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                                                                      Alex

Es fiel mir nicht leicht von Anna wegzugehen, aber ich musste. Ihr Blick als sie wieder zurückgekommen ist. Ich werde ihn nie vergessen. Sie wirkte so kalt und so stark. Ich weiß, dass sie stark ist, aber ich dachte wirklich nicht das sie nochmals zurückkommt. Ich kann nicht aufhören zu grinsen, wenn ich an diese Anna denke. Sie ist hartnäckiger, als ich Anfangs dachte. Aber ihre Anwesenheit lenkt mich von meiner eigentlichen Aufgabe ab. Und so kam es mir sehr gelegen, dass ich Verstärkung holen muss. Besser gesagt muss ich herausfinden, wo Marius's Schwächen liegen. „Man kann nur jemanden besiegen, wenn man seine Schwächen kennt“ die Worte meiner Mutter spuken mir noch immer in meinen Kopf herum. Sie hatte in allem recht. Wie gerne würde ich jetzt einen ihrer weisen Sprüche in meinem Ohr hören.

Also habe ich mich mit zwei Rudel-Mitgliedern auf den Weg nach New York gemacht. Hier sammelt sich alles Übernatürliche, das nicht gesehen werden will. Hier unter diesen Menschenmassen fallen die wenigsten auf und sie können ihrem Verlangen nachgehen und keiner bemerkt es. Sicherlich müssen sie auch hier vorsichtig sein, aber es ist nicht so wie in Driftwood. Wenn dort etwas passiert, dann weiß es sofort die ganze Stadt. Ich habe es gemocht hier zu leben, aber irgendwann habe ich dann bemerkt, dass ich mein eigenes Leben haben will, und nicht in diesem Fluss von Wesen und Menschen mitlaufen will. Ich bin ein Wolf und ich liebe es zu laufen. Ich brauche die Natur. Ich brauche Freiheit.

Die Lichter der Stadt leuchten im Dunkeln, als wir über die Brücke fahren. Auch wenn ich nicht mehr hier leben möchte, es ist ein schöner Anblick und irgendwie habe ich diesen Anblick vermisst. Als wir der Stadt näher kommen sehe ich die Menschenmassen auf den Gehsteigen und die Geräusche um mich herum nehmen zu. Es sind laute Sirenen von den Polizeiautos, Menschen die miteinander sprechen, Busse und Autos die an uns vorbeifahren. Es ist einfach um so vieles lauter als in Driftwood.

Wir fahren weiter nach Brooklyn. Man merkt wie die Menschenmengen wieder etwas weniger werden. Nach ein paar Minuten biegt Peter in eine Seitenstraße ein und wir halten in der unbelebten Gegend vor einem Haus an. Meinem Haus. Es sieht noch so aus, wie das letzte Mal als ich hier war. Es ist einfach nur ein bisschen in die Jahre gekommen. Etwas ungepflegt würde ich sagen. Ich war ja auch schon einige Zeit nicht mehr hier. Jedoch kann ich mich noch gut an die Partys erinnern. Diese Erinnerungen lassen meine Mundwinkel wieder etwas nach oben wandern.

Peter und Michael haben mich begleitet. Michael ist im Gegensatz zu Peter ein geborener Werwolf und manchmal etwas zu temperamentvoll. Ich kenne ihn schon seit ich denken kann. Seine Familie wohnte eine Weile in dem Haus gegenüber von uns. Irgendwie ist Michael ja auch ein Grund, wieso ich nicht mehr mit meiner Schwester spreche. Zu meinem Bedauern hat sich Lexa mit Michael eingelassen. Zuerst haben sie es vor mir geheimgehalten, doch nach einiger Zeit habe ich es bemerkt. Sie waren immer zusammen unterwegs und ich kann mich noch genau an ihr Lachen erinnern, wenn sie mit Michael zusammen war. Anfangs war ich dagegen, da ich überzeugt war, dass es so enden wird wie bei unseren Eltern. Doch irgendwann habe ich es akzeptiert, da ich gesehen habe wie glücklich sie sind. Doch wie bei jeder anfänglichen Euphorie schlägt bald die Realität zu. Lexa ist ebenfalls eine Hexe, doch sie ist etwas Besonderes. Sie kann soviel mehr als eine normale Hexe. Und als sie ihre Kräfte nach und nach verstärken konnte, hat sie sich verändert. Sie hat gedacht, sie könnte sich alles erlauben und könnte alles machen, zu was sie Lust hat. Und irgendwann hat sie, denke ich, vergessen das es Michael auch noch gibt. Sie hat sich nur mehr mit ihrer Magie beschäftigt und wollte immer stärker werden. Doch irgendwann hat ihr Machtrausch Überhand genommen und sie wollte mich als Alpha nicht mehr akzeptieren. Es war ein starker Kampf. Sie hat sich mir als Wolf gestellt. Nur durch einen Kampf kann der Alpha bestimmt werden. Der Stärkere gewinnt.
Irgendwie habe ich es geschafft sie zu besiegen und als der Kampf vorbei war, habe ich sie verbannen lassen. Seit diesem Tag ist sie in der anderen Welt und ist seitdem nicht mehr zurückgekehrt. Ich habe sie auch seit diesem Tag nicht mehr gesehen und auch nicht mit ihr gesprochen. „Was für eine kaputte Familie habe ich eigentlich?“ Ich schüttle schnell meinen Kopf, um die Gedanken wieder loszuwerden und mich auf die eigentliche Sache konzentrieren zu können.

Wir sind hier um eine Seherin zu finden. Genauer gesagt suchen wie die Machtvollste Seherin die ich kenne. Zu meinem Bedauern kenne ich sie nur zu gut. Viktoria und ich haben uns manches Mal die Zeit zusammen vertrieben. Der Sex war wirklich atemberaubend, aber nicht annähernd so wie mit Anna. Mit Anna ist einfach alles anderes und so neu. Und schon wieder denke ich an sie. „Mann, ich muss sie jetzt echt mal aus meinen Kopf bekommen“, sagt mir meine innere Stimme. Ich muss mich auf die eigentliche Aufgabe konzentrieren. Viktoria zu finden und herauszufinden wo Marius Schwächen liegen und was Salivana von dieser ganzen Sache hat.

Peter stellt den Wagen ab und wir steigen aus. Die kleinen Steine auf der Straße knirschen leise unter meinen Schuhsohlen. Peter sieht mich mit fragendem Blick an und richtet sich dann wieder dem Haus vor seinen Augen.

„Alex, ist das echt dein Ernst? Ich hätte mir eigentlich etwas Schöneres Vorgestellt. Nicht so eine heruntergekommene Bude.“

Er beginnt lautstark zu lachen und ich bin irgendwie nicht seiner Meinung. Klar das Haus sieht von Außen echt schon ein bisschen abgefuckt aus, aber es war wirklich okay hier zu wohnen. Vielleicht meint er das Geländer, dass nur mehr halb vorhanden ist und die Fensterläden, die nicht mehr gerade sind, da die Scharniere am oberen Ende aufgegeben haben. „Okay, es sieht Scheiße aus“, sagt meine innere Stimme. Aber Peter recht zu geben werde ich nicht zulassen und so gehe ich an Peter vorbei. Klopfe ihm auf die Schulter und lasse ein sarkastisches „Na braucht der kleine Peter, mehr Luxus um sich wohl zu fühlen?“

Michael und ich kriegen uns kaum mehr ein vor Lachen und auch Peter steigt mit ein. Er holt die Taschen aus dem Kofferraum und wir gehen die knarrenden Holztreppen nach oben zu der alten Eingangstür. Ich nehme den Schlüssel aus der Tasche und stecke ihn in das Schloss. Die Tür öffnet sich ebenfalls mit einem lauten Knarren und der abgestandene Geruch kriecht in meine Nase.
Die Möbel sind mit weißen Tüchern bedeckt und ich gehe sofort zu dem Fenster, um eines davon zu öffnen und etwas frische Luft in diesem Raum zu bekommen. Als Peter das Haus betritt lässt er die Taschen auf den Boden fallen und sieht sich um. Sein Blick wirkt überrascht.

„Also ich muss sagen, hier drinnen gefällt es mir ein klein wenig besser.“

Als das Fenster geöffnet ist und etwas frische Luft in den Raum strömt, gehe ich in die große Küche. Zu meinem Bedauern liegt auch hier überall eine Zentimeterdicke Staubschicht auf den Flächen und die Luft ist auch hier nicht gerade die Beste. Ich öffne ebenfalls das Fenster und gehe wieder zurück in den großen Raum. Michael zieht gerade das weiße Tuch von der großen Couch und lässt sich dann auf sie fallen. Der Staub, der dadurch aufgewühlt wird, ist kaum zu übersehen und bildet eine kleine trübe Wolke in dem großen Raum.

Dann biegt Peter um die Ecke und hält er eine alte Flasche und drei Gläser in der Hand, die mit jedem seiner Schritte ein klirrendes Geräusch von sich geben. Er stellt sie vor uns auf den ebenfalls verstaubten Tisch ab und lächelt, als er die Flasche hochhebt.

„Meine Rettung. Seht mal, was ich in diesem Drecksloch gefunden habe. Ein wenig Whiskey und das Leben ist leichter.“

Michael und ich sehen uns an und dann wieder zu Peter. Wir müssen alle drei lachen und Peter schenkt den dunklen Whiskey in die Gläser, die ebenfalls verstaubt sind. Doch das scheint Peter nicht zu stören. Also heben wir unsere Gläser. Peter kann es nicht lassen auch das zu kommentieren.

„Auf eine gute Suche nach Alex's Ex-Flittchen.“

Lächelnd schüttle ich meinen Kopf und muss ebenfalls über seinen dummen Spruch Grinsen, als ich das staubige Glas an meine Lippen hebe.

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