2004- Chemical Romance

Es ist schwer, gegen einen Feind zu kämpfen, der sich in deinem Kopf eingenistet hat.

                                                                                                            - Sally Kempton

 

Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen. Es herrschte eine unheimliche Stille, die jeden seiner Atemzüge ohrenbetäubend laut erscheinen ließ.

Einatmen Ausatmen. Einatmen. Ausatmen. Nur einzelne Personen kreuzten seinen Weg, was ihn nicht wunderte, denn es war drei Uhr nachts an einem Mittwoch. Der Großteil der Bevölkerung lag in seinen Betten und hatte keine Ahnung, was sich im Untergrund der Stadt abspielte.

Er war ein Teil davon: Navarro Emanuel Garcìa Henstridge streifte alleine durch die Straßen, um sie an ihrem üblichen Treffpunkt zu sehen. Ein flüchtiger Blick auf seine Uhr verriet ihm, dass er spät dran war. Mist. Verärgert fluchend legte er einen Zahn zu und eilte hastig unter den Straßenlaternen entlang, deren Licht seine sonst kupferbraune Haut bleich und kränklich aussehen ließ.

Es war eine lauwarme Nacht, unterbrochen von kühlen Windböen, die seine schulterlangen, schwarzen und schon zerzausten Haare noch mehr durcheinander wirbelten. Navarro zog seine Lederjacke fester um sich und bog in die nächste Seitenstraße, wo der Hintereingang eines Techno-Clubs lag, in dem sie einmal gemeinsam gewesen waren.

Sie war bereits da und wartete auf ihn: Verena, er nannte sie jedoch nur V, weil sie es so wollte. V war ein knochiges, ausgemergeltes Mädchen mit übergroßen Augen, das nicht viel über sich preisgab. Die meiste Zeit verbrachte sie auf den Straßen von Saint Berkaine, um sich mit Prostitution ihre Drogensucht zu finanzieren.

Er hatte sie durch ihre Beschäftigung kennengelernt. Nicht, wie man es als Außenstehender denken würde, nein. Er hatte weder mit ihr geschlafen, noch sie auf irgendeine andere Art angefasst und dafür gab es zwei Gründe. Erstens war sie für ihn nicht attraktiv (obwohl er in manchen Situationen ihre einstige Schönheit aufblitzen sah, die die Drogen im Laufe der Zeit aber vernichtet hatten) und zweitens war sie minderjährig. Er hatte sie zwar nie nach ihrem Alter gefragt, doch ihre knabenhaften Hüften und kleinen Brüste waren deutliche Anzeichen dafür.

Patton Massey hätte seine Freude mit ihr, dachte er bitter. Die Vorliebe seines blonden Kollegen für blutjunge Frauen, die eher noch Mädchen glichen, war abstoßend und für ihn nicht nachvollziehbar. Augenblicklich schüttelte er sich vor Ekel und kehrte zu seinen Erinnerungen an die erste Begegnung mit V zurück.

Es war vor knapp einem Jahr gewesen, als Navarro durch das Rotlichtmilieu im Herzen der Stadt gefahren war, um seinen Spaß zu haben. Er gab offen zu, dass er auf der Suche nach einer Prostituierten gewesen war, da er keine Lust gehabt hatte irgendeine Tussi in einer Bar aufzureißen. Für eine schnelle Nummer hatte er sich nicht viel Mühe machen wollen und deshalb den deutlich leichteren Weg für sich gewählt.

Mit Schrittgeschwindigkeit war er damals an den Frauen vorbeigefahren und hatte versucht eine zu finden, die ihm optisch zusagte, bis V ihm ins Auge gefallen war. Ihre knappe, schäbige Kleidung, in der sie bei den niedrigen Temperaturen heftig gefroren hatte, und ihr unterernährter Körper hatten Mitleid bei ihm erregt und ihn anhalten lassen. Für ihn war dies ein eindeutiges Zeichen des Schicksals gewesen, schließlich kam es in seinen Beruf kaum bis gar nicht vor, dass sich seine sanftmütige und mitfühlende Seite zeigte.

Also hatte er neben diesem klapperigen, jungen Ding angehalten und sie mitgenommen. Natürlich hatte sie ihm sogleich die Preise für ihre Dienste heruntergerattert, was er sehr schnell unterbunden hatte. Navarro hatte ihr klar gemacht, dass er nicht vorhatte mit ihr zu ficken, stattdessen lud er sie zum Essen ein. V war zunächst skeptisch gewesen, doch die Aussicht auf etwas Leckeres zwischen den Zähnen hatte ihre Zweifel weggewischt. Seit diesem Abend hatten sie sich regelmäßig getroffen und es war eine Art Vertrauensverhältnis daraus hervorgegangen. Das V ihn in ihr Leben gelassen hatte, verdankte er wohl aber nur einem Umstand: Er versorgte sie mit Drogen, kostenlos und jederzeit.

Dem Killer war es allerdings egal, aus welchem Grund V seine Gesellschaft suchte, da er sie brauchte, so, wie sie ihn brauchte.

„Da bist du ja endlich“, war V´s aufgeregte Begrüßung, die seinen Gedankengang abrupt stoppte. „Wo warst du?“ Kaum kam er bei ihr an, da packte sie ihn bei den Schultern und krallte sich in sein Fleisch. Er verzog keine Miene und behielt eine Seelenruhe.

„Weißt du, was ich durchmache, huh? Scheiße, ich brauche neuen Stoff, Navarro. Ich kann nicht mehr klar denken. Die sind hinter mir her. Die wollen mich umbringen, verstehst du?“, kam ein überreizter Wortschwall aus ihrem Mund, der ihn überrollte. Ihr Verhalten demonstrierte schonungslos die halluzinogene Wirkung der Drogen, die bei V Dauerzustand war. Ständig glaubte sie von düsteren Gestalten verfolgt zu werden, die versuchten sie zu töten. Navarro unterstützte ihre Wahnvorstellungen zwar mit seinem regelmäßigen Nachschub an Pillen, doch er wusste, dass es der einzige Weg war V vom Strich fernzuhalten. Umso mehr schmerzte es ihn, dass er sie heute Nacht enttäuschen musste. Dabei war es nicht mal sein Verschulden, sondern das Mickey Sufferts. Wenn er dem Rothaarigen das nächste Mal begegnete, würde er ihm an die Gurgel gehen.

„Ich habe heute keine Pillen, V. Mein Kontaktmann hat mir nichts gegeben“, offenbarte er ihr nur widerwillig, denn er erahnte bereits ihre Reaktion.

„WAS?!“ Ihre Stimme überschlug sich; ihre Augen weiteten sich panisch.

„Du verarscht mich, oder?“, kreischte sie wie von Sinnen. „Du hast sie doch irgendwo, Navarro, also gib sie her!“ V preschte wild geworden auf ihn zu und begann in seinen Hosentaschen nach den vermuteten Pillen zu suchen. Navarro umfasste kurzerhand ihre Handgelenke und stoppte ihre hektischen Bewegungen.

„Beweg dich nicht!“, mahnte er und beförderte sie ruppig gegen die hinter ihnen liegende, marode Hauswand.

„Und sei still.“ Unsanft presste er seinen rechten Zeigefinger gegen ihre rissigen und blutig gebissenen Lippen.

„Ich will, dass du wieder runterkommst, okay?!“ Er wartete auf ihre Zustimmung, doch V beruhigte sich nicht. Sie war kaum noch zu halten. Im ersten Moment wusste sich Navarro Henstridge nicht zu helfen. Er hätte V gewaltsam zur Räson bringen können, doch er wollte ihr nicht weh tun. Für einen Auftragskiller war dieser Gedanke lächerlich, aber dieses Mädchen bedeutete ihm etwas. Er sah sie als die kleine Schwester, die er nie hatte. Also, was sollte er tun?

Während er sich den Kopf zerbrach, schrie und schlug V wie eine Furie um sich. Speichel spuckend beleidigte sie ihn, doch die Krönung war, dass sie nach ihm biss.

„SCHLUSS DAMIT!!!“, brüllte Navarro und gab ihr eine deftige Ohrfeige, die er augenblicklich bereute. Sein Schlag wirkte jedoch Wunder, denn V´s Körper wurde in seinem Griff zu Stein. Wirr hingen ihre strohigen, dunkelblonden Haare in ihrem hochroten Gesicht, während sie hektisch atmete. Er ließ ihr noch einen Augenblick Zeit, ehe er wieder mit ihr sprach.  

„Kann ich dich jetzt loslassen, V?“ Einen Moment überlegte sie, dann nickte sie gehorsam. Navarro zog seine Hände zurück und schaute betreten auf ihre gerötete Wange.

„Die Ohrfeige tut mir Leid“, schlug er einen versöhnlichen Ton an. „Ich wollte dich nicht verletzen.“ Seine Worte schienen an V einfach vorbeizuziehen, wie ein nichtiger Windstoß, der sie streifte. Der Killer bekam langsam das Gefühl, dass sie zu nichts in der Lage war, wenn die ersehnten Drogen fehlten.

„Warum enttäuschst du mich, Navarro? Hasst du mich etwa?“

„Ich habe dir doch gesagt, dass mein Kontaktmann das Problem ist, V. Das hat mit dir überhaupt nichts zu tun, okay?! Was kann ich dafür, wenn dieser Wichser seine Pillen nicht rausrückt.“

„Du hättest ihn zwingen können dir was zu geben oder bin ich dir nicht wichtig genug, dass du dich mit dem Kerl anlegst?“, verlor sie ein weiteres Mal die Fassung und stieß ihn von sich.

„Sag schon, Navarro.“ Wieder schubste sie ihn. Navarro wunderte sich über die enorme Kraft, die in V´s dürren Körper steckte. Na gut, hier ging es um ihre begehrten Pillen, da kämpfte sie wie eine Löwin.

„Wie oft soll ich dir sagen, dass es nicht an dir liegt. Du bist mir verdammt noch mal wichtig, V, und ich werde alles Menschenmögliche tun, damit es dir gut geht, hörst du?!“ Energisch nahm er ihr Gesicht in seine Hände und strich mit den Daumen über ihre Wangen.

„Ich werde dafür sorgen, dass ich nie wieder ohne Pillen zu dir komme“, versprach ihr Navarro eindringlich. „Ich werde dich nicht mehr enttäuschen.“

„Versprichst du es mir?“, krächzte sie und fing an zu weinen. Der Killer nickte ernst und wischte ihr die Tränen weg. Er glaubte sie mit seinem Versprechen beruhigen zu können, doch da irrte er sich.

„Aber was mache ich jetzt? Ohne die Pillen werden sie mich finden und töten.“ Die Panik kehrte mit einem Schlag zurück und nahm von ihr Besitz. Navarro musste behutsam und geschickt vorgehen, damit sie nicht völlig durchdrehte und den Verstand verlor.

„Ich bin hier, V. Ich werde dich vor ihnen beschützen“, ging er auf ihre Wahnvorstellungen ein, statt sie anzuschreien und ihr zu erklären, dass ihr Gerede absoluter Irrsinn war.

„Du brauchst keine Angst zu haben. Ich bin bei dir.“ Navarro presste seine Stirn gegen ihre und sah in diese leeren, tief liegenden Augen. „Sie werden dich nicht kriegen!“

 

 

 

 

 

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