3. Vierzehn

Sie rumpelten und klirrten über das unebene Pflaster des Burghofes auf ein graues Steinhaus zu, das sich etwas abgelegen von den anderen Häusern in der linken Ecke des Hofes befand, und dann beanspruchte Nadja die Sicherheitsgurte zum letzten Mal, als sie heftig bremste und das Auto zum Stehen brachte.

Sie stiegen aus und auch, wenn Toni es eigentlich nicht wollte, konnte er sich selbst nicht davon abhalten, sich einmal umzusehen. Die zum Halbkreis angeordneten mehrstöckigen Steinhäusern mit ihren vielen Erkern und Balkonen, der Brunnen in der Hofmitte, die Holzgänge an den Mauern... Wenn die geparkten Autos, die Plastikstühle und der Sonnenschirm auf einer Rasenfäche nicht gewesen wären, hätte man auch hier ganz leicht das Gefühl bekommen können, wieder im Mittelalter zu sein.

Wie tief Toni in den Ablick vor ihm versunken war, merkte er erst, als sich eine Hand auf seine Schulter legte und ihn fast zur Tode erschreckte. "Schön, nicht wahr?" sagte Nadja schelmisch neben ihm. "Vielleicht findest du es ja jetzt nicht mehr ganz so schlimm, dass du hergekommen bist."

Toni sah sie an und öffnete den Mund, um zu protestieren, während er sich gleichzeitig darüber ärgerte, dass seine Mutter solche Dinge einfach weitergetratscht hatte, aber Nadja kam ihm zuvor. "Ich versteh das. In deinem Alter unternimmt man lieber andere Sachen als auf einer Burg rumzuhängen. Aber jetzt bist du hier und da sollten wir einfach gucken, dass wir das Beste draus machen. Nicht wahr?" Sie tätschelte seinen Oberarm. "Du hattest doch Hunger, oder? Und wie jeder Mensch hast du doch sicher nichts gegen Spaghetti Bolognese einzuwenden, stimmt's?"

Das kilometertiefe Loch in Tonis Magen machte sich wieder bemerkbar und er hätte jetzt eigentlich alles essen können. Aber Spaghetti standen auf dieser Liste definitiv ganz oben. "Auf jeden Fall," rief er deswegen beinahe schon enthusiastisch. Alles hier zu hassen wurde mit jeder Sekunde schwerer.

"Na, dann komm," sagte Nadja und während sie auf die an der Haustür wartende Kamilla zugingen erzählte sie, dass ihr Haus früher der Stall gewesen war, man davon jetzt aber natürlich nichts mehr sah und sie das auch nur wusste, weil es ihr gesagt worden war, als sie damals eingezogen waren.

Die untere Etage war ein komplett offener Raum. Nachdem sie eingetreten waren, befand sich links in der Ecke eine große Küche, dann kam ein Esszimmertisch nebst Stühlen und dann das Wohnzimmer, das durch einen großen zweiteiligen und jetzt im Sommer offenen Vorgang abgetrennt war. Vom Wohnzimmer aus führte einr Holztreppe in die obere Etage.

"Ich würde vorschlagen, Kamilla zeigt dir dein Zimmer und ich fange mit dem Kochen an," schlug Nadja vor und so stieg Toni hinter seiner Cousine die Stufen hinauf. Oben gab es Holzfußboden und einen engen Flur, von dem vier Türen abgingen. Kamilla wies auf die einzelnen Türen und erklärte, was dahinter lag, ihr Zimmer, das ihrer Eltern, das Badezimmer, und öffnete dann die vierte Tür. Hierzu sagte sie nichts, aber Worte waren auch überflüssig, denn das war eindeutig das Gästezimmer. Das Bett nahm in dem kleinen Zimmer den größten Raum ein, daneben gab es einen Tisch, einen Sessel und einen winzigen Kleiderschrank. Durchs Fenster sah man auf die Grünfläche mit den Plastikstühlen und dem Sonnenschirm und auf einen Teil des Turms.

Kamilla stand in der Tür und hielt seinen Rucksack fest. Zuerst fragte Toni sich, wieso sie ihn nicht einfach abstellte und dann, ob seine Cousine auch damals schon so still gewesen war. Aber er fragte natürlich nicht, sondern ging zu ihr hin und nahm ihr den Rucksack ab. "Danke," sagte er und Kamilla bedachte ihn zum zweiten Mal an diesem Tag mit ihrem scheuen Lächeln. "Ich geh dann mal und helfe Mama beim Essen machen." Sie hatte den Satz kaum ausgesprochen, da war sie schon wieder verschwunden.

Toni vertrieb sich die Zeit bis zum Essen damit, seinen Rucksack auszupacken und seine wenigen Klamotten in den Schrank zu hängen. Dann legte er sein aktuelles Buch auf den Nachttisch und stellte sich ans Fenster. Draußen passierte gar nichts, keine Menschenseele war zu sehen und er stellte fest, dass er die Turmspitze sehen konnte, wenn er sich vors Fenster kniete und den Kopf verdrehte. Weitere Dinge konnte er aber erst einmal nicht herausfinden, denn in dem Moment rief Nadja, dass das Essen fertig sei.

Die Spaghetti waren gut und Tonis Hunger riesig, sodass er erst nach der vierte Portion komplett satt war. Er lehnte sich im Stuhl zurück und seufzte einmal zufrieden.

"Gesunder Appetit," bemerkte Nadja sich, die ihn belustigt beobachtet hatte. "Und was willst du jetzt machen, nachdem du deine Mutter angerufen hast um ihr zu sagen, dass du gut angekommen bist? Schlafen? Oder eine Burgführung? Kamilla zeigt dir sicher gerne alles, nicht wahr?" wandte sie sich an ihre Tochter.

"Soll ich nicht lieber Papa helfen?" fragte Kamilla leise und Nadja machte eine wegwerfende Handbewegung. "Heute nicht. Heute steht die Unterhaltung unseres Gastes auf dem Programm."

"Burgführung," entschied Toni sich sofort. Eine andere Alternative gab es da grade nicht.

Am liebsten wäre er sofort losgegangen und deswegen fiel das Gespräch mit seiner Mutter auch entsprechend kurz aus und er spielte gekonnt herunter, dass es ihm, wider Erwarten, doch ganz gut gefiel. Diese Genugtuung gönnte er ihr absolut nicht. Danach gab er den Hörer an Nadja weiter und war startbereit.

Die Führung begann hinter dem Haus, wo sich, zu Tonis Überraschung, ziemlich viel Platz bis zur Burgmauer befand. Und dieser Platz wurde genutzt für Blumenbeete, ein Gewächshaus und ein kleines Steinhaus und erst jetzt fielen Toni die Wegweiser auf, auf denen ,Laden' stand und die direkt zu dem Steinhaus hinwiesen. Dort fanden sie seinen Onkel hinter dem Tresen.

Tonis Onkel war, genau wie seine Tochter, kein Freund vieler Worte. Er schüttelte Toni die Hand und nach einem ,Schön, dass du da bist,' war die Begrüßung für ihn erledigt und die Führung, soweit es die Gärtnerei betraf, für Toni abgeschlossen. Aber nicht für Kamilla. Sie führte ihn zwischen den Beeten hindurch, erklärte ihm eifrig, was hier alles wuchs und was sie selbst angepflanzt hatte und dann warfen sie auch noch einen Blick in das Gewächshaus.

Toni, der sich nicht wirklich für Pflanzen oder Bäume interessierte, war ziemlich schnell gelangweilt aber er sagte nichts. Normalerweise hätte er sich eher nicht mit seiner Meinung hinterm Berg gehalten, aber irgendetwas hatte Kamilla an sich, das bewirkte, dass er den Mund hielt, hinter ihr herstiefelte und sich brav alles anguckte, was sie ihm zeigte und dem zuhörte, das sie ihm erklärte.

Leider war sie dann nachher nicht mehr so gesprächig, als sie sich endlich wieder der Burg zuwandten. Toni hatte gehofft, vielleicht auf die Mauer zu steigen oder in ein paar von den Häusern zu gehen und er war sich völlig sicher, dass er das damals gekonnt hatte, auch, wenn er keine konkreten Erinnerungen mehr daran hatte. Aber das Einzige, was sie machten, war, die einzelnen Stationen abzulaufen, davor stehen zu bleiben und sich alles von außen anzugucken. Als sie den für ihn äußerst unbefriedigenden Rundgang schon fast abgeschlossen hatten, entschied er sich schließlich dazu, endlich mal den Mund aufzumachen. "Sag mal," fing er an. "Können wir nicht mal in eins von den Häusern reingehen? Oder auf die Mauer steigen? Als ich damals hier war konnten wir das doch, oder?"

"Da waren ja auch noch die alten Besitzer hier und da durften wir überall hin," erklärte Kamilla. "Aber die neuen restaurieren alles, weil sie möchten, dass noch mehr Besucher herkommen. Und jetzt dürfen wir nirgendwo mehr hineingehen." Wortlos blieb sie plötzlich so abrupt stehen, dass Toni es erst auffiel, als er schon ein paar Schritte weitergegangen war. "Was ist los?" wollte er wissen, als er zu ihr zurückgegangen war.

Kamilla wandte sich halb ab. "Da hinten sind die Söhne von den neuen Besitzern. Lass uns besser hier weggehen."

Toni runzelte die Stirn. "Warum denn?" wollte er wissen.

Kamilla zog unbehaglich die Schultern zusammen. "Vielleicht wollen sie ja nicht, dass wir hier einfach so herumlaufen."

Toni lachte einmal. "Also das können sie uns ja wohl kaum verbieten. Dass wir nirgendwo reingehen können, okay, aber dass wir hier herumlaufen, da kann ja wohl niemand was gegen haben. Schließlich wohnst du ja auch hier!" Er ergriff Kamilla sanft am Arm. "Na komm," forderte er sie auf, aber ihm war von Anfang an klar, dass er, wenn sie sich weigern würde, einfach alleine weitergehe würde. Und wenn er ehrlich war, dann war er schon ein bisschen neugierig darauf, wie die Kinder von Burgbesitzern wohl so tickten.

Kamilla gab seinem leichten Druck nach und ließ sich mitziehen, wobei sie aber immer ein Stück hinter Toni blieb.

Die Besitzer-Söhne saßen auf den Plastikstühlen am Plastiktisch unter dem Sonnenschirm und vor ihnen lagen ein paar Bücher und Hefte, was Toni kurzzeitig in Erinnerung rief, dass er hier in einem anderen Bundesland war, in dem die Sommerferien noch nicht angefangen hatten. Aber diese Erkenntnis währte nicht lange, denn in diesem Moment hoben die beiden Jungen synchron die Köpfe und sahen ihnen entgegen.

Toni musterte sie einen Moment und war schon fast enttäuscht, dass an ihnen eigentlich nichts Besonderes war. Bis auf ihre rötlichen Haare vielleicht. Aber das war ja auch nicht wirklich ein Alleinstellungsmerkmal für Burgbesitzerkinder.

Nachdem sie sich einen Augenblick gegenseitig gemustert hatten, stand der Ältere von den beiden auf und kam ihnen entgegen. "Hallo Kamilla," sagte er und lächelte sie freundlich an, während er Toni mit einem schnellen Seitenblick streifte. Dann ging seine Stimme ins Neckende über, als er grinsend sagte: "Stellst du uns jetzt endlich mal deinen Freund vor?"

Kamilla war ziemlich rot im Gesicht geworden. "N...nein," stotterte sie nur. Sie versuchte, ihren Arm aus Tonis Griff zu befreien, vermutlich, um wieder zu gehen.

Toni hielt es für besser, sich endlich auch mal zu Wort zu melden. "Ich bin Toni, ihr Cousin," entgegnete er. "Und du?"

"Johann," antwortete der Junge und behielt sein freundliches Lächeln bei, als er seine Aufmerksamkeit von Kamilla zu Toni hinwandte. Mit dem rechten Arm machte er eine lässige Geste nach hinten. "Und der Pumuckl da hinten ist mein kleiner Bruder Gregor."

"Nenn mich nicht immer Pumuckl, du Blödmann!" rief Gregor und Johann drehte sich zu ihm um. "Ach komm, sei doch nicht gleich beleidigt, Pumuckl."

Jetzt stand Gregor auch auf und machte ein Gesicht, als wolle er sich gleich auf seinen Bruder stürzen, entschied sich dann aber anders und stürmte davon.

Johann drehte sich wieder zu Toni um, der inzwischen Kamillas Arm losgelassen hatte. Sie war immer noch da, stand aber weiter hinter ihm.

"Also, was führt dich her?" erkundigte Johann sich und Toni erklärte es ihm kurz. Dass er eigentlich gar nicht hier sein wollte, verschwieg er dabei. Stattdessen sagte er: "Die Burg ist wirklich toll. Nur schade, dass man nicht viel von ihr sehen kann."

Johanns Augen fingen an zu glitzern. "Ach, seid ihr hier auf einer Burgführung?" Und als Toni nickte, klatschte er einmal in die Hände. "Na, da hast du aber Glück, dass du mich getroffen hast. Komm mit, ich mach jetzt n Rundgang par ecxellence mit dir. Und du kannst natürlich auch mitkommen," sagte er zu Kamilla, aber die schüttelte den Kopf. "Ich sollte lieber meinen Eltern helfen," murmelte sie und diesmal hielt Toni sie nicht auf, als sie ging.

"Also gut." Johann machte eine Kopfbewegung in Richtung der Häuser. "Dann lass uns mal loslegen."

 

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