22. Dezember

Genervt lief Hermine hinter Lydia her. Wieder einmal hatte sie sich von ihrer Klassenkameradin dazu überreden lassen, ihr zu helfen. Eigentlich hatte Lydia ihre Freundlichkeit gar nicht verdient, zu viele gehässige Bemerkungen hatte sie vor und hinter ihrem Rücken geäußert, dennoch fand Hermine sich regelmäßig in Situationen wieder, in denen sie ihr nichts abschlagen konnte. Also begleitete sie heute, zwei Tage vor Weihnachten, Lydia zur Klausureneinsicht. Sie hatte ja die leise Vermutung, dass Lydia nur einen Grund gesucht hatte, um Malfoy noch einmal aufzusuchen.

Ihr selbst wäre es lieber gewesen, ihn nicht noch einmal zu sehen. Als sie am Morgen aufgewacht war, tröpfelte Stück für Stück in ihren Kopf, was am Vortag geschehen war. Und sie schämte sich unendlich. Selbst wenn sie Malfoys Motive nicht kannte und diese vermutlich zweifelhaft waren, so war es doch extrem unhöflich, eine feste Verabredung auf diese Weise platzen zu lassen. Sie würde ihm nicht in die Augen sehen können, und da Lydia die bei ihm geschriebenen Klausuren einsehen wollte, war ein Treffen unausweichlich. Ein Teil von ihr sehnte sich nach einem weiteren ebenbürtigen Schlagabtausch mit ihm, ein Teil wollte ihn nie wieder sehen. Entsprechend verunsichert, was sie fühlen sollte, trat sie hinter Lydia in den Kursraum ein.

Außer ihnen war nur George Wickham zur Einsicht gekommen. Malfoy stand gelangweilt am Fenster und schaute hinaus, während George Seite um Seite in seinem Heft penibel durchblätterte, um jeden auch noch so kleinen Fehler, den sein Professor eventuell gemacht haben könnte, zu finden.

„Guten Tag, Professor Malfoy“, sprach Lydia ihren ehemaligen Geliebten schüchtern an. Hermine hatte beinahe Mitleid mit ihr – es war deutlich, dass Lydia noch immer nicht über den Korb hinweg war, und ebenso offensichtlich war, dass Malfoy die ganze Sache schon gar nicht mehr interessierte. Er nickte ihr nur kurz zu als Erwiderung, um dann stattdessen seine volle Aufmerksamkeit auf Hermine zu richten: „Sie haben die volle Punktzahl in dieser Klausur erreicht, Miss Granger. Was führt Sie hier?“

Hermine klaubte den Rest ihres Mutes zusammen, damit sie seinen Blick gelassen erwidern konnte: „Miss Bennet hier bat mich um Begleitung. Da ich diese Klausur, wie Sie richtig erkannt haben, Professor, mit voller Punktzahl abgeschlossen habe, erhofft sie sich, mit meiner Hilfe bei der Klausureneinsicht so viel wie möglich zu lernen. Ein sehr löbliches Vorhaben, nicht wahr?“

„Die Klausur von Miss Bennet zeigte Wissenslücken, die auf einen offensichtlichen Mangel an Aufmerksamkeit im Unterricht schließen lassen. Nachträgliche Einsicht mag ja schön und gut sein, löblich hingegen hätte ich es gefunden, wenn sie schon zuvor solchen Eifer gezeigt hätte. Und ja“, sagte Draco direkt an Lydia gewandt: „Das dürfen Sie ruhig als Aufforderung für den nächsten Block verstehen.“

„Manch einer lernt nun einmal nicht so schnell“, mischte sich da George ein: „Und manchem liegt ein gewisses Themengebiet nicht. Ich finde es sehr unangemessen von einem Professor, wenn er seinem Schüler Unaufmerksamkeit vorwirft.“

„Achso“, kam es mit hochgezogener Augenbraue von Draco: „Also wäre es charmanter gewesen, wenn ich Miss Bennet als dumm bezeichnet hätte, so wie Sie es gerade getan haben? Ich halte jeden meiner Schüler zuerst einmal für intelligent. Entsprechend rechne ich jeden allzu groben Fehler mangelnder Aufmerksamkeit im Unterricht zu. Letzteres lässt sich auch deutlich leichter ändern als schlichte Dummheit.“

Beinahe hätte Hermine gegrinst. Sie wusste nur zu gut, dass Draco Lydia nicht nur für faul, sondern auch für dumm hielt, aber das konnte er als Professor tatsächlich schlecht zugeben. Und offensichtlich hatte er auch einfach Spaß daran, George von oben herab zu behandeln, nachdem dieser immerhin für die Gerüchte um sie beide verantwortlich war.

„Lass gut sein, George“, murmelte Lydia, die inzwischen hochrot angelaufen war und beschämt zu Boden blickte: „Professor Malfoy hat ja Recht.“

„Nein, es ist nicht gut!“, beharrte dieser: „Es gibt keinen Grund, dass du dir sowas von einem Professor gefallen lässt. Du bist besser als das.“

Nachdenklich blickte Hermine ihre beiden Kurskameraden an. Wenn sie genauer darüber nachdachte, waren George Wickham und Lydia Bennet wie füreinander geschaffen. Sie war hübsch, fügsam und nicht sonderlich helle im Kopf, er war attraktiv, gerissen, aber ebenfalls nicht sonderlich helle im Kopf, auch wenn er sich für besonders intelligent hielt. Sie würden ein wunderbares Paar bilden. Lächelnd zupfte sie an Lydias Ärmel und als diese sich zu ihr umdrehte, flüsterte sie ihr ins Ohr: „Warum lässt du Malfoy nicht einfach fallen? So ein Arschloch hat dich gar nicht verdient. Unser guter George hier hingegen scheint ein Auge auf dich geworfen zu haben, so, wie er dich gerade verteidigt hat. Das war doch sehr ritterlich, meinst du nicht?“

Mit großen Augen starrte Lydia sie an, doch Hermine konnte sehen, wie schnell sie sich mit dem Gedanken anfreunden konnte. Es war einfach zu offensichtlich, dass Lydia nicht die große Liebe, sondern eine Romanze suchte, am besten mit einem gutaussehenden Kerl, der ihr zu Füßen lag. Und George schien der Typ dafür zu sein. Mit mühsam unterdrücktem Grinsen beobachtete Hermine, wie Lydia ihn wimpernklimpernd anschaute, wie er daraufhin rot wurde und seine Klausur zur Seite legte, um sie auf unheimlich galante Weise zu einem Kaffee einzuladen. Ehe Hermine bis drei zählen konnte, waren die beiden verschwunden.

„Wenn du in deinem eigenen Liebesleben auch so entschieden handeln würdest, wie du es hier als Kupplerin getan hast, wären wir alle schon einen mächtigen Schritt weiter.“

Überrascht drehte Hermine sich zu Draco um. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie plötzlich mit ihm alleine im Raum war. Unsicher blickte sie zu Boden: „Ich weiß nicht, was du meinst.“

„Doch, das weißt du“, erwiderte Draco gelangweilt: „Du willst dich dem nur nicht stellen. Ich verstehe zwar nicht, wieso, aber anscheinend bevorzugst du es wegzulaufen.“

Sie wusste, was er meinte. Natürlich wusste sie es. Was sie jedoch nicht verstand, war, warum er sie dazu zwingen wollte, ihre Gefühle einzugestehen oder gar auszusprechen. Was hatte er davon? Wenn er nicht gerade auch in sie verliebt war, konnte das für sie nur nach hinten losgehen.

Moment.

War etwa Draco Malfoy …? Nein, der Gedanke war absurd. Allerdings … warum starrte er sie so erwartungsvoll an? Hoffte er auf irgendetwas? Wartete er auf bestimmte Worte? Unfähig, sich dieser neuen Möglichkeit sofort zu stellen, sagte sie leise: „Ich muss jetzt gehen.“

„Natürlich musst du das.“

Wieder klang er genervt. Rasch fügte Hermine hinzu: „Wenn du willst, können wir heute … nein, besser morgen Abend das Essen von gestern nachholen. Ich zahle auch, als Entschuldigung.“

Für den Bruchteil einer Sekunde meinte sie, freudige Erregung in seinen Augen aufleuchten gesehen zu haben, doch sofort hatte er wieder seinen gelangweilten Ausdruck aufgesetzt: „Du gehst als Entschuldigung mit mir essen?“

„Ich … ich weiß nicht genau“, flüsterte sie: „Das sehen wir morgen, okay?“

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