21. Kapitel

Am darauffolgenden Morgen bekam Victor wieder Besuch von Julia. Schon im Hereinkommen merkte er, dass sie aufgeregt war. Der Arzt Joseph Greidt hatte von ihren Besuchen gehört und ihr von dem Artikel über Victor erzählt. Außerdem hatte sie der Kommissar über den derzeitigen Stand der Ermittlungen informiert. Sie erzählte Victor davon: „Dein Arzt hat mir von einem Interview erzählt. Eine Reporterin war bei ihm und hat ihn über dich ausgefragt. Dann hat sie einen Artikel darüber geschrieben. Herr Greidt hofft, dass einer seiner Kollegen sich mit einem Hinweis bei ihm meldet. Er ist zwar sehr klug, aber bei dir scheint er einfach keine Idee zu haben.“ Julia hielt kurz inne, dann sprach sie weiter. „Mit dem Kommissar habe ich auch nochmal gesprochen. Er meint, dass du das nicht selbst gewesen sein kannst. Du hättest dich innerhalb kürzester Zeit einfrieren müssen. Und außerdem: Warum hättest du das tun sollen? Das ergibt einfach keinen Sinn.“ Wieder machte sie eine Pause, als ob sie darüber nachdenken würde. Dann plötzlich änderte sich ihr Gesichtsausdruck und sie sprach mit ungewohnt ernster Stimme: „Das waren die guten Nachrichten – wenn man das so sieht. Keine Angst, ich habe keine schlechten Nachrichten für dich. Es ist eher so, dass es mir selbst gerade nicht besonders gut geht. Das liegt wahrscheinlich auch an der Familie.“ Als würde sie von Victor eine Geste des Verstehens erwarten, machte sie eine Pause. Sie hatte den Kopf gesenkt und dachte nach.

Die Pause wuchs langsam zum Schweigen. Doch dann begann Julia, von ihren Problemen zu erzählen: „Meine Großeltern haben sich nie gut verstanden. Und letzte Woche haben wir den Geburtstag meiner Mutter gefeiert. Mittlerweile leben nur noch meine beiden Großmütter, aber sie können sich immer noch nicht leiden. Letzte Woche gab es keine verbalen Übergriffe, aber die Feindseligkeit lag spürbar in der Luft und deshalb wurde es kein besonders schöner Geburtstag. Ich hätte es meiner Mutter so sehr gegönnt. Und wo ich einmal bei meinen Eltern bin: Als kleines Kind haben sie mir immer erzählt, wie schön so eine Ehe ist und dass sich da der eine um den anderen kümmert. Mittlerweile habe ich das Gefühl, dass sie sich nicht mehr so aneinander freuen wie früher. Auch dort scheint sich die Routine eingeschlichen zu haben. Es gibt öfter Probleme und sie leben eher nebeneinander her als miteinander. Das einzige, was mich wirklich selbst betrifft, ist die Tatsache, dass ich noch keinen Partner habe. Ich würde so gerne eine Familie gründen und Kinder bekommen. Doch obwohl ich noch relativ jung bin, wird die Zeit, die mir zum Kinder bekommen bleibt, immer kürzer. Daran muss ich immer wieder denken. Und es gibt noch viel mehr, was mich beschäftigt. Das sind manchmal nur ganz kleine Dinge. Die gehen mir dann aber öfter einmal durch den Kopf.“ Als Julia aufhörte zu erzählen, herrschte wieder Ruhe in dem kleinen Raum. Schließlich klingelte ihr Handyalarm und mit einem kleinen Lächeln sagte sie: „Den Alarm dürftest du nun langsam kennen. Ich muss auf Arbeit. Sicherlich werde ich dich bald wieder besuchen.“ Sie verabschiedete sich und verließ das Zimmer.

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