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                                                                   ANNA

Ich bleibe ruckartig stehen und hole tief Luft, um meine Anspannung loszuwerden. Auch Luna bleibt neben mir stehen. Doch Alex läuft völlig aufgewühlt vor unserer Nase hin und her.

„Seit ihr völlig verrückt? Das kann doch wohl nicht wahr sein. Da lässt man dich mal ein paar Stunden aus den Augen und dann musst du dich gleich wieder in Gefahr bringen?“

Okay. Jetzt habe ich es wohl wirklich geschafft, dass er sich mitten in einem Wutanfall befindet. Denn seine Finger ballen sich zu Fäusten und auch seine Augenfarbe hat sich schon wieder verändert. Doch bevor ich etwas sagen kann, unterbricht ihn Luna.

„Alex hör auf damit, dich so aufzuregen. Es ist doch alles gut gegangen. Ich dachte, sie ist bereit für einen Talisman. Ich wollte zu Lexa, um Anna's Talisman ausfindig zu machen.“

Alex stoppt und sieht uns beide mit fragendem Blick an.

„Ihr wart bei Lexa?“

„Ja natürlich waren wir bei Lexa. Sie ist eine der wenigen, die diese Gabe haben. Und nur weil du nicht mehr mit ihr sprichst, heißt das nicht, dass ich auch nichts mehr mit ihr spreche.“

„Du hast recht, das kann mir eigentlich egal sein. Trotzdem hättest du sie nicht in diese Welt bringen dürfen. Was wenn jemand bemerkt, was Anna ist?“

In mir kocht es. Ich bin ein blödes Ding in seinen Augen? Ein Etwas. Er schafft es immer wieder mir weh zu tun. Doch nicht mit mir. Ich bin wütend und muss hier weg. Ansonsten platze ich wahrscheinlich gleich und sage Sachen, die ich im Nachhinein sicherlich bereuen werde. Also gehe ich an beiden vorbei und höre noch ein paar Sätze die sich sehr aufgewühlt anhören. Als ich glaube, dass sie nichts bemerkt haben, höre ich eine tiefe Stimme hinter mir.

„Anna, glaub ja nicht du könntest jetzt einfach abhauen.“

So jetzt reicht es mir wirklich und ich drehe mich vollkommen geladen und voller angestauter Wut um.

„Du kannst mir nicht vorschreiben, was ich zu tun habe. Ich bin ich und du hast kein Recht über mich zu bestimmen. Ich bin nicht dein Besitz und schon gar nicht dein Etwas. Also scher dich zum Teufel und lass mich in Ruhe. Sie doch selbst zu wie du Marius besiegen willst.“

Mit jedem meiner Worte wird sein Gesichtsausdruck überraschter und er wirkt irgendwie nachdenklicher als sonst. Als er nichts mehr sagt, drehe ich mich um und gehe weiter. Ich habe alles so satt. Von jedem herumkommandiert zu werden und immer alles so zu machen wie es die anderen von mir erwarten. Doch kann ich jetzt wirklich gehen? Ich muss hier weg. Weg von Alex. Er verursacht nur Chaos in meinem Kopf und Schmerzen in meinem Herz. Also gehe ich an der alten Weide vorbei und bin entschlossen wieder nach Hause zu gehen. Auch, wenn ich nicht weiß, wo ich hier bin. Irgendwie finde ich den Weg schon zurück. Hoffe ich wenigstens.
Ich bin bereits bei Luna's Haus vorbei und gehe nun die Straße mit den kleinen Häusern entlang, als ich plötzlich von einem kleinen Jungen angerempelt werde. Er sieht zu mir auf und entschuldigt sich leise. Dann läuft er wieder weiter. Er wird von einem kleinen Mädchen verfolgt. Die beiden lachen so herzhaft, dass sich meine Mundwinkel ebenfalls wieder etwas nach oben bewegen. Sie sehen so zufrieden und glücklich aus. Sie wirken so unwissend. Doch genau das ist es, was mich zum Anhalten bewegt. Sie wissen nichts über die Gefahr, die auf sie lauert. Wenn Marius an die Macht kommt, dann wird er mit Sicherheit auch diese unschuldigen Kinder nicht verschonen. Er wird keinen einzigen unschuldigen Menschen verschonen. Denn jeder, der ihm in den Weg kommt, den beseitigt er. Er ist böse und ich weiß selbst, dass wir ihn aufhalten müssen.
Als ich die beiden weiter beobachte und automatisch mit ihnen mitlachen muss, als die Kleine den Jungen gefangen hat, kommen beide auf mich zu. Ich gehe in die Knie, um mit ihnen auf Augenhöhe zu sein. Der kleine Junge und das Mädchen geben mir einen schwarzen Stein und fragen mich nach etwas, dass ich ihnen nicht erfüllen kann.

„Kannst du den Stein für uns weiß machen?“

„Ich kann den Stein nicht weiß machen. Er ist doch schwarz auch schön.“

Ich versuche die beiden nicht zu enttäuschen, doch sie sehen nicht wirklich glücklich aus, als sie meine Antwort hören. Der Junge will sich schon wieder umdrehen, als das kleine blonde Mädchen nochmals an meinem Finger zieht.

„Doch du kannst den Stein weiß machen.“

Ich bin über ihre Hartnäckigkeit überrascht. Sie will wohl nicht aufgeben. Um sie nicht noch mehr zu enttäuschen, knie ich mich auf den sandigen Weg und halte ihnen meine Handfläche entgegen. Sie legt mir den kalten Stein in meine Handfläche und ich umschließe ihn mit meinen Fingern, sodass er nicht mehr zu sehen ist.

„In Ordnung. Ich versuche es. Aber wenn er schwarz bleibt, dann will er vielleicht nur schwarz sein und möchte keine andere Farbe haben. Aber ich kann es versuchen, wenn ihr mir dabei helft. In Ordnung?“

Beide nicken voller Freude und mit großen Augen. Sie legen ihre kleinen Hände auf meine Hand. Ich schließe die Augen und blinzle noch einmal um die beiden anzusehen. Beide haben es mir gleich gemacht und ihre Augen geschlossen. Bei diesem Anblick muss ich einfach lächeln Ich weiß zwar, dass es nicht funktionieren wird, aber ich versuche es trotzdem, um die Beiden nicht zu enttäuschen. Ich schließe also wieder meine Augen und denke daran, dass der Stein weiß ist. Ich versuche es einige Sekunden lang und öffne dann wieder meine Augen.

„Also ihr Beiden. Dann lasst uns mal nachsehen, ob der Stein weiß oder schwarz ist.“

Ich bin zwar davon überzeugt, dass der Stein noch immer schwarz ist, aber ich möchte die Spannung der zwei aufrechterhalten. Ich öffne also ganz langsam meine Hand und lasse den Stein zum Vorschein kommen.
Doch ich glaube, ich sehe selbst nicht richtig, als die beiden vor Freude den Stein ansehen und das Mädchen mich herzlich umarmt. Der Stein in meiner Hand ist nicht mehr schwarz. Er ist zu meiner großen Überraschung wirklich weiß. Wie ist das jetzt möglich? Ich weiß zwar, dass ich meine Kräfte habe. Doch so etwas habe ich noch nie versucht. Die beiden bedanken sich und ich bringe nur ein leises, abwesendes „Gern gemacht“ über meine Lippen. Ich bin noch immer vollkommen überwältigt von meiner neuen Erfahrung. Als ich die beiden weglaufen sehe und wie sie sich über einen einfachen weißen Stein freuen, kann ich nicht anders. Ich drehe mich auf der Stelle um und gehe wieder zurück. Dieses Mal, um zu bleiben und es wirklich durchzuziehen. Ich will nicht, dass ihnen etwas passiert und ich werde dafür Sorgen, dass ich nicht einfach nur kampflos zusehen muss.
Als ich wieder vor Alex's Haus stehe, muss ich tief einatmen. Ich hole mir mentale Kraft durch diesen Atemzug. Ich muss das jetzt durchziehen und meine Probleme mit Alex hinten anstellen. Als ich die Türklinke nach unten drücken will, öffnet sich die Tür jedoch vor meinen Augen. Alex steht vor mir und sieht mich genau so überrascht an, wie ich ihn.

„Anna, was machst du hier? Ich dachte wirklich, du wärst gegangen. Ich habe John schon zu dir geschickt um auf dich aufzupassen.“

„Und jetzt bin ich wieder hier. Nicht deinetwegen. Aufgrund von Marius und den Dingen, die er machen wird, sollte er gewinnen. Ich will nicht dabei zusehen, wie die Gute Seite kampflos verliert. Ich werde helfen ihn aufzuhalten.“

Er sieht mich noch immer überrascht an und um ihm nicht länger in die Augen sehen zu müssen, dränge ich mich an ihm vorbei. Denn wenn ich noch länger in diese Augen starre, könnte es sein, dass meine selbstbewusste Phase eben, wieder verloren geht. Ich gehe mit strengem Blick nach vorne wieder die Treppen nach oben, um in das Zimmer zu kommen, dass mir Alex zur Verfügung gestellt hat. In dem Zimmer angekommen schließe ich sofort die Tür hinter mir und lasse mich zu Boden sinken. Ich weiß nicht was gerade in mich gefahren ist, aber so selbstbewusst war ich schon lange nicht mehr in Alex's Gegenwart. Irgendwie bin ich ein klein wenig Stolz auf mich, in seiner Gegenwart nicht wieder schwach geworden zu sein. Obwohl, es mir schon ein klein wenig schwer gefallen ist. Als ich meinen Blick durch das Zimmer schwenken lasse, sehe ich auf dem Bett Alex's Rucksack mit meinen Sachen. Er konnte es nicht lassen. Hat er etwa damit gerechnet, dass ich wieder komme? Doch noch bevor ich mich weiter in diesen Gedanken hineinsteigere, klopft es an die Tür. Ich erschrecke leicht und stehe, so schnell ich kann auf. Die Tür öffnet sich langsam und Alex steht vor mir.

„Ich wollte dir nur Bescheid geben, dass ich ein paar Tage wegmuss. John wird hier bleiben. Solltest du etwas brauchen, sag ihm einfach Bescheid.“

„Wohin gehst du?“

„Dass kann ich dir nicht sagen, da es viel zu gefährlich für dich ist, wenn du darüber Bescheid weißt. Aber ich verspreche dir, dass ich rechtzeitig wieder zurückkomme.“

Trotz dass ich immer noch wütend auf ihn bin, schmerzt es doch ein wenig zu wissen, dass er jetzt einige Tage weg ist und ich ihn nicht in meiner Nähe weiß. Sein Blick wirkt traurig und er kommt noch einen Schritt auf mich zu. Ich weiche instinktiv einen Schritt zurück. Er hat mich verletzt und ich kann nicht riskieren, dass seine Nähe mich wieder schwach macht. Als ich zurückweiche, wirkt sein Gesicht fast schon schmerzverzerrt. Er bleibt zu meinem Glück, mit etwas Abstand vor mir stehen.

„Anna. Es tut mir alles leid. Ich wollte dir nicht so wehtun. Aber ich bin mir sicher, du wirst es eines Tages verstehen, wieso ich so zu dir bin.“

Was ist jetzt schon wieder los? Ich kann nichts darauf sagen, da ich schon wieder verwirrt bin. Wieso entschuldigt er sich wieder und wieso sagt er, dass ich es eines Tages verstehen werde? So gerne möchte ich hinter seine Fassade sehen können, um zu wissen, was los ist. Doch ich kann nicht und so muss ich wohl oder übel akzeptieren, dass er mich nicht will.
Wortlos dreht er sich um und verschwindet wieder durch die Tür. Bevor er die Tür schließt, höre ich noch ein leises „Bye Anna.“ von ihm.
Ich stehe also wieder einmal alleine in diesem großen Zimmer. Was soll ich nur machen? Aber vielleicht ist es ja besser, wenn er nicht hier ist. So kann ich mich besser auf meine Übungen mit Luna konzentrieren. Dennoch überkommt mich gerade eine innere Leere. Es schmerzt trotz allem, ihn nicht in meiner Nähe zu wissen.

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