28


                                                TOBIAS

Der Schmerz. Die Betäubung. Die Träume. Sie verfolgen mich. Jede Sekunde herrscht hinter meinen Augen ein Kampf. Als würde sich Lava durch meine Poren fressen und in meine Gedanken eindringen. Mein Kopf schmerzt, obwohl ich keinen Schmerz spüren sollte. Und dennoch spüre ich ihn. Spüre, wie die Erinnerungsfetzen immer weiter an die Oberfläche kommen. Manche tauchen auf, manche verharren unter der Oberfläche. Warten darauf, mit einem erneuten Schmerz auszubrechen. Doch ich verdränge es. Schiebe den Schmerz unter die Oberfläche. Jedoch kann ich die Bilder nicht verdrängen.

Ich auf einem Schlachtfeld. Um mich herum Blut. Soviel Blut. Leichen. Menschen, die den letzten Atemlaut von sich geben. Menschen, die um ihr Leben weinen. Menschen, die an ihrem eigenen Blut ersticken. Alle abgeschlachtet. Rauch steigt auf und vermischt sich mit den Nebelschwaden, die in sich in der Morgendämmerung ausbreiten. Raben landen. Stehlen sich das Fleisch der Leichen. Ihr Geschrei ist zu hören. Meine Muskeln schmerzen. Mein Körper glüht. Ich blicke an mir hinab. In beiden Händen halte ich Schwerter. Die Spitze von ihnen berührt die niedergetrampelte Erde unter meinen Füßen. Dort, wo sich das Blut noch nicht zu einer dunkelroten Kruste verwandelt hat, bilden sich Tropfen und fallen in Zeitlupe zu Boden. Meine Finger sind um die Griffe der Schwerter geballt. Blut zieht sich an der Haut meiner Arme nach oben. Bis zu einem Kettenhemd. Meine Stiefel bestehen aus Leder. Sie sind voller Dreck, Blut und etwas, über das ich nicht länger nachdenken will. Aber es ist nicht mein Blut. Es ist nicht mein Tod. Denn ich kann nicht sterben. Nicht auf diese Art. Nicht durch ein Schwert.

Erneut flammt eine Erinngerung auf. Der Tod von Hunderten. Tausenden. Ich habe sie abgeschlachtet. Meine Hände sind für diese Bluttat verantwortlich. Ich will nicht daran denken. Will nicht glauben was ich getan habe. Also flüchte ich mich in die nächste Erinnerung, die wie eine Luftblase an der Oberfläche auftaucht und einen stechenden Schmerz hinter meiner Stirn verursacht.

Frauen. Eine Menge davon. Sie waschen meinen Körper. Räkeln sich vor mir. Ich weiß, sie alle würden dafür sterben nur um einmal mit mir ein Bett teilen zu können. Doch ich will keine davon. Ich will jemand anderen. Ich will Sie. Ich will nur Sie. Immer wieder versuche ich ihr zufällig zu begegnen. Immer wieder versuche ich ihre Aufmerksamkeit zu erhaschen. Doch sie sieht mich nicht. Noch nicht. Das Bild, wie sie in ihrem dreckigen Kleid am Brunnen steht und Wasser schöpft, lässt mich noch mehr nach ihr lechzen. Ihr viel zu großes Leinenkleid hängt auf ihren Schultern, als wäre es ein Kartoffelsack. Doch darunter befindet sich die Antwort auf meinen Körper. Sie wischt sich mit ihrer Handfläche den Schweiß von der Stirn. Die Sonne brennt auf ihrer zarten Haut. Schweißperlen bilden sich auf ihrer zart gebräunten Haut. Und nun ist dort, wo sie versucht hat, die Schweißperlen mit ihrer Handfläche wegzuwischen ein dunkler Fleck, vom Staub des Wüstensandes. Ich gehe auf sie zu. Versuche ihr näher zu sein, doch ihr Blick wendet sich erschrocken zu den Weiten der Wüste. Mein Blick folgt ihrem. Reiter. Viele Reiter. Sie kommen schnell näher. Ich muss sie in Sicherheit bringen. Doch etwas, etwas das ich nicht kommen hab sehen, durchbohrt ihre Brust. Für einen kurzen Moment hält sie sich noch auf ihren Beinen, bevor ihr Kopf auf dieses Ding blickt. Eine Pfeilspitze drängt sich durch die Haut an ihrem Rücken. Es hat den Leinenstoff durchschlagen. Ein roter Fleck bildet sich dort. Färbt das Braun in ein Dunkelrot. Zwei große Schritte und ich bin bei ihr. Ich fange sie auf. Lege meine Hand in ihren Nacken, versuche sie damit zu stützen. Noch nie war ich ihr so nahe. Noch nie habe ich ihre Haut berührt. Doch jetzt wird ihre Haut kalt. Panik ist in ihren Augen, die mich anstarren, als sei ich ihre Rettung. Aber ich bin es nicht. Es fühlt sich an, als würde der Pfeil auch durch meine Brust gebohrt werden. Ich flüstere Worte. Flüstere ihr zu, dass sie nicht sterben darf. Flüstere ihr zu, dass ich ständig an sie denken muss.

Dann sehe ich, wie sich einer ihrer Mundwinkel nach oben hebt und in ihren Augen der Schmerz für einen Moment der Liebe Platz macht. Dann höre ich ein Röcheln. Es kommt aus ihrem Mund. Tränen laufen aus ihren Augenwinkeln. Sie schließt ihre Lider. Ein letzter langer Atemzug kommt über ihre Lippen, bevor sich ihre Seele verabschiedet. Alles um mich herum verschwimmt, taucht in einen blutroten Nebel. Ich spüre Tränen auf meinen Wagen, aber ich weiß, dass dies nicht möglich ist. Ich bin kein Mensch. Ich kann nicht weinen. Und dennoch fühlt es sich so an, als würde mein Herz aus meiner Brust gerissen worden sein. Wut. Hass. Rache. All diese Gefühle vernebeln mir die Sicht. Verwandeln alles in dieses Blutrot. Ich lasse ihren Körper vorsichtig sinken. Stehe auf. Blicke auf die Reiter, die uns nun umzingelt haben. Sie alle werden sterben. Ich kann bereits ihr Blut auf meinen Händen sehen. Es sind Zwölf Reiter, die in ihren Kleidern vollkommen vermummt sind. Feiglinge. Feiglinge, die bald in die Unterwelt wandern werden. Ich greife nach meinen Wurfmessern. Schalte mit ihnen drei aus. Sie sinken auf ihren schwarzen Rößern zu Boden. Jedes meiner Messer hat ihre Kehle getroffen. Weitere klettern von ihren Pferden, versuchen gegen mich zu kämpfen. Doch ich bin schnell. Ich habe sie innerhalb weniger Minuten getötet. Ihr Blut sickert bereits den sandigen Boden unter unseren Füßen und färbt ihn schwarz. Am Ende sind es nur noch Zwei Reiter, die es auszuschalten gilt. Ich laufe auf sie zu. Ziehe den ersten vom Pferd. Ramme ihm das Schwert eines der anderen Reiter in seiner Brust. Sein Versuch sich zu wehren ist lächerlich. Langsam stehe ich auf. Mache mich bereit auch den letzten Reiter auszuschalten, doch plötzlich verschwimmt meine Sicht. Denn es kann nicht wahr sein. Mein eigener Vater kann so etwas nicht tun. Und dennoch sitzt er auf seinem schwarzen riesigen Roß. Die Leinen, um sein Gesicht zu verdecken, sind verschwunden. Er applaudiert und lächelt. Mein Herz wird zu Stein. Eiskalt. Hart. Was hat er getan?

„Sehr gut Sohn. Du hast sie alle ohne zu zögern getötet. Nun bist du wieder der, der du wirklich bist. Der Sohn eines Gottes. Kein Schwächling. Du bist geboren um zu töten.“

„Warum hast du das getan?“

„Weil du geboren wurdest um zu töten. Nicht, um in Frieden zu leben. Nicht, um allen Menschen ihre Wünsche zu erfüllen und Frieden zu verbreiten. Nicht, um ein Menschenmädchen zu begehren. Du wirst jetzt mit nach Hause kommen und die Ehe, die ich schon vor Jahren verhandelt habe, vollziehen. Ich will keine Worte von dir hören. Du befolgst meine Befehle. Ohne Widerrede. Ansonsten werde ich diese ganze Stadt abfackeln und die Leichen zu Bergen stapeln. Hast du mich verstanden?“

Ich will ihn hassen. Ich hasse ihn. Doch ich weiß, wenn ich mich ihm Wiedersetze wird er seinen Worte Folge leisten. Ich kann nicht zulassen, dass er diese Menschen abschlachtet. Aber ich werde mich rächen. Irgendwann. Unerwartet. Ohne Erbarmen. Dann, wenn er es am wenigsten erwartet.

Immer wieder höre ich ein Flüstern. Die Stimme nennt mich immer wieder Seth. Immer wieder flüstert sie „Ich bin da“. Meine Lider sind schwer. Ich kann sie kaum öffnen. Mein Körper schmerzt. Meine Kehle ist trocken. Meine Glieder schmerzen. Doch als ich es endlich schaffe, starre ich in ein Gesicht, dass ich bisher nur von meinen Träumen kannte und das erste Mal wirklich in dieser Halle gesehen habe. Ich bin mir nicht sicher. Ich weiß nicht, ob mich meine Träume getäuscht haben. Ich weiß nicht, ob ich tatsächlich in die Augen meiner Mutter starre. Aber da ist dieses Gefühl. Dieses Gefühl von Geborgenheit und Liebe wenn ich in ihre Augen blicke. Sie berührt mich an meinem Unterarm und plötzlich tauchen auch hier wieder Erinnerungsfetzen auf, die sich an die Oberfläche kämpfen.

Sie hält mich in ihren Armen. Tröstet mich. Ich habe etwas verloren. Ich bin noch ein kleiner Junge. Kaum älter als Zehn. Meine Seele schmerzt. Mein Bruder hat mir etwas weggenommen. Etwas, dass ich wirklich geliebt habe.

Danach bin ich mir sicher. Sie ist die Mutter, die ich in meinen menschlichen Leben niemals gehabt habe. Sie ist meine Mutter. Ich weiß nicht, wie ich sie nennen soll. Ich weiß nicht, was ich zu ihr sagen soll. Ich habe eine Erinnerung an sie, aber ich kenne sie nicht. Nicht wirklich.

„Erinnerst du dich an etwas?“

Ich nicke. Spüre wie dabei die Muskeln an meinem Körper schmerzen. Doch sie schließt ihre Arme um mich. So wie in der Erinnerung, als ich ein kleiner Junge war. Ich zögere. Weiß im ersten Moment nicht, was ich tun soll. Doch irgendwann, als sie zu Schluchzen anfängt, lege ich meine Arme um ihren dünnen Körper. Es ist ungewohnt plötzlich jemanden Mutter nennen zu können, wenn man sein Leben lang ohne Mutter aufgewachsen ist. Abgestellt vor einem Krankenhaus in einer Kartonschachtel. Aufgewachsen in einem Heim und bei einer Pflegefamilie, die einem nie wirklich ins Herz schließen konnte. Doch jetzt habe ich wirklich eine Mutter, die um mich weint. Und irgendwann werde ich mich vollkommen an sie erinnern können. Dann, wenn all meine Erinnerungen zurückgekehrt sind.

Es war schmerzhaft, als Baal sein Blut in meine Venen gespritzt hat und dabei etwas geflüstert hat, dass ich nicht verstanden habe. Jede Zelle meines Körpers schmerzte. Meine Muskeln verkrampften sich. Meine Zähne knirschten, als ich sie vor Schmerzen aufeinander gepresst habe. Dann sind die ersten Erinnerungen zurückgekehrt. Belanglose Dinge. Erinnerungen an das Gesicht meines Vaters, meiner Brüder Kain und Abel, an Häuser in denen ich anscheinend gelebt habe. An Gefühle. Die meisten davon waren von Macht, Atemlosigkeit und Trauer getränkt. Doch mit jeder weiteren Erinnerung fühle ich mich anders. So, als würde Seth mit mir verschmelzen. Als würden mich seine Erinnerungen zu ihm machen. Ich habe irgendwie Angst davor. Ich will mich nicht verlieren. Aber Baal sagte: Du wirst dich nicht verlieren. Du lernst durch die Erinnerungen, die du erhältst. Doch die Entscheidung über das Hier und Jetzt triffst immer noch du. Ich versuche ihm zu vertrauen, denn ich spüre eine Verbundenheit mit ihm, die ich mir nicht erklären kann. Er erinnert mich an jemanden. Doch diese Erinnerung scheint wohl noch unter der Oberfläche zu schlummern.

Als Eva ihre Umarmung löst, kehre ich wieder in die Realität zurück. Meine Glieder schmerzen zwar noch immer, doch ich richte mich auf. Blicke in Eva`s Gesicht. Ich will ihr nicht wehtun, aber dennoch möchte ich, dass sie Bescheid weiß.

„Ich kann mich nicht an alles erinnern. Aber ich erinnere mich an dich. Erinnere mich daran, dass du mich getröstet hast. Ich erinnere mich an ein Gefühl von Geborgenheit. Aber alles andere ist bis jetzt noch verborgen.“

Sie nickt. Noch immer sind ihre Augen glasig. Sie scheint sich wohl mehr erhofft zu haben, aber ich kann sie nicht belügen.

„Du wirst dich erinnern. Sobald wir den zweiten Teil des Paktes rückgängig gemacht haben.“

Sie nickt zuversichtlich und steht auf. Sie glättet sich das Shirt, dass auch Marie vorhin getragen hat. Oder noch immer trägt. Wo ist sie? Und wie bin ich eigentlich hier her gekommen?

„Wo ist Marie?“

„Sie sind unten. Baal hat uns hierher gefahren. Es ist eines seiner Unterschlüpfe.“

Ich setze mich auf und bemerke die Schmerzen an meinem Bauch. Ich schiebe das blutverschmierte Shirt nach oben und entdecke eine Wunde, die schon fast wieder verheilt ist. Dann blicke ich auf den kleinen Tisch neben dem Bett. Darauf liegt eine Kugel. Sie sieht so aus, wie die, die wir in dieser Bar gefunden haben. Die, die Billy getötet hat. Eva scheint meinen Blick zu bemerken und spricht weiter.

„Marie hat die Kugel herausgezogen. Baal und ich konnten sie nicht berühren.“

Ich nicke. Glücklich und Stolz auf Marie. Ich will zu ihnen, wir müssen herausfinden, wie wir Adam endlich töten können und diesen Mist hinter uns bringen. Er wird mich immer jagen. Sie werden immer weiter töten. Unschuldige. Und sie werden weiterhin Experimente durchführen. Ich habe keine Ahnung, für was. Was sie damit erreichen wollen, aber ich werde es herausfinden. Also stehe ich auf. Ein leichtes Ziehen lässt mich vorsichtiger sein. Doch als ich stehe, spüre ich, wie die Energie zurückkehrt. Sie legt ein sanftes Lächeln auf ihre Lippen und begleitet mich nach unten. Noch immer bin ich langsamer als sonst, doch als ich Marie`s Stimme wahrnehme, werden meine Schritte schneller. Ich höre, wie sie Baal nach etwas frägt.

„Werdet ihr dann wieder zurück zu diesem Ort gehen und sie aufhalten?“

Und dann blicke ich auf ihren Rücken und ihre Haare, die sich darüber legen. In diesem Moment bin ich davon überzeugt, dass ich mit ihr an meiner Seite alles schaffen kann und ich antworte, ohne mich vorher bemerkbar zu machen.

„Werden wir.“

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