3. Vierundzwanzig

Doch so leicht, wie Toni es sich vorgestellt hatte, wurde es dann nicht. Eher im Gegenteil.

Und das lag nicht nur daran, dass Anna sich in der Woche nach ihrem Treffen an ihre Hausarbeit in Strafrecht setzte, von der sie Toni vorher schon erzählt, die der dann aber wieder vergessen hatte. Und da Anna eine fleißige Studentin war und unbedingt Richterin werden wollte, was gute Noten voraussetzte, lief es auch diesmal wie sonst auch ab: sie verschanzte sich für eine Woche in ihrem Zimmer oder in der Bibliothek, wenn sie keine Vorlesungen besuchte, und beschränkte ihre sozialen Kontakte auf ein Minimum. Selbst Toni bekam sie nicht zu Gesicht, was aber eigentlich komplett in Ordnung war.

Denn ein Grund, wieso ihre Beziehung so gut funktionierte war, dass sie beide sehr viel Freiraum brauchten und ihn sich auch gaben. Denn genau so wenig, wie Toni sich darüber beschwerte, dass sich Anna für eine Woche komplett abkapselte, so hatte Anna je auch nur das kleinste Anzeichen von Missfallen gezeigt, wenn Toni für eine Weile lieber für sich allein sein wollte. Jetzt hätte er sich zwar gerne beschwert, aber er tat es natürlich nicht. Erst einmal, weil es sowieso nichts bringen würde und zweitens, weil das dann auf jeden Fall Probleme in ihre Beziehung gebracht hätte. Und das wollte er auf keinen Fall.

Also sagte er auch nichts, als Anna ihm, nachdem sie mit ihrer Hausarbeit fertig war, erklärte, dass sie jetzt erst einmal für fünf Tage zu ihren Eltern fahren würde. Sie hatte sie schon länger nicht mehr gesehen und sie brauchte jetzt auch erst mal ein wenig Abstand zu allen Dingen, die die Uni betrafen. Toni brachte sie zum Bahnhof, verabschiedete sich liebevoll von ihr und wartete mit in die Hosentaschen gesteckten Händen, bis der Zug abgfahren war. Dann seufzte er einmal tief, schloss die Augen und stellte sich auf eine furchtbare zweite Woche ein, die auf eine furchtbare erste Woche folgen würde.

Natürlich hätte er die Sache auch einfach selbst in die Hand nehmen und über Anna und Xenia an Gregors Nummer kommen können. Aber erst einmal war es ziemlich wahrscheinlich, dass der sich überhauüt nicht mit ihm abgeben würde und zweitens war Toni sich inzwischen gar nicht mehr sicher, ob sich entschuldigen, einzig und allein aus dem völlig egoistischen Grund, sich selbst wieder besser zu fühlen, irgendetwas an dem Zustand ändern würde, in dem er sich grade befand und der ihn immer mehr aufrieb.

Denn jetzt ging es nicht mehr um Gregor und die Tatsache, dass er sich von allen Uni-Städten in diesem Land ausgerechnet die gleiche wie Toni ausgesucht hatte. Es ging jetzt nur noch um diesen widerspenstigen Teil in Toni, von dem er eigentlich gedacht hatte, dass er ihn längst losgeworden war, um jetzt feststellen zu dürfen, dass das ganz und gar nicht der Fall war. Im Gegenteil, es hatte bloß den Schock, Gregor vor sich zu sehen, gebraucht, damit er wieder auf der Bildfläche erschien.

Und jetzt ließ er Toni nachts wachliegen, an die Decke starren und über sein Leben nachdenken. Das Leben, das ihm vor kurzem noch so perfekt vorgekommen war, mit einer Familie, die ihn unterstützte, einem gut laufenden Studium und einer wunderbaren Freundin. Die jetzt aber leider nicht da war, um ihn von der Erkenntnis abzulenken, dass dieses Leben doch nicht so perfekt war, weil ihm etwas fehlte. Was aber natürlich gar nicht sein konnte und deswegen versuchte er diese Erkenntnis energisch von sich wegzuschieben. Aber da sie sich bereits als hohles Gefühl in seinem Magen manifestiert hatte, wurde er sie nicht los. Er vergaß sie vielleicht zwischenzeitlich mal, wenn er abgelenkt war, aber nachts war sie zuverlässig wieder da und brachte ihn um den Schlaf. Und nachdem er sich eine Woche damit herumgeschlagen hatte und mit Schrecken auf fünf weitere Tage blickte, da entschied er sich, dass er etwas ändern musste, wenn er nicht weiterhin totmüde in den Vorlesungen sitzen wollte.

Nachdem er diesen Entschluss gefasst hatte, stand er in der darauf folgenden Nacht auf, ging zu seinem Schrank und holte seine Sportklamotten heraus. Er zog sie an, trat vor die Tür und tat dann das, für das er andere immer verachtet hatte: er fing an zu joggen. Was er nach wie vor als öde und Zeitverschwendung ansah, aber es war der einzige Sport, den er um halb zwölf nachts noch ohne Probleme ausüben konnte. Aber öde oder nicht, es erfüllte den Zweck, den er sich erhofft hatte: je länger er lief und je mehr er spürte, dass er absolut gar keine Kondition hatte, desto mehr verschwanden die unerwünschten Gedanken in seinem Kopf.

Bis der irgendwann ganz leer war und er sich nur noch auf seine Atmung, das Geräusch seiner Schuhe auf dem Asphalt und darauf, nicht die Orientierung zu verlieren konzentrierte. Und als er vor lauter Seitenstechen nicht mehr weiterlaufen konnte und sich zurück in sein Zimmer geschleppt hatte, schlief er fast sofort ein, als sein Kopf das Kissen berührt hatte.

Tagsüber war es nie ein Problem gewesen, Ablenkung zu finden. Da gab es die Vorlesungen, seine Arbeitsgruppen, die Arbeit im Kino und seine Freunde. Es waren immer nur die Nächte, die schlimm gewesen waren, aber jetzt, wo er das Joggen für sich entdeckt hatte, hatten auch sie ihren Schrecken verloren.
Allerdings, je länger er es tat, desto besser wurde seine Kondition und je weiter musste er nachts laufen, um so erschöpft zu werden, dass er einfach einschlief, sobald er im Bett lag. Er wusste nicht, ob er über sein verbessertes Durchhaltevermögen erfreut sein oder es einfach zynisch finden sollte, beschloss aber dann, dass es besser war, sich darüber zu freuen.

Obwohl er mittlerweile mit dem Alleinsein einigermaße arrangiert hatte, war er trotzdem heilfroh, als Anna endlich wiederkam. Denn schon seit seiner Beziehung mit Lydia wusste Toni, dass Sex immer noch das beste Mittel war, diese unerwünschten Gefühle loszuwerden. Und Anna hatte auch die erfreuliche Nachricht im Gepäck, dass sie an diesem Samstag mit Xenia und Gregor auf eine Party gingen. Sie redete danach noch weiter, aber Toni hörte gar nicht mehr zu. Stattdessen dachte er zuerst einmal drüber nach, ob er seinen Plan, sich bei Gregor zu entschuldigen, doch noch umsetzen sollte und entschied sich dann dafür.  In seiner Situation war es eindeutig am besten, nach jedem Strohhalm zu greifen.

Also fing er an, während Anna noch redete, bereits Szenarien zu entwerfen, wie er es anstellen würde, sich bei Gregor zu entschuldigen.

Allerdings dadurch, dass er Anna nicht weiter zugehört hatte, waren ihm wichtige Details dieser Party entgangen. Wie zum Beispiel, dass sie nicht im Kneipenviertel stattfand, wie alle anderen Partys, die er bis jetzt besucht hatte, sondern in einem Kuhdorf zwanzig Kilometer entfernt. Mit dem Bus wäre man fast eine Stunde unterwegs gewesen, was aber gar nicht zur Debatte stand, schließlich waren sie keine Teenager mehr, die auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen waren. Nein, Gregor, der ein Auto besaß hatte sich nicht nur bereit erklärt, sie hinzufahren und auf Alkohol zu verzichten, sondern auch, sie danach auch alle wieder nach Hause zu bringen.

Und da Toni diese wichtigen Einzelheiten fehlten, war er ziemlich verwirrt, als sie am Samstag in den Bus einstiegen, der nicht in die Richtung fuhr, mit der er gerechnet hatte,

Noch verwirrter war er allerdings, als auch beim Ausstiegen weit und breit keine Kneipe oder sonst ein Ort, der so aussah, als würde dort eine Party stattfinden, zu sehen war. Sie bogen um einige Häuserecken und dann standen da plötzlich Xenia und Gregor vor einer Haustür.

Anna und Xenia, die sich jetzt ja fast zwei Wochen nicht gesehen hatten, begrüßten sich mit einer innigen Umarmung und Gregor bekam von Anna einen liebevollen Tätschler auf den Oberarm, den er mit einem Lächeln erwiderte. Toni beließ es bei einem kurzen Nicken in die Runde und einem ,Hey', auf das Gregor gar nicht und Xenia ebenfalls mit einem Nicken, einem ,Hallo' aber einem Lächeln reagierte, bevor sie sich in ein angeregtes Gespräch mit Anna vertiefte, während sie die hintere Tür des Autos öffnete, das neben ihr auf der Straße stand und Toni erst jetzt auffiel.  

Natürlich rutschte sie dann durch, sodass Anna sich neben sie auf die Rückbank setzten konnte und da Gregor bereits hinterm Lenkrad Platz genommen hatte, blieb Toni nichts anderes übrig, als sich auf den Beifahrersitz zu setzen.

Das lebhaften Stimmen von Anna und Xenia auf der Rückbank bildete einen heftigen Kontrast zu dem eisigen Schweigen, das zwischen Toni und Gregor herrschte. Es war, als hätte man eine Wand zwischen ihnen hochgezogen und Toni war nicht in der Lage, auch nur ein Wort herauszukriegen. Das Einzige, was er zustande brachte waren flüchtige Seitenblicke auf Gregor, der starr durch die Windschutzscheibe nach vorne blickte.

Toni ägerte sich über sich selbst, weil er nicht verstehen konnte, wieso Gregor ihn dermaßen einschüchterte. Vermutlich lag es daran, dass er etwas von ihm wusste, von dem Toni nicht wollte, dass es jemals jemand anderes erfuhr. Und da er Vulkan Gregor kannte, der schon bei der geringsten Erschütterung ausbrechen konnte und dann vielleicht etwas von diesem Geheimnis preisgab, war es wohl einfach das Beste, sich absolut unauffällig zu verhalten, um keinen Anlass zu einer Eruption zu bieten. Was allerdings Tonis Entschuldigungs-Plan auch so gut wie unmöglich machte.

Toni war heilfroh, als sie endlich vor dem Dorf auf einer schon sehr überfüllten Wiese einen Parkplatz gefunden hatten und er aussteigen konnte. Er atmete einmal tief ein und war froh darüber, als Anna nach seiner Hand griff und ihn liebevoll anlächelte. Hand in Hand gingen sie hinter Xenia und Gregor her zum Strand, wo die Party stattfand.

Toni, der wenig Sinn für ausgefallen Partyorte hatte und auch mit einer Kneipe voll und ganz zufrieden gewesen wäre, verstand zwar nicht so ganz, wieso sie unbedingt hierhin hatten fahren müssen. Aber Anna fand alles ganz großartig: die Theke, ein paar Bänke und das Mischpult vom DJ die allesamt direkt am Strand im Sand aufgebaut waren und dazu ein paar bunte Lampions und Lichterketten, dekorativ überall angebracht worden waren, aber für die es momentan noch zu hell war.

Und wenn es Anna gefiel, dann würde Toni auf keinen Fall sagen, dass das bei ihm nicht der Fall war, obwohl er sich vorher mit seiner Meinung nie hinterm Berg gehalten hatte. Denn er hatte das Gefühl, dass er in der letzten Zeit viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen war und hatte deswegen inzwischen schon ein ziemlich schlechtes Gewissen bekommen. Also schwieg er, trank sein Bier und als sie noch ein paar Kommilitonen von Anna trafen setzte er ein nettes Lächeln auf. Aber trotzdem verlor er Gregor nie wirklich aus den Augen. Auch er hatte hier ein paar Bekannte getroffen und sich zu ihnen gesellt. Jetzt stand er da, hatte den Arm um Xenia gelegt und anhand seiner großen Gesten erkannte Toni, dass er anscheinend da grade das große Wort führte. Was dafür sorgte, dass er auf einmal ziemlich wütend wurde, auch, wenn er keine Ahnung hatte, wieso.

Was um ihn herum passierte bekam er nicht so wirklich mit und ein paar Mal musste Anna laut seinen Namen sagen und an seinem Arm ziehen, damit er überhaupt reagierte, wenn er einmal angesprochen wurde. Nachdem das das dritte Mal passiert war, sah Anna ihn stirnrunzelnd an und Toni wusste genau, dass sie später darüber reden wollen würde. Aber anstatt sich jetzt zusammen zu reißen, damit das Gespräch nicht ganz so unerfreulich werden würde, wonach es jetzt noch aussah, schaffte er es nicht, seine Beobachtung Gregors komplett aufzugeben. Und je länger er das machte und je mehr er sah, wie großartig Gregor bei den Menschen um sich herum ankam, desto mieser fühlte er sich.

Da kam Laura, eine Bekannte von Anna, mit ihrem Vorschlag, vielleicht mal ein bisschen was Härteres als nur Bier zu trinken, grade recht. Sie sorgte dann auch unermüdlich für Nachschub. Der Kräuterschnaps sagte Toni ganz besonders zu und sobald sein Fläschchen leer war, stand sofort das nächste vor ihm und als schließlich die Sonne untergegangen und die Lampions und Lichterketten angingen, war er schon ziemlich betrunken. So betrunken, dass ihm inzwischen alles egal war und als er Gregor, der mit seinem Tablett für seine ganze Runde Bier holte, wieder einmal an die Theke kommen sah, da war für Toni die Zeit der Entschuldigung gekommen. Und jetzt fiel ihm auch wie von selbst ein passener Gesprächsanfang ein.

Leicht schwankend stand er auf, stieg über die Bank und ging dann schnell zu Gregor hin, der schon damit beschäftigt war, die vollen Becher auf sein Tablett zu stellen.

"H...hey," sagte Toni und leider kam es nur leiernd und nicht, wie erwartet, lässig heraus und sich cool an den Tresen lehnen war auch nicht mehr drin.

Gregor drehte sich trotzdem um, musterte ihn einmal wortlos und mit seinem eiskaltem Blick und wandte sich dann wieder den Bechern zu.

Aber davon ließ Toni sich jetzt nicht mehr einschüchtern. "Ich hätt grad voll Bock auf ne Baby-Gruselgeschichte!"

Er hatte das für eine sehr intelligente Eröffnung gehalten, weil es zwei Dinge enthielt: ihre Vergangenheit und das Geschichtenerzählen, das Gregor ja immer sehr gern gemacht hatte.

Aber Gregor verlor keine Sekunde ihm zu zeigen, dass er dafür absolut nicht empfänglich war. Wieder maß er ihn mit eiskaltem Blick. "Dann erzähl dir doch einfach eine!" erwiderte er mit genau so eiskalter Stimme, nahm sein inzwischen volles Tablett und ging.

Wäre Toni nicht so betrunken gewesen, dann hätte sich Gregors Reaktion jetzt wie ein ziemlicher Schlag ins Gesicht angefühlt. Aber er war ja betrunken und deswegen wurde er nur wütend. "Scheiß auf dich!" stieß er zwischen den Zähnen hervor, lehnte sich mit beiden Armen auf die Theke und bat den Barmann um einen weiteren Kräuterschnaps.

Kommentare

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    Oh - mein - Gott! Gregor hat allen Grund verdammt sauer zu sein! Ich bin sooo gespannt, wie das endet!

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