24. Verzweiflung und Angst- Samuel

Wie konnte sie!?
Ich verschmetterte die Verandatür, um hineinzugelangen. Nichts war verwüstet, abgesehen davon, dass nun tauende Scherben den Boden zierten und die Tür am Boden lag. Es machte mich rasend, das dieses Weib mal wieder nicht auf mich gehört hat und nun in den fingern dieses Jungen lag. Wie hatten er uns gefunden? Schon seit Wochen waren die Familien dabei gewesen, sich gegenseitig zu dezimieren. Sie hatten den Köder geschluckt. Was hatte sich geändert?
„Wir werden sie finden.“ Dante legte eine Hand auf meine Schulter. Ich schlug sie fort, das konnte er sich sparen. Meine Frau und mein Bruder waren in Gefahr. Wer wusste schon, wo er sie hinbringen würde.
Die Verbindung war abgebrochen. Sie mussten sie gewaltsam aus unserem Netz getrennt haben. Hexenwerk. Damit hatte ich nicht gerechnet. Tausende Erklärungen schossen durch meinen sonst georteten Kopf. Die Angst lähmte mich.
„Samuel beruhige dich.“
„Beruhigen!? Sie haben sie Gideon!“ Ich wollte hinausstürmen, doch Joe stellte sich mir in den Weg. Wenn der Kerl sich jemanden in den Weg stellte, sollte man gehorchen. Der Berg, wie wir ihn öfter nannten, war zahm wie ein Hündchen, doch er konnte auch gewaltig anders, wenn er musste, wie in diesem Moment. Ich wollte an ihm vorbei, er packte mich. Als wäre ich federleicht, hielt er mich einfach auf der Position. Ich wurde knallrot, als mir vor Wut das Blut zu Kopf stieg. Durch seinen Griff konnte ich mich nicht mehr rühren.
„Sei nicht dumm, wenn du etwas Unüberlegtes tust, wird sie Dafür leiden.“
„Er hat recht.“ Dante kam hinüber. „Sie werden sich melden. Ich glaube nicht, dass es angeordnet war.“ Die Oberhäupter würden anders vorgehen. Sie würden sie sofort töten, und alle gleichzeitig angreifen.
„Es geht um Rache. Ich werde mich mal umhören.“ Damit war Nick fort, Hawk tat es ihm gleich. Sie waren alle da, das ganze Rudel.
„Lass los“, knurrte ich Joe an.
„Du kannst nicht klar denken.“
„Sie ist -“
„Deine Auserwählte und genau deswegen werden wir sie gesund wiederbekommen“, unterbrach mich Gideon. „Sie ist schlau. Verdammt schlau. Sie werden nicht denken, dass sie sich wehrt. Sie war zu kooperativ. Wir werden schon noch ein Zeichen bekommen. Doch bis dahin, darfst du dich nicht von deinen Gefühlen leiten lassen.“ Schwerer gesagt als getan, wenn der Wolf verzweifelt versucht hinaus zu springen, um jeden, der sich ihm in den Weg stellte, die Kehle aufzureißen. „Sei, wer du warst, bevor du sie trafst.“ Mein Körper spannte sich an, wollte ich das sein? Ich atmete tief durch, Joe ließ mich los. Der musste ich wohl sein, wenn ich mein Weib lebend wiedersehen wollte. Der Wolf jaulte innerlich, bei dem Gedanken Nida verlieren zu können. Es würde mich wahnsinnig machen. Verzweiflung, Angst und Wut machten sich breit. Die Hilflosigkeit überkam mich.

Mein Bein zitterte unaufhörlich auf dem Boden herum, als ich in Gideons Wohnung wartend auf ein Zeichen verzweifelte. Zwei verdammte Stunden waren vergangen, keine Meldung. Nicht mal Nick hatte etwas herausgefunden. Außer das die Familien sich weiter zerfleischten. Somit war die Entführung von dem Jungen ausgegangen, den ich weit unterschätzt hatte. Er selbst hatte es in die Hand genommen, hatte einen schwachen Moment in unseren Reihen ausgenutzt. Ich verfluchte mich für meine Fehler. Hätte ich Nida nicht dort hin gebracht, hätten Gideon und die anderen das Revier nicht verlassen. Eine Gelegenheit, auf die er gewartet haben muss. Woher wusste der Knabe von uns? Woher wusste er, wer wir waren?
„Gib ihnen Zeit.“ Dante schlich wie ein Tiger durch den Raum. Zeit hatte ich nicht, nicht mal um mich vor ihnen zu verbergen, andererseits war es mir vollkommen egal. Sollten sie wissen was mit mir passierte, es war unwichtig, wenn ich Nida nicht zurückbekommen würde.
Ich hielt inne, wie hatte ich mich so schnell an die Frau gewöhnen können? Es war kaum Stunden her, dass sie mir gehörte, nun war ein Leben ohne sie undenkbar.
Gideon saß in seinem Stuhl und starrte hinaus, noch nie hatte mich seine geistigeabwesenheit so provoziert wie heute. Es waren unsere Leute und wir warteten nur ab. Würde ich mir das verzeihen können? Ich stand auf.
„Bleib.“ Ein klarer Befehl von Gideon. Bleib, das musste gerade er sagen. Genau das hatte ihn damals in die scheiße gerissen. Ich schmiss die Gedanken beiseite, sich noch mehr Feinde zu schaffen war nicht nötig, vor allem nicht ihn.
Meine Muskeln schmerzten, mein Wolf wollte hinaus, wollte reißen und sein Weib bestrafen für ihr Fortlaufen. Wie hatte ich sie auch nur eine Sekunde aus den Augen lassen können, langsam musste ich das störrische Geschöpf besser kennen. Blanke Wut stieg auf, wie konnte sich ein Wächter von einem einzigen Jäger besiegen lassen? Mein verfluchter Bruder hatte sich verschlossen, nur wieso? Was hatte er zu verbergen, was ich hätte nicht erfahren dürfen? Er hasste Nida, dass er ihren Tod wollte, war mir nichts Neues. War es Eifersucht? Das konnte ich mir nicht vorstellen. Der Wolf knurrte, wie konnte ich nun an meinen Bruder denken? Sobald er aufwachte, wusste er, was zu tun war, um sich zu verteidigen und zu überleben, bis wir kamen. Doch Nida war neu. Ein Blitz donnerte durch meine Gedanken.
„William!“, schrie ich wie aus der Kannnone geschossen. „Du verfluchter Bastard, tauch auf!“, erschrocken blickte mich Dante an.
„Er wird nicht kommen.“
„Doch das wird er und wenn ich ihn herunterreißen muss!“
„Das wird nicht nötig sein.“ Eine emotionslose Stimme kam aus der Ecke des Raums. Gideon stand auf, Dante wendete sich ebenfalls der Bedrohung entgegen. Gale ging sogar einen Schritt zurück. Er war zu nah an dem gefährlichen Krieger, dem Wolfsgott selbst.
Er war gefürstet, berüchtigt für seine Entscheidungen wenn nötig Hunderte zu opfern, wie er es in den ersten Kriegen der ersten Zeit gerne getan hatte. Tausende seiner eigenen Leute sind ihm zum Opfer gefallen, wie man wusste zu einem guten Zweck. Es gab unzählige Schauermärchen über die ersten Kriege. Tage lang voll Schatten und Blut. Wenige dieser Legenden handelten von Licht und liebe. Nur eine einzige behandelte eine Frau, dessen William sich annahm, um die Menschheit zu retten. Natura. Die symbolische Frau, die für die Erde selbst stand.
Er lehnte sich lässig an den Rahmen der Tür und verschränkte die Arme wie die ruhe selbst. Das Leben seine Tochter stand auf dem Spiel, doch er machte keine Anzeichen der Unruhe. Ein Umstand, der meinen respektiert, den ich ihm all die Jahre gezollt hatte, minderte.
Er ließ zu, dass seine Tochter in Gefahr geriet. Ich konnte mir nur vorstellen wieso. Aus Spaß oder Langeweile. Er war ein Wolf, vollkommen und ungetrennt. Er war eins mit sich. Eins mit seinem Tier. Genau deswegen, sollte man ihn fürchten. Was auch jede der vielen verschiedenen Rassen, ob die Eiswölfe oder die Silberwölfe, unter ihm taten.
Niemand wollte William in seiner Nähe, trotz seiner Seltenenden Hilfestellungen, war er nicht für seine Gutmütigkeit, sondern für seine eiskalte Art bekannt.
„Nida.“
„Ich weiß“, unterbrach er mich und löste sich schnaubend von der Wand, als würde ihm das Thema nicht gefallen. Langsam ging er im Zimmer umher und sah sich um. Gideon ballte die Fäuste. Innerlich wusste er, dass er nichts tun konnte, niemand von uns konnte das.
„Hilf uns.“
„Du bist ihr Mann.“ Nun waren es meine Fäuste, die sich ballten und unter dem Druck ächzten. Er würde nicht helfen, wollte es nicht, andererseits hatte er recht, ich hätte mich längst auf den Weg machen müssen. „Was hält dich auf?“ Er wendete sich zu mir um. Er war kaum einen Meter von mir entfernt und blickte mir tief in die Augen. In ihnen lag nichts. Kein Gefühl, keine wärme. Er war rein. Ein Licht, dass nicht von Gefühlen oder Regungen beeinflusst wurde. Nie hatte ich so klar erkannt, das wir nichts mit ihm gemeinsam hatten.
Seine Augen waren mir so bekannt, dass es mir einen Stich versetzte. Könnten so leer auch ihre Augen werden? Vom leuchtenden Inneren bis zum intensiven äußeren des Grüns der Iris. Gefühlslos und kalt?
„Ich“, mischte sich Gideon ein.
„Und du hast das Recht, weil?“
„Ich bin sein Anführer, ich habe jedes Recht.“
„Und er ist ihr Mann. Der, der ihre Sicherheit garantieren sollte.“ Ich spürte einen dumpfen Schlag in die Magengrube. Das würde noch ein sehr unterhaltsames Gespräch werden.
„Wenn sie erfahren, was sie ist ...“, drohte Dante, doch er wurde einfach ignoriert, als wäre er nichts wert. Ein Umstand der Dante tief traf.
Er sah wieder zu mir, fixierte mich. In ihnen schwang etwas Bedrohliches mit.
„Wenn ich sie dort hinausholen muss, werde ich sie mitnehmen.“ Meine Hände entspannten sich augenblicklich. Der Schock saß tief, dass er überhaupt solch eine Drohung aussprach.
Niemand nahm mir mein Weib. Nicht mal ein Gott.
War es das, was er wirklich wollte? Nidas Erinnerungen waren verworren, wenn es um das Treffen der beiden ging. Ich hatte keinen Zugang zu ihrem Gespräch, wohl, weil er es nicht zuließ. Langsam konnte ich mir zusammenreimen wieso.
„Das wird nicht nötig sein.“
„Wir werden sehen Samuel, ob du dich als der erweist, für den sie dich hält.“
„Das werden wir.“
„Dann sorg schnell dafür, dass du sie wiedererlangst oder ich werde sie holen. Ob sie will, oder nicht.“ Damit wedete sich ab und ging hinaus. Draußen vor der Tür jedoch kam niemand hinaus, er war einfach verschwunden, so schnell, wie er gekommen war.
„Eine große Hilfe.“ Dante rieb sich die Augen. „Und was jetzt? Warten wir weiter?“ Er sah zu mir.
Ich hatte William richtig verstanden, der Mann hatte recht. Ich saß schon viel zu lange nur auf dem Hintern. Es wurde Zeit.
„Samuel.“
„Nein. Was würdest du tun, wenn es Sie wäre?“ Damit wendete ich mich ab. Viel zu lange hatten wir gewartet, hatten gehofft. Es war untypisch für uns. In einem hatten Gideon recht. Ich musste wieder der werden, der ich war. Anders würde ich Need wohl nicht mehr wiedersehen.
Ich sprang das Gerüst hinab und verwandelte mich. Auf dem Boden angekommen rannte ich los, hinaus und in den Wald. Mein Weib wie mein Bruder brauchten mich, brauchten meinen kühlen Kopf. Ich würde alles tun, um sie zurückzubekommen. Mir folgte ein Teil meines Rudels. Zusammen liefen wir zum Haus den Jungen. Sie würden nicht dort sein, doch irgendein Wolf würde es und dieser würde mir antworten geben.

Ich hatte recht behalten, genau drei Sicherheitsleute waren im Haus. Allesamt nun gefesselt auf Stühlen. Zwei von ihnen waren immer noch ohnmächtig, der eine starrte mich an. Bereit für den Schmerz. Mein Wolf heulte auf, am liebsten hätte er ihm sofort die Kehle aufgerissen. Ich saß locker auf dem Tisch und betrachtete ihn. Die Unsicherheit und die Zeit würden ihn mürbemachen. Man sah ihm an, dass er nicht der härteste Kerl war. Schweiß lief ihm über die Stirn, der mit jeder Minute mehr wurde.
„Na los, töte mich“, fing er an. Ein leichtes Grinsen schnellte hoch. Bald hatte ich ihn da, wo ich ihn haben wollte. Mit verschränkten Armen hatte ich ihn fest im Blick.
Ich roch Angst und Verzweiflung, sie wurde sekündlich mehr. Immerhin ließ ich ihm die Zeit, über die Dinge nachzudenken, die ich ihm antun würde. Er atmete schnell, sein Puls sprang fast durch die Decke. Nach meinem Geschmack ging es zu schnell, ich bevorzugte die harten Gesellen, die man stundenlang schmoren lassen musste. Andererseits war es zu diesem Zeitpunkt genau richtig. Es musste schnell gehen und irgendeiner von den Jungs konnte mir sicher antworten geben.
„Hast du schon mal einen Knochen, zum Beispiel die der Finger, versucht mit einer normalen Schere zu durchtrennen?“ Er wurde bleich. „Nein? Ich auch nicht.“ Ich nahm die Schere von der Theke, langsam ging ich auf ihn zu und kniete mich vor ihn. „Wo?“ Die Umgebung begann zu knistern, sein pochendes Blut war fast zu hören.
„Ich weiß nicht, was du meinst.“
„Lügner.“ Damit nahm ich seinen Finger und schnitt mit viel Kraft seinen kleinen Finger an. Die Schere war stumpfer als gedacht, wodurch es nur noch schmerzhafter für ihn wurde und die unsaubere Wunde wie Sau blutete. Trotzdem war er lange nicht durch. Er grölte und schrie beim ersten Finger. Hätte Melak Nachbarn gehabt, würden diese sicherlich vor der Tür stehen.
„Nein, nein!“, schrie er immer wieder, als ich an seinem anderen Finger sägte. Kaum das ich anfing, machte seine Blase schlapp. Wie kam man nur an so ein Personal? Als Schutzwächter sollte man mehr zu bieten haben. Ich ließ ab und ging ein Paar Schritte zurück.
„Hat das dein Gedächtnis auf die Sprünge geholfen?“, ein bekanntes Gesicht kam durch die Balkontür hinein. Gale, gefolgt von Dante, platzierte sich neben mich.
„Antworte ihm.“ Ich nickte Dante zu. Also hatte sich Gideon entschieden. Ein Grinsen erfüllte mein Gesicht, mein Wolf scharrte auf dem Boden vor Freude. Wir würden dafür sorgen, dass die Melaks es bereuen. Sie hatten sich mit den Falschen angelegt und wenn wir jedem auf unserem Weg töten würden. Unsere Leute bekamen wir wieder, gesund und lebendig.

„Was für eine Sauerei.“ Dante schmiss dem Stuhl mit dem leblosen Mann um. Keiner von ihnen hatte überlebt, der ganze Boden war voller Blut. Ich hätte sie am Leben gelassen, hätten mir ihre Antworten gefallen. Mehr als ein persönlicher Rachefeldzug den Marcus anstrebte, war nicht dabei herausgekommen.
„Nick?“, fragte ich Dante.
„Nicht viel mehr als vorher. Sie bekämpfen sich immer noch. Soll recht blutig sein. Beide Parteien sind stark dezimiert. Von einem Racheakt der Alphas nicht die Rede.“
„Der Melak handelt also wirklich unautorisiert.“ Er nickte.
„Er wird nicht viele haben, die ihm helfen“ Was endlich eine gute Nachricht war. Wenn er nicht viele Leute hatte, hieß es, dass es nicht viel Widerstand geben würde.
„Haben sie sich gemeldet?“
„Nein.“ Mehr wollte ich nicht wissen, denn nun würde ich zu ihnen kommen.
„Nach vier Stunden auch nichts ungewöhnlich“, meldete sich Gale zu Wort.
„Ein Zeichen, wo sie sein könnten?“, fragte ich zur Sicherheit. Ich hatte bereits eine Vermutung, die die blutigen Überbleibsel Scherbenhaft hinausgerückt hatten. Andere Informationen hatten wir selbst vor langem schon beschafft.
„Die Melaks haben viele Fabriken in denen sie produzieren“, warf Dante ein.
„Das Landhaus“, stellte ich Fest. Es war ein Ort, den ich definitiv bevorzugen würde.
„Viel Platz, einen klaren Überblick und sicherlich viele dunkle Stellen. Hört sich plausibel an“, stimmte Gale zu.
„Dann schauen wir uns mal um“, stimmte Dante zu.
Ich konnte es kaum abwarten diesen Kerl in Pfetzen zu reißen, natürlich würde es nicht so einfach werden, doch genau das machte den Reiz aus. Ich würde ihn leiden lassen, dafür was er meiner Familie antat.
„Sie sind auf dem Weg“, versicherte mir Dante, natürlich wusste ich es bereits, dass auch der Rest unterwegs war. Das ganze Rudel würde anrollen, niemand von ihnen würde Gnade zeigen. Mein Gemüt verdunkelte sich, es würde ihr letzter Tag auf dieser verdammten Erde sein.

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media