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Mehrere Wochen waren vergangen, wir hatten fast Weihnachten und der erste Schnee war gefallen. Mein Herzschlag hatte sich normalisiert und an Tigers Anwesenheit gewöhnt, dennoch verstand ich noch immer nicht, was das Verschwörerische zwischen ihm und Charlotte zu bedeuten hatte. Sie redeten in meiner Gegenwart auch nicht wirklich viel, unterhielten sich eher darüber, was sie an Deutschland und den ganzen Weihnachtsvorbereitungen toll fanden. Tiger war bei allen in der Klasse sehr beliebt, weil er diese offene Art bei allen an den Tag legte. Charlotte hatte ebenfalls ein paar Mädchen gefunden, die nach der Schule Zeit mit ihr verbrachten.

Doch in der Schule war ich der Angelpunkt, an dem sie hingen. Wo ich war, war Tiger nicht weit. Er mochte mich, hatte ich das Gefühl. Gleich von der ersten Sekunde an und ich verstand nicht, warum. Ich war doch langweilig, oder? Vielleicht tat er es wie manche Mädchen. Umgab sich mit weniger hübschen Leuten, um selber noch hübscher zu wirken. Aber das konnte ich mir kaum vorstellen. Er wirkte so uneitel, kam eines Tages sogar mal mit einer Trainingshose bekleidet in die Schule und wirkte unrasiert und verpennt. Nicht dass dies seinem Aussehen geschadet hätte.

Ich hatte aber nicht die Eier in der Hose, um ihn direkt zu fragen, warum er gern bei mir war. Was, wenn das, was er mir gesagt hätte, mir nicht gefallen hätte? Was, wenn er etwas gesagt hätte, dass mich völlig aus der Bahn geworfen hätte? Denn ich war mir mittlerweile sicher, dass bei mir da irgendwo Gefühle waren, die ich nicht zulassen wollte. Warum sollte ich das tun? Wir hatten beinahe Weihnachten. In knapp zwei Monaten würde er nach London zurückkehren. Ich wollte nicht mit gebrochenem Herzen zurückbleiben.

Mit diesen trüben Gedanken trabte ich durch den Schnee, als die Schule aus war und bereitete mich nervlich auf ein langweiliges Wochenende vor, bei dem ich Lillis Gedudel ertragen musste oder sie mich stundenlang über Roman ausfragte, der mich ja mal gar nicht interessierte. Ich wandte mich nicht um, als ich hastige Schritte hinter mir hörte, zuckte aber zusammen, als eine Hand auf meiner Schulter landete.

»So, Bunny... what are that two goodlooking guys of us going to do now?« Tiger kam schlitternd neben mir zum Stehen und lachte, sodass kleine Wölkchen vor seinen Lippen tanzten. Ich zog die Brauen hoch. Gutaussehend? Ich? Ja, sicher.

»You know, you should talk in german, right?«, tadelte ich ihn lächelnd und er lachte noch mehr.

»I know but I’m lazy as hell.«

Zusammen setzen wir unseren Weg fort und weil es immer windiger und kälter wurde, zog er mich in das nächste Café. Keine Minute zu früh, denn ein heftiger Schneeschauer ging nieder, so dicht, dass man keinen Meter weit mehr hätte gucken können.

»Whoa, that’s beautiful«, murmelte er und presste seine Nase fast am Fenster platt.

»Kennst du das von London nicht?« Ich beschloss, den Spieß umzudrehen, um ihn zum Deutschsprechen zu kriegen. Er lächelte mich von der Seite an.

»Nicht wie das. Ich sitze in der Schule den ganzen Tag, wir sehen sowas kaum. Und in den Ferien, mein Dad und ich fahren immer ans Meer, da gibt es keinen Schnee.«

Die Bedienung kam an den Tisch und reichte uns eine Karte.

»Na Jungs, wollt ihr euch aufwärmen? Wir haben superleckere heiße Schokolade im Tagesangebot.« Tiger nickte mir zu und ich bestellte zweimal, während der Engländer in der Dessertkarte blätterte.

»Oh ich liebe Waffeln. Möchtest du auch? Du bist eingeladen.«

Ich bekam einen roten Kopf. Irgendwie hatte das etwas von einem Spontandate, das kaum romantischer hätte sein können. Draußen rieselte der Schnee in seiner verzauberten Pracht, in dem Café war es schummrig, gemütlich, es brannten Teelichte auf den Tischen und Weihnachtsdeko tauchte alles in warmes Licht.

»J-ja, gerne...«, stammelte ich und wagte einen Moment lang nicht, ihn anzusehen. Um mich kurz abzulenken, entledigte ich mich meiner Jacke und des Schals, denn ich hatte mörderisch angefangen zu schwitzen. Tiger hingegen hatte die Lippen zu einem leichten Lächeln verzogen und studierte noch immer die Karte. Er schien sich nicht recht entscheiden zu können.

»Oh das sieht so lecker aus... I wish I could have all of these...«, brummelte er in sein Ziegenbärtchen und ich musste lachen. Mir war in den Wochen aufgefallen, dass er einen sehr süßen Zahn hatte und kein Törtchen und kein Kuchen vor ihm sicher war. Ich fragte mich nur, wie er, faul wie er war, es schaffte, seinen perfekten Körper zu erhalten. Den hatte ich freilich gesehen, als wir uns zum Sportunterricht umgezogen hatten.

»Lach nicht über mich«, murrte er, grinste aber dabei.

»Sorry...«

Unsere heiße Schokolade bekamen wir mit dicken Strohhalmen, einem Löffel und einem Riesenberg Sahne oben drauf. Tigers karamellfarbene Augen begannen zu leuchten und er leckte sich über die Lippen. Aus irgendeinem Grund klebten meine Augen in dieser Sekunde daran und verfolgten den feuchten Schimmer, den seine Zunge hinterließ. Wie seine Zunge wohl schmeckte? Irgendwie dachte ich dabei immer an Zucker.

Er bemerkte meinen Blick und zwinkerte mir zu. Fuck! Beschämt vergrub ich mich in der Sahne des Kakaos. Er musste längst bemerkt haben, dass ich ihn öfter anstarrte als es nötig wäre und dabei bestimmt total dämlich aussah.

»Wollt ihr noch etwas, Jungs?« Die Bedienung, die den Kakao abgestellt hatte, hielt ihren Block bereit. Tiger zog die Karte an sich heran und bestellte die Waffeln mit heißer Fruchtsoße für uns beide. Nickend zog sie ab und ich starrte noch immer auf meinen Kakao, als Tiger mich unter dem Tisch mit seinem Fuß anstupste.

»Hm?«

»Was machst du am Wochenende? Meine Gasteltern fahren weg und ich hab nichts zu tun.«

»Keine Ahnung... mich langweilen, lernen, meine Schwester ignorieren. Sowas.«

Tiger machte ein empörtes Geräusch, das mich aufblicken ließ. Seine Augen sahen mich tadelnd an und er hatte Sahne an der Lippe. Das Kino in meinem Kopf spulte den nächsten Film ab. Vorstellungen rund um die Uhr, zum Nulltarif, mit Tiger in der Hauptrolle...

»Was?«

»Du... wir könnten doch auf die Weihnachtsmesse gehen...«

Ich verstand ihn nicht und grübelte einen Moment. Es war keine Messe... Weihnachtsmesse... Christmas Fair... oh!

»Du meinst den Weihnachtsmarkt?« Er nickte.

»Du willst mit mir da hin gehen? Kommt das nicht komisch?«

Er schüttelte den Kopf und lachte.

»No! Warum denn? Ist doch Weihnachten und ich muss ein Geschenk für meinen Dad haben.«

Warum eigentlich nicht? Ein Samstag mit ihm auf dem Markt wäre sicherlich um Längen besser als meiner Mutter bei der Hausarbeit zuzusehen, meiner Schwester aus dem Weg zu gehen oder die Launen meines Vaters zu ertragen, der immer wieder betonte, was für ein dünner Hering ich doch sei, dass ich so beim Bund total versagen würde und dass ich aufhören sollte, mir im Internet Zeichentrickpornos anzusehen – als ob ich das täte!

»Ok, dann morgen Mittag?«

Er nickte und vergaß die Welt um sich, als seine lang begehrten Waffeln serviert wurden. Die sahen wirklich köstlich aus und rochen fantastisch. Ich bedankte mich bei der Kellnerin und sog den Duft tief ein.

»That’s what Christmas is for!«, sagte Tiger lächelnd und wünschte mir einen guten Appetit. Die Waffeln waren so lecker wie sie aussahen und nach nicht mal 10 Minuten bestellte Tiger einen Nachschlag für sich. Mir hatte eine Portion gereicht, zumal der Kakao mich schon etwas gesättigt hatte. Ich fragte mich ernsthaft, wo er das alles hinaß.

Über eine Stunde war vergangen, als der Schneeschauer endlich etwas nachließ und wir unseren Weg heim fortsetzen konnten. Es wurde bereits dunkel, dabei war es erst kurz nach 16 Uhr. Tiger bezahlte, wie er gesagt hatte, unser Essen und den Kakao und dick eingemummelt traten wir nach draußen in den frischen Schnee. Die Luft duftete nach Frisch gewaschen und die Weihnachtslichter überall in den Fenstern und Schauauslagen ließen alles romantisch wirken.

»I really love this time of year... all the lights and the snow.« Tiger lächelte in den Himmel und die Lichter funkelten in seinen, nun golden wirkenden Augen.

»Meine Mum starb auch im Winter, trotzdem liebe ich ihn. Er ist so... friedlich.« Er sah mich an und setzte sich langsam in die Richtung in Bewegung, in die wir beide mussten.

»I don’t like the winter that much. It is too cold...«, murrte ich in meinen Schal und spürte schon wieder, wie ich zu zittern begann.

Er lachte und zog mich etwas an sich heran. »Who wonders... du bist einfach zu dünn, Bunny.«

»Stop calling me Bunny! My name is Benjamin.«

»Nein... that’s my nickname for you and you’ll keep it until I die. I think it’s funny... this absurdity of a tiger and a bunny being friends.«

Ich musste lächeln. Er hatte Recht, die Vorstellung war absurd, aber irgendwie niedlich und auch ein bisschen romantisch. Eine Freundschaft zwischen zweien, die normalerweise Beute und Jäger wären.

Er setzte mich vor meinem Zuhause ab und verabschiedete sich mit einem Grinsen. Ich erinnerte ihn rufend daran, dass wir uns am morgigen Tag um 12 treffen wollten und er winkte bestätigend mit der Hand. Ich freute mich darauf, ihn wiederzusehen. Erst als ich ihn in dem noch immer schwach rieselnden Schnee und den Straßenlampen nicht mehr sehen konnte, ging ich ins Haus.

Ich war wirklich verliebt. Ich war schrecklich verliebt und jede Sekunde, die er nicht da war, war verschwendet, langweilig, unnütz und ich wusste nichts mit mir anzufangen. Mit einem tiefen Seufzen öffnete ich die Haustür und lief direkt meiner neugierigen Schwester in die Arme.

»Na, Bunny... hattest du ein Date mit dem Engländer?« Ihr Ton war gehässig, weil ich mich geweigert hatte, ihr etwas über Tiger zu erzählen, den sie mindestens so attraktiv fand wie Roman.

»Lass mich in Ruhe, Zickenbock. Und nenn mich nicht Bunny!« Tigers alberner Spitzname hatte leider schon die Runde gemacht, aber Gott sei Dank sprach mich weiter niemand so an.

»Das darf nur dein Schatzi sagen, hm?«, trietzte Lilli mich weiter. Niemandem hatte ich bislang von meinen Gefühlen erzählt oder dass ich mir mittlerweile sicher war, homosexuell zu sein. Ich rollte mit den Augen und verschwand in der Küche auf der Suche nach einem Glas Wasser.

»Papa, weißt du schon das Neuste? Benny hat einen Freund... einen festen Freund.« Lilli lachte ihr übliches gehässiges Lachen und freute sich, wann immer sie Ärger machen konnte. Allerdings überraschte meines Vaters Reaktion nicht nur sie, sondern auch mich. Denn er zuckte nur mit den Schultern und sagte: »Wenn es das ist, was er will, stelle ich mich ihm nicht in den Weg.«

Ich starrte ihn an, als wäre er ein Fremder und nicht der Mann, den ich seit 18 Jahren als grummeligen Hitzkopf kannte.

»Dein Ernst?«, fragte ich erstaunt. Er nickte nur, nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank und drehte sich an der Tür nochmal zu Lilli und mir um.

»Heutzutage ist es doch nichts besonderes mehr, einen schwulen Sohn zu haben. Also wenn es das ist, was du willst... meinen Segen hast du.«

Lilli sah aus, als hätte man ihr gesagt, Schokolade wäre ab heute unter Strafe verboten und ich fühlte mich so erleichtert wie lange nicht mehr. Nicht das Tiger mein Freund wäre, aber allgemein nahm es eine Last von meinen Schultern.

Wenn mein Vater damit kein Problem damit hatte, würde auch meine Mutter mitziehen, die generell viel verständnisvoller war als er.

Mit dem Wasserglas und meinem Rucksack über der Schulter verkrümelte ich mich auf mein Zimmer, nicht ohne im Gehen meiner Schwester noch eine lange Nase zu ziehen und schloss die Tür hinter mir ab.

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