22. Kapitel

Victor ging es nicht besonders gut. Offensichtlich war es ihm in den letzten Tagen nicht gut gegangen. Doch nach dem Besuch von Julia war er noch trauriger und nachdenklicher gestimmt. Bis zuletzt hatte er gehofft, dass ihm der Arzt helfen konnte. Schließlich hatte er studiert, doch so etwas wie Victors Zustand schien es noch nie gegeben zu haben. Ein kleiner Lichtblick war, dass Herr Greidt nun die Informationen über ihn weitergegeben hatte und nun auch seine Kollegen über seinen Zustand nachdenken konnten.

Er konnte die Gedankengänge und Schlussfolgerungen des Kommissars nachvollziehen. Dennoch kannte ihn dieser nicht so gut wie er sich selbst. Victor wusste mit Sicherheit, dass niemand anders als er selbst für seinen Zustand verantwortlich zu machen war. Keiner hatte ihn in irgendeiner Weise beeinflusst, sodass er von der einen auf die nächste Sekunde wie eine starre Eisstatue dagestanden hatte. Die einzige noch offen bleibende Frage war: Wie ist es dazu gekommen?

Ihm war klar geworden, warum Julia ihn immer wieder besuchte. Das lag weder an seinem tollen Aussehen noch an der unvergesslichen ersten Begegnung. Der Grund dafür war einzig und allein, dass er Julia zuhörte. Sicher war das zunächst ungewollt und er war sich auch nicht sicher, ob er das im 'normalen' Zustand jemals getan hätte. Doch er lag nun einmal in dem kleinen Zimmer auf der Intensivstation und hatte Zeit. Viel Zeit. Und diese Zeit nutzte Julia, um ihre Sorgen loszuwerden. Wie Victor bemerkt hatte, beschäftigten sie weder oberflächliche noch existentielle Probleme. Sie machte sich einfach Gedanken über ihre Erlebnisse – so wie vermutlich jeder andere auch. Von Anfang an hatte Victor Parallelen zwischen ihren und seinen Gedanken gefunden.

In den letzten Tagen hatte er nur starr in seinem Zimmer gelegen. So hatte er genügend Zeit zum Nachdenken gehabt. Er hatte überlegt, was jetzt anders war als zuvor, als er noch die Straßen entlang zum nächsten Termin hetzte. Eine Sache war offensichtlich klar: Hier in dem kleinen Raum hatte er sich noch kein Stück weit bewegt. Er war ruhiger und vielleicht etwas geduldiger geworden. Die Besuche von Julia hatte er zu schätzen gelernt, auch wenn er sich nicht mit ihr unterhalten konnte.

Und so kam für Victor wieder nur eine Ursache für seine Situation infrage: Es musste etwas mit ihm, mit seinem Verhalten zu tun haben. Vor einigen Tagen noch war er durch die Straßen geeilt, auf dem Weg zum nächsten Termin. Er hatte wenige Beschäftigungen gekannt. Nur arbeiten, essen und schlafen. Mehr hatte es für ihn nicht gegeben. Und wie er darüber nachdachte, wunderte er sich, wie er so hatte leben können. Seine Unterhaltungen hatten fast immer geschäftlichen Inhalt. Ansonsten hatte er noch die leichten Gespräche in den Pausen gekannt, die meist das Wetter oder andere Banalitäten thematisierten. Das, so wurde ihm jetzt klar, glich sozialer Verarmung. Und es hatte ihn nie gestört.

Eben das war auch ein Grund dafür, warum er kaum noch Emotionen zeigte. Um produktiv zu arbeiten war es wichtig, sich so wenig wie möglich von Gefühlen beeinflussen zu lassen. Und das war ihm zweifelsohne gelungen. Doch auch das familiäre Umfeld hatte nicht unbedingt dazu beigetragen, seine Gefühle offen zu zeigen. Schon viele Jahre lang hatte er nicht mit seinen Eltern gesprochen. Er war davon ausgegangen, dass sie sich melden würden, wenn sie mit ihm sprechen wollten. Sein Verhalten war falsch gewesen, das wurde ihm jetzt klar. Vielleicht hatten sie ihm die ganze Zeit Freiraum gegeben, damit er entscheiden konnte, wann er auf sie zugehen und mit ihnen reden möchte.

Victor stellte fest, dass er keinem Menschen je sonderlich nahe gestanden hatte. Eine Freundin oder Partnerin hatte er nicht. Und wie bei so vielem hatte er sich auch darüber nie gewundert oder Gedanken gemacht. So gab es keinen Menschen, der besonders viel Einfluss auf ihn hatte – ausgenommen seines Vorgesetzten. Dadurch hatte ihn auch niemand je sonderlich positiv beeinflussen können. Das einzige, was ihn geprägt hatte, waren Karrieredenken und die Bestrebung, alles wie gefordert oder sogar noch besser zu erledigen. Gefühle hatten da nie eine große Rolle gespielt.

Keine Freundin hatte je – ob freundlich oder bestimmend – um Besserung seines Verhaltens bitten können. Das hatte dazu geführt, dass er emotional erkaltet war. Und damit lagen die Ereignisse der letzten Tage auch nicht so unwahrscheinlich. Es war zwar etwas absurd, aber Erkaltung und Erstarren waren in der Tat nicht besonders weit voneinander entfernt. „Das muss die Ursache für meine jetzige Situation sein“, dachte er.

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