33. Viele Launen, eine Wahrheit - Samuel

Meine Laune war im Keller. Nida hatte mir ordentlich auf die Schnauze gehauen, ohne überhaupt die Hand zu rühren. Sie verstand es nicht, wollte es nicht. Nicht mal zuhören.
Sie befand sich in einer gefährlichen Phase und merkte nicht, dass sie selbst für ihren inneren Sturm verantwortlich war. Nun hatte sie alles und jeden von sich gestoßen, auch mich. Mein Wolf litt unter der Trennung. Wollte zu ihr. Umgehend.
Es wäre ein weiterer Fehler, sie brauchte ihren Freiraum. Fürs Erste. William versicherte mir, dass es mit der Auswirkung der Spaltung zu tun hatte. Es ging nicht spurlos an einem vorbei, einen Teil seiner Seele zu spalten. Ich hoffte, es würde sich bald normalisieren. Nida war einfach zu unberechenbar in dieser Phase.
„Kann´s losgehen?“ Ich nickte Dante zu. Wir standen vor dem Hauptgebäude der Melaks. Mein Blick viel zurück. Nida hatte ausreichend Begleitung. Big, James, Alex und Gale waren zurückgeblieben. Genug Mann um die Grenzen zu verteidigen und Nida in Sicherheit zu wissen.
„Gehen wir es nochmal durch.“ Nick packte den Plan des hohen Gebäudes aus, den er vor einiger Zeit schon organisiert hatte. Dante hockte sich hin.
„Sam geht rein, durch den Hintereingang. Sein eindringen müsste schnell bemerkt werden. Sie werden angreifen, worauf Sam sich zurück über die Hauptstraße in den Wald ziehen wird. Sie werden ihm folgen und Verstärkung ordern. Papa Melak wird nichts anderes übrig bleiben, als sich von seinem toten Sohn zu entfernen.“ Dante hatte Marcus Leiche bereits abgeliefert, als ich einen Besuch bei Nidas Mutter eingelegt hatte.
Ich schnaubte. Ich hatte Nida nie so distanziert erlebt. Bereits am Anfang hatte sie sich komplett von mir abgeschottet. Ein einziger Blick und von ihr kam nur Wut über unser Netz geströmt. „Im Gebäude sind zwölf. Wenn du jemanden vorher erledigen kannst, tu es.“ Ich nickte. „Du führst sie zu uns an der Landstraße. Sie werden glauben, sie sind in der Überzahl. Wenn sie eingetroffen sind, sollte es nur wenige Minuten dauern bis ihre Verstärkung eingetroffen ist.“
„Kinderspiel.“ Er nickte.
„Wenn die Restlichen sieben eintreffen, sollte das meiste überstanden sein.“ Dante reichte mir das Silbermesser. Ich ergriff es und sah mich um. Ian war nicht aufgetaucht. Trotz Dantes Anordnung.
Es beschlich mich das Gefühl, das er mir um jeden Preis aus dem Weg ging. Auch wenn es mir ganz recht kam, um nicht über den Moment in der Fabrik reden zu müssen, war es seltsam, nun ohne meinen Bruder die Vorhut zu bilden.
„Und du willst das wirklich alleine machen?“
„Ja.“
Damit löste ich mich von der Gruppe und ging auf den Hintereingang des Gebäudes zu. Es lag in einer ruhigen Straße. Von außen hätte man meinen können es wäre ein Bürogebäude. In Wirklichkeit war es ein Notfall Treffpunkt für das Rudel der Melaks.
Ich sah mich immer wieder um, um sicher zu gehen, das mich niemand vorher entdeckte. Kaum an der Hintertür, trat ich auch schon ein. Ich wendete das Messer in meiner Hand, immer darauf bedacht nicht das Silber der Klinge zu berühren, nur den Griff, den wir mit einem Gummi extra abgesichert hatten.
Langsam schlich ich den Gang entlang, bis ich ein Geräusch hinter einer Tür vernahm. Ich blieb stehen und lauschte. Zwei Stimmen, vielleicht mehr.
Also los.
Mit einem Tritt war die Tür auf. Drei Männer starrten mich an. Dann schossen sie schon los.
Mit einem präzisen Wurf warf ich das Messer in den ersten Hals. Der Mann viel sofort zu Boden und erstickte an den silbernen Flammen. Allein an seiner Haut bemerkte man, wie sich das Silber ausbreitete.
Sekunden Später war der erste Kerl vor mir. Ich duckte mich, um seinem Schlag zu entgehen und rammte ihn. Er knallte gegen den Zweiten. Zu dritt knallten wir auf einen Tisch, der zusammenbrach. Wenn sie nicht schon über das Netz alarmiert waren, waren sie es nun durch den Lärm. Jetzt hieß es schnell.
Dem nächsten Schlag konnte ich nicht entkommen, genau gegen die Wange. Mein Wolf heulte. Mit voller Wucht gab ich ihm eine Kopfnuss.
Wolf nummer zwei befreite sich unter uns. Trat zu, doch daneben, gerade so. Schnell rollte ich mich ab, zu dem dritten, der bereits den Kampf verloren hatte, und zog das Messer aus seiner Kehle.
„Wichser, falsche Entscheidung gerade hier herzukommen.“
„Wir werden sehen.“ Damit stürzte ich mich auf die beiden, beide wollten ausweichen, weshalb ich den Ersten an der Seite traf und dem nächsten die Klinge direkt zwischen die Augen verfrachtete.
»Drei.«
»Gut, raus«, befahl Dante. Ich gehorchte. Im Flur knallte ich bereits gegen zwei weitere Männer. Der Überraschungseffekt war noch auf meiner Seite.
Ich rammte beide gegen die Wand und rannte an ihnen vorbei ins Freie. Lange dauerte es nicht, bis mir beide dicht auf den Fersen hingen. Draußen angekommen, hörte ich bereits weitere Wölfe.
Jetzt hieß es, die Beine in die Hand zu nehmen. Ich raste über die Straße auf den Treffpunkt zu. Kam nur leider nicht so weit. Vorher rammte mich ein Bulle um.
Hart knallte ich auf den Asphalt. Die Luft mir aus den Lungen gepresst. Mit einem gigantischen Adrenalinstoß kam ich auf die Beine. Melak hatte einige harte Bullenwölfe um sich, dies war einer von ihnen. Er war Großer als ich und um einiges breiter. Er ähnelte Big, war nur anscheinend um einiges abgebrühter, was er durch die gravierende Narbe im Gesicht signalisierte.
Kaum kam ich auf die Beine, wollte der Kerl auf mich zustürmen. Doch jemand riss nun ihm die Beine Weg.
Hinter ihm kam Ian zum Vorschein, ich nickte ihm zu. Schon waren die beiden anderen bei uns. Jeweils ein Schlag ließ sie zurücktaumeln und wir rannten los. Wir würden uns früh genug um sie kümmern müssen.
Im sicheren Wald verwandelten wir uns. Wir kamen so schnell am vereinbarten Ort an. Ian und ich wendeten uns den Angreifern zu. Von unseren Leuten war nichts zu sehen, nicht, wenn man nicht wusste, wo man sie suchen musste.
Pfoten traten aus dem Dickicht auf den Platz, den wir uns ausgesucht hatten, nah an einer Landstraße. Niemand würde uns hören. Zähnefletschend traten sie auf uns zu.
Meine Atmung verlangsamte sich, es war wie früher. Bevor Nida in mein Leben trat. Ich fokussierte mich, war ganz bei der Sache, bis es nur noch den bevorstehenden Kampf gab. Ich scharte auf den Boden und fletschte die Zähne. Sollten sie kommen. Ich war bereit für ihr Blut.

Ich stand mit verschränkten Armen vor dem alten Mann. Dante hatte recht behalten, er war geradewegs in den Untergang gelaufen, zu seinen übrigen Mitgliedern, die alle nun leblos auf dem Boden lagen. Sechzehn Mitglieder, gegen uns fünfzehn. Sie hatten keine Chance, obwohl sie gut aufgestellt waren. Kräftig, trainiert. Vor Tagen hätten wir eine solch große Auseinandersetzung nicht angestrebt. Heute sah es anders aus.
Ian trat an meine Seite. Ich nickte ihm zu, er tat das Gleiche. Dass was zwischen uns stand, schien gigantisch zu sein.
„Wir sollten reden“, gestand er.
„Sollten wir.“ Damit war die Sache erstmal geklärt.
Die Macht berauchte mich und ich musste grinsen. Es fühlte sich gut an, besser als je zuvor. Am liebsten hätte es gleich weitergehen können. Gideon hockte vor dem Knienden Melak. Dem Letzten seines Rudels.
Mit zugepressten Kiefern sah er Gideon an. Dieser wendete ein Handy in seinen Fingern.
„Ich möchte, dass du etwas für mich tust.“
„Wieso sollte ich das!?“, spuckte er. Blut rann ihm die Lippen hinab. Den einen oder anderen Schlag hatte es gebraucht um ihn niederzuringen, ihm zur Verwandlung zu zwingen und ihn zu fesseln. Gideon grinste.
„Für deine Tochter.“ Melak ließ sich nichts anmerken. Keiner von uns verzog eine Mine, obwohl wir keine Ahnung hatten, wovon Gideon da sprach. „Sie ist niedlich. So unschuldig.“ Melak blieb unbeeindruckt. Ich sah hinüber zu Dante. Er sagte nichts, tat nichts. Er wusste davon, entgegen uns anderen. Hatte er es herausgefunden? Melak hatte nur einen Sohn besessen, keine Frau. Das Rudel nur aus Männern und nur wenigen unterdrückten Frauen, die sich nun wohl schnellstens verzogen. „Diese braunen Locken. Ist sie dein Liebling?“ Nun regte sich etwas in dem alten Mann. Sein Körper spannte sich an. Gideon hatte ihn. „Sie ist wirklich gut erzogen. Hilfsbereit.“
„Du weißt nichts“, blieb der alte hart, doch seine Augen, sagten etwas ganz anderes. Familie war alles für Wölfe, besonders ihre Nachkommen. Was blieb uns sonst, wenn nicht unsere Kinder?
„Also sollte ich dir nicht sagen, dass ich ihr zart in die Wange gekniffen habe? Dort wo das kleine dunkle Muttermal sitzt. Das ich nicht mit ihrer Mutter der latinischen Schönheit gesprochen habe, wie wohlerzogen ihre kleine doch ist, die sich entschuldigt, wenn sie gegen jemanden rennt. Ihre Wangen waren ganz rot vor Charm, die kleine Cleo.“ Nun hatte er ihn. Die Panik war ihm ins Gesicht geschrieben.
„Lass sie aus dem Spiel.“
„Das werde ich, wenn du mir einen Gefallen tust.“ Er hielt das Telefon hoch. „Verspochen.“ Sie hatte nichts getan, sie war ein Kind, weshalb Gideon ihr nie etwas getan hätte. Doch das wusste Papa Melak nicht.
„Welchen?“
„Ruf ihn an. Vereinbar ein Treffen, ein Waffenstillstand.“ Er wusste genau, wen Gideon meinte. Polaris. Die einzigen Polarwölfe weit und breit. Warum in dieser Stadt ein Rudel der nördlichen Rasse ihr Unwesen trieb, war unklar.
„Er wird den Teufel tun.“
„Ich will nur ein Treffen.“
„Damit du ihn genau so ausrottest wie uns?“ Gideon grinste, ein eisiges Gefährliches grinsen.
„Damit ich ihm genau wie dir, alles nehmen kann. Wenn er nicht tut, was ich will.“ Melaks Atmung beschleunigte sich, er wusste, dass er nicht mehr viel Zeit hatte. Gideon blickte ihn an, während er die Nummer tippte.
„Denk an deine Kleine.“ Dann hielt er ihm das Telefon ans Ohr. Das Gespräch dauerte nicht lange. Es wurde ein Treffen am Freitag ausgemacht. An einem Ort, den die Polaris auswählten. Wir wussten schon genau welchen. So gut hatten wir sie schon ausspioniert. Dann war das Gespräch beendet.
„Es wird eine Falle sein.“
„Natürlich. Darauf hoffen wir.“ Gideon schlug Melak leicht dankend auf die Wange. „Deiner Tochter wird sicher sein, dafür sorgen wir.“ Melak nickte.
„Dann tu es.“ Kaum hatte er es ausgesprochen, hatte Gideon ihm schon ein Messer ins Herz gerammt.
Melak zuckte, Gideon legte ihn zu Boden und schon war es vorbei. Ein schneller Tod.
Mehr als er verdient hatte.

„Er hat recht, es wird eine Falle sein“, warf ich ein. Gideon zog die Klinge durch ein Tuch und reinigte sie.
„Ich weiß. Das soll es auch. Dante.“ Er trat vor. „Beseitige die Leichen, verwicht die Spuren, es muss aussehen, als seien sie untergetaucht. Erstmal.“ Dante nickte. „Und du.“ Er sah zu mir. „Geh zu deiner Frau.“
„Das hat -“
„Sie hat besuch“, unterbrach er mich.
„Wen?“
„Das wirst du selbst sehen wollen.“

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