis…

„Kaum zu glauben, was für ein Abschaum hier aufgenommen wird“, zischte Ophelia plötzlich und verzog angewidert das Gesicht, als ein pummeliges, Brille tragendes Mädchen namens Paula Darwin nach vorne trat und ihrer Klasse zugeordnet wurde.

„Fettes, hässliches Schwein.“ Ihre Beleidigung entlockte Haylee ein gehässiges Kichern.

„Am Liebsten würde ich dir die Kehle aufschlitzen und zusehen, wie du verblutest.“ Schlagartig verstummte ihr Kichern und Haylee wurde leichenblass. Ist das jetzt ihr Ernst oder war das bloß ein Scherz, um mir Angst einzujagen? Während ihre Unterlippe unkontrolliert zu zittern begann, grinste Ophelia amüsiert.

Es war also ein Scherz. Ein ziemlich schlechter Scherz. Obwohl unverändert ein schwerer Klumpen in ihrem Magen lag, zwang sie sich zu einem breiten Lächeln. Sie wollte, dass die Brünette sie mochte und ihre Freundin wurde. Sie sollte sie nicht für schwach oder kindisch halten. Dafür war sie bereit alles zu tun.

„Haylee Deborah Ferguson.“ Als sie aufgerufen wurde, schoss sie augenblicklich in die Höhe. Flüchtig schweifte ihr Blick zu Ophelia, deren Lippen unablässig zu einem unheimlichen Grinsen verzogen waren, bevor sie nach vorne schritt. Ihr Gang war wackelig und unsicher. Warum gehen mir ihre Worte nicht mehr aus dem Kopf? Wieso habe ich weiche Knie und eine Gänsehaut? Das war nur ein Scherz, nichts weiter.

Ihre Gedanken wurden von einer nett aussehenden, blonden Frau unterbrochen, die eine Hand auf ihre rechte Schulter legte.

„Hallo, ich bin Mrs. Clark, deine Klassenlehrerin.“ Haylee sagte nichts. Stattdessen sah sie wie hypnotisiert zu Ophelia, die bewegungslos, wie eine Puppe, auf ihrem Stuhl saß. Ein eiskalter Schauer fuhr ihr über den Rücken.

„Ist alles in Ordnung?“ Der besorgte Ton der Lehrerin brachte sie dazu, sich wieder auf sie zu konzentrieren.

„Ja, ich bin nur etwas aufgeregt“, murmelte sie und strich sich die Haare hinter die Ohren.

„Das ist völlig normal. Alles ist neu und ungewohnt für dich, aber du wirst dich schnell einleben und viele Freundinnen finden.“ Ihre aufmunternden Worte drangen nicht zu ihr durch. Auch ihr freundliches Lächeln zog wie ein Schatten an ihr vorbei.

„Ophelia Cecilia Dahlia Monroe.“ Der Name war so einzigartig, wie seine Trägerin. Die junge Schönheit erhob sich und ging zu Mrs. Clark. Haylee wusste nicht, ob sie sich darüber freuen sollte, dass Ophelia in dieselbe Klasse kam, wie sie. Eigentlich hatte sie sich fest vorgenommen ihre Freundin zu werden, aber dessen war sie sich nicht mehr ganz so sicher.

Auch das dunkelhaarige Mädchen wurde freundlich von ihrer neuen Lehrerin begrüßt, was sie sichtlich kalt ließ. Gelangweilt hörte Ophelia sich den Anfang von Mrs. Clarks Motivationsrede an, bevor sie ihr einfach den Rücken zuwandte und zu Haylee herüber ging.

„Diese Frau ist nervtötend und unerträglich. Glaubt sie wirklich, dass ich mir ihr dümmliches Gequatsche anhören will?“ Ophelia durchbohrte sie mit ihren großen blau-grünen Augen. Sie wirkte ungeduldig und unzufrieden, was Haylee schwer schlucken ließ.

Soll ich etwa was sagen?

Wie ein aufgescheuchtes Reh stierte sie das Mädchen an, dieses hübsche Mädchen, das etwas Besonderes an sich hatte, etwas erschreckend und furchterregend Besonderes.

„Ähm…“ war das Einzige, was über ihre Lippen kam. Vor Scham errötete sie, was Ophelia mit einem spöttischen Grinsen quittierte. Haylee wäre am liebsten in Grund und Boden versunken.

„Sehr geistreich“, machte sich die Dunkelhaarige offen über sie lustig und lachte. Dieser Klang; dieses gehässige Gelächter ging ihr durch Mark und Bein und verstärkte ihre Unsicherheit gegenüber Ophelia. Zu ihrem Glück hatte die Schönheit ihr Interesse bald an ihr verloren. Stattdessen war Paula Darwin in ihrem Fokus, die vor ihnen stand und dabei von einem Ohr zum Anderen lächelte und voller Vorfreude mit den Füßen wippte. Als Haylees Blick wieder zu Ophelia zurückschweifte, rümpfte diese die Nase und sah aus, als müsse sie sich übergeben.

„So etwas Widerwärtiges und Abstoßendes.“

„Stimmt.“ Haylees Kommentar war dämlich und abgegriffen, aber was hätte sie sonst sagen sollen, nach dem vorherigen Desaster? Aus diesem Grund biss sie nervös auf ihrer Unterlippe herum, bis sie Blut schmeckte. Sie wollte keinesfalls schon wieder vor ihr lächerlich machen.  

„Hast du jemals ein Schwein brennen sehen?“, flüsterte Ophelia ihr ins Ohr. Ihre Augen blitzten begeistert und unheilvoll. Mit einer bösen Vorahnung schüttelte sie kaum merklich den Kopf.

„Dann pass mal auf.“ Wie gebannt sah sie dabei zu, wie Ophelia ein silbernes Feuerzeug hervorzog, es entzündete, und mit einem fanatischen Grinsen an Paulas Rock hielt. Es dauerte nicht lange, bis der dünne Stoff Feuer fing und die kleinen Flammen sich ausbreiteten. Den Ausdruck auf Ophelias Gesicht, als die Flammen Paulas Haut verbrannten und diese um ihr Leben schrie, würde sie niemals vergessen. Es war eine Mischung aus tiefster Zufriedenheit, Erregung und Wahnsinn.

In diesem Moment ist ihr bewusst geworden, dass ihre Mitschülerin ein ganz anderes Kaliber war. Sie war kein Mädchen, das aus Langeweile und Frust ein bisschen Ärger machte, so wie sie.

Ophelia Monroe war gefährlich. Ophelia Monroe war bösartig und hatte größte Freude daran andere Menschen zu verletzen und zu zerstören. Ihre kriminellen Energien hatten sich bereits früh gezeigt und in den letzten Jahren noch verstärkt. Sie schienen keine Grenzen zu kennen.

Haylee Ferguson imponierten diese Kaltblütigkeit und Intriganz, doch sie musste auch zugeben, dass sie sich vor der Brünetten fürchtete. Sie hielt es daher taktisch für klüger auf Ophelias Seite zu stehen, als selbst eines ihrer Opfer zu werden. Das redete sie sich zumindest ein, denn auch die Freundschaft zu ihr, da war sie sich sicher, würde sie irgendwann nicht mehr vor einem ihrer gewaltsamen Ausbrüche bewahren.

Diesen Punkt sah sie realistisch, im Gegensatz zu ihrer Beziehung zu Ophelia Monroe. Haylee glaubte tatsächlich an eine Freundschaft zwischen ihnen. Sie stellte die Absichten ihrer besten Freundin nicht in Frage. Sie bemerkte nicht, dass sie bloß ein Anhängsel war; eine Mitläuferin, an der Ophelia kein Interesse hatte, denn für sie war sie nur ein dressierter, höriger Hund, den sie in den letzten Jahren für ihre Zwecke abgerichtet hatte…

Heiteres Gekicher riss sie aus ihren Gedanken und lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihre Freundin, die gerade Adams linke Hand unter ihrem karierten Rock hatte. Haylee verdrehte genervt die Augen. Warum bin ich überhaupt hier? Ich habe keine Lust wieder das fünfte Rad am Wagen zu sein! Ständig muss ich daneben sitzen, wenn Ophelia sich mit irgendeinem Typen trifft und mit ihm herummacht. Ich habe genug davon!

„Hey, Ophelia, mir ist langweilig“, jammerte Haylee daher und schob das Glas mit ihrem Milchshake zur Seite. Ophelia reagierte auf ihre Aussage mit einem giftigen Blick.

„Dann such dir eine Beschäftigung“, zischte sie abfällig, ehe sie sich wieder Adam widmete, der wie hypnotisiert an ihren Lippen hing.

„Und welche?“ Verärgert wandte sie sich erneut an Haylee. In diesem Moment wich ihre Vergnügtheit endgültig dem Zorn.

„Was ist eigentlich dein Problem, Ferguson?“, raunte Ophelia aggressiv. Adam war für sie vergessen, jetzt hatte sie ihre Mitschülerin im Auge, welche bereits ahnte, dass sie besser den Mund gehalten hätte. Nun gab es jedoch kein Zurück mehr und Haylee musste sich genau überlegen, was sie ihr sagte.  

„REDE!“, schrie sie und brachte somit sämtliche Gäste des Cafès dazu, zu ihnen herüber zu sehen. Haylees erhöhter Puls pochte in ihren heißen Ohren. Sollte sie ihr die Wahrheit sagen oder sich entschuldigen und hoffen, dass Ophelia dann gnädig mit ihr war?

„Es…es tut mir Leid, Ophelia. Ich wollte dich nicht nerven“, nuschelte sie und starrte verlegen auf den Tisch. Ein weiteres Mal war sie eingebrochen und spielte nach ihren Regeln. Haylee war ein charakterschwacher Mensch, wenn die Brünette bei ihr war. Diese machte sie zu jemand anderen, den sie nicht sonderlich mochte.

„Das hättest du dir vorher überlegen sollen, bevor du mir die Stimmung versaust!“, donnerte sie ungehalten. „Und sieh mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede.“ Sie leistete ihrem Befehl umgehend Folge und blickte in ihr verärgertes, wutschäumendes Gesicht.

„Das wollte ich wirklich nicht, glaub mir“, machte sie noch einmal deutlich, doch Ophelia Monroe interessierten ihre Beteuerungen nicht.  

„Ach, verschon mich mit deinem dümmlichen Gequatsche und halt die Klappe, Ferguson.“ Ihr strenger, unbarmherziger Tonfall ließ sie hart schlucken und unterwürfig nicken. Sie schien halbwegs zufrieden mit Haylees antrainiertem Gehorsam, denn sie rang sich ein verzerrtes Lächeln ab.  

„Lassen wir das und verschwinden von hier.“ Mit einer fließenden Bewegung erhob sie sich von ihrem Stuhl und bedeutete Haylee gebieterisch ebenfalls aufzustehen.  

„Na los, Ferguson, beweg dich!“ Folgsam sprang sie auf und eilte an ihre Seite, wo schließlich ihr Platz war.

„Hey, Moment mal…du willst dich jetzt ernsthaft verpissen?“ Adam mischte sich ins Geschehen ein und glotzte die Dunkelhaarige ungläubig aus seinen braunen Augen an.

„Worauf du dich verlassen kannst, Süßer“, antwortete sie halb erzürnt, halb genervt. Für sie war damit das Thema beendet, für ihn allerdings nicht. Grob packte er sie an ihrem schmalen rechten Handgelenk und beförderte sie zurück auf ihren Stuhl.

„Du bleibst hier!“, raunte er und kam ihrem Gesicht ganz nah. Während Haylee panisch die Luft anhielt, blieb Ophelia gelassen. Sie erwiderte seinen hasserfüllten Blick, dann spuckte sie ihm ins Gesicht. Adam fiel die Kinnlade herunter und verfiel in eine Schockstarre. Seine vorübergehende Bewegungslosigkeit nutzte sie dazu, sich aus seinem Griff zu lösen, aufzustehen und aus dem Cafè zu rauschen.

 

Die Freundinnen schlenderten nach dem Cafèbesuch durch die Straßen von Saint Berkaine und waren auf dem Weg zu ihrer Schule, was merkwürdigerweise Ophelias Vorschlag gewesen war. Haylee fragte sich aber schon lange nicht mehr, warum sie das tat, was sie tat und machte einfach, was sie ihr sagte.

Also würden sie bald das Gelände der Abigail Halen School betreten, deren Uniformen sie, wie all die anderen Schülerinnen, trugen. Für Haylee war diese Uniform ein Statussymbol, um den Außenstehenden; den armen und unbedeutenden Menschen in dieser Stadt zu zeigen, wie besonders sie war und dass sie ihr nicht das Wasser reichen konnten. Wie herrlich waren die neidischen Blicke, besonders von anderen jungen Mädchen, wenn sie stolz durch die Innenstadt schritt, mit zahlreichen Tüten der teuren und exklusiven Boutiquen in den Händen. Sie genoss diese Augenblicke und sonnte sich nur zu gerne in der Aufmerksamkeit ihrer Mitmenschen.

Großteile von dieser hatten sich in der letzten Zeit jedoch verschoben. Das richtige Wort war eigentlich verloren, aber diesen Gedanken unterdrückte Haylee mit aller Macht. Sie wollte nicht wahrhaben, dass sie in Ophelias Schatten stand (dass Haylee niemals an sie heranreichen würde; dass sie einige Ligen über ihr lag, verbannte sie ebenfalls tief in ihr Unterbewusstsein). Trotz aller Verleugnungen musste sie dennoch zugeben, dass man gar keine andere Wahl hatte, als sie anzusehen, denn ihre Aura war übermächtig und verschlingend. Doch noch gefährlicher, als ihre Schönheit, waren ihre Intelligenz und ihr Scharfsinn, mit denen sie manipulierte und intrigierte und die Haylee immer wieder aufs Neue vor Schreck und Ehrfurcht erstarren ließen. Ophelia Monroe wusste, wie sie ihre Mitmenschen umgarnte und nach ihrer Pfeife tanzen ließ. Sie war wortgewandt, trügerisch und schonungslos. Es war eine zerstörerische Kombination, die sie gerne einsetzte, um ihre Position, besonders in ihrer Schule, deutlich zu machen.

In der Abigail Halen School war sie der Inbegriff einer anbetungswürdigen Königin, die ihr Reich und ihre Untertanen beherrschte. Ophelia schritt stolz und selbstbewusst durch die Schulkorridore und genoss ihre Macht. Dabei war sie eine besonders erbarmungslose und blutrünstige Herrscherin. Wer ihr nicht gehorchte, bekam ihren zügellosen Zorn zu spüren, mit voller Härte. Wenn diese junge Frau angriff, dann war jeglicher Fluchtversuch zwecklos. Man war verloren und konnte sich nur noch seinem Schicksal ergeben.

Haylees Rolle war, wie sollte es anders sein, die der ergebenen Dienerin, die sich einen Vorteil aus der königlichen Macht zu ziehen erhoffte. Solange sie an Ophelias Seite stand, würden ihre Mitschülerinnen sie respektieren, beneiden und fürchten.

Noch in Gedanken versunken passierten sie das gusseiserne Tor der Mädchenschule. Vor ihren Augen erhob sich das imposante, historische Gebäude mit den roten, hohen Backsteinwänden und den vielen kleinen Fenstern. Haylees Stimmung sank auf den Tiefpunkt. Auf Unterricht hatte sie absolut keine Lust. Warum wollte Ophelia hierher gehen? Wir hätten auch gut den Rest des Tages Schwänzen können. Verstimmt warf sie einen Seitenblick auf die Brünette, die eine undefinierbare Miene zeigte und schnurstracks über das weitläufige Gelände schritt, das den Schülerinnen als Schulhof diente. Aufgrund seiner Größe bot dieser einige versteckte Ecken, die die Lehrer nicht im Auge hatten. Somit bestanden genügend Möglichkeiten Dinge zu tun, die am Besten ungesehen blieben. Für Ophelia hieß das, sich ihren Leidenschaften in Ruhe hingeben zu können: dem Rauchen und Tyrannisieren ihrer Mitschülerinnen.  

Von diesen entdeckte sie eine Gruppe unter einer prächtigen, schattenspendenden Eiche. Eine von ihnen war ihre Klassenkameradin Edith Winchester. Die Anderen waren ihre Freundinnen, die sich wohlwollend um sie geschart hatten: Charlotte Christine „CeCe“ Montgomery, Theodora Mitchell, Cordelia Cronenberg, Èloise Donahugh und Tallulah McAvoy.

Kaum hatte Haylee die Mädchen gesehen, da ahnte sie, dass es gleich Ärger geben würde; es lag förmlich in der Luft. Zwischen Edith und Ophelia gab es schon eine Weile eine persönliche Fehde, die bisher nie über ein paar hitzige Wortgefechte hinaus gegangen war. Haylee befürchtete allerdings, dass es irgendwann zum großen Knall kam und die Lage eskalierte.

Ophelia stachelte hingegen der Anblick ihrer Feindin an, sodass sie wie selbstverständlich auf sie zuging. Edith drehte sich in ihre Richtung, dabei schmunzelte sie arglistig und strich sich über das schwarze Haar, das eine leichte Brise durcheinander gebracht hatte.

„Na, wen haben wir denn da? Miss Edith Winchester und ihr Rudel arschkriecherischer Miststücke“, war Ophelias beleidigende Begrüßung in die Runde. Nun war der Startschuss für eine weitere Auseinandersetzung gegeben.

Ediths darauffolgender, versteinerter Gesichtsausdruck strafte ihr Lächeln Lügen, das sie aufgesetzt hatte, um zu zeigen, dass ihre Worte ihr nichts anhaben konnten.

„Oh, Miss Monroe mit Anhang oder ist die Bezeichnung Speichelleckerin besser?“ Die Mädchengruppe kicherte nach gehässig los.  

„Ach, halt deine Klappe, Edith“, maulte Haylee zurück und warf ihr einen finsteren Blick zu.

„Wow, was für eine Überraschung! Du hast tatsächlich gelernt selbstständig zu denken, Haylee“, lobte sie sie spöttisch, was Haylee rasend machte.  

„Ich habe dir gesagt, dass du deine Klappe halten sollst, du miese, kleine Bitch.“ Obwohl Ophelia Stress mit ihr hatte, war sie es, die gleich auf Konfrontation ging.

„Mein Gott, wie du dich aufregst“, staunte sie und lachte. „Komm mal runter, Haylee.“ Ediths perfide und offenkundige Art sie vorzuführen, brachte sie zur Weißglut. Sie wollte sich auf sie stürzen, aber Ophelia stoppte sie kurzerhand.

„Ich erledige das, Ferguson.“

„Ui, da sieht man ja das brave Hündchen in Aktion.“ Es folge ein weiterer Anfall von lautem Gekicher. „Also, ich muss zugeben, dass du Haylee gut im Griff hast. Alle Achtung, Monroe.“ In Haylee brodelte es gewaltig, doch sie hielt sich mit aller Macht zurück. Ophelias Worte waren Gesetz und man hielt sich daran.

„Ich verstehe nur nicht, warum sie ausgerechnet mit dir rumhängt“, sagte Edith schon fast angewidert und musterte Ophelia, als sei sie etwas Minderwertiges. „Damit hat sie sich keinen Gefallen getan.“  

 

Haylee überraschte es nicht, dass ihre Freundin, trotz Ediths verbalen Angriffs, die Ruhe selbst ausstrahlte. Es war jedoch eine trügerische Ruhe, die bald in einen gewaltigen Orkan umschlagen würde. Das erste Anzeichen dafür war das mörderische Lächeln, das ihre vollen Lippen zierte und Edith nicht aufzufallen schien.

„Du wirst künftig dein Maul halten, Winchester. Auf mein Anraten tust du gut daran, wenn du mich nicht mehr ansprichst. Am Besten hälst du dich fern von mir, sonst sehe ich mich gezwungen dich zurechtzuweisen und dir zu zeigen, wo dein Platz ist.“

Nach ihrer Ansage herrschte eine Totenstille. Selbst der Mädchengruppe war das Lachen mittlerweile vergangen.

„Ich lass es darauf ankommen, Schlampe“, missachtete Edith Ophelias Drohung und sah sie direkt an. Ihre hellgrauen Augen schossen Blitze.

„Es ist nicht wirklich schlau von dir mich zu beleidigen.“ Sie baute sich vor ihrer Mitschülerin auf und reckte ihr Kinn. Die Atmosphäre war angespannt, denn allen Anwesenden war klar, dass es bald krachen würde.

„Was willst du denn tun, Monroe?“, fragte sie provokant. Als Antwort erhielt sie einen gezielten Faustschlag gegen ihren Nasenrücken. Ein grausiges Knacken ertönte und tiefrotes Blut spritzte auf den Boden und Ophelias fahle Haut. An diesen Anblick war Haylee bereits gewohnt, denn Edith war bei Weitem nicht das erste Opfer ihrer Freundin. Es war nicht das erste Mal, dass sie bei ihren Schlägen, Tritten und anderen Quälereien beiwohnte.

Ediths ohrenbetäubendes Gejammer ließ sie in die aktuelle Szenerie zurückkehren. Ihre Klassenkameradin starrte entgeistert auf das Blut, das vor ihr ins Gras tropfte. Sie öffnete den Mund, aber Ophelia gab ihr nicht die Zeit etwas zu sagen; sie erlaubte es ihr nicht ein Wort an sie zu richten.

„Du unterliegst einem gewaltigen Irrtum, wenn du glaubst, dass das schon alles war.“ Die Brünette fasste ihre Gegnerin am linken Oberarm, setzte ihren rechten Fuß in ihre Kniekehle und brachte Edith zu Fall. Mit einem spitzen Schrei landete diese auf der Erde.

„Friss Dreck, Winchester“, zischte Ophelia und presste Ediths Kopf in den feuchten Erdboden. Mit der Zeit erklang ein qualvolles Röcheln, da sie nicht mehr vernünftig atmen konnte. Dieser Umstand ließ die Brünette glücklich grinsen und sich in einer neuen Dimension des Wahnsinns bewegen.                                          

„Jetzt bist du nicht mehr so vorlaut, oder Winchester?“ Sie zog Edith, die schmerzhaft stöhnte, am Kragen ihres Blazers nach oben.

„Und keiner deiner sogenannten Freundinnen kommt dir zu Hilfe.“ Flüchtig schweifte ihr Blick über die Mädchengruppe, die verängstigt und geschockt an Ort und Stelle stand.

Als diese Erkenntnis auch bei Edith durchdrang, riss sie sich auf einmal los und flüchtete, doch Haylee hetzte ihr automatisch hinterher und packte sie mit eisernem Griff. Die Schwarzhaarige kreischte und versuchte sie abzuschütteln, aber sie hatte keine Chance.

„So schnell kommst du uns nicht davon“, höhnte sie und sah dabei die tierische Angst in Ediths Augen.

„Wir machen dich fertig.“ Brutal zerrte sie an ihren dunklen Haaren, Edith jaulte. Jetzt zeigte sich Ophelias schlechter Einfluss auf Haylee, der sie dazu brachte in ihre seelischen Abgründe einzutauchen und Dinge zu tun, die sie sich vorher niemals hatte vorstellen können.

Deshalb kümmerte es sie nicht, als Edith in Tränen ausbrach und verzweifelt schluchzte.

„Du bist schwach und jämmerlich, Winchester“, ächzte Ophelia, indes kam sie auf sie zu. „Und nicht zu vergessen dumm, weil du dich mit mir anlegst.“

Mehrmals schlug sie Edith ins ungeschützte Gesicht, während Haylee sie festhielt. Es waren gewaltige Schläge, die ihren Körper erschütterten und sie aufschreien ließ. Ophelia kannte kein Erbarmen und boxte ihr in den Magen. Edith musste heftig würgen, was die Brünette dazu brachte von ihr abzulassen. Dann gab sie Haylee ein Handzeichen, das ihr sagte, dass sie Edith jetzt loslassen konnte. Kaum hatte sie ihren Griff gelöst, da brach sie zusammen und blieb wimmernd vor ihnen liegen. Ophelia würdigte sie keines Blickes, als sie emotionslos an Edith vorbei schritt und den Weg zum Schulgebäude einschlug. Haylee Deborah Ferguson nahm eilig die Beine in die Hand und folgte ihr.

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