2006- Welcome To Hell

Erfahrung ist ein brutaler Lehrmeister, aber man lernt. Mein Gott, wie man lernt.

 

                                                                                                                    - C.S. Lewis

 

Er hörte es schon wieder, ein nervtötendes, ununterbrochenes Summen neben seinem linken Ohr. Die Nacht hatte Einzug in Saint Berkaine gehalten, also konnte er den Verursacher dieser monotonen Quälerei nicht sehen, doch er wusste, dass es eine Fliege war. Blind schlug er mit einer Hand in die Finsternis hinein, es waren die verzweifelten, erfolglosen Versuche das Insekt zu erwischen und somit zum Schweigen zu bringen.

James Matthew Roddick entfuhr ein entnervter Seufzer, als er resigniert seine Hand sinken ließ. Er konnte solch eine Ablenkung nicht gebrauchen, nicht heute. Heute Nacht muss alles glatt laufen. Ich kann und darf mir keine Fehler erlauben, sonst wird William mich seine Enttäuschung und Wut spüren lassen. Er wird mir keine Aufträge mehr zuteilen und sich von mir abwenden. Wird er mich sogar aus dem Haus werfen, wenn ich versage?

Zu seiner Gereiztheit und Nervosität kam jetzt noch Panik, die seinen Puls erhöhte und seine Atemzüge flach und unregelmäßig machte.

Aber da war noch etwas anderes, als seine Befürchtungen William zu beschämen: riesengroße Angst. Es war die Angst vor seinem ersten bevorstehenden Auftrag; dem ersten Mord in seinem sehr jungen Leben. James bemühte sich bereits seit Stunden seine Angst zu verdrängen und sich auf seine Fähigkeiten zu konzentrieren, doch es wollte ihm nicht gelingen. Er hatte weniger Vertrauen in sein Können, als er sich selbst die letzten Wochen vorgemacht hatte. Eigentlich hatte er sich gut gefühlt, schließlich hatte jedes Training mit William sein Selbstvertrauen aufgebaut und gestärkt. Seine motivierenden Worte hatten stets eine unvergleichbare Überzeugungskraft auf ihn ausgeübt und ihm Sicherheit gegeben.

Aber die Trainingseinheiten mit seinem Adoptivvater waren nicht die Realität. In der Realität gab es Schreie, Blut und unvorhersehbare Komplikationen, die einen Auftrag zur Katastrophe machen konnten. Man hatte keinen Schutzraum, in dem man Fehler machen konnte. Heute war die Schonfrist für James vorbei. Heute wurde es ernst.

Er schluckte hart und stand wie versteinert auf der gegenüberliegenden Straßenseite eines hübschen Einfamilienhauses mit einem gepflegten Vorgarten und einer Veranda mit einem Glockenspiel, das sich im aufkommenden Wind bewegte und dabei eine verträumte Melodie hören ließ. Aufmerksam beobachtete er die Fenster.

Im Erdgeschoss brannte Licht, doch durch die Vorhänge konnte er nicht viel erkennen. Nur ab und zu zog ein Schatten vorüber, der zeigte, dass im Haus noch jemand wach war. Angespannt trat James von einem Fuß auf den anderen und schaute flüchtig auf seine Armbanduhr. Es war kurz vor halb zwei. Sein Kollege Patton Massey müsste bald auftauchen und dann würde es losgehen.

Der Ex- Soldat sollte ihn bei seinem Auftrag begleiten, um ihm die Fähigkeiten eines Killers näher bringen und ihn zu unterstützen. James hatte jedoch eher das Gefühl, dass William Patton schickte, damit er ein Auge auf ihn hatte. Er sollte James kontrollieren und das gefiel ihm nicht. Sein Unmut wegen Williams mangelndem Vertrauen war nicht das Einzige, das ihm zu schaffen machte. Es war zusätzlich seine Furcht vor Patton. Mit seiner Größe von fast zwei Metern und seinem durchtrainierten, muskulösen Körper war er eine respekt- und angsteinflössende Erscheinung. Dazu kam sein wankelmütiger, unberechenbarer Charakter, der ihm Sorgen bereitete. James wusste nie, auf welche Stimmung seinerseits er sich einstellen musste…

Das Laub der Bäume, das laut raschelnd um seine Füße wirbelte, unterbrach seine Gedanken. Er widmete sich wieder seinem Zielobjekt, in dem mittlerweile das Licht erloschen war. Vermutlich hatten sich die Bewohner schlafen gelegt. Gleich ist es soweit. Gleich nimmt die heile Welt dieser Menschen ein brutales Ende. Seine Nervosität und Angst erreichten in diesem Moment einen kritischen Pegel. James wandte seinen Blick ab. Er legte seinen Kopf in den Nacken und starrte in den wolkenverhangenen Himmel, an dem er keinen einzigen Stern entdecken konnte.          

„Na, Kleiner?“ Patton Masseys  riesengroße Gestalt kam hinter einem Baum hervor und baute sich direkt vor mir auf. Seine plötzliche Anwesenheit erschreckte ihn und brachte sein Blut in Wallung.

Zur Begrüßung wuschelte der Blonde ihm mit seiner rechten, prankenähnlichen Hand durchs Haar. Sein strahlendes, euphorisches Lächeln konnte James trotz fehlenden Lichtes erkennen. Er hingegen funkelte ihn, aus zugekniffenen Augen, wegen seines idiotischen Spitznamens und Verhaltens, böse an. Beschwichtigend hob er die Hände.  
„Reg dich nicht auf, Kleiner“, lachte Patton heiter und knuffte ihm freundschaftlich in die linke Schulter.

„Bist bestimmt aufgeregt, oder?“ Die Antwort auf seine Frage konnte er ohne jegliche Mühe an seinem heftig bebenden Körper ablesen.    
„Mach dir nicht in die Hose. Der Erste ist immer der Schlimmste, aber dann wird es besser. Denk einfach dran, dass jeder weitere Auftrag deine Fähigkeiten verbessert. Und ehe du dich versiehst, kannst du mit Leichtigkeit einem Menschen töten“, erklärte er ihm voller Begeisterung.          
Falls dies seine Motivationsrede gewesen sein sollte, dann hatte sie das genaue Gegenteil bei ihm bewirkt. Er spürte, wie ihm das Blut aus seinem Gesicht wich und seine Knie weich wie Gummi wurden. Patton schien sich aber nicht an seiner Aufregung zu stören, denn er drehte sich geistesabwesend zum Haus und fuhr sich dabei flüchtig durch die raspelkurzen Haare.

Seine blauen Augen huschten blitzschnell hin und her. Er schien herausfinden zu wollen, wie sie am Besten ins Haus gelangen konnten.    
„Komm mit“, zischte er wie aus dem Nichts und rannte, von einer Sekunde auf die Andere, lautlos über die Straße. James zögerte und folgte seinem Kollegen nicht. Immer stärker wurden seine Zweifel. Er kam zu der Erkenntnis, dass er noch lange nicht bereit war einen Menschen zu töten. Wie hatte er nur so naiv sein können? Wie hatte er glauben können, dass er mit 15 Jahren erwachsen und abgebrüht genug war, um ein Killer zu sein?      
Patton Massey nahm keine Rücksicht auf ihn und kümmerte sich um ihren Einstieg ins Haus. Er presste sich an die westliche Hausfront, bevor er auf einmal aus seinem Sichtfeld verschwand. James Roddick war völlig perplex. Was war los? Stimmte etwas nicht? Hatte er etwas gehört oder gesehen, was er aus dieser Distanz unmöglich bemerken konnte?          
So schnell, wie Patton verschwunden war, tauchte er auch wieder auf. Konzentriert suchte er den Blick seines Begleiters, der ungeduldig auf ihn wartete. Er konnte sich im ersten Moment jedoch nicht rühren. Er hatte Schiss vor dem, was ihn erwartete und seinem ersten Mord, der unvermeidlich war, doch seine Angst vor Pattons Wut war größer. So ergab er sich seinem Schicksal und schlug denselben Weg ein, wie er, und stellte sich neben ihn. James fühlte sich wie im falschen Film.      
„Jetzt hör mir genau zu“, flüsterte Patton ihm mit ernstem Tonfall ins Ohr. Seine Nackenhaare stellten sich auf und er begann zu zittern.  
„Ich mache mich gleich an der Vordertür zu schaffen“, sagte er zerknirscht. Fragend sah James ihn von der Seite her an.      
„Das Haus besitzt keine Hintertür, also muss ich es an der Vordertür versuchen. Wenn ich sie geöffnet habe, komme ich dich holen. Du machst derweil keinen Mucks, verstanden?“ Steif nickte er.  
„Jetzt kommt das Wichtigste: Hier wohnt ein Ehepaar. Der Mann macht uns ´ne Menge Ärger.“ Der Brünette wagte nicht zu fragen, was der Mann getan hatte, damit er nun dem Tode geweiht war. Diese Frage hatte er selbst seinem Adoptivvater nicht gestellt, als er ihn in den Auftrag eingewiesen hatte. Dies war seine Taktik. Je weniger Informationen er über seine Zielpersonen hatte, desto geringer standen die Chancen, dass er emotional davon gerührt wurde.                      
„Da du noch unerfahren bist, werde ich ihm zusetzen, während du die Ehefrau in Schach hälst.“
Entsetzt weiteten sich James´ Augen. Was sollte er tun? Das konnte doch nur ein schlechter Scherz sein. Er war ein Anfänger, warum zur Hölle sollte er eine unschuldige Frau daran hindern ihrem Mann zu helfen, der von einem grobschlächtigen Kerl gequält wurde? Und warum kümmerte sich Patton eigentlich nicht um die Frau? Schließlich war James hier, um den Mann zu töten und nicht er.            
Ohne seine Zustimmung abzuwarten oder dass er noch ein Wort an den Ex-Soldaten richten konnte, lief jener gebückt um die Ecke, um ihnen einen Zugang ins Haus zu verschaffen. James blieb zurück und konnte nichts weiter tun, als abzuwarten, obwohl er am liebsten davongerannt wäre.    
Dann hatte er keine Zeit mehr weiter über einen Fluchtversuch nachzudenken, denn
auf einmal lugte der Kopf von Patton hervor. Sein Gesicht zeigte ein triumphierendes Lächeln, das seinen Erfolg demonstrierte. Er hatte einen Weg hinein gefunden. Mit der linken Hand winkte er ihn eifrig zu sich. James leistete seiner Aufforderung Folge.  
Gemeinsam schlichen sie auf die Veranda und traten über die Schwelle der Haustür, die Patton mit seinen geschickten Händen aufgebrochen hatte.

Im Haus war es stockdunkel. Die Luft war erfüllt vom pikanten Geruch des vergangenen Abendessens. Seine Augen hatten kaum Zeit sich an die übergreifende Dunkelheit und neue Umgebung zu gewöhnen, da Patton bereits die Stufen leisen Schrittes zum nächsten Stockwerk erklomm. Mit pochendem Schädel und einem unangenehmen Gefühl in der Magengegend ging er ihm hinterher. Dabei fragte er sich unentwegt, was für ein Gefühl es sein musste, wenn zwei Fremde einen in der Nacht überfielen und aus seinen schönsten Träumen rissen, um die kommenden Stunden in einen Albtraum zu verwandeln.    


 

Der Flur im ersten Stock war kurz und schmal. An den Wänden hingen Bilder, deren Motive man jedoch nicht ausmachen konnte. Als James wieder nach vorne schaute, tauchte eine weiß lackierte Holztür auf. Patton steuerte geradewegs auf sie zu, öffnete sie und trat ein. Nach seinem Geschmack ging alles viel zu schnell. Er selbst hatte das Zimmer noch nicht betreten, als er den hohen Schrei einer Frau vernahm, der an den Wänden verhallte. Patton verlor keine Zeit.      
Die Geräusche, die aus dem Zimmer drangen, waren laut und chaotisch. Wütendes Schnaufen traf auf ängstliche und panische Schreie. James´ Verstand kam mit der Verarbeitung all dieser Eindrücke nicht hinterher. Wie ein rauer, unberechenbarer Sturm fegten die Gedanken in seinem Kopf, in dem der Druck unerträglich wurde. Verzweifelt presste er seine Hände gegen die Ohren und schloss die Augen. Er versuchte alles um sich herum auszublenden, doch die schrillen Schreie gruben sich tief in sein Bewusstsein. James wollte nur noch weg; er wollte fliehen vor der Last, die William ihm aufbürdete. Er wollte…

Patton Massey holte ihn ins Hier und Jetzt zurück, als er gewaltsam seine Hände von seinen Ohren riss.

„Verdammt, lass den Scheiß und reiß dich zusammen!“, brüllte er tollwütig und prügelte ihn fast schon ins Schlafzimmer, wo er atemlos neben Patton stehen blieb. James versuchte sich in Sekundenschnelle einen Überblick über die Lage zu verschaffen. Seine Augen wanderten  durch das verwüstete Schlafzimmer und blieben letzten Endes an einem Mann mit stark blutender Kopfwunde hängen, der auf den Fußboden lag und sich vor Schmerzen krümmte.

Aus den Augenwinkeln vernahm er eine schwarzhaarige Frau, die verängstigt auf dem Bett kauerte und sich so klein, wie möglich, machte.

Er wusste nicht, was er tun sollte. Sein Kollege hatte, hingegen ihrer vorigen Absprache, James´ Zielperson außer Gefecht gesetzt und die Ehefrau machte keinerlei Anstalten sich zur Wehr zu setzen und ihrem Mann zur Hilfe zu kommen, also war sein Einsatz in diesem Punkt hinfällig.

Verwirrt sah er zu Patton herüber, der aber nur Augen für die spärlich bekleidete Frau hatte. Erst, als James ihm einen Schlag gegen die Schulter verpasste, wirbelte er herum und starrte ihn zornig an.

„Was ist?!“ Kaum merklich zuckte James zusammen. Seine tiefe, hasserfüllte Stimme erschütterte ihn bis ins Mark.

„Was…was tun wir jetzt? Ich dachte, ich soll die Frau in Schach halten, während du…“

„Das nennt man eine Planänderung, Kleiner. Du musst lernen, dass es immer anders laufen kann, als gedacht. Der Beruf des Auftragskillers fordert Spontaneität und schnelles Umdenken“, belehrt er ihn altklug.

„Also…ich werde dir sagen, was wir jetzt tun.“ Der Ex-Soldat schmunzelte unheilvoll. James´ Herz setzte aus. „Du wirst ihn, wie von William gewünscht, töten. Durch meine Vorarbeit ist das eine ziemlich einfache Aufgabe“, gluckste er amüsiert, bevor er fortfuhr. „Da er in seinem Zustand keine Gefahr darstellt, geben wir ihm noch ein paar Minuten seiner kostbaren Lebenszeit.“ James kannte Patton gut genug, um zu wissen, dass sein Mitgefühl fadenscheinig war und er andere Beweggründe für diese Entscheidung hatte. Diese Vorahnung bestätigte sich mit seinen nächsten Worten.

„Währenddessen gönne ich mir etwas Spaß, Kleiner“, meinte er augenzwinkernd und leckte sich gierig die schmalen Lippen. Seine Augen huschten erneut zu der wimmernden Frau, die sie beide ungläubig und apathisch anstarrte, als seinen sie zwei Gestalten aus der Hölle. James schüttelte unbeabsichtigt den Kopf. Anscheinend wollte er mit dieser unbewussten Geste Patton davon abhalten sich an dieser wehrlosen Frau zu vergehen.

Das Schmunzeln des Ex-Soldaten fror ein, als er James´ Reaktion auf sein Vorhaben sah. Blitzschnell packte er ihn an der Kehle und kam seinem Gesicht ganz nahe. Seine Miene war wie versteinert.

„Willst du mir irgendetwas sagen, Kleiner?“ Vor Wut sammelte sich Speichel in seinen Mundwinkeln. Er erhöhte den Druck auf seine Kehle, sodass James nicht mehr atmen, sondern nur noch jämmerlich röcheln konnte. Bei ihm brach der Angstschweiß aus.

„Wenn du dich mir in den Weg stellst, dann mache ich dich fertig!“, brach es aus ihm heraus. „Mir ist es scheißegal, dass du das Gör von William bist. Von mir bekommst du keine Extrabehandlung. Ich krieche dir nicht in den Arsch, um meinen Boss nicht zu verärgern! Ist das klar?“ James blieb nichts anderes übrig, als unter Schmerzen zu nicken, damit er ihn endlich losließ.

Nachdem er bekommen hatte, was er wollte, zog er seine Hand zurück und befreite ihn von seiner Qual. Hektisch schnappte er nach Luft und kämpfte gegen einen Ohnmachtsanfall, indes ging sein Kollege zum Bett herüber. Die Frau wich automatisch zurück, konnte seinem festen Griff jedoch nicht entkommen. Rabiat warf er sie auf die Matratze und riss ihr das seidene, hauchdünne Negligè vom bleichen Körper. Dann fiel er über sie her, wie ein wildes Tier über seine Beute.

Die Frau hatte nicht die Kraft oder den Mut, um ihn von sich zu stoßen oder zu schreien, stattdessen rannen stumme Tränen ihre Wangen hinab, als er in sie eindrang. James sah die Schmerzen, die sie bei jedem seiner gewalttätigen Stöße durchzuckten. Er wollte sich abwenden, er wollte ihn stoppen, aber er konnte sich nicht bewegen. James stand wie angewurzelt am Fuße des Bettes und hörte Pattons lustvolles und widerwärtiges Stöhnen.

Minuten zogen dahin und als James dachte, dass es nicht noch schlimmer kommen konnte, brach Patton ihr einfach das Genick. Das laute Knacken ging ihm durch Mark und Bein und ließ ihn würgen.

„Jetzt bist du an der Reihe, Kleiner.“

„Warum hast du sie umgebracht, Patton? Sie war keine Zielperson und William…“

„Halt William da raus. Ich habe in den letzten Jahren genug Erfahrungen gesammelt und weiß eine Situation einzuschätzen. Es muss mir keiner sagen, was ich wann zu tun habe“, fiel er ihm ins Wort.

„Also…du willst wissen, warum ich sie umgebracht habe?“, äffte er James übertrieben nach, ehe er ihm mit dem linken Handballen gegen die Stirn stieß. „Weil sie eine Zeugin ist, du Idiot. Willst du tatsächlich jemandem am Leben lassen, der dich gesehen und bei der Polizei eine Personenbeschreibung über dich abgeben kann?“ Es folgte ein weiterer Stoß mit dem Ballen. James´ Furcht wich aufkommendem Zorn. Er hatte es satt von ihm weiterhin wie ein kleines, dummes Kind behandelt zu werden.

„Ich habs kapiert, Massey, okay?“, fauchte er zurück und reckte sein Kinn. Sein plötzlich auftretendes aufmüpfiges Verhalten konnte seinen Kollegen nicht beeindrucken.  

„Hör auf zu quatschen und mach endlich deine Arbeit! Bring es hinter dich und halt uns nicht länger auf, Feigling.“ Patton schubste ihn in Richtung des Mannes, der noch immer stark benommen bewirken. Sein Zorn verschwand so schnell, wie er gekommen war, und machte Platz für Panik und lähmender Furcht.

„Wird´s bald?!“ Der Ex-Soldat geriet mehr und mehr in Rage. James konnte sich keinen Zeitverzug mehr leisten. Mit zittrigen Händen zog er seine Waffe aus dem Hosenbund und zielte auf seinen Kopf. Ruhig, James. Tief durchatmen, konzentrieren, anvisieren, kurz abwarten, Abzug betätigen. Er ging die einzelnen Schritte im Kopf durch. Als er beim Letzten ankam, erstarrte er. Sein rechter Zeigefinger lag auf dem Abzug und bewegte sich nicht. Sekunden verstrichen. Patton trat neben ihn und packte ihn beim Genick. Sein Körper verkrampfte sich, als sein Kollege sich zu ihm herunterbeugte.

„Ich habe genug von diesem Scheiß. Sei ein Mann, Roddick! Knall den Kerl ab oder trete als Schwächling vor William, ist deine Entscheidung“, zischte er ihm kaltschnäuzig ins Ohr. Dann machte er einen Schritt zurück und überließ James seinem unausweichlichen Schicksal.

Auch wenn er den Blonden verachtete, er hatte Recht. Er musste seinen Auftrag erfüllen, wenn er seinen Adoptivvater nicht enttäuschen und ihm noch unter die Augen treten wollte.

Dennoch kämpfte er mit sich. Er versuchte seine Emotionen abzuschotten; einen neutralen Blick zu erlangen, der ihm half seine Tat zu ertragen und sie mit seinem Gewissen zu vereinbaren. Er gönnte sich einen letzten Atemzug, bevor er den Abzug drückte…

 

James Roddick raste die Treppe herunter, übersprang die Veranda und hetzte die verlassene Straße herunter. Die Lichter der Straßenlaternen blendeten ihn wie grelle Blitze und machten ihn irre. Kalter Schweiß haftete auf seiner Stirn, während eine überwältigende Übelkeit Besitz von ihm ergriff, die ihn irgendwann wortwörtlich in die Knie zwang. Geschwächt brach er über einem Busch irgendeines Vorgartens zusammen und übergab sich. Der Geschmack der ätzenden Magensäure war abstoßend und ließ ihn immer weiter würgen. Er konnte nicht mehr. Er war völlig überfordert von den Bildern dieser Nacht, die in seinem Kopf kreisten, wie ein Karussell der Grausamkeiten.

Heiße Tränen der Schuld und Verzweiflung bahnten sich hemmungslos ihren Weg über seine Wangen und tropften in die Dunkelheit.

Plötzlich hörte er schwere Schritte, die sich ihm näherten. Es war Patton Massey, der mit verschränkten Armen neben ihm stehen blieb und angewidert auf ihn hinab sah, als sei er ein wertloses Insekt.

„Ausgerechnet du willst Williams Sohn sein? Sie dich doch an, Kleiner! Heulend und kotzend hängst du über diesem Gestrüpp und benimmst dich wie ´ne Pussy“, schimpfte er verächtlich und schnaubte. James war nicht in der Lage ihm zu widersprechen. James war zu nicht in der Lage. Er war innerlich tot.  

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