21. Dezember

Mit leerem Blick starrte Hermine die vier brennenden Kerzen vor ihr auf dem Tisch an. Sie hatte keinen Sinn darin gesehen, für sich einen Weihnachtsbaum zu kaufen, aber wenigstens einen Adventskranz hatte sie sich geleistet und nun brannten endlich alle vier Kerzen.

Sie fühlte sich wach und todmüde zugleich. Die Nacht war kurz gewesen, denn ihre kreisenden Gedanken hatten sie mal wieder nicht zur Ruhe kommen lassen. Das Mittagessen mit Draco Malfoy war definitiv zu sehr wie eine romantische Verabredung verlaufen und auch das eigentlich harmlose Beratungsgespräch über nützliche Bücher anschließend hatte ganz stark den Eindruck eines Dates vermittelt. Sicher, sie hatte das Treffen ursprünglich nur initiiert, um Draco wenigstens noch einmal wieder zu sehen. Doch seine Aufmerksamkeit, seine Höflichkeit, seine kleinen Komplimente, die er so geschickt mit Sticheleien verbunden hatte, all das hatte ihr Bedauern, dass sie nun endgültig für mehrere Wochen Abschied von ihm nehmen musste, nur verschlimmert.

Und nun das. Gerade, als sie sich von ihm verabschiedet hatte, hatte er sie eingeladen, heute mit ihm im selben Restaurant zu Abend zu essen. Die ganze Nacht über war sie wach geblieben, hatte verzweifelt versucht herauszufinden, ob sie sich auf ein weiteres Treffen, das definitiv ein Date sein würde, mit ihm einlassen wollte. Er war schließlich immer noch Draco Malfoy. Sie hatte heute Ginny oder Harry fragen wollen, mit denen sie sich zum Mittag getroffen hatte, doch sie hatte es nicht über sich gebracht.

Es klingelte an ihrer Tür. Natürlich, er war ebenso pünktlich wie gestern und sie hatte noch nicht einmal angefangen, sich für den Abend zu kleiden. Immer noch mit dem Gefühl, wach und halb schlafend gleichzeitig zu sein, öffnete sie die Tür: "Guten Abend."

Ihr entging sein abschätzender Blick nicht, als er sich mit einem "Guten Abend ebenfalls" an ihr vorbei in die Wohnung schob. Langsam schloss sie die Tür und drehte sich zu ihm um.

"Du siehst nicht so aus, als ob du fertig wärst."

"Gute Feststellung", sagte sie trocken. Konnte Schlafentzug einen so emotional einfrieren lassen, wie sie sich gerade fühlte?

"Wir sind verabredet", stellte er fest und trotz des Nebels der Müdigkeit konnte Hermine wahrnehmen, dass er angespannt klang: "Du hast gestern zugesagt. Willst du nicht mehr?"

"Was will ich?"

Sie sah, dass er die Augenbrauen ärgerlich zusammen zog: "Mit mir essen gehen. Sag mal, bist du betrunken oder was ist hier los?"

"Ich weiß, dass wir essen gehen wollen", sagte sie sachlich: "Ich will wissen, warum. Ich will wissen, was genau ich hier wollen soll. Ob ich nur ein Essen wollen soll oder ... mehr."

Bei ihrem letzten Wort zuckte Draco zusammen. Aha. Also hatte er nicht an mehr gedacht. Warum auch? Sie wusste ja schon seit Schulzeiten, was er von ihr hielt. Dass er sich überhaupt mit ihr abgab, war schon merkwürdig genug. Ein Rätsel, das ihr schlaftrunkenes Hirn gerade nicht lösen konnte. Sie entschied, das Angriff die beste Verteidigung war, und ehe er antworten konnte, fuhr sie fort: "Die Frage war unangebracht, tut mir leid. Wir haben ja gestern schon festgestellt, wie absurd irgendein Mehr wäre. Als ob eine Hermine Granger sich mit einem Draco Malfoy zusammen tun würde. Völlig absurd."

Seufzend ließ sie sich auf ihr Sofa sinken, während Draco noch immer wie erstarrt im Raum stand. Als er sich schließlich neben ihr auf das Sofa setzte, schaute er nicht mehr freundlich drein: "Sag mir, Granger. Ist das wirklich das, was du denkst?"

"Natürlich", gab sie so fest wie möglich zurück: "Hatten wir das Thema nicht oft genug diese Woche? Was in der Vergangenheit passiert ist, geht nicht so einfach weg. Und bis zum Sommer bleibst du mein Professor, das lässt sich auch nicht aus der Welt schaffen. Eine Lydia kann da vielleicht drüber hinweg sehen. Aber ich nicht. Und ich weiß, du auch nicht, sonst hättest du mich nicht gewarnt."

"Und deswegen hast du gestern einem Abendessen mit mir zugestimmt?"

"Ich...", setzte sie an, ehe ihr auffiel, dass sie keine Ahnung hatte, was sie darauf sagen sollte. Sie schluckte, dann sagte sie das erste, was ihr müder Verstand ihr ausspuckte: "Temporäre Geistesverwirrung. Der Tag gestern war angenehm, da muss ich vergessen haben, wer du bist. Und wer ich bin. Du ja offensichtlich auch, sonst hättest du mich gar nicht erst gefragt."

"Willst du mich verarschen?"

Das hatte sehr wütend und sehr ungläubig geklungen. Was erwartete er denn von ihr? Dachte er wirklich, sie würde sich selbst so sehr demütigen und ihre sinnlose Schwärmerei für ihn zugeben? Damit er sich drüber lustig machen konnte? Er wollte kein Mehr, also würde er auch nichts bekommen. Sie war keine Lydia, die für einen Onenightstand zu haben war. Aha. Suchte er etwa das?

"Ich bin keine Frau für eine Nacht. Lydia vielleicht, ich nicht. Schon gar nicht mit einem Professor, selbst wenn der genauso alt ist wie ich."

Er sah so aus, als wollte er am liebsten schreien, doch stattdessen ballte er seine Fäuste und blickte sie sehr lange stumm an. Schließlich erhob er sich wieder, ging zur Tür und drehte sich erst dort zu ihr um: "Du bist vollkommen übernächtigt. Schlaflosigkeit kann auf die Sinne eine ähnliche Wirkung haben wie Alkohol. In diesem Zustand werde ich gewiss nirgends mit dir hin gehen. Wir diskutieren das hier morgen zu Ende."

Ehe sie darauf etwas erwidern konnte, war er durch die Tür getreten und sie hörte den typischen Knall des Apparierens. Verwirrt blieb Hermine zurück. Was genau wollte er mit ihr ausdiskutieren? In einem jedenfalls hatte er Recht: Sie fühlte sich betrunken vor Müdigkeit. Sie fragte sich, ob ihr verliebtes Ich in ihrem Innern gerade weinend am Boden lag, weil sie Draco verscheucht hatte, doch ihr übermüdetes Ich war von einem dicken Polster des Ist-mir-egal umgeben, so dass sie nichts davon spürte. Sie würde jetzt früh schlafen gehen und seit Tagen das erste Mal wieder richtig entspannen können. Warum Draco gerade so eskaliert war, und warum sie überhaupt heute beinahe ein Date gehabt hätten, darüber konnte sie morgen immer noch nachdenken.

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