34. Mein Name ist Gabriel

„Na dann mal los“, begann ich, dabei schmiss ich alle Gedanken beiseite. „Ich spreche zu dir.“ Ein wenig Irre kam ich mir schon vor. „Und ich hoffe, du kannst mich hören. Ich brauche Antworten, von jemandem der unbeteiligt ist. Zumindest zu eine gewissen Grad. Vielleicht hasst du mich, vielleicht, bin ich dir aber auch einfach egal ... Aber du bist das einzige Wesen, das mich noch nicht enttäuscht, verletzt oder angelogen hat. Abgesehen davon, dass ich nicht mal weiß, wie du bist und ob ich dir vertrauen kann, würde ich dich gerne kennenlernen. Bruder.“ Ich blickte hinauf in den späten Nachmittagshimmel. Wind sauste mir um die Ohren, mehr bekam ich nicht zu hören. Eine Weile tat ich nichts anderes, als hinaufzustarren. In meiner Brust brannte die Enttäuschung. „Dann wohl nicht.“
Ich schüttete den letzten Rest der Flasche ins Glas. „Wieso sollte auch irgendwer auch auf meiner Seite sein.“ Ich stand auf und wollte mir eine weitere Flache holen.
„Hey.“ Ich schrak zusammen und wendete mich um. Erstaunt blickte ich den Fremden auf meiner Veranda an. „Hast du auch was Vernünftiges zu trinken? Das Gesöff bekomm ich nicht mehr runter.“ Er deutete auf die Flasche Wein. Ich starrte ihn an. War er -? War er mein Bruder?
„Jetzt glotz doch nicht wie ne Giraffe. Du hast gerufen.“ Es trieb mir ein Lächeln ins Gesicht. Denn trotz seiner uncharmanten Worte, sah er aus als hätte er mir ein Kompliment gemacht. Ein strahlendes Lächeln, Grübchen und das Aussehen eines strahlend weißen Ritters. Helles blondes Haar, grüne Augen und einen braunen Teint. Ich fragte mich, ob die Schönheit von seiner Mutter herrührte.
Ich deutete in der Verandatür stehend, auf den zweiten Stuhl und ging hinein. Drinnen besorgte ich meinem Bruder ein anständiges Bier sowie mir eine weitere Flasche Wein und brachte es ihm hinaus. Was anderes hatte ich eh nicht im Haus.
Auf seinem Gesicht lag ein leichtes Lächeln. Etwas Herzliches und doch Arrogantes. Wahrscheinlich hatten das, Lichter einfach an sich. Die blutende Kälte, dieser intrigante Blick.
„Also Schwesterherz?“ Als wäre es das normalste der Welt, wir beide an einem Nachmittag, auf der Veranda meines Hauses.
„Wo soll man da anfangen?“, fragte ich, während ich mich zurücklehnte. Falls er nicht schon alles wusste. „Ich glaube, ich muss mich erstmal bedanken. Dafür, dass du von wo auch immer zu mir gekommen bist.“ Er nickte knapp und lehnte sich ebenfalls zurück.
„Nennt man sowas nicht Familie?“ Ich musste schmunzeln.
„Irgendwie.“ Ich nahm mir mein Glas und trank einen großen Schluck. Könnte ich ihm trauen? Kam er nach meinem Vater oder machten sie sogar gemeinsame Sache? Ich würde es schon bald herausfinden. „Er redete von Bestrafung.“ Mein Bruder nickte. Seine Mine verfinsterte sich etwas. War es so schlimm?
„Du hast die Regeln der Natur durchbrochen, zwar noch nicht gravierend aber das genügt um einige Gemüter dort oben sehr zu erhitzen.“
„Dass er es mir erlaubt hat, zählt wohl nicht.“
„Das hat er nicht, kann er gar nicht.“
„Aber ... Er hat gesagt, er gibt mir die Macht.“
„Das war gelogen.“ Ich blinzelte.
„Wie kann das denn sein?“
„Denk mal scharf nach Prinzessin.“
„Ich?“ Ich deutete auf mich, er nickte nachdrücklich.
„Du hast deine Macht verwendet. Du hast nach ihr gegriffen und sie hat getan, was du von ihr verlangtest. Sie griff nach ihm, nach seiner Seele und nahm ihn wieder zurück. Danach hast du aus irgendeinem Grund deine Macht wieder gut verschlossen weggepackt, natürlich, nachdem du durch die Berührung seiner Seele einen gewissen Teil dieser Macht übertragen hast. Andererseits könnte das auch wieder William gewesen sein.“ Er grübelte.
„Übertragen?“
„Du musst es dir wie einen Handabdruck in einer sandigen Kugel vorstellen. Er bleibt erhalten. Im Gegensatz dazu ist seine Seele eine Lichtkugel, neutral, weiß. Deine Hand besteht aus Gold, als du die Kugel berührt hast, hast du sie eingedrückt und zurück blieb ein goldener Abdruck. Eigentlich verblassen diese Abdrücke nach einer Zeit.“
„Diesmal nicht. Dafür hat er gesorgt.“ Er zuckte mit den Schultern.
„Nein. Durch diesen Abdruck besteht eine intensive Verbindung zu dieser verschlossenen Tür in dir. Sie nutzen einen Teil dieser Macht, du nicht.“ Er sah mich von oben bis unten an. „Wieso eigentlich nicht?“
„Wieso sollte ich?“ Ich erinnerte mich an die Veränderung des Netzes. Die Veränderung in meinem Rudel. Es war meine Schuld, mein Einfluss. Ich hatte die Tür geöffnet und etwas hinaus gelassen, etwas das sich nun entwickelte. Ich sah es in ihren Augen.
Die Kälte.
Das Licht.
Es gehörte nicht zu ihnen. Veränderte sie. Mir wurde schlecht. Gideons Ausdruck. Sie alle waren dabei etwas anderes zu werden. Ich schluckte schwer.
„Es ist dein Erbe.“
„Ein Erbe, was mir bisher nichts als Schwierigkeiten gebracht hat.“
„Das kann man sehen, wie man will.“
„Ach ja?“
„Du könntest weit mehr Probleme haben. Doch bisher ...“
„Was?“
„Sie halten sich fern.“
„Ach ja? Du meinst also die veränderte Dynamik in meinem Rudel, die Lügen meiner Mutter und der penetrante Versuch Williams, mich wo auch immer hin zu zerren, wären nicht Problem genug?“
„Schon. Aber du vergisst die Schatten.“
„Die bleiben weg?“
„Ja.“
„Super. Ein Problem weniger!“, höhnte ich aggressiv.
„Ich kann nichts dafür.“
„Ich weiß, entschuldige. Es wühlt mich einfach so sehr auf.“
„In dir tobt ein Sturm.“
„Was du nicht sagst.“
„Glaubst du nicht, es ist, weil du versuchst, eine Atombombe hinter einer Holztür zu verstecken?“ Ich sah ihn verwirrt an. Was sollte das denn nun bedeuten?
„Ich würde das in mir eher als eine Steinmauer bezeichnen und ich habe lange gebraucht, um sie wieder zu errichten.“
„Gegen eine tickende Atombombe?“
„Was soll ich deiner Meinung nach tun? Es zulassen und genau so werden wir sie? Mich in etwas verwandeln was ich nicht sein Will? Nein. Ich kann das nicht.“
„Woher willst du wissen, dass du dich veränderst?“
„Ich weiß es. Ich sehe es in seinen Augen.“ Mein Bruder nickte und nahm noch einen großen Schluck. Er würde nicht weiter versuchen mich zu überzeugen, wenn er das überhaupt tat. Es fühlte sich eher an, als wollte er mich aufklären, vielleicht auch testen.
„Was genau passiert mit ihnen?“ Ich konnte es mir nicht erklären, was meine Berührung genau verursachen würde. Einige Veränderungen anhand ihres Verhaltens und des Netzes hatte ich bereits festgestellt. Wer wusste schon, was noch auf mich zukommen würde.
Er sah mich an, wie es schien abwägend, wie ich darauf reagieren würde. Kein gutes Zeichen.
„Willst du das wirklich wissen?“
„Ich habe gefragt.“ Er atmete tief ein und setzte sich auf. Ich tat es ihm nach und wendete mich mehr zu ihm.
„Also. Hat man dir mal von den Wölfen der alten Zeit erzählt?“
„Nicht viel“, gestand ich.
„Die Ersten von ihnen waren Menschen, die sehr nah mit Wölfen verbunden waren und lebten. Als William entschied die Welt zu retten, berührte er diese Menschen und beide wurden eins. Deswegen nimmst du deinen Wolf, als Individuum war. Eigentlich bist das du und dennoch könnte der Wolf auch eineigendes Leben führen.“
„Eine Spaltung?“
„Hexen haben es schon getan. Es sind zwei Seelen in einem Körper, die eigentlich eine sind. Aber weiter zu deiner Frage. Diese ersten Wandler pflanzten sich fort und die ersten Wolfswandler waren geboren. Sie trugen diese Macht, dieses Gold noch in sich, wohingegen es bei den Eltern verblasste.“
„Es ist dieser Abdruck.“
„Ja. William kam es zugute. Wir hätten die ersten Kriege nicht gewonnen, wären sie nicht gewesen. Doch diese Berührung hat einige Markante ... sagen wir Nebenwirkungen. Nebenwirkungen, die über Generation zu Generation nachgelassen haben.“
„Welche?“
„Ihr Verhalten. Sie ähnelten stark die eines Wolfes und die schlechtesten Eigenschaften eines Menschen. Aggressiv, Wild. Dann kamen noch unsere eigenwilligen Eigenschaften dazu. Stärke, Schnelligkeit, Größe, der Wille zu schützen, um jeden Preis.“
„Warte was? Schützen?“ War es das, was William wollte? War er deswegen so fanatisch bei dem Versuch mich unter seine Fittiche zu bekommen?
„Es ist die treibende Kraft. Das Rudel zu schützen. Die Nachkommen. Sie sind die Zukunft.“
„Was willst du damit sagen? William macht das alles zum Schutz?“ Er nickte. „Das kann nicht wahr sein. Jahre lang hat er nie eingegriffen.“
„Da warst du noch keine Wölfin, du hattest noch keinen Zugang zu deinem Potential. Womit du sicher warst.“
„Wieso?“
„Weil man nur als Wolf daraf zugreifen kann, wie auf das Netz.“
Ich nahm noch einen großen Schluck Wein.
„Danke“, warf ich ein. Sein Blick fand meinen. Ich spürte, wie meine Augen glasig wurden. Er war der erste Wolf, der meine Schatten vertrieb und endlich wieder Sonne schienen ließ.
Er sprach nicht in Rätseln, half mir zu verstehen und ein Stück zu akzeptieren. Schon jetzt war die Bindung zu ihm stärker, als sie zu William je sein könnte.
Mein Bruder legte seine Hand, auf meine. Die Wärme, die mich erfüllte, ließ mich grinsen. Dieser Mann hatte etwas Besonderes.
„Ich weiß noch gar nicht, wie du heißt?“
„Gabriel.“ Ich nickte.
„Ein schöner Name. Gabriel, was bedeutet das für mein Rudel?“ Er streckte sich.
„Einiges.“ Er nahm noch einen Schluck und lehnte sich zurück. „Er lässt seine Pläne nicht gern durchsickern, nicht mal bei mir. Doch genau wie du, bin ich nicht auf den Kopf gefallen. Seine Verhaltensmuster sprechen dafür, dass er eine Art Neustart durchführen will.“
„Neustart, mit Samuel und den anderen?“ Mir gefror das Blut.
„Nicht so. Ich meine in der Bedeutung der Wölfe. Ihr heutiges Verhalten. Sie stehen nicht mehr für das, was sie mal waren. Ich glaube, er will deine Jungs dazu bringen, die Wölfe wieder zu Soldaten zu machen. Oder hat sie schon dazubekommen.“
„Wie kommst du darauf?“
„Er war bei ihnen. Öfters.“ Er benutzte sie also.
„Was bringt es ihm?“
„Sicherheit.“ Mir wurde langsam schwindelig. Sicherheit für mich. Vor den Schatten und allem anderen.
„Gott das fängt an zu nerven.“
„Es wird sicherlich schwer für euch alle, wieder zueinander zu finden. Nachdem sie sich ... entwickelt haben.“ Ich erstarrte. Meine Familie. Das durfte nicht sein, sollte nicht so sein! „Ich meine, es werden die ersten Prädatoren Wölfe seit Jahrhunderten. Sie werden ihm gehorchen.“
„Wieso?“
„Er ist ihr Gott. Glaube ist stärker als vieles andere. Das beweisen viele Religionen tagtäglich.“ Ich rief mir das Gesicht und fuhr mir dann durch das zerzauste Haar.
Mein Vater würde meine Familie benutzen, für gefährlichere Aktionen, als sie sowieso schon getan hatten.
„Das ist meine Schuld“, flüsterte ich in den Wind. Die Schuld warf mich fast um, so sehr Borte sie sich in mein Herz. Ich veränderte sie, so stark, dass ich es selbst nicht ertrug. Wären sie überhaupt noch die Männer, die ich in der kurzen Zeit kennen und lieben gelernt hatte?
„Es ist nicht deine Schuld. Es gab einfach keinen anderen Weg.“
„Hätte ich anders entschieden.“
„Wäre er nun Tod und du nicht.“
„Wieso? Wenn William nicht gewesen wäre, hätte ich mit ihm gehen können. Jetzt, will man mich betrafen und mein Mann ist ein ganz anderer.“
„Du glaubst doch nicht, dass er dich gehenlassen hätte?“ Ich presste die Kiefer zusammen. Nein hätte er nicht. Selbst wenn ich ihn angefleht hätte, er hätte mich in dieser Welt behalten. „Er würde nie das einzige Kind, das er aus Liebe zeugte, gehenlassen.“ Ich starrte Gabriel an. Wie ein Vulkan brach es aus mir heraus.
„Liebe?“, spuckte ich. „Das ist keine Liebe, das ist krank!“ Ich sprang auf die Beine, musste auf und ab laufen, um die Energie loszuwerden. „Das ist ein Scherz! Er ist fanatisch, fixiert auf etwas, dass er nie haben wird! Jetzt benutzt er meinen Mann, meine Familie für seine Ziele. Dabei brauche ich keinen Schutz!“ Glühend reine Wut loderte erneut in mir. Dieser Mann brachte das Schlimmste in mir zum Vorschein.
„Du bist impulsiv. Fast wie er.“ Ich fixierte ihn. Er hob schuldig die Hände. „Wie wäre es, wenn du dir die Wahrheit anhörst und dann urteilst.“
„Das kannst du gerade sagen!“
„Hey, dort oben ist nicht alles Zuckerschlecken.“ O. k., jetzt hatte ich meinen Bruder verärgert. Es nahm mir den Wind aus den Flügeln. Ehrlich gesagt hatte ich keine Ahnung, wie es dort war, wie es ihm gehen musste. Was hatte er eben gesagt? Das einzige Kind aus liebe? Und er? Ich schluckte schwer.
„Entschuldige. Was wolltest du sagen?“ Ich setzte mich wieder neben ihm, versuchte das rumoren im Bauch zu unterdrücken.
Bevor er loslegte, nahm er den letzten Schluck aus der Flasche und beobachtete den See. Ich hingegen ließ ihn nicht aus den Augen. Ich wusste nicht wieso, aber dieser Mann faszinierte mich von Minute zur Minute mehr. War es, weil er ein Gott war? Weil er mein Bruder sein sollte? Ich konnte es wirklich nicht sagen.
„Damals, vor sehr langer Zeit, wurde William an meine Mutter gebunden. Er wie Sie hatten nie die Wahl, sich gegen diese Verbindung auszusprechen. So wurde und wir es bis heute gehandhabt.“
„Er war demnach nicht der Erste? Es war nicht seine Entscheidung?“
„Lichter verglühen. Es dauert sehr lange, aber ja. In dieser Phase, auf dieser Welt gibt es ihn.“ Er sah lächelnd zu mir herüber. Also war unsterblich nicht gleich unsterblich. „Kleine unwissende Schwester.“ Ich wurde leicht rot und fühlte mich wie ein Balg.
Wie alt er wohl war? Ich musste für ihn nicht viel mehr als ein Baby sein. „William war angetan von den Menschen. Dessen Ebenbild diese trugen. Umso bestürzter war er, als sie unter der Pein der Schatten litten. Vampire, Hexen, Tyrannen, Harpyien, Drachen, Dämonen. Alles peinigten die machtlosen Menschen. Doch obwohl er die Menschen ins Herz geschlossen hatte, trieb es ihn nicht dazu einzugreifen.“ Ich atmete tief ein und schloss die Augen. Ich konnte mir schon denken, was ihn trieb. Ich würde noch ein Magengeschwür bekommen, so viel ärger trug ich in mir.
„Eine Frau.“ Ich nickte. Wie Alt war meine Mutter!? Wie lange war das Ganze Bitte her?
„Eine wunderschöne Frau. Mit langem haselnussbraunen Haar, das in goldenen Tönen schimmerte. Blaue liebevolle Augen. Er beobachtete sie Tag für Tag.“
„Natura.“ Er nickte. Ich überlegte wie ihr leben verlaufen wäre, hätte sie ihn nicht getroffen. Wäre ich je geboren worden? Wäre ich damals zu der Zeit entstanden? Wann war ich überhaupt entstanden? Es lief mir eiskalt den Rücken hinab. Wie alt war ich?
„Sie wusste nichts von ihrem Beobachter.“
„Stalker.“ Er sprach einfach weiter.
„Sie waren sich nie begegnet und doch verlor er sein Herz. Als die Schatten drohten, auch ihr zu schaden, erschuf er, die unseresgleichen. Erst dann suchte er sie auf.“
„Wie Alt war sie bitte?“
„Jung.“ Ich konnte mir denken wie jung. Fast ein Kind würde ich meinen, ein Teenie, wie sonst hätte die nächste Generation sie retten können?
„Wie lange ist es her?“
„Jahrhunderte, die Menschheit war noch Jung. Bauern auf dem Weg in eine goldene Zeit.“
„Er liebte sie wirklich.“ Ich schluckte schwer. Ich kannte diese Frau, mit dem haselnussbraunen, nun kurzen Haaren. Das mit goldenen Strähnen durchzogen in der Abendsonne glänzte, die lieblichen blauen Augen.
„Und tut es noch, mehr als alles andere.“ Er blickte hinaus auf den See, in die Ferne. Tief in Gedanken versunken. Ob er litt? Ich tat es, sogar für uns beide.
Es dauerte eine Weile, eh er weitersprach. „Eine einzige menschliche Frau hatte ihn dazu gebracht, Welten zu bewegen. Hatte ihn dazu gebracht, Regeln zu brechen, die Schatten zu bekämpfen und sich auf eine Seite zu begeben. Er war schließlich zu oft auf die Welt hinabgegangen, was nicht mehr verheimlich werden konnte, wodurch sein Verstoß gegen die oberste Regel bedeutete aufflog. Diese Frau, deine Mutter, sie hat versucht, ihm nicht zu verfallen.“
„Was?“ Es war kaum vorstellbar, so fixiert, wie sie schon immer auf diesen einen Mann war. „Wieso?“
„Weil sie es wusste oder es ahnte.“
„Du meinst, sie wusste, was er war?“ Er nickte langsam. Nun war ich es, die in die Ferne auf den See starrte, in Gedanken bei dem Szenario, das ich bildlich vor mir sehen konnte.
Eine Frau schön wie der Frühling, ein Mann brennend vor liebe und die ganze Welt zwischen ihnen.
„Und was er bereits hatte.“
„Was er hatte? Eine Familie meinst du.“
„Ja. Wandler waren zwar neu, doch man wusste von uns. Den Lichtern. Uns allen. Früher war es eine Todsünde, den Mann einer anderen zu begehren, vor allem als Frau.“
„Der verbotende Apfel.“
„So gesehen ... Sie war die Verführung, er das Opfer.“
„Natürlich.“ Ich schüttelte den Kopf. So leicht konnte man es sich auch nur zur Zeit der Unterdrückung machen, wo Frauen nichts waren als Inventar.
„Die Welt war gerettet, doch andere Dinge, waren verloren.“
„Die Regeln. Er hatte sie gebrochen und musste nun büßen.“ Genau, wie ich es nun sollte. Ich packte die Lehne. Welche Strafe würde mich erwarten? Würden sie mich von Sam trennen, mich verbannen? Was wäre dem Vergehen angemessen, wenn man der Natur seine Gesetze beraubt?
„In gewisser Weise wie bei dir.“ Ich schluckte schwer.
„Was erwartete ihn?“ Ich wollte nicht fragen was mich erwarten würde. Die Ungewissheit war einerseits erleichternd und andererseits unertragbar. Ich konnte mich kaum auf dem Stuhl halten. Also krallte ich mich weiterhin mit den Nägeln in die Lehne.
Die Vergangenheit meiner Familie war unendlich traurig und es begann, sich auf gewisse Weise zu wiederholen. Ob es ein Fluch war? Abwegig war es nicht.
„Er nahm sie. Verführte sie und brach damit die erste Regel.“
„Treue zu seiner Auserwählten. Aber ganz ehrlich, er verführt sie und sie ist schuld?“ Gabriel grinste breit.
„Böse Frau eben. Soll ich weiter aufzählen?“
„Nur zu.“
„Er konnte sie nicht gehen lassen und brach die Zweite.“
„Natürlich er gab ihr die Unsterblichkeit.“ Er nickte.
„In dem er sie berührte.“
„Ihre Seele.“
„Ein Abdruck, der nicht wieder zu entfernen ist. Durch diese Vergehen, musste der eigentliche Richter bestraft werden.“
„Wie?“ Mir gefror das Blut. Würde ich nun hören, was mich erwartete?
„Er durfte sie nie wieder sehen.“ Nun musste ich die Stirn runzeln. Das war ja wohl ein Scherz. Wie oft hatte er mittlerweile die Füße auf unsere Erde gesetzt? Bestrafung schien dort nicht all zu viel zubedeuten. „Er wurde dazu verdammt, liebe nie zu spüren, nach der er sich sehnt. Die Erde wurde unerreichbar, zur Höllenqual, wenn er sie doch betrat.“
„Wie passe ich dann ins Bild?“ Ich stand auf, ging zum Geländer und lehnte mich dort gegen, um meinen Bruder anzusehen. „Ich meine, ich bin nicht unsterblich. Sowas hätte ich bemerken müssen.“ Wenn es so war, ergab es keinen Sinn.
„Ich glaube, wie meine Tante es mir damals erzählte, passt es am besten.“ Er sammelte die Erinnerung, dann begann er. „Jahrhunderte vergingen, in dem sich der Mond und Erde nie berührten. Eines Tages hatte Mutter Mitleid mit ihrem Sohn und gewährte ihm eine einzige Nacht in Freiheit. Unbemerkt und still, viel er hinab auf die Erde. In die Arme seiner Liebe. Es entstand ein Stern, so hell leuchtend wie keiner zuvor und doch unsichtbar, für alle Augen.“
„Das ergibt keinen Sinn. Er wandelt doch auf Erden, ist ihr sogar begegnet. Was verheimlichst du mir?“
„In der Nacht eines Vollmondes, vor mehr als zwei Dutzend Jahren brach der Bann. Ein Lichtkind wurde geboren. Mächtig und doch unglaublich verletzlich.“
„Du meinst doch nicht mich?“
„Nida. Du bist ein Kind des Mondes, ein Kind der liebe und des Lichts. Etwas, was nicht in dieser Art existieren sollte. Warum sonnst, glaubst du, wird für einen Gott eine Auserwählte gestellt? Warum sollte es diese Regeln geben, wenn nicht zum Schutz. Es ist gefährlich und kann in einer Katastrophe enden.“
„Du meinst, ich bin die Gefahr?“
„Du bist mächtiger, als du wein solltest. Im Augenblick deines Erwachens gab es etliche Störungen überall auf der Welt. Das Licht, das du in dir trägst, ist unkontrolliert. Wie eine Sonne die gerade erst entsteht.“
„Ich bin aber nur ein Halblicht. Wie kann das so schlimme Auswirkungen haben? Ich meine, ja William ist mein Vater, aber ich bin auch menschlich. Nur halb so wie du, du bist ein ganzes Licht, ein Gott.“
„Und doch fehlt etwas Existentielles in mir. Etwas das ein Halblicht stärker werden lassen kann als ein Vollwertiges.“ Sein Gesicht war ernst. Er glaubte an seine Worte, glaubte an diese Geschichte. Tat ich es? Hatte ich überhaupt Grund daran zu zweifeln?
„Wieso ist er dann nicht geblieben. Wenn der Bann verschunden war, wieso ist er gegangen?“ Es sprach das verletzte Kind in mir.
„Er wusste, dass du hilflos und angreifbar sein würdest, wenn er bei dir blieb. Du warst aus irgendeinem Grund nur ein Mensch. Es schlummerte in dir. Niemand hätte je herausgefunden, wessen Kind du bist, doch wenn er geblieben wäre, wärst du eine Zielscheibe geworden. Eine unschuldige und schutzlose Zielscheibe. Damit hat er dir ein normales Leben ermöglicht. Ich glaube sogar, wenn du nie gebissen worden wärst, hättest du nie von dieser Welt erfahren. Du wärst vergangen wie alles andere.“
„Du meinst, sie hätten mir nie etwas gesagt.“
„Und dir verwehrt, was ihnen untersagt ist? Ein Leben. Liebe.“ Plötzlich wurde mir so einiges klar. Der sehnliche Wunsch meiner Mutter einen Mann für mich zu finden. Enkelkinder zu bekommen. Mein Leben zu leben. All das, was sie nicht unbeschwert konnte. „Ein Leben abseits der Gefahren. Wünscht sich dies nicht jedes Elternpaar?“
„Er hat uns verlassen, um mich zu schützen. So wie er es die ganze Zeit schon versucht.“ Gabriel stand auf und lehnte sich neben mich.
„Es macht ihn fast wahnsinnig.“
„Irgendwie verständlich.“
„Glaub mir, wenn ich dir sage, dass ein Licht das in Angst aufwächst, kein gutes Ende nimmt.“
„Deine ganze Erzählung hört sich aber an, als wenn es so oder so kein gutes Ende nehmen wird.“
„Das liegt an dir.“
„Komm mir nicht so“, jammerte ich. Er ähnelte in dem Moment zu sehr William, auf den ich trotzdem noch eine Höllenwut im Bauch trug. Ich löste mich und begann erneut die Veranda hinauf und hinab zu tigern.
„Will dort oben jemand meinen Tod?“
„Du meinst die Lichter. Ein paar und niemand.“
„Soll ich nicht bestraft werden?“
„Nicht so, wir sind keine Barbaren. Sie wollen dich auf ihrer Seite. Wenn das nicht gelingt, dann fordern sie deinen Tod.“ Ich schnaubte verächtlich, natürlich wollten sie das. Kein Wunder, dass William so darauf drängte.
„Wie meinst du auf ihre Seite? Dort oben, oder wo auch immer ihr herumschwirrt.“
„Wir schwirren nicht. Zumindest nicht in dieser Dimension.“ Ich starrte ihn ungläubig an. Natürlich, wo sollten sie sonst zu finden sein, als in einer anderen Welt neben dieser.
„Zu deiner Frage. Lichter können verdunkeln. Etwas wie fallen.“
„Und böse werden?“
„So ähnlich. Dort oben herrscht seit einiger Zeit Stillstand.“ Was nach ihrer Zeitrechnung eine Ewigkeit sein musste. „Mansche von ihnen sind verbittert, wollen den Thron. Sie Werden versuchen dich zu benutzen, genau wie die anderen.“
„Die helleren Lichter?“
„Wenn du sie so nennen willst. Ich nenne sie ja lieber Irre.“ Ich lachte auf.
„Passt gut.“
„Nicht wahr? Du kannst mir glauben, wenn ich dir sage, dass dort oben die Hölle los ist. Schlimmer als Game of Thrones. Das sie noch nicht mit Scheiße werfen ist alles.“
„Du schaust Serien?“
„Was soll man sonst tun?“ Ich lachte auf.
„Ich dachte immer, jene wie du, hätten wichtige Dinge zu tun.“
„Bist du wahnsinnig?“, scherzte er und ich musste lachen. Es munterte mich auf, dass solche Wesen doch irgendwie menschlich schienen, trotz ihrer Fähigkeiten. Sicherlich spielte Gabriel es runter, um dem die Schärfe zu nehmen. „Es gibt so viel mehr als Schwarz und Weiß kleine Nida. Es gibt jede erdenkliche Farbe, davon sind einige dunkler als die anderen. Sie werden mit aller Macht versuchen dich für sich einzunehmen, wenn nicht ...“ Er musste es nicht aussprechen. Ich konnte mir denken, welche Intrigen dort herrschten. Mit Macht kam viel Verantwortung, eine Verantwortung die einige nicht gewachsen waren, und wenn sie annährend so waren wie wir, denn waren es die gefährlichsten Geschöpfe, die existierten. Unberechenbar.
„Ich freu mich schon drauf. Aber wieso ich? Wegen dem Teil in mir, dem Licht?“
„Nein. Weil William dich liebt und er alles tun wird, damit du in Sicherheit bist.“

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