30. Wirklichkeit sieht anders aus

So schnell ich konnte, rannte ich bis ans andere Ende des Waldes. Verwandelte mich und ging zu Fuß weiter. Als ich endlich vor ihrer Tür stand, bemerkte ich, dass Samuel immer noch keine Reaktion von sich gab. Ob er überhaupt bemerkt hatte, dass ich fortgelaufen war? In mir grummelte es.
Ich hämmerte gegen die Tür und fühlte mich sofort schuldig. Meine Mutter konnte nichts dafür, momentan war ich wohl eine Emotionsbombe.
Sie riss mit großen Augen die Tür auf.
„Was ist los!?“ Sie sah sich um, als würde ich verfolgt werden.
„Entschuldige.“ Sie zog mich hinein.
„Alles in Ordnung?“
„Ja - nein - vielleicht ... Ich weiß nicht.“
„Etwas unschlüssig?“ Ich streckte ihr die Zunge raus. Ich setzte mich auf ihr Weißes, plastiküberzogenes Sofa. Die Frau hatte es mit Weiß, was sie dazu brachte alles mit Plastik zu überziehen, damit es auch weiß blieb. Ich hatte es schon oft mit einem traumatischen Erlebnis in Verbindung gebracht. Vielleicht kannte ich dieses jetzt auch persönlich.
Sie verschwand in die Küche und machte mir meinen Lieblingstee, zurück kam sie also mit meinem Sweet Chai und einer Tasse Kaffe.
„Was hab ich verpasst? Du hast dich ja nicht mehr gemeldet.“ Ich rückte im Sofa hinab. Schuldgefühle konnte ich mir nun auch zu meinen sonstigen Emotionen dazuschreiben.
„Zu viel.“
„Seit Freitag?“
„Leider.“ Wie sollte ich nur erklären, dass ich William getroffen hatte und was er war? Wusste sie überhaupt, was er war und wenn ja, wieso hatte sie es mir nie erzählt? Ich entschied, unvoreingenommen an die Sache heranzugehen.
„Wie sieht es denn nun um euch? Darf man schon euch sagen?“
„Ja ...“ Ich erinnerte mich an unser letztes Gespräch, oder besser den ersten Nervenzusammenbruch. „Irgendwie kompliziert. Mann könnte sagen, wir sind jetzt fest zusammen.“ Für immer.
„Ach wirklich?“ Sie zog die Augenbrauen zusammen.
„Wir haben uns vertragen, das ist aber nicht das Problem.“
„Und was ist es?“ Wo sollte ich da anfangen? „Sag mir nicht, er ist verheiratet! Nida ich habe dir gesagt -!“
„Nein! Oh Gott nein!“, unterbrach ich sie.
„Was ist es denn? Ist er impotent? Kind tu mir das nicht an!“
„Mama bitte! Wenn du mich erzählen lässt, kommen wir vielleicht auch weiter.“
„Entschuldige. Aber er kann Kinder kriegen?“ Ich lachte schnaubend.
„Ich denke schon.“ Mam grummelte. Dabei lag das Problem ganz woanders. „Vielleicht beginne ich am Anfang.“
„Sicher.“
„Du hast sie ja gesehen am See. An dem Tag wurde ich über einiges aufgeklärt und wir sind zu ihm. Ich habe einige seiner Leute kennengelernt.“ Ich war erstaunt, wie normal sich mein Leben so anhörte. „Na ja irgendwie kam es dann dazu, dass ich Vater begegnet bin.“ Ich beobachtete ihre Reaktion genau. Sie blickte mich ganz normal an, man hätte ihr nichts angemerkt, wäre sie nicht kreidebleich geworden.
„Aha.“
„Mehr nicht, ein Aha?“
„Ja.“ Sie stand auf und wollte in die Küche.
„Mam?“ Sie blieb stehen. „Alles in Ordnung?“
„Natürlich.“ Sie wendete sich um und viel wie ein Stein zu Boden.
„Mam!“ Panisch sprang ich zu ihr. Ihre Augen waren offen aber ziellos. Ich legte sie intuitiv auf den Rücken und legte ihr ein Kissen unter die Beine. Ohnmacht stad ihr gar nicht gut.
Es dauerte einige Minuten, bis sie wieder ganz bei sich war. Meine Gedanken und die tausend Fragen machten währenddessen eine Pause. Die Sorgen um sie waren größer. „Bleib besser liegen.“ Sie nickte knapp.
„Ich hätte nur gewollt, dass du es von mir erfährst.“ Sie wusste es, sie wusste, was er war! Wieso hatte sie mir nichts gesagt? Auch wenn ich ihr selten böse sein konnte, ich spürte Enttäuschung, die mir die Haut gefrieren ließ.
„Diese Welt, sie ist kaum zu greifen.“
„Willkommen im Club“, flüsterte ich.
„Der Junge, er ist einer.“ Ich nickte.
„Wie war es?“
„Als wir uns das letzte Mal gesehen haben, war ich bereits infiziert.“ Wie sollte ich es sonst nennen. „Er hat mich gerettet, sonst hätte mich etwas im Wald, ein Schatten ermordet.“ Sie atmete tief ein. „Die Verwandlung selbst war fließend. Ich konnte es kaum begreifen, als es geschehen war.“ Sie kam leicht hoch, ich half ihr auf und auf das Sofa. Sie schnaubte und blickte auf ihre Hände.
„Wie ist er so?“ Ihr Blick lag in weiter Ferne, ob sie an vergangene Tage dachte?
„Manschmal kalt, spricht in Rätseln, tauscht nie rechtzeitig auf.“ Sie fing an zu lachen.
„Ja das ist William.“
„Sag bloß, du hast dich in diese Eigenschaften verliebt? Ich würde ihm am liebsten würgen.“
„Er ist, wie er ist.“ Meine Inneres zog sich zusammen. Noch nie hatte ich so viel Liebe in ihrer Stimme gehört. Es wurde mir schmerzlich bewusst, dass sie ihn immer noch über alles Lieben musste.
„Wie ist es, wenn es passiert ist?“ Eine Sehnsucht lag in ihren Worten, die mich traurig machen. Wieso hatte William sie nicht gewandelt?
„Ein Wolf zu sein ist ...“ Sie nickte leicht. „Zeitraubend, gefährlich und manchmal sogar etwas nervig. Aber auch aufregend, atemberaubend, bereichernd und unzertrennlich. Abgesehen davon weiß ich nicht, ob ich das schon beurteilen kann. Na ja, sagen wir, es stand bisher nicht unter einem guten Stern.“ Sorgenvoll nahm sie meine Hand.
„Wenn es wegen uns ist. Nida bitte verzeih mir, ich hätte ... Doch ich dachte ...“ Ich unterbrach sie mit einer einfachen Handbewegung.
„Nichts ist deine Schuld Mam. Es war einfach die falsche Zeit am falschen Ort.“
„Was ist denn passiert?“ Sollte ich es ihr sagen? Schuldgefühle hatten sie und auch ich schon genug im Sack.
„Sam hat Fehler gemacht. Genau wie andere aus seiner Gruppe. Ich wurde Entführung.“ Schockiert trieb es ihr die Tränen in die Augen. Ich hätte es lassen sollen. Doch nun gab es kein zurück mehr. „Eine Hexe mischte sich ein. Sie hätte mir Sam beinah entrissen. Doch ich konnte ihn retten.“ Sie nahm unter Tränen meine Hände. Es tat gut es mir von der Seele zu reden wenn auch mit weniger blutigen und etwas abgeänderten Tatsachen.
„Wann hast du das alles erlebt?“
„Am Wochenende, schön verpackt, wie immer.“
„Geht es ihm Gut, ist er schwer verletzt?“
„Sam geht es wieder gut, er hat sich schnell erholt.“ Ich hielt inne.
„Wie konntest du ihm helfen?“ Diese Frau stellte die richtigen Fragen, wie sollte ich ihr darauf ausweichend antworten? Die Antwort war gar nicht.
„Ich habe ihn zurückgeholt.“
„Von wo?“
„Er war auf dem Weg mich zu verlassen und ich habe ihn ... davon abgehalten.“ Nun bemerkte ich, wie egoistisch es klang. Es trieb ihr ein Grinsen ins Gesicht.
„Eine wundervolle Gabe.“
„Nicht wirklich. Wenn es überhaupt eine Gabe ist. Ich glaube, es wurde mir erlaubt. Irgendwie. Zumindest glaube ich das, weil -“
„Mir wird schlecht.“
„Ich weiß es ist schwer verdaulich.“
„Das ist es nicht.“ Sie blickte an mir vorbei. Ich wendete mich um und erblickte meinen Mann.
„Mir auch.“
Neben ihm, mein Vater.

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