27


                                                    MARIE

Irgendwann werde ich von einem Schrei geweckt. Er ist schrill und voller Verzweiflung. Ich öffne meine müden Lider. Versuche mich zu orientieren. Ich hatte keinen schrecklichen Alptraum. Es ist die Realität. Kein verdammter Traum, so wie ich gehofft habe. Um mich herum sind noch immer die Gitterstäbe. Noch immer bin ich gefangen an einem Ort des Grauens. Ich muss eingenickt sein. Der Schmerz und die Tortur der letzten Stunden haben mich erschöpft. Noch immer spüre ich diesen Schmerz in meinen Knochen und in meinen Gedanken. Er wird mich nicht loslassen. Niemals. Ich versuche die Herkunft des Schrei`s auszumachen. Mein Blick stoppt letztendlich bei einem Jungen, der noch keine Zwölf Jahre alt sein kann. Sein Oberkörper ist nackt. Seine Haut von roten Striemen überzogen. Mein Herz zerbricht. Er wirkt wütend und dennoch spiegelt sich in seinem Gesicht auch Angst. Seine Haare sind kurz geschoren und seine Muskeln sind, trotz seines Alter`s bereits sichtbar. So, als würde er jeden Tag an seine Grenzen gehen müssen. Kein Wunder, so wie er gerade gegen einer dieser Maschinen ankämpft. So einen Typen wie E-Neunzehn. Wahrscheinlich sein kleiner Bruder E-Sieben. Ich schüttle bei dem Gedanken meinen Kopf. Wie krank ist diese Welt? Als würde dies hier einer der riesigen bösartigen Tumore sein, die die Welt befallen.

Die Szene vor meinen Augen wird noch bizarrer als der Junge sich wirklich gegen diesen E-Irgendwas zur Wehr setzt und ihm tatsächlich einen Schlag verpasst, der sogar diese Maschine zusammenzucken lässt. Das Einzige das verraten könnte, dass er noch ein Kind in sich trägt, ist seine helle Stimme.

„Ich gehe nicht mehr zurück. Lass mich in Ruhe.“

Die Nummer sagt kein Wort. Dennoch packt er plötzlich den Jungen an seinem Oberarm und zieht ihn näher. Doch er kann sich erneut befreien. Mit einem Tritt gegen sein Schienbein und einem Hieb mit seinem Ellbogen in die Seite von diesem Riesen. Er scheint zwar nicht sonderlich schmerzempfindlich zu sein, aber er ist dennoch so abgelenkt, dass der Junge entwischen kann. Er läuft schnell an uns vorbei. Will vor dem Riesen flüchten. Doch dieser macht nicht einmal den Eindruck, als hätte er Angst, dass der Junge entkommen könnte, denn seine Schritte sind langsam, als er ihn verfolgt.

„Lass ihn in Ruhe.“

Ich höre die Worte erst, als ich sie bereits über meine Lippen gebracht habe. Ich fühle so sehr mit diesem Jungen, dass ich nicht aufhören kann, meinen Beschützerinstinkt zu verdrängen. Doch kurz darauf höre ich Eva, die neben mir an die Rückwand des Käfigs gelehnt sitzt und die diese Situation nicht zu beunruhigen scheint.

„Du kannst ihm nicht helfen. Sei still, ansonsten werden sie dafür sorgen, dass du nicht mehr sprechen kannst.“

„Aber...er ist doch noch ein Kind. Wie sollte ich ihm nicht helfen wollen?“

Ich schüttle meinen Kopf, umgreife die Gitterstäbe und versuche ihm mit meinem Blick durch die langgezogene Halle zu folgen. Mein Gesicht berührt den kalten Käfig und ich kann ihn nur noch im Augenwinkel sehen, bevor ich einen wütenden Schrei von dem Jungen höre. Mein Herz bricht erneut. Ein weiterer Riss. Wie können sie nur einen kleinen Jungen festhalten. Engel, Dämon, Mensch oder irgendetwas anderes. So etwas ist nicht richtig. Dann höre ich plötzlich eine Frauenstimme. Mein Hass wächst. Savannah.

„Ich sagte doch, du sollst dieses Biest nicht aus den Augen lassen. Wieso hast du ihm nicht gleich eine Dröhnung verpasst? Ach ja, hab vergessen, dass du kein Gehirn hast, Idiot.“

Ihre Stimme klingt verärgert. So, wie eigentlich immer. Sagte ich schon, dass ich sie hasse? Ich höre Schritte näher kommen. Doch ich kann mich nicht bewegen. Ich muss wissen, was sie mit dem Jungen gemacht haben. Und dann. Dann sehe ich ihn. Er liegt über die Arme von der Nummer. Salivana geht vor ihm. Ihre Boots geben ein dumpfes Geräusch ab, wenn sie auf dem Boden auftreffen. Aber mein Blick ist wieder auf den Jungen gerichtet. Seine Arme hängen Schlaff hinab. Sein Kopf hängt ebenfalls über den riesigen Arm der Nummer. Seine Augen sind leicht geöffnet. Ich versuche herauszufinden, was mit ihm los ist. Doch dann blinzelt er und sieht mich an. In seinen Augen ist Trauer und dennoch plötzliche Neugier zu erkennen. Als würde er überrascht sein, dass ihn jemand wie ich ansieht. Das ihn jemand wirklich sieht. Er lebt. Er ist nicht tod. Noch nicht. Denn wer weiß, was sie mit ihm machen werden? Bei diesem Gedanken schnürrt sich meine Kehle zu. Alina ist fast so alt wie er. Ich würde es nicht ertragen, wenn sie jetzt leblos von mir getragen würde. Fast will ich meine Hand nach ihm ausstrecken, da schrecke ich hoch, als ich die von mir gehasste Stimme wahrnehme.

„Hey, Schlampe. Zurück an deinen Platz, sonst werd ich dir als nächstes deine Finger einzeln absägen.“

Savannah`s bösartiges Lachen hallt in der Halle und auch, wenn ich keine Angst vor ihr haben will, so begebe ich mich dennoch wieder zurück in mein Gefängnis. Mein Rücken berührt die Gitterstäbe und die Kälte von ihnen greift auf mich über. Wo bin ich? Was mache ich? Ein weiterer Riss.

„Was...was haben sie mit ihm gemacht?“

Ich schüttle meinen Kopf. Schließe meine Lider, um dieses schreckliche Bild zu vertreiben. Aber es verschwindet nicht. So, wie auch der Schmerz nicht verschwindet. Er wartet nur darauf erneut an die Oberfläche zu kommen. Ich spüre das Kribbeln in meinen Knochen. Er sitzt dort fest und er wird nicht verschwinden. Bald wird er mich wieder mit voller Wucht einholen.

„Sie haben ihn ruhiggestellt.“

Eva`s Stimme klingt traurig. Doch es ist auch eine Härte in ihr. Wie schafft sie das nur? Wie kann sie so stark sein? Ich habe ihr vorhin nicht erzählt, was ich vermute zu glauben. Ich habe ihr nicht gesagt, dass ich glaube, dass sie die Mutter von Tobias sein könnte. Habe sie nicht nach ihm gefragt. Ich weiß nicht, aber ich konnte einfach nicht. Es würde die Sache noch komplizierter machen. Ich muss mich erst damit auseinandersetzen, dass ich hier gefangen bin und vielleicht nicht mehr lebend hier rauskomme.

„Mit was? Wer ist dieser Junge?“

Nun rückt sie näher. Ihre Augen wirken müde und dennoch wachsam.

„Haben sie dich ebenfalls mit dieser Flüssigkeit gereinigt?“

Ich nicke. Verwirrt, warum sie das jetzt anspricht.

„Ich habe keine Ahnung was genau es ist, aber ich habe eine Vermutung...wir alle hier, bis auf dich, haben Kräfte. Enorme Kräfte. Einige von uns könnten diese Gitterstäbe mit bloßer Willenskraft verbiegen. Doch aus irgendeinem Grund funktionieren unsere Kräfte hier nicht.“ Sie schüttelt ihren Kopf und blickt besorgt zu den Körpern die von der Decke hängen und aus denen Schläuche zu einer Rinne führen, wo silberne Flüssigkeit aus der Öffnung tropft.“ Ich glaube, diese Flüssigkeit hat etwas damit zu tun. Zuerst haben sie es geschafft mich mit etwas zu betäuben, es brannte wie die Hölle. Dann haben sie mich unter dieses Wasser gestellt. Mich unter diese Flüssigkeit gestellt. Sie brannte auf meiner Haut. Hätte ich die Kraft gehabt, hätte ich einen Schrei wohl nicht unterdrücken können. Aber die Betäubung war in dieser Hinsicht hilfreich. Danach habe sie mich in diesen Käfig gesperrt und nicht mehr rausgelassen. Und dieser Junge ist schon fast so lange hier, wie ich. Er wird immer geschickter, bei seinen Fluchtversuchen.“

„Wie lange bist du schon hier? Und wieso halten sie den Jungen gefangen?“

Sie schüttelt ihren Kopf und ihre Lider schließen sich um gleich darauf einen Blick zu offenbaren, der Angst in sich trägt. Auch wenn ich bis jetzt nicht dachte, dass Eva Angst kennt, so werde ich gerade eines Besseren belehrt.

„Monate, Jahre. Ich weiß es nicht. Ich habe das Zeitgefühl verloren. Aber nach den Mahlzeiten zu urteilen, bin ich schon Jahre hier. Obwohl dies nicht so sicher ist, denn die Mahlzeiten kommen nicht gerade regelmäßig. Der Junge scheint, auch wenn er nicht so aussieht, einen Sonderstatus zu genießen. Diese Bastarde scheinen sich um ihn zu kümmern, auf ihre bestialische Art. Also ist meine Schlußfolgerung daraus, dass er auf eine gewisse Art und Weise etwas Wertvolles, Besonderes ist.“

Ein weiterer Riss. Mein Mund öffnet sich. Ich will etwas sagen. Aber ich kann nicht. Was sollte ich zu jemanden sagen, der schon Jahre hier festsitzt und noch immer Hoffnung hat. Einerseits fühle ich Mitleid und andererseits Respekt. Denn ich werde wahrscheinlich schon nach Tagen oder Wochen aufgeben. Eva und vorallem dieser Junge, sie müssen so viel Leid erlebt haben.

„Es tut mir leid für dich. Für ihn. Für alle hier.“

Ein schwaches Lächeln legt sich auf ihre Lippen, das ihre Augen nicht erreicht.

„Glaub mir Liebes. Ich habe schon Schlimmeres ertragen. Aber ich habe bereits Liebe erfahren dürfen, was dieser Junge sicherlich noch kein einziges Mal gespürt hat.“

Ich schüttle den Kopf. Ich will mir nicht vorstellen, was er alles ertragen hat müssen. Wäre jetzt ein richtiger Zeitpunkt sie zu fragen? Wäre es jetzt richtig zu fragen, ob sie Tobias Mutter ist? Doch bevor ich meinen Mund öffnen kann, ertönt plötzlich ein schriller Ton. Rote Lampen leuchten an den Wänden auf. Sie blinken wild. Das Geräusch lässt mich hochschrecken. Doch Eva bleibt ruhig sitzen. Die anderen in den Käfigen öffnen nicht einmal ihre Augen. Sie liegen, wie immer nur teilnahmslos in ihren Käfigen. Die letzten Stunden hat sich nicht einer von ihnen bewegt, was mich Angst haben lässt. Ihre blasse Haut, die schwachen Atemzüge. Sie sind am Ende. Doch Eva wirkt nicht so kraftlos wie die anderen. Sie wirkt zwar müde, aber nicht auf die Art und Weise wie die anderen in den Käfigen.

„Was ist das?“

„Der Alarm. Irgendwer hat wahrscheinlich wieder versucht zu entkommen. Passiert ab und an.“

Sie schüttelt ihren Kopf und ich wende mich ihr verwirrt zu.

„Funktioniert es...ich meine...ist schon jemand wirklich entkommen?“

„Nein. Sie bekommen sie alle und du willst nicht wissen, was sie dann mit ihnen machen.“

Sie schließt ihre Augen. Sie versucht wohl gerade die Bilder zu vertreiben, die sie in der Zeit hier bereits gesehen hat. Doch dann erklingt ein metallisches Geräusch. Das Geräusch kommt von der Tür, durch die ich vorhin gebracht worden bin. Sie öffnet sich und zum Vorschein kommt einer dieser Nummern, die irgendwie alle fast gleich aussehen. Kurz geschorene Haare. Riesig und vollbepackt mit Muskeln. Und ihre Augen sind alle leer. So als würden sie keine Gefühle haben. Sie sind tatsächlich Nummern. Maschinen. Werkzeuge der kranken Welt.

Doch mit was ich nicht gerechnet habe, ist, dass diese Nummer zu Boden sackt. Das Geräusch des Alarms verschwindet in meinen Kopf. Denn ich sehe nur noch ihn. Blicke auf die riesige Gestalt. Auf den Rachengel, der sich über den Körper der Nummer beugt, sich dann erneut aufrichtet und mit langen, kraftvollen Schritten auf mich zukommt. Mein Herz bleibt stehen. Meine Lungen machen eine Pause. Meine Muskeln sind angespannt. Meine Augen blicken fasziniert auf die Gestalt vor mir, die mir so vertraut und dennoch fremd ist. Hinter seinem Rücken ragen riesige Flügel nach oben. Sie sind so riesig. Und dennoch ist ein Flügel schwarz wie Pech und der andere silber. Seine Füße stecken in schweren Boots und er trägt eine schwarze Militärhose und ein enganliegendes Shirt in der gleichen Farbe. Die selbe Kleidung, die auch die Nummern tragen. Unter der Haut seiner Unterarme erblicke ich so etwas wie Zeichen, die sich darunter bewegen. Er kommt auf uns zu und je näher er kommt, desto schneller schlägt mein Herz. Tränen laufen über meine Wangen. Dann blicke ich in seine Augen, und auch, wenn sie nicht dieselbe Farbe haben, da eines dunkel ist und das andere silber, so wie seine Flügel, freue ich mich so sehr ihn zu sehen.

Er kommt auf mich zu und ich bringe ehrfurchtsvoll seinen Namen über meine Lippen. „Tobias.“ Ich glaube einen seiner Mundwinkel zucken zu sehen, doch schnell wirkt sein Blick wieder ernst und konzentriert. Er legt etwas auf das Feld neben der Tür des Käfigs. Meines Käfigs. Und ich weiche erschrocken zurück. Es ist eine Hand. Grauen durchfährt mich, bevor sich daraufhin mit einem Piepsen die Tür öffnet. Wie erstarrt blicke ich ihn an. Doch er reißt mich mit seiner tiefen, wohltuenden Stimme aus meiner Starre.

„Wir müssen uns beeilen, wir haben nicht lange Zeit.“

Er hält mir seine Hand entgegen und ich ergreife sie hilfesuchend. Seine starken Arme ziehen sich an meine Brust und er drückt mir einen schnellen Kuss auf meine Stirn, bevor er sich wieder auf die Tür zubewegen will. Seine Flügel verschwinden dabei und lösen sich in Rauchwolken auf. Fasziniert von diesem Bild, verharre ich auf der Stelle, während er weitergeht. Doch ich muss ihn aufhalten. Ich kann Eva nicht zurücklassen, die jetzt mit großen Augen auf Tobias starrt.

„Wir müssen sie mitnehmen.“

„Ich kann kaum für deine Sicherheit sorgen, wir können nicht noch mehr Balast mit schleppen.“

„Tobias. Wir müssen sie mitnehmen.“

Plötzliche Verärgerung in meiner Stimme lässt ihn innehalten. Und auch, wenn ich gedacht habe, es wäre typisch Tobias, wenn er jetzt doch einfach ohne sie gehen würde, so überrascht er mich. Ein schweres Seufzen kommt über seine Lippen, als er die Hand, diese Ekelhafte Hand vom Boden hebt und an das Feld von Eva`s Käfig hält. Ein Piepsen ertönt und auch diese Tür öffnet sich. Ungläubig starrt sie uns noch immer an, bevor sie mühsam aus dem Käfig klettert und sich zu uns gesellt.

„Das ist also dein Freund, den sie mit dir ködern wollten?“

Ich nicke und Tobias scheint zwischen uns hin und her zu blicken, dann scheint ihm etwas klar zu werden und seine Augen springen förmlich aus seinem Kopf, als er Eva betrachtet. Doch er versucht schnell wieder zu seinem üblichen Ausdruck zurückzukehren und ergreift meine Hand. Doch in seiner Stimme ist dennoch ein Zittern zu hören. So habe ich ihn noch nie erlebt.

„Ihr folgt mir. Keinen Mucks und keine Pausen. Verstanden?“

Wir nicken und tun was er gesagt hat. Wir folgen ihm zur Tür, durch die er gekommen ist. Laufen den Gang entlang, bis wir zu einer Abzweigung kommen, wo wir nach rechts abbiegen. Dann laufen wir erneut den Flur entlang und biegen wieder ab. Wenn er mich jetzt hier stehen lassen würde, dann wüsste ich nicht mehr wie ich zurückkomme. Plötzlich taucht einer dieser Nummern vor uns auf und zückt eine Waffe, mit der er auf uns zielt. Doch Tobias ist schneller. Er schirmt uns mit seinem kräftigen Rücken ab, zieht etwas aus seinem Gürtel und wirft es auf diese Nummer. Erst als ein Geräusch erklingt und diese Nummer zu Boden fällt, weiß ich, was es war. Es war ein Messer, dass jetzt im Gesicht dieser Nummer steckt. Doch mir bleibt nicht länger Zeit, darüber nachzudenken, denn er zerrt mich nach sich. Wir gehen an dem leblosen Körper der Maschine vorbei und Übelkeit vermischt sich mit Angst. Ich ertrage es noch immer nicht, wenn ich so etwas sehe. Ich werde es niemals ertragen. Wie könnte ich auch?

Dann nach weiteren Abzweigungen halten wir vor einer großen Stahltür, an der Ebenfalls ein Feld angebracht ist. Tobias legt seine Hand darauf und daraufhin ertönt ein Piepsen. Jetzt bin ich definitiv verwirrt. Wieso kann er diese Tür mit seiner Hand öffnen? Wieso hat er für die Käfige die Hand der Nummer gebraucht? Die Fragen schwirren in meinem Kopf umher, aber ich kann sie jetzt nicht stellen. Wir müssen zuerst hier raus. Und nur wenige Schritte später umhüllt mich die klare Nachtluft. Ich ziehe sie in meine Lungen und falle fast von einer Treppe, hätte nicht Tobias seine Arme um mich geschlungen. Er wirkt irgendwie größer. Erwachsener. Reifer. Älter. Doch mir bleibt nicht viel Zeit, um mir die Veränderung von ihm einzuprägen, denn plötzlich erklingen quietschende Reifen hinter mir. Ich blicke auf einen schwarzen Geländewagen und bekomme Panik. Das sind die Leute, die mich entführt haben. Panisch ziehe ich an Tobias Arm und will ihn wegziehen, doch er bleibt stehen. So, als hätte er keine Angst. Ich jedoch schon und bei einem Blick in Eva`s Augen sehe ich ebenfalls Panik. Doch Tobias hält mich fest.

„Keine Sorge. Er ist ein Freund.“

Der Wagen hält vor uns und wir laufen schnell auf ihn zu. Tobias öffnet die hintere Tür und hilft mir und Eva beim einsteigen. Sein Blick schweift immer wieder zurück zu der Tür, durch die wir gekommen sind. Auch mein Blick liegt auf dieser Tür und als ich zwei große Gestalten darin wahrnehme, presse ich mich in die Polster der Rückbank. Tobias sieht die beiden ebenfalls. Er wirft die Tür zu und zückt zwei Wurfmesser, die er mit irrsinniger Geschwindigkeit auf die beiden wirft. Einer davon geht zu Boden, doch der Zweite benutzt die Waffe und feuert auf uns. Tobias scheint sich auf ihn zubewegen zu wollen, da ruft ihm der Mann am Steuer mit tiefer Stimme etwas zu.

„Steig jetzt in den Wagen du Sturkopf.“

Er klingt wütend und dennoch besorgt. Besorgt um Tobias. Und auch wenn ich nicht gedacht hätte, das Tobias auf ihn hören würde, so lässt er sich auf den Sitz fallen und schließt die Tür. Der Wagen fährt mit quietschenden Reifen los und ich werde noch weiter in den Sitz gepresst. So, wie auch Eva, deren Augen nun riesig und panisch wirken. Sie starrt wie gebannt auf den Mann am Fahrersitz. Fast so, als würde sie ein riesiger Fan von ihm sein. Ich jedoch habe diesen Mann noch nie gesehen. Habe keine Ahnung wer er ist und wieso Tobias auf ihn hört. Wieso sich dieser Mann um Tobias sorgt. Ich habe keine Ahnung. Keinen Schimmer. Es ist alles so verworren und für eine lange Zeit sagt niemand etwas von uns, bis ich glaube, dass wir in Sicherheit sind. Dann wird die Stille unterbrochen. Von einem Namen, den ich ebenfalls nicht kannte.

„Baal?“

Es ist die zarte Stimme von Eva, die diesen Mann noch immer anstarrt. Und ihn kennt? Verwirrt blicke ich zwischen den beiden hin und her und bemerke, wie sich die Schultern dieses Mannes anspannen. Ein geflüsterter Name kommt über seine Lippen, als er rechts ran fährt.

„Eva?“

Ungläubig blicke ich zwischen den beiden hin und her und kann nicht glauben, was sich danach abspielt. Dieser Baal, wie Eva ihn nannte, hüpft aus den Wagen, umkreist ihn und öffnet die Tür, um Eva daraufhin in seine Arme zu ziehen. Ihre Schultern beben und die Vermutung, dass sie sich kennen, bestätigt sich somit. Doch Tobias reißt die beiden aus ihrer Umarmung.

„Wir müssen weiter. Einsteigen. Alle beide. Ich fahre.“

Er klingt wirklich wütend. Eva und Baal hingegen wirken glücklich. So richtig glücklich. Sie halten ihre Hände und Baal rutscht auf die Rückbank. Ich reagiere und klettere prompt nach vorne auf den Beifahrersitz, den Tobias jetzt freigemacht hat. Etwas ungelenk komme ich vorne an und bin froh, hinten auf der Rückbank nicht weiter zu stören. Irgendwie machen Eva und dieser Baal einen sehr vertrauten Eindruck. Sie flüstern sich Worte zu, von denen ich nichts verstehe. Also blicke ich auf Tobias, der gebannt auf die Straße starrt. Seine Gesichtszüge wirken anders. Er wirkt anders. Doch meine Gefühle für ihn sind immer noch die selben. Immer noch schafft er es, dass mein Herz für einen Augenblick aussetzt um danach doppelt so schnell zu schlagen. Immer noch, schafft er es, dieses Kribbeln in mir auszulösen. Immer noch, schafft er es, diese Wärme in meinem Herzen zu entfachen. Immer noch, schafft er es, dass ich ihm so dankbar bin für Alina. Also lasse ich meine Hand auf seine wandern, die am Schalthebel liegt. Meine Finger berühren seine Hände, die sich warm unter meinen anfühlen. Für einen Augenblick spüre ich seine Hand, wie sie sich verspannt, bevor er meinen Blick sucht. Einen Moment lang starren wir uns an und auch wenn es ungewohnt ist, in seine veränderten Augen zu blicken, eines dunkel, das andere hell, so weiß ich, dass er etwas fühlen muss. Er muss etwas für mich fühlen. Denn die Liebe in seinen Augen leuchtet heller, als die Sonne. Doch plötzlich taucht ein Schatten in seinen Augen auf. Schmerz? Er schließt seine Lider. Blickt wieder nach vorne. Er zieht seine Hand unter meiner weg. Jetzt spüre auch ich Schmerz. Ein weiterer Riss. Doch dann bemerke ich etwas klebriges in meiner Handfläche. Ein Stöhnen von Tobias. Ich blicke auf meine Hand, halte sie in das Licht der Mittelkonsole. Blut. Es ist Blut. Aber ich bin nicht verletzt. Der Wagen wird langsamer. Stoppt. Tobias stöhnt. Schließt seine Lider. Hält seine Hand an seinen Brustkorb gepresst. Ich höre Baal`s Stimme.

„Er wurde getroffen. Hilf mir.“

So viel Blut. So viel Angst. Tobias. Seth.

Ein weiterer Riss.

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