21. Türchen

Für einen Sonntag war es noch sehr früh am Morgen, doch kaum hatte Hermine die Tür zu ihrer Wohnung geöffnet, sah sie, dass Harry bereits wach war. Oder noch. Sie war extra nicht direkt in die Wohnung appariert, um ihn mit dem Lärm nicht zu wecken, doch offenbar war diese Mühe umsonst gewesen. Er saß auf dem Sofa, vor sich ein leeres Glas und eine Flasche mit Feuerwhiskey, die Hände vor der Brust verschränkt, die Augen blutunterlaufen.

Gequält fuhr Hermine sich durch ihr Haar. Wie sollte sie erklären, wo sie die letzte Nacht verbracht hatte? Eigentlich konnte sie es gar nicht erklären, denn sie wusste, wenn sie auch nur erwähnt, dass sie bei Malfoy gewesen war, würde Harry ausrasten. Er würde es nicht verstehen. Sie verstand es ja selbst nicht einmal.

Langsam legte sie ihren Mantel und ihre Umhängetasche ab. Harry hatte sie ganz eindeutig bereits bemerkt, sein Blick ruhte auf ihr, doch er schwieg. Er schwieg und musterte sie mit einem scharfen Blick, als sie sich neben ihn auf das Sofa setzte. Vorsichtig ließ sie einen kleinen Abstand zwischen ihren Körper, faltete ihre Hände in ihrem Schoß und blickte ihn dann offen an.

„Ich habe gehört, du hast mit Ron gesprochen“, sagte Harry schließlich, nachdem er sie eine ganze Weile weiter angeschwiegen hatte. Sie nickte bloß.

„Als du nicht nach Hause gekommen bist, habe ich Ron kontaktiert. Aber er sagte, du wärst nach den Gespräch gegangen“, fuhr er fort, seine Stimme ebenmäßig und ruhig: „Er hat für mich bei Ginny nachgefragt, aber da warst du auch nicht.“

Wieder nickte Hermine bloß. Was sollte sie auch sagen?

„Wo warst du, Hermine?“, fragte Harry schließlich und zu ihrer Überraschung klang er nicht wütend, sondern beinahe sanft und besorgt: „Wo warst du?“

Statt eine Antwort zu geben, sank Hermine einfach in sich zusammen, ließ sich vorwärts fallen, direkt in Harrys starke Arme, der sie sachte und fürsorglich an seine Brust zog.

„Alles ein bisschen viel für dich, mh?“, flüsterte er ihr zu, während seine Hände zärtlich über ihren Rücken fuhren.

Verzweifelt vergrub sie ihren Kopf an seiner Brust. Sie hatte erwartet, dass er mit ihr schimpfen würde, dass er ihr Vorwürfe machen würde, sie anklagen oder beleidigen. Dass er stattdessen so liebevoll und sanft war, machte es ihr nur noch schwerer. Sie hätte sich beinahe eine Standpauke gewünscht, irgendjemanden, der ihr den Kopf zurecht gerückt hätte, dass sie sich absolut daneben benommen hatte. Tränen bahnten sich ihren Weg und Hermine, die nicht länger bereit war, ihre Gefühle zu unterdrücken, ließ ihnen freien Lauf.

„Eine Beziehung beenden ist wohl nicht so leicht“, sagte Harry nachdenklich, seine Hände waren inzwischen zum Stillstand gekommen und hielten sie einfach nur fest: „Ich dachte immer, nur der, der Schluss macht, leidet.“

Schniefend lachte Hermine auf: „Glaub mir, Schluss machen ist ätzend. Vor allem, wenn man seinen Partner immer noch mag. Zurückgewiesen werden ist eine Sache, aber jemanden zurückzuweisen, der einem am Herzen liegt?“

Harry nickte: „Ginny hat auch unglücklich gewirkt, ja. Ich hatte das gar nicht verstanden, ich dachte, sie spielt mir da was vor und tut so, als wäre sie traurig, damit ich mich besser fühle.“

Vorsichtig richtete Hermine sich auf, um Harry ansehen zu können: „Ginny ist eine emotionale Frau. Du weißt doch, dass sie ihre Gefühle auf der Zunge trägt und nichts zurückhält. Als ob jemand wie sie Gefühle vorspielen würde…“

Darauf wusste Harry offenbar nichts zu sagen, denn er schwieg bloß, während er ihren Blick erwiderte. Auch Hermine blieb stumm, innerlich zerrissen, was sie nun tun sollte. Ihre Beziehung mit Ron war gelöst. Noch am Vortag hatte sie gedacht, dass das auch alle anderen Probleme lösen würde, da sie nicht länger zwei Männern gleichzeitig etwas vormachen musste. Und dann kam Malfoy dazwischen. Verfluchter Draco Malfoy. Warum nur war sie zu ihm gegangen?

Zögernd löste sie sich aus der Umarmung. Sie sollte sich von Harry distanzieren. Sie sollte vorläufig auch mit ihm eine Pause einlegen, zumindest bis sie den Malfoy-Fall abgeschlossen hatte und Draco wieder aus ihrem Leben verschwunden war. Bis dahin wären ihre Gefühle einfach viel zu verwirrt und kompliziert. So, wie sie es mit Ron getan hatte, musste sie auch Malfoy aus ihrem Gefühlsleben verbannen, damit sie sich ohne schlechtes Gewissen ganz auf Harry einlassen konnte.

Lächelnd, obwohl sie vor allem Traurigkeit empfand, legte sie ihm eine Hand auf die Wange: „Ich glaube, ich brauche Zeit.“

Ebenfalls lächelnd legte er seine Hand auf ihre: „Ich weiß. Das hattest du ja schon gesagt. Ich gebe dir gerne Zeit. Ich habe kein Problem damit, vorläufig weiterzumachen wie bisher.“

Sie seufzte tief: „Nein… nein, ich meine… ganz ohne irgendwelche… Dinge zwischen uns.“

Harrys Blick verfinsterte sich und er ließ seine Hand wieder sinken: „Warum? Es hat doch die ganze Woche über super funktioniert. Und du hattest auch deinen Spaß!“

Hermine ließ sich zurück in ihre Sofaecke sinken. Sicher hatte sie auch ihren Spaß gehabt, wie er es ausdrückte, aber es machte ihre Situation nicht einfacher. Und es war sicherlich nicht dienlich, um ihre Gefühle zu sortieren.

„Sex hilft mir nicht, meine Gefühle zu analysieren“, erklärte sie schließlich.

Harrys Gesicht verzog sich verärgert: „Warum musst du deine Gefühle denn überhaupt analysieren?“

Ungläubig starrte sie ihn an: „Fragst du das ernsthaft?“

„Ich dachte …“, setzte er an, ehe er sich unterbrach und errötend zur Seite schaute. Leise murmelte er: „Ich dachte, es wäre alles klar zwischen uns und du willst nur Zeit, um Ron nicht zu verletzen.“

Langsam stand Hermine vom Sofa auf, um sich in der Küche einen Tee zu machen. Sie fragte sich, ob das Innenleben der Männer tatsächlich so simpel funktionierte, wie es manchmal wirkte, wenn sie Ron oder Harry reden hörte. Während sie das Wasser ansetzte, erklärte sie: „Es ist nicht klar, Harry. Habe ich das nicht erklärt? Ich habe Angst, dass ich mich auf dich einlasse, ohne mir sicher zu sein. Neue Dinge sind immer aufregend! Eine neue Liebe besonders. Gerade, wenn man aus einer Beziehung kommt, die zuletzt nicht mehr so gut lief und anstrengend wurde, kann ein neuer Mann attraktiver erscheinen, als er wirklich ist.“

„Was soll das denn heißen?“, verlangte Harry zu wissen, der seinerseits aufgestanden und hinter sie getreten war.

Stöhnend fuhr sie sich durch das Haar: „Es heißt einfach nur, dass ich in einer normalen Situation, unter normalen Umständen austesten will, was das wirklich zwischen uns ist. Im Moment befinden wir uns beide in einer Trennungsphase, das kann unseren Blick schon mal verschleiern.“

Bestimmt legte Harry seine Arme um ihre Taille: „Du redest immer so gelehrt daher, Hermine. Entweder du liebst mich, oder nicht, so einfach ist das.“

Sanft entfernte sie seine Hände, die sich deutlich zu intim auf ihre Hüften gelegt hatte: „Nein, eben nicht. Bitte, Harry. Ich hab dich echt gern, aber du musst mir in diesem Fall einfach vertrauen. Wenn ich jetzt nicht versuche, meine Gefühle zu sortieren, ist unsere Beziehung von Anfang an verdammt.“

Endlich ließ er von ihr ab und trat zurück, doch sie konnte die Anspannung in seinem gesamten Körper sehen. Sein Blick wurde traurig, als er schließlich leise antwortete: „Ich liebe dich, Hermine. Schon ewig. Und jetzt habe ich endlich die Chance, da was draus zu machen. Ich habe keine Lust mehr zu warten. Bitte … bitte lass dir nicht zu viel Zeit, okay?“

Sie nickte. Sie würde sich nicht zu viel Zeit lassen. Sie würde die Malfoy-Akte nächste Woche schließen und damit Draco aus ihrem Leben verbannen. Und nach den Feiertagen, wenn Weihnachten und Silvester vorbei waren, würde sie sich vollständig auf Harry und ihre Gefühle für ihn konzentrieren.

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