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Vor mir lag ein Café.
Nun, Café traf das Ganze nicht wirklich. Eher war es eine Kneipe.
Überall in dem quadratischen Raum standen helle, runde Bistrotische auf gusseisernen Beinen und mit dazu passenden Holzstühlen. Vor den Wänden war diese Möblierung durch eckige, dunkelbraune Couchtische mit bequemen Sofas in ähnlicher Farbe ersetzt worden. Ein Stimmengewirr hüllte mich ein. Einzelne, unzusammenhängende Satzfetzen drangen an meine Ohren und irgendwoher versuchte eine Musikanlage ein angemessenes Hintergrundgeräusch zu erzeugen, scheiterte aber. Jemand brüllte eine Bestellung über die Gäste, zwischen denen kein freier Platz zu entdecken war. Genauso wenig wie Lisa.
Zweifelnd suchte ich den Raum erneut ab. Ich hatte mit vielem gerechnet, aber nicht damit, dass ich in einer urigen Kneipe landen würde. Wo in aller Welt sollte hier eine Band spielen? Und wo wollten all die Leute tanzen? Etwa auf den runden Tischen oder der geschwungenen Holztheke? War das hier das Coyote Ugly?
Je länger ich dort stand, umso leichter gelang es mir, den ohrenbetäubenden Lärm zu differenzieren. Neben dem lauten Geschrei und der undefinierbaren Hintergrundakustik nahm ich noch einen anderen Rhythmus wahr. Leiser, gedämpfter.
Also gab es nicht nur diesen Raum und ich suchte nach einer Tür oder einem Durchgang.
Auf der dunklen Holztür neben der gegenüberliegenden Theke wies ein weißes Blechschild mit schwarzer, alter Schrift darauf hin, dass sich dahinter die Toiletten verbargen.
Fehlanzeige.
Die linke Wand bestand nur aus raumhohen Fenstern, die durch Längs- und Querstreben in lauter Rechtecke geteilt wurden. Irgendwie waren sie milchig oder schlecht geputzt, aber dennoch ... wieder Fehlanzeige.
Blieb noch die rechte Seite. Hier entdeckte ich einen schmalen Durchgang. Er führte ins Dunkle, war aber schlussendlich die einzig logische Möglichkeit, nachdem ich Lisa nicht aus dieser seltsamen Lokalität hatte herauskommen sehen. Und durch die Toiletten war sie sicherlich nicht verschwunden. Schließlich waren wir in der Schweiz und nicht in einem Agentenfilm.
Hoffnungsvoll zwängte ich mich zwischen den voll besetzen Stühlen hindurch und gelangte im Schneckentempo zu dem finsteren Loch in der Wand. Allerdings erwartete mich hier statt eines Durchganges eine äußert spärlich beleuchtete, schmale Wendeltreppe, die geradewegs nach unten führte. Vorsichtig stieg ich Metallstufe um Metallstufe hinunter und war froh darum, nicht solche hohen Treter wie Lisa zu tragen.
Mit jedem weiteren Schritt wurden die Beats lauter und die Bässe spürbarer. Glücklicherweise überstand ich den Abstieg unfallfrei, musste mich dann aber durch einen schweren, schwarzen Filzvorhang kämpfen und fand mich nach dem Sieg über diesen am Rande eines langen, weit lauteren und noch volleren Clubraums wieder.
Die Beleuchtung war nicht viel besser als gerade eben auf der Treppe, um nicht zu sagen, sie war äußerst mies. Zumindest brauchten meine Augen eine ganze lange Weile, bis ich die zappelnden Schatten als Menschen in mehr oder weniger verschiedenen Grautönen ausmachen konnte.
„Das darf doch jetzt echt nicht wahr sein.“ Fluchend stellte ich mich auf die Zehenspitzen. Wie zum Teufel sollte ich hier Lisa finden?!
Eine kleine Stufe, die im Anschluss an den Vorhang in den Raum führte, ergänzte zumindest ein paar meiner fehlenden Zentimeter und ich konnte einigermaßen über die wackelnden Köpfe blicken. Die Tanzfläche vor der Bühne am anderen Ende des Raumes zog meinen Blick magisch an. Sie stand in krassem Gegensatz zu den nahezu unbeleuchteten Tischen direkt vor mir. Knallig, bunt, schillernd und glitzernd. Wie zu den besten Zeiten von Saturday Night Fever. Hier war es so voll, dass kein Blatt Papier mehr zwischen die Tanzenden passte. Momentan war Kuschelrunde und die vielen Pärchen tanzten einen Stehblues.
Nichts für mich. Heute schon gar nicht. Wieso musste der Idiot sich auch eine andere suchen! Erneut kochte die Wut schäumend in mir hoch. Aber warum war ich wütend? Müsste ich nicht eigentlich traurig und verletzt sein? Und heulend im Eck liegen?
„He du Trulla, was stehst du hier so dämlich rum und glotzt blöd!“ Zwischen den wummernden Bässen vernahm ich eine schrille Stimme und gehässiges Gelächter. Überrascht drehte ich mich in diese Richtung. Das konnte doch nicht mir gegolten haben.
Drei aufgedonnerte Tussen betrachteten mich und schüttelten sich vor Lachen. „Wie bestellt und nicht abholt“, prustete eine von ihnen los und schlug ihrer Nachbarin auf den Oberarm, der von ihrem vorwitzigem, schwarzen BH-Träger verziert wurde. Aber unter dem knappen Oberteil ließ der sich auch an der richtigen Stelle nur mühsam verbergen.

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