21. Dezember

Die Große Halle war an diesem Sonntag leer wie sonst nie im Schuljahr. Mehr Schüler als sonst schienen dieses Jahr über Weihnachten nach Hause gefahren zu sein. Vielleicht, so überlegte Draco, spürten doch viele andere auch, dass die friedlichen Tage bald vorbei sein konnten und wollten so viel Zeit wie möglich mit ihren Familien verbringen. Ihm konnte es nur Recht sein, je weniger Schüler hier waren, umso ungestörter war er. Und umso geringer war die Gefahr, dass irgendjemand mitbekam, wie viel Zeit er mit Granger verbrachte.

Er konnte nicht länger leugnen, dass sein Interesse an ihr nicht unschuldiger Natur war. Er wollte so viel mehr als nur die freundlichen Gespräche, die sie miteinander zu führen pflegten. Und wenn ihn nicht alles täuschte, war sie ihm auch nicht gänzlich abgeneigt. Nicht zum ersten Mal fragte er sich, ob es irgendeine Möglichkeit gab, ihr Vertrauen zu gewinnen, wirkliches, echtes Vertrauen, dass nicht verschwand, wenn er die Todesser nach Hogwarts schleuste.

Er hatte den Gedanken nicht zu Ende gedacht, da lachte er schon über sich selbst. Natürlich gab es diese Möglichkeit nicht, zu dem Ergebnis kam er immer wieder. Egal, wie sehr er sie jetzt von seinen Gefühlen überzeugen konnte, er würde sie betrügen, verraten, in Lebensgefahr bringen. Natürlich würde sie ihm da nicht mehr vertrauen.

Andererseits hatte sie ihm den Mordversuch an Dumbledore schnell verziehen. Oder zumindest ließ sie das Thema ruhen. Nachdenklich starrte er in seine Tasse mit schwarzem, heißem Kaffee. Er könnte Hermine ein schönes Weihnachtsgeschenk kaufen, um ihr zu zeigen, dass er sie ganz aufrichtig mochte, ohne sie ausnutzen zu wollen. Irgendetwas tun, um aus ihrer Beziehung mehr zu machen als eine Aneinanderreihung flüchtiger Begegnungen.

Entschlossen stellte er seinen Becher mit Kaffee ab und stand auf. Er würde jetzt direkt ins Dorf gehen. Alle Geschäfte hatten heute zum letzten Mal vor Weihnachten offen, irgendwo würde er schon etwas finden, was er Hermine schenken konnte.

Gerade steuerte er auf den Ausgang zu, da ging die große Tür auf und Hermine trat ein. Überrascht blieben beide stehen.

"Hey", flüsterte Hermine ihm leise zu, während ihr Blick offensichtlich die Halle absuchte nach möglicherweise zu interessierten Mitschülern.

"So spät dran heute Morgen?", erwiderte er grinsend. Er hätte sie nicht für einen Menschen gehalten, der lange schläft. Ihr finsterer Blick sprach Bände: "Manchmal brauche sogar ich eine Pause."

"Dann will ich mal nicht länger zwischen dir und deinem Kaffee stehen."

"Gute Entscheidung", konstatierte sie mit einem schiefen Grinsen: "Ohne meinen Kaffee am frühen Morgen bin ich gefährlich."

Kurz überlegte Draco, ob es eine gute Idee wäre, doch die Gelegenheit war zu gut, als dass er sie sich entgehen lassen konnte: "Ich gehe runter ins Dorf. Vielleicht leistest du mir nachher Gesellschaft?"

"Vielleicht."

Er zog eine Augenbraue hoch ob ihrer vagen Antwort, doch sie blieb stur und blickte ihn nur herausfordernd an. Schnaubend meinte er: "Ich bin heute Mittag im Eberkopf. Falls die Dame geruht, sich zu mir zu begeben."

"Ist angekommen", erwiderte sie knapp, ehe sie mit einem hinterhältigen Grinsen auf ihren Haustisch zu steuerte. Kopfschüttelnd blickte Draco ihr nach. Es war immer wieder überraschend für ihn, mit welcher Leichtigkeit sie mit ihm flirten konnte, trotz allem, was sie so über ihn wusste. Sein Grinsen erstarb jedoch augenblicklich, als er aus den Augenwinkeln bemerkte, wie Snape sich vom Lehrertisch erhob und auf ihn zukam. Genervt machte Draco auf dem Absatz kehrt, um seinem Professor zu entgehen.

Er kam nicht weit.

"Draco."

"Sir."

Er verspürte keinerlei Interesse, Snape erneut klar machen zu müssen, dass seine Hilfe unerwünscht war. Entsprechend abweisend blickte er ihn an, die Arme vor der Brust verschränkt.

"Meinen Sie, dass es eine gute Idee ist, ausgerechnet Miss Granger als neue Spielgefährtin auserkoren zu haben?"

Der Schlag kam aus einer so unerwarteten Richtung, dass Draco seine Gesichtszüge entglitten, ehe er das Gehörte richtig verdaut hatte: "Bitte?"

"Spielen Sie nicht den Dummen", zischte Snape erzürnt, während er ihn am Kragen seines Mantels in einen abgelegenen Korridor schleppte: "Ich habe Sie gesehen, wie Sie mit Miss Granger freundliche Worte gewechselt haben jetzt gerade. Und was musste ich hören, als ich Horace fragte, wessen Begleitung Sie auf seiner Feier waren?"

"Sie spionieren mir nach!", platzte es verärgert aus Draco heraus. Er hätte nicht erwartet, dass ausgerechnet Snape soweit gehen würde, ihm tatsächlich nachzuspionieren. Mit einem Mal verfluchte er seine Unachtsamkeit.

"Es ist mir vollkommen egal, welches Mädchen Sie in Ihr Bett locken", erklärte Snape gefährlich leise: "Aber Miss Granger ist nicht einfach nur irgendein Mädchen. Sie ist die Freundin von Harry Potter. Und sie ist nicht reinblütig. Sollten das nicht zwei gute Argumente dafür sein, die Finger von ihr zu lassen?"

Zitternd ballte Draco die Fäuste: "Das geht Sie überhaupt nichts an. Was mischen Sie sich überhaupt in meine Beziehungen ein? Soll ich zu Dumbledore gehen und ihm erzählen, was für ein perverser Sack Sie sind, dass Sie Ihren Schülern nachspionieren und ihnen vorschreiben wollen, mit wem sie es treiben dürfen und mit wem nicht?"

Die ausdruckslose Maske, die Snape stets zur Schau trug, verdüsterte sich. Hart packte er Draco bei den Schultern: "Seien Sie vorsichtig, wie Sie mit mir sprechen, Draco. Es gibt viele Dinge in dieser Welt, die Sie noch nicht verstehen. Ich sage Ihnen das nur dieses eine Mal: Wenn Sie Miss Granger in Ihre Pläne reinziehen, wird das Konsequenzen für Sie haben, die Sie nicht in Ihren Träumen überblicken können."

Verunsichert wandte Draco sich aus dem festen Griff: "Was interessiert es Sie überhaupt? Sie können doch nur froh sein, wenn ich scheitere, oder nicht? Schließlich wollen Sie den Ruhm einsammeln. Sie wollen mir nur Steine in den Weg legen! Und was ich mit Herm... mit Granger mache, ist meine Sache!"

Am liebsten hätte Draco sich selbst eine heftige Ohrfeige gegeben. Natürlich war Snape nicht entgangen, wie er Hermine beinahe bei ihrem Vornamen genannt hatte. Das Zittern verstärkte sich. Er konnte einfach nicht riskieren, dass Snape an irgendwen weiter erzählte, dass er sich mit einer Muggelgeborenen einließ. Merlin, seine Schwäche für Hermine würde ihn wirklich noch ins Grab bringen.

"Sie sind unbelehrbar", spie Snape, doch offenbar war er bereit, das Thema für einen Moment fallen zu lassen. Er richtete sich auf, wischte sich einige verirrte Strähnen aus seinem Gesicht und sagte dann leise zum Abschied: "Ich rate Ihnen wirklich, Miss Granger in Ruhe zu lassen. Ich kann Ihnen in der Tat nichts befehlen, aber wenn Sie wissen, was gut für sie ist, dann halten Sie Abstand von ihr."

Mit aufeinander gepressten Kiefern blickte Draco Snape nach. Als er sicher war, dass sein Lehrer ihn nicht mehr hören konnte, stieß er ein lautes, sehr ernst gemeintes "Shit!" aus. Das letzte, was er gebrauchen konnte, war, dass ausgerechnet Snape von seiner Beziehung zu Hermine wusste. Als wäre es nicht alles schon kompliziert genug!

 

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