21. Siebzehn

Die Tatsache, dass das jetzt für einige Zeit erst einmal die letzte Nacht sein würde, in der sie so zusammen sein konnten, war ihnen überdeutlich bewusst, als sie zurück in Gregors Zimmer waren. Deswegen ließen sie sich lange Zeit damit, sich gegenseitig auszuziehen, diesmal komplett, und hielten dabei immer wieder inne um sich zu küssen oder einfach nur zu umarmen.

Als sie dann nebeneinander aufs Bett fielen war Toni schon wieder so aufgeheizt, dass er, als Gregor sich dann daran machte, den drei Jahre alten Gefallen zu erwidern, nicht besonders lange durchhielt. Was ihm erneut unglaublich unangenehm war, er aber jetzt, im Gegensatz zum ersten Mal, beim Licht der Nachttischlampe und Gregor, der rittlings auf seinen Oberschenkeln saß und ihn nicht aus den Augen gelassen hatte, nicht mehr überspielen konnte.

"Scheiße," sagte er deswegen und strich sich schweratmend das schweißnasse Haar aus der Stirn.
Gregor lachte leise. "Ich weiss nicht was du hast. Ist doch alles bestens. Ich guck dich echt gern an, wenn du kommst."

Angesichts dieser direkten Worte konnte Toni nicht verhindern, dass ihm das Blut ins Gesicht stieg. Er wusste nicht, wieso er bei diesem Thema nicht genau so direkt sein konnte. Selbst bei Lydia bekam er das nicht hin. Und da war es eigentlich viel einfacher, erst einmal, weil der grobe Ablauf von vorneherein sowieso fest stand und Toni den Rest einfach immer ihr überließ. Dann waren bei ihr auch nicht so viele Gefühle im Spiel wie bei Gregor. Und sie war auch nicht einmal ansatzweise so geradeheraus wie er.

"Erde an Toni," riss ihn Gregors Stimme aus seinen Gedanken und Toni wurde bewusst, dass er ihn grade für ein paar Sekunden einfach nur angestarrt hatte, ohne etwas zu sagen. Er wusste auch jetzt nicht, was er auf Gregors Worte erwidern sollte und er war für einen Moment wütend auf sich selbst.
Aber da schenkte ihm Gregor ein strahlendes Lächeln und sofort löste sich alles Negative in Toni auf und er konnte nicht anders, als zurück zu lächeln.

Gregor beugte sich vor und legte seine Stirn an Tonis. "Vielleicht ist es kitschig, aber ich sag es einfach trotzdem: Ich find dich unglaublich süß! Vorallem, wenn du so verlegen bist, wie grade und nicht weißt, was du sagen sollst." Er strich sanft über Tonis Schlüsselbein.

Der hatte jetzt endlich seine Sprache wiedergefunden. "Du hast Recht, das ist kitschig," murmelte er  und schlang die Arme um Gregors Nacken. Seine Worte, auch, wenn Toni wieder einmal nicht in der Lage war, etwas Entsprechendes zu erwidern, sorgten dafür, dass er sich absolut wunderbar schwerelos fühlte.

Einen Moment lagen sie einfach nur so da und streichelten sich bis Toni wieder bewusst wurde, dass sie nicht mehr lange so zusammen sein würden und es doch mehr als egoistisch von ihm wäre, wenn er einfach gehen würde ohne, dass er auf das, was Gregor gemacht und was er gesagt hatte, irgendetwas erwidert hätte. Und Taten waren hier eindeutig leichter als Worte. Also zog er mit der einen Hand Gregors Kopf zu sich hinunter und küsste ihn heftig, mit der anderen strich er von seiner Schulter über seine Brust langsam abwärts. Und es dauerte dann auch nicht wirklich viel länger als bei ihm, bis er feststellen konnte, dass auch er Gregor gerne ansah, wenn er kam.

Danach fühlte Toni sich einfach nur noch unglaublich fertig und er gähnte einmal. "Wie spät ist es eigentlich?" wollte er wissen und Gregor richtete sich auf um einen Blick auf sein Handy zu werfen, das auf dem Nachttisch lag. "Halb vier," antwortete er dann. "Wird dann wohl langsam Zeit schlafen zu gehen."

Aber als sie dann schliesslich unter der Decke eng nebeneiander lagen, da war Toni plötzlich  hellwach. Die Gedanken an morgen waren auf einmal wieder da und ihm drängte sich ein Thema auf die Zunge, über das er gerne noch gesprochen hätte. Er spielte mit Gregors Haaren und überlegte, ob er das, was ihm grade im Kopf herumging, aussprechen sollte, oder ob er es nicht besser für sich behalten sollte, damit er diesen schwerelosen Kokon, in dem sie sich die ganze Zeit befunden hatten, nicht zerstörte.

Allerdings fühlte er sich inzwischen gar nicht mehr so schwerelos und ihm fiel zusätzlich auf, dass Gregor der Einzige war, mit dem er über solche Dinge sprechen konnte und sehr bald würde er erst mal nicht mehr da sein. Und am Telefon oder per Nachricht wollte Toni absolut nicht darüber reden.

Also holte er einmal tief Luft: "Hast du es deinen Eltern eigentlich gesagt?" wollte er wissen und Gregor gab einen ablehnenden Laut von sich. "Nein, sicher nicht! Und ich habs auch nicht geplant. Nicht weil sie's vielleicht nicht akzeptieren würden, was mir im Grunde auch egal wäre. Sondern weil mir das einfach zuviele Umstände machen würde. Meine Mutter würde dann eh alles drüber wissen wollen und immer, wenn n Kerl in meinem Alter ins Hotel kommen würde, dann würde sie mich fragen, ob ich ihn süß fände und all son Kram und das finde ich schon scheisse, wenn ich nur drüber nachdenke! Und du?"

"Meine Mama weiß es eigentlich schon," erwiderte Toni. "Schon seitdem ich damals von hier wiedergekommen bin. Ich denke mal, meine Tante hat es ihr gesagt, also weiß es auch meine Tante. Meine Mama hat mir dann echt ein Buch zu dem Thema geschenkt und jeden meine Kollegen abgecheckt, was echt furchtbar peinlich gewesen ist, und als ich ihr gesagt hab, dass ich mit Lydia zusammen bin, da hat sie mich gefragt, ob es wirklich das ist, was ich will."

Gregor lachte einmal leise. "Da kommt sie damit ja absolut besser klar als du. Was die ganze Sache natürlich echt einfacher macht."

"Ja," erwiderte Toni nur. Für einen Moment fiel es ihm noch schwer, die Akzeptanz seiner Mutter, die er drei Jahre lang als furchtbar unangenehm empfunden hatte, plötzlich als etwas sehr Gutes zu sehen. Aber nur einen Moment. Denn dann konnte er die Erkenntnis zulassen, wie wertvoll das war um, wie geplant, den aufreibenden Krieg, den er jetzt seit drei Jahren gegen sich selbst führte, endlich zu beenden.

Darüber was Peter, der es zwangsläufig auch erfahren würde, darüber denken würde, damit beschäftigte Toni sich nicht wirklich. Denn es würde sich da vermutlich sowieso kaum was ändern, Peter hätte dann lediglich noch ein neues Thema gefunden, wegen dem er an Toni herumnörgeln konnte.

Anhand seiner tiefen und gleichmäßigen Atemzüge erkannte Toni, dass Gregor inzwischen eingeschlafen war und er lehnte den Kopf an seinen, um es ihm gleichzutun.

Lautes Klopfen und eine Stimme die "Gregor, aufstehen! Es gibt Frühstück!" rief, rissen ihn aus einem Schlaf, der sich viel zu kurz anfühlte. Während Toni noch damit kämpfte, wachzuwerden, saß Gregor bereits aufrecht.

"Komme!" schrie er ungehalten zurück, machte aber keine Anstalten, sofort aufzustehen.

Toni war inzwischen wach genug geworden, um zu begreifen, dass das da grade Gregors Mutter gewesen war. "Hast du denn noch nichtmals am Wochenende frei?" wollte er ungläubig wissen und Gregor zog eine Grimasse. "Doch, am Sonntag. Wenn nicht ganz so viel los ist. Aber das hindert sie nicht daran, auch dann um neun Uhr an meine Tür zu klopfen und zu brüllen, dass es Frühstück gibt. Ich zähl echt schon die Stunden, bis ich hier endlich wegkann!"

Er stieg aus dem Bett und fing an, sich anzuziehen.

"Wann geht eigentlich dein Zug?" fragte er dabei beiläufig und Toni durchfuhr die Erkenntnis siedendheiß, dass er absolut keine Ahnung hatte. "Ich weiß es nicht. Das Ticket und der Fahrplan sind noch bei Nadja."

"Vielleicht sollten wir dann mal schnell nachschauen," meinte Gregor und zog sich seinen Pullover über den Kopf. "Ich will zwar nicht, dass du gehst, aber ich will auch nicht, dass du Stress bekommst."

Einerseits wollte Toni natürlich auch nicht weg. Andererseits war heute der Tag, an dem er seine selbstgebaute Festung der Selbstverleugnung wenigstens teilweise zerstören würde, in dem er es Lydia sagte. Was er, jetzt, wo es ihm wieder eingefallen war, am liebsten sofort erledigt hätte. Die fast vier Stunden Zugfahrt, die noch dazwischen lagen, würden richtig ätzend werden, aber noch ätzender wäre, wenn er den Zug erst gar nicht bekommen würde.

Deswegen hatte er es jetzt auch eilig, aufzustehen und sich anzuziehen und ignorierte dabei das laute Grummeln seines Magens, mit dem er ihn auf das kilometertiefe Loch in ihm hinwies. Frühstück musste ausnahmsweise mal warten.

"Wir müssen echt aufpassen, dass uns niemand sieht, sagte Gregor leise über die Schulter zu Toni, kurz vor dem Ende der Turmtreppe. "Denn wenn sie mich sehen, dann werden sie mich an den Frühstückstisch zerren und mich nicht mehr weg lassen!"

Toni nickte nur. Gregor jetzt zurücklassen zu müssen, wo sie sowieso nicht mehr viel Zeit zusammen hatten, wäre absolut grausam gewesen.

Leise gingen sie über den Flur, wo ihre Schritte von dem dicken Läufer noch zusätzlich gedämpft wurden, und huschten an den offenen Zimmertüren vorbei.

Niemand begegnete ihnen und als sie aus dem Haus traten und Gregor die Tür leise hinter ihnen schloss, atmeten sie einmal erleichtert auf. Dann sahen sie sich an, fassten sich bei den Händen und liefen los, auf das graue Steinhaus zu. Und Toni war es in diesem Moment vollkommen egal, ob sie dabei jemand sah. Solange es nicht einer von Gregors Familie war. Und von denen war weit und breit niemand zu sehen.

Genau wie von Nadja, Thorsten und Kamilla als Toni die Haustür öffnete, womit er aber auch gerechnet hatte. Gefolgt von Gregor lief er die Treppe zum Gästezimmer hoch wo der Fahrschein auf dem Tisch lag. Toni hob ihn hoch, warf einen Blick auf die Abfahrtszeit und seufzte einmal erleichtert. "Zwanzig nach zehn."
Gregor warf einen Blick auf sein Handy. "Jetzt ist es halb zehn. Das wird knapp, aber wir dürften es schaffen."
Toni, der bereits seine Tasche aufs Bett gepackt und angefangen hatte, seine Sachen hineinzustopfen erwiderte überzeugt: "Wir werden es schaffen!"

Nachdem die Tasche gepackt war, war es Zeit, sich zu verabschieden und erst jetzt fiel Toni ein, dass er nicht nur gestern nicht im Gästezimmer geschlafen hatte, wie vorher angekündigt, sondern auch, dass er Nadja gar nichts davon gesagt hatte und er konnte nicht dagegen ankämpfen, deswegen ein schlechtes Gewissen zu bekommen.

Nadja, Thorsten und vielleicht auch Kamilla würden jetzt sicher irgendwo in der Gärtnerei sein und Toni hoffte, dass er sie entweder alle auf einem Haufen vorfinden würde oder nur Nadja. Sich jetzt nur von Kamilla oder Thorsten zu verabschieden, denn um dann noch die anderen zu suchen fehlte ihm die Zeit, würde sich viel zu komisch anfühlen.

Zu Tonis Erleichterung war es dann auch tatsächlich Nadja, die hinter dem Tresen der kleinen Verkaufshütte stand.  

"Ich wollte eben schnell Tschüss sagen," erklärte er. "Und mich dafür entschuldigen, dass ich gestern nicht zurück gekommen bin, ohne etwas zu sagen."

Nadja strahlte ihn an, kam um den Tresen herum und umarmte ihn. "Alles kein Problem. Du bist ja ein großer Junge und kannst auf dich selbst aufpassen." Sie drückte ihn einmal fest an sich.  "Schade, dass du schon gehen musst, aber du weisst ja, dass du hier jederzeit willkommen bist!"

Toni und Gregor tauschten einen schnellen Blick und dann räusperte sich Toni einmal. "Danke," erwiderte er nur und verzichtete darauf, Nadja zu sagen, dass er das Angebot vielleicht demnächst öfters in Anspruch nehmen würde, als sie jetzt ahnte.

Nadja war der kurze Blickwechsel nicht entgangen. "Ich würde dich ja gerne eben schnell fahren, aber ich kann hier grade leider nicht weg. Und wie ich sehe hast du da schon jemanden, der dich zum Bahnhof bringen wird." Sie grinste Gregor an, der dieses Grinsen mit seinem schiefen Lächeln erwiderte.

"Stimmt," erwiderte Toni mit fester Stimme, bemüht darum, jetzt nicht wieder verlegen zu werden. Schließlich wusste Nadja ja schon länger Bescheid.

Sie streichelte noch einmal seinen Arm. "Ich wünsch dir eine gute Heimfahrt und grüß deine Mutter von mir."
"Mach ich," versicherte Toni, nahm seine Tasche und hob noch einmal die Hand, bevor er nach Gregor die Hütte wieder verließ.

Als sie schließlich, fünf Minuten bevor der Zug ankommen sollte, den Bahnsteig erreichten, war Toni ziemlich außer Atem. Der Weg den Berg hinunter durch das Dorf in Gregors schnellem Tempo war verdammt anstrengend gewesen. Erschöpft ließ er sich auf die nächste Bank fallen und stellte seine Tasche, die mit jedem Schritt immer mehr an Gewicht zugenommen hatte, vor sich ab.

Gregor setzte sich neben ihn, legte den Kopf auf seine Schulter und griff nach seiner Hand. So saßen sie dann schweigend da und genossen die letzten Momente zusammen.

Die Male vorher, die Toni schon daran gedacht hatte, wie schwer es werden würde, Gregor erst einmal nicht mehr zu sehen, hatten sich schon furchtbar angefühlt, aber das war kein Vergleich mit jetzt, wo es dann wirklich passierte. Und zusätzlich zeigte ihnen auch noch die große Bahnhofsuhr, die ihnen direkt gegenüber an dem Gebäude angebracht war, gnadenlos an, dass ihre Minuten zusammen jetzt wirklich gezählt waren.

In Toni stieg erneut der Wunsch auf, einfach hierzubleiben und jetzt schon alles hinter sich zu lassen und er wurde jetzt so übermächtig, dass er kurz davor war, wirklich einfach aufzustehen, seine Tasche zu nehmen und wieder zurück zu gehen. Aber als er kurz davor war, sah er über Gregors Kopf hinweg den Zug näher kommen und der rationale Teil seines Gehirns, der ihn schon die ganze Zeit darauf hingewiesen hatte, dass das keine gute Idee war, behielt die Oberhand.

Anstatt aufzustehen, drückte Toni Gregor einmal einmal fest an sich und Gregor, der den Zug jetzt auch gesehen hatte, hob den Kopf und sie küssten sich noch ein Mal innig.

Dann fuhr der Zug ein, sie standen auf, Toni griff nach seiner Tasche und sie gingen zur Tür. Worte waren hier überflüssig, denn sie legten alles, was sie einander sagen wollten, in den letzten langen Blick, den sie sich zuwarfen. Dann gingen die Türen mit lautem Gepiepe auf,  Toni stieg ein und suchte sich einen Platz, von dem er Gregor noch sehen konnte. Sie ließen sich nicht aus den Augen, bis der Zug schließlich Fahrt aufgenommen hatte und Gregor rasch zu einer kleinen Figur in der Ferne zusammenschrumpfte, hinter der die Burg auf dem hohen Felsen thronte. Und bald war dann auch sie verschwunden.

Toni lehnte den Kopf gegen das Fenster und atmete einmal zitternd ein. Alles in ihm fühlte sich plötzlich unglaublich schwer an und der Abschiedsschmerz schnürte ihm die Kehle zu. Aber er würde nicht weinen, nicht vor fremden Leuten, von denen tatsächlich einige mit im Zug saßen.

Stattdessen versuchte er sich darauf zu konzentrieren, was er nachher zu Lydia sagen würde und er wusste jetzt schon, dass er sicher die ganze Heimfahrt brauchen würde, um die richtigen Worte zu finden. Dann vibrierte sein Handy in seiner Jackentasche und als er es herauszog, hatte er eine Nachricht von Gregor, der ihm schrieb, wie unglaublich er ihn jetzt schon vermisste.

Das seit Tagen wenig beachtete Gerät wurde jetzt zu Tonis Rettungsanker. Sie konnten sich ja nicht nur schreiben, sondern auch Bilder verschicken. Und Sprachnachrichten. Und telefonieren. Wobei Telefonieren vermutlich eher schwieriger werden würde, so oft, wie sie einfach nur geschwiegen hatten, wenn sie zusammen gewesen waren.

Toni schrieb Gregor sofort zurück und informierte Lydia danach, wann sein Zug ankommen würde, etwas, das er bis jetzt komplett vergessen hatte. Genau wie er Lydia in den letzten Tagen häufig einfach komplett vergessen hatte. Er hatte gestern nur eine Nachricht von ihr bekommen, die er erst jetzt gelesen hatte. War ihm das bis grade noch völlig egal gewesen, so fragte er sich jetzt, ob das daran lag, dass sie sauer auf ihn war, weil er sie eben komplett vergessen hatte. Und ob ihre ganzen verständnisvollen Nachrichten gar nicht wirklich ernst gemeint waren. Oder dass der Grund für die eine Nachricht einfach der war, dass sie inzwischen wusste, dass er ihr ja sowieso nicht antworten würde.

Wenn sie wirklich sauer wäre, dann würde das Tonis Plan natürlich um Einiges erschweren und er hoffte inständig, dass ihre Nachricht, die er kurz, nachdem er seine eigene abgeschickt hatte und in der sie ihm eine gute Heimfahrt wünschte und sich schon darauf freute, ihn wiederzusehen und ihn auf jeden Fall am Bahnsteig empfangen würde, auch wirklich so gemeint war. Was sie sicher war, denn Toni hatte noch nie mitbekommen, dass Lydia sich hinterhältig verhalten hatte. Wenn es erwas gab, was ihr nicht gefiel, dann hatte sie das bis jetzt auch immer gleich gesagt.

Das beruhigte Tonis schlechtes Gewissen einigermaßen, sodass er weiter an seiner Rede feilen konnte.

Und so bestand seine Zugfahrt daraus, Gregor zu vermissen, unablässig Nachrichten mit ihm zu schreiben und sich dabei zu überlegen, wie er Lydia am besten beibringen würde, dass er sie von Anfang an, was ihre Beziehung anging, nur ausgenutzt hatte. Und währenddessen lag ein Buch aufgeschlagen auf seinem Schoß, das aber eigentlich nur da lag, damit er sich daran festhalten konnte. Denn lesen tat er kein einziges Wort. Stattdessen starrte er nur aus dem Fenster.

Und als es draußen anfing, immer mehr nach Stadt auszusehen, spürte Toni, wie ihm die Nervosität in die Knochen schoss, die es ihm unmöglich machte, von dem Brötchen, das er sich während seines einzigen Umstieges gekauft hatte, mehr als zwei Stücke abzubeißen. Und das, obwohl ihm vor Hunger inzwischen schon etwas schummrig zumute war.

Als der Zug schließlich in den Großstadtbahnhof einfuhr, klopfte ihm das Herz bis zum Hals. Er blieb noch so lange sitzen, bis der Zug komplett zum Stillstand gekommen war und die Aussteigenden sich im Gang stauten.

Erst dann erhob er sich, nahm seine Tasche und hatte eigentlich gehofft, noch eine Weile warten zu müssen, bis er einen Platz in der Schlange fand, aber unglücklicherweise wurde er sofort reingelassen, nachdem er aufgestanden war.

Mit weichen Knien stieg er kurz darauf aus dem Zug und suchte sofort nach Lydia. Als er sie nicht gleich sah, erwartete er schon halb, dass sie, wie so oft, wieder einmal zu spät war, aber dann hörte er jemanden seinenen Namen rufen und sein Herz machte einen schon fast ensetzten Hüpfer bei der Gewissheit, dass der Moment, den er vorher fast vier Stunden immer wieder im Kopf durchgespielt hatte, jetzt wirklich gekommen war.

Er drehte sich in die Richtung, aus der der Ruf gekommen war und sah dann Lydia, die auf ihn zueilte, sofort.

Für einen Moment schloss er die Augen und atmete einmal tief ein. Jetzt, oder nie.
Doch als er die Augen wieder öffnete, hatte er das Gefühl, als hätte jemand einen Eimer eiskaltes Wasser über ihm ausgeschüttet. Er blinzelte einmal, aber es gab keinen Zweifel: neben Lydia ging Max.

Es war leicht gewesen, über die richtigen Worte und darüber, wie er sie sagen würde, nachzudenken,  wenn er die entsprechenden Personen gar nicht wirklich vor sich hatte. Aber jetzt, wo Lydia und vorallem Max vor ihm standen, da war mit einem Schlag der alte Toni wieder da. Der zwar ein schlechtes Gewissen hatte, Lydia ausnutzen, aber dem gleichzeitig klar war, dass er sozial geächtet werden würde, wenn er zu dem stand, was er war.

Die wunderbare Zeit mit Gregor war zwar noch da, aber plötzlich kein Argument mehr, gegen den alten Toni anzukämpfen. Ebenso wenig wie, dass er in ein paar Jahren einfach die Stadt verlassen konnte.  Denn sowohl ein Studium als auch Gregor waren weit weg, Max und Lydia aber nicht. Und sie gehörten außerdem irgendwie mehr zu Tonis Realität, als es Gregor tat. Den er eben nicht schon über zehn Jahren kannte und seitdem fast jeden Tag seines Lebens gesehen hatte.

Toni war mitten auf dem Bahnsteig zur Salzsäule erstarrt und taute erst wieder auf, als Lydia, die ihn inzwischen erreicht hatte, beide Arme um ihn warf und ihn fest drückte. "Endlich bist du wieder da!" rief sie. "Ich hab dich so verdammt vermisst!"

"Ja, ich dich auch!" erwiderte Toni mechanisch und beugte sich automatisch zu ihr herunter, als sie den Kopf hob, um sie zu küssen.

"Da bist du ja endlich wieder, mein Alter!" ließ sich jetzt auch Max vernehmen und hieb Toni einmal freundschaftlich auf die Schulter.

"Hey!" nickte Toni ihm zu, ohne Lydia loszulassen, und für eine Sekunde huschte in deutlicher Klarheit das Szenario an seinem inneren Auge vorbei, in dem er Lydia jetzt genau das sagte, was er sich in fast vier Stunden zurecht gelegt hatte, und wie nicht nur ihre Gesichtszüge komplett engleisten, sondern auch Max'. Und sich dann beide umdrehten, weggingen und ihn danach nie wieder ansahen. Und der Gedanke war so furchtbar, dass es seinen Entschluss, es nicht zu sagen, noch mehr zementierte. Auch, wenn er gleichzeitig irgendwo in sich drin eine dumpfe Enttäuschung spürte.  

Max hob Tonis Tasche auf, die der vorhin einfach auf den Boden hatte fallen lassen, und Lydia machte sich von ihm los und strahlte ihn an. "Komm, lass uns gehen! Ich hab extra einen Willkommens-Kuchen für dich gebacken."

"Das ist ja super," erwiderte Toni und hoffte, es würde sich nicht so roboterhaft anhören, wie er sich grade fühlte. Aber das war offensichtlich nicht der Fall, denn Lydia strahlte ihn weiter an und griff nach seiner Hand.

ENDE SIEBZEHN

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