36. Lang schon Zeit zu beende - Samuel

»Dein Weib verschließt sich noch immer«, stellte Gideon fest, während wir uns erneut auf dem Weg in das rivalisierende Territorium machten.
»Ich weiß.«
»Sie lehnt es noch immer ab.« Den Signalen zu urteilen, die Gid ausstrahlte, war die Grenze seiner Geduld schon bald erreicht.
»Es scheint mehr Überzeugung zu benötigen.«
»Dann sorg endlich dafür, dass sie sich einfügt.« Innerlich stimmte ich ihm zu, mit einem gewissen Widerwillen.
Ich selbst musste eingestehen, dass ich Nida nicht anders kannte. Somit wusste ich, dass sie den Teufel tun würde und aufhörte sich gegen unser Vorhaben zu währen, wenn es bedeutete, dass William ihr näher war als je zuvor. Langsam durchschaute ich, was genau sie an der ganzen Situation störte und sie sich so auflehnen ließ.
Es war die Tatsache, dass sie nicht akzeptieren konnte, wer sie war und dementsprechend, wer ihr Vater war. Was mir ein mulmiges Gefühl bereitete. Ein Gefühl, das mir sagte, ich müsste mich schon bald entscheiden.

Wir brauten einige Zeit, bis wir am Treffpunkt ankamen. Dort wartete schon das Alpha des Rudels, das Fuß in der Nachbarstadt fassen wollte. Ein Rudel mit fünf Männern und drei Frauen. Ihr Alpha Charls war ein Mann in den Fünfzigern. Ein weiser Wolf, der einiges schon erlebt haben musste. Jetzt wollte er zurück in seine Heimatstadt und dort für Ordnung sorgen. Genau wie wir.
Ihn begleiteten, seine Frau, seine Tochter, die etwas jünger sein musste als ich und seine Wächter. Drei der Männer waren in seinem alter, einer gravierend jünger. Ein Rudel auf der Basis der Familie. Die letzte weibliche Mitglied fehle. Genau wie bei dem letzten Treffen.
Gideon hatte sich bereits gefragt, woran es lag, weshalb sich Nick erkundet hatte.
Wie wir seit längerem wussten, war die Kleine erst fünf Jahre und eine angehende Schamanin. Eine Bereicherung und ein Fluch zugleich, für jedes Rudel.
Diese Wandler waren näher an den Lichtern, als alle anderen von uns. Sensibilisiert auf die Macht, ähnlich einer Hexe, dennoch vollkommen anders.
Weshalb wir wussten, wieso sie dieses Kind um jeden Preis schützten und versteckten, nur nicht, wieso genau in dieser Stadt. Andererseits würden wir es schon bald herausfinden, denn irgendwann in naher Zukunft, würde er sie nicht mehr verstecken können. Dafür würde ihre Gabe sorgen.
Wenn es dann so weit war, würden sie kommen. Wandler, die wollten, was sie hatten. Sie würden das Kind um jeden Preis erkämpfen, um seine Gaben zu missbrauchen, für all ihre Ziele. Doch erst ... wenn sie erwachte.
Ihre Macht.
Überbleibsel alter Zeiten.
Wenn sie gelernt hatte sie einzusetzen, was oft von ganz alleine kam. Würde Sie viele außergewöhnliche Gaben besitzen, ich hatte schon von einigen gehört. Dabei spielten Grenzen keine Rolle. Dinge wie Vorahnungen, die uns allen irgendwann den Arsch retten konnten, bevor überhaupt irgendwann passieren würde. In Seelen zu blicken, sie zu lesen, als wären sie ein Buch oder Silberbrand zu heilen. Eine der wertvollsten Gaben und wohl tödlichsten.
Genau deswegen starben Schamanen aus. Jeder wollte sie und tat alles, wenn sie erstmal eine entdeckt hatten, was in brutalen und blutigen Kämpfen endete, oft auch mit dem Tod.
Ich erinnerte mich an die Zeit, in der es riesige Schamanen Zirkel gegeben hatten. Hunderte von ihnen, alle aus verschiedenen Rudeln, pilgerten sie zu einem heiligen Ort. Bis eine große Menge von ihnen Selbstmord beging. Lange hat man versucht, es aufzuhalten. Eine Krankheit, die nur sie befiel.
Mondtau.
Eine Krankheit dessen Verlauf man kannte, aber nicht ihren Auslöser. Niemand konnte sagen, wie es begann, nur das es bereits zu spät war, wenn jemand erst einmal an den Symptomen litt.
Trotz der Gefahr, die ein Schamane mit sich brachte, hatte Gide schon seine Pläne mit dem Kind. Die er als Charles Partner verwirklichen wollte. Doch dafür müsste noch einiges getan werden.

Wir verwandelten uns vor ihnen im Schutz des Waldes.
„Gute Arbeit“, lobte der Alpha ohne wirklich ein Anzeichen von Freude zu zeigen. Ihm passte das Blutvergießen nicht. Ihm wäre es lieber gewesen, die zwei Rudel zu verjagen. Ein Umstand der niemals hätte stattgefunden.
„Wir sind noch nicht fertig.“ Gideon reichte ihm die Hand. Er ergriff sie. Sein Blick verrenkte sich, er hatte bemerkt, dass sich etwas verändert hatte.
„Wie geht es weiter? Zuletzt hörte ich das die Melaks ihren Sohn verloren.“
„Sie sind kein Problem mehr.“ Charls presste die Kiefer zusammen. Ich verschränkte die Arme und musste grinsen. Ein so alter Wolf wie er, musste Hunderte auf dem gewissen haben. Vor allem mit einem Kind wie seinem.
„So schnell.“
„Du willst diese Stadt doch noch?“, fragte Gideon ernst. Man konnte die Drohung in seinen Worten spüren. Selbst in mir lösten sie ein Unbehagen aus. Charls hatte keine Wahl mehr. Er würde mit dem Weg leben müssen. So war die Abmachung. Er nickte, ohne zu zögern.
„Gut.“
„Wie geht es weiter?“
„Die übrigen zwanzig Polarwölfe werden sich für einen Angriff bereit machen. Ihr Angriff wird Freitag um neun an einem bereits ausgewählten Ort stattfinden.“
„Soweit wird es nicht kommen“, stellte Charls fest.
„Natürlich nicht. Es wird heute enden.“
„Heute?“ Überrascht sah er unsicher zurück zu seinen Leuten. Er glaubte dem nicht, was Gideon sagte. Ich schon, mein Wolf heulte bei der Gewissheit. Er würde heute so viel Blut fließen, wie lange nicht mehr.
„Sie sind fixiert auf ihr Ziel, werden alles vorbereiten, Waffen verstecken. Sie werden es nicht sehen. Nicht bevor es zu spät ist.“ Er nickte. „Doch ...“ Charls horchte auf.
„Bitte?“
„Wir werden schon bald Nachbarn sein, dies euer Gebiet. Ihr solltet etwas dafür tun. Zum Anfang.“
„Wir sollen mit dir ... Jagen?“ Er sprach es nicht aus, welches Wort er wirklich meinte. Wollte es nicht. Denn er wusste, dass er nun töten musste. Ein Notwendiges übel, was er sicherlich in Zukunft ebenfalls tun musste, etwas was er wohl auch schon oft getan hatte. Weshalb er sich nun dagegen sträubte, war uns allen ein Rätsel.
„Wie soll ich wissen, dass du die Stadt nicht gleich wieder verlierst.“ Charls Fäuste ballten sich. „Ob du stark genug bist, sie zu halten. Wenn nicht müsste ich überlegen, selbst mein Gebiet auszuweiten.“
„Drohst du mir?“
„Sieh es, wie du willst. Warnung, Drohung. Du magst unsere Dienste in Anspruch nehmen, doch durch das direkte Angrenzen an mein Gebiet, will ich wissen ob Bedrohungen von deiner Seite schnell auf meine übergreifen könnten. Es wäre zu schade, wenn wir das Bündnis so schnell verlieren.“ Charls wusste so genau wie wir, dass es ein Test war. Ein Test, den er besser bestand.
„Wenn das so ist.“ Er blickte zurück zu seiner Frau. Diese nickte und packte ihre Tochter an der Hand. Doch diese gab gleich ihren Protest bekannt.
„Ich komme mit!“, zischte sie.
„Nicht heute“, entgegnete Charls ruhig. Damit hätte es gut sein müssen. Ihr Alpha hatte gesprochen, doch das war es nicht. Zum Bedauern von Charls, wie man an seiner finsteren Mine sah, hielt das Weib nicht die Klappe.
„Genau heute. Zeigen wir ihnen, dass sie vor uns Respekt haben sollten!“, spuckte sie. Ihre Mutter zog scharf die Luft ein.
Gideon und ein paar von uns lachten auf. Respekt hatten nur die verdient, die taten sprechen ließen. Was dieses Rudel bisher nicht getan hattes. Ihr finsterer Blick traf Gideon. „Glaub nicht, dass was auch immer mit dir passiert ist, dich besser macht!“
„Kora!“, knurrte ihr Vater sie an. „Schweig.“ Sie schluckte schwer, trat einen Schritt zurück, ohne ihre rebellischer Mine zu verlieren. Kampfgeist hatte sie. Gideon grinste breit.
„Ich muss mich entschuldigen“, begann Charls.
„Nein, sie hat recht. Wie es scheint, müssen wir ihr zeigen, wer wir wirklich sind.“
„Sie wird nicht mitkommen.“
„Das wird sie. Vielleicht erkennt sie dann, wann sie lieber schweigen sollte.“ Ein klarer Befehl.
Meine Reaktion war es mich gleich aufzubäumen. Genau wie alle anderen unseres Rudels. Einige traten einen Schritt vor, andere begannen leise zu knurren.
Unser Gegenüber wurde nervös. Wie es schien bemerkte Kora langsam was sie angerichtet hatte.
Ihr Vater hatte nun keine Wahl mehr. Sie mussten sich Unterorden. Denn nun ging es nicht nur um ein Bündnis, sondern um einen Angriff im Rang.
Statt Kora oder Charls gegen Gideon antreten zu lassen, was sicherlich im dem Tod einer der beiden geendet hätte, mussten sie sich nun unterordnen und gehorchen. So waren die Regeln, wenn man nicht in einen Kampf um Leben und Tod enden wollte. Das nur weil ein Mitglied nicht den Mund halte konnte.
„Gut.“
„Gut“, wiederholte Gideon. „Dann kann es ja losgehen.“

Es dauerte nicht lange und wir waren in der Nähe des Unterschlupfes der Polaris angekommen. Diese besaßen ganz traditionell ein Höhlensystem im Wald. Solch ein Unterschlupf war einer der besten und beliebtesten. Ihn zu bauen, brauchte Jahre, um dann auch den nötigen Komfort eines menschlichen Lebens zu bieten. Strom, fließendes Wasser. Alles war vorhanden und das abgeschottet von der menschlichen Welt.
Leider bedeutete dies auch, dass wir keine Ahnung hatten, wie es dort drin aussah. Wir waren bei den Melaks klar in der Überzahl gewesen, ein abschätzbares Risiko. Nun waren wir knapp in der Überzahl, was ein hohes Risiko darstellte. Vor allem weil wir nur durch ein fremdes Rudel, dessen Kampferprobtheit wir nicht kannten, trumpften.
Warum Gideon darauf bestand sie dabei zu haben, war vielleicht sinnvoll aber auch ein klarer Nachteil. Wir waren eingespielt, trainiert. Niemand wusste, ob sie mit uns harmonisierten oder ob sie eine behinderung darstellten.
„Was nun?“, fragte Ian.
„Ich geh rein“, sagte Gideon locker. Ich packte ihn an der Schulter.
„Nein.“ Nie hatte er so einen so riskanten Plan verfolgt. Mit einem Blitzen in den Augen sah er mich an. „Charls begleitet mich, ihr wartet hier.“
„Gideon das ist Wahnsinn!“, flüsterte ich und übernahm die Rolle von Dante auf Gideon anzureden.
„Sagst du es ihnen, oder soll ich es?“, fragte Gideon Charls. Der Mal wieder mehr wusste, als er gesagt hatte.
„Ich bin dort aufgewachsen“, flüsterte Charls. „Ich kenne jeden Gang.“
„Und? Es ist zu gefährlich. Ein direkter Angriff im inneren -“
„Ist das, was niemand von ihnen erwarten würde. Trotz des geschwächten Zustandes ihres Rudels wird ein direkter Konflikt nicht ohne Verluste enden.“
„Außer wir überraschen sie. Wie die Melaks.“ Ich verstand, worauf er hinaus wollte. Niemand wäre so verrückt, ein Rudel in seinem Bau zu attackieren. Doch die Polaris waren bereits dezimiert worden. Aus annährend vierzig wurden um die zwanzig. Die nicht alle dort sein würden. „Wie ist dein Plan?“
„Charls und ich gehen hinein, auf direktem Weg zu ihrem Alpha. Wenn es gut läuft, töten wir ihn schnell und der Widerstand ist zerschlagen. So oder so, ihr kommt hinein. Hinter den Polarwölfen. Überrennt sie von hinten. Beendet es schnell. Wartet nicht auf ihre Verstärkung. Wenn nötig werdet dreckig.“ Womit er auf das Silbermesser anspielte. Ich nickte. Ian Blick verrenkte sich. Gale stimmte dem ebenfalls nicht zu. Alles in uns sprach gegen diesen Plan, jedoch war Gideon unser Alpha und wir vertrauten ihn, ihm und seiner Erfahrung. Also nickte ich.
„Machen wirs.“

Gideon verwandelte sich, Charls tat es ihm nach. Sie würden sehr schnell sein müssen, eh die Wölfe ihre Witterung aufgenommen hatten. Der Wind spielte uns zurzeit in die Karten, doch in dem Komplex. Wo wir nicht wussten, ob ihr Alpha alleine oder mit mehreren war ...
Wir verwandelten uns ebenfalls. Beobachteten jeden Schritt der Alphas, die geradewegs hineinliefen.
Charls rannte voraus, geradewegs hinein in den langen Gang. Er führte Gideon in einen längeren Trakt. Die Polaris hatten es sichtlich nicht mit Sauberkeit. Überall lagen Dinge herum. Klamotten, Dosen, Müll.
Schließlich kamen beide an einem Sal an. Charls blieb stehen und sah Gideon an. Beide pressten sich gegen die Wand neben der Tür. Es war so weit, es konnte losgehen.
Ich heulte los, aus voller Kehle. Gale und Ian taten es mir nach. Wir hörten gleich das Knurren und brüllen im Komplex. Sekunden später jagten die ersten weißen Wölfe aus dem Komplex hinaus und griffen an.
Gideon stürmte in der Sekunde in den Saal hinein. Alles passierte gleichzeitig. Es war, als würde ich durch seine Augen sehen, als er sich auf den ersten Wolf im Saal stürzte und ihm an die Kehle sprang. Gleichzeitig stürzte ich mich auf den ersten Wolf, der den Komplex verlassen hatte und mit uns zusammengestoßen war.
Die ersten vier am Eingang wurden praktisch überrollt und waren schnell erledigt. Ein Teil von uns blieb zurück, schützten unseren Rücken, während wir nun hinein jagten um unseren Alphas zur Seite zu stehen.
Ganz wie Gideon sich das vorgestellt hatte, liefen wir hinein. Wie gedacht, waren nicht alle Polarwölfe da. Einige mussten auf Patrouille sein, andere wohl dabei Vorkehrungen für Freitag zu treffen.
Somit würden die Übrigen versuchen ihren Alpha um jeden Preis zu beschützen und alle panisch in den Saal laufen.
Im Saal waren mehr Wölfe anwesend als erwartet. Gideon kämpfte gegen drei, Charls gegen zwei. Weitere waren bereits auf dem Weg hinein, wir gleich hinter ihnen.
Gerade rechzeitig sprang ich einem in den Nacken, bevor er Charls erwischte. An Gideons Seite befand sich bereits Gale und Ian. Die Luft wurde vom Geruch des Blutes erfüllt.
Knurren und heulen schallte von den Wänden. Ohrenbetäubender Lärm, machte es schwierig den Feind rechzeitig zu hören. So kämpfte ich gegen einen, als mich ein anderer packte und zu Boden riss. Hart knallte ich mit dem Kopf auf dem Boden und sah Sterne. Dann Biss er erneut zu, durchbohrte mein Fleisch am Hals. Ich konnte mein eigenes Blut riechen, mein Wolf knurrte, richtete sich mit Gewalt auf und schmiss mich auf ihn. Er verdrehte sich so, dass er loslassen musste und ich die Chance hatte nun ihn in die Zange zu nehmen. In der Zwischenzeit hielt mir Ian den Zweiten vom Leib.
Voller Wut packte ich ihm am Nacken, mit einem Ruck, riss ich ihm das Rückrad entzwei. Augenblicklich sackte er leblos zusammen.
Es war ein Gemetzel. Blutig und roh.
Zwischendurch kam man einem von Charls Leuten zur Hilfe, die besser schlugen als gedacht und dennoch nicht die Robustheit von uns besaßen.
Letztlich besiegte Gideon Polaris, doch tötete ihn nicht. Er unterwarf ihn, womit der Saal augenblicklich stillstand. Seine letzten Leute waren zu Stein erstarrt, blickten hinüber zu ihrem unterworfenen Alpha. Nun gab es zwei Wege, wie es enden konnte.
Gideon verwandelte sich, steckte die Hände in die Hosentaschen und blickte auf seine zerrissene Schulter. Er blutete stark, wie einige von uns. Unzählige Kratzer und Wunden verteilten sich auf unseren Körpern.
Meine Muskeln schrien. Die Anstrengungen der letzten Woche waren deutlich zu spüren.
„Ein guter Kampf.“ Gale trat an seine Seite, falls Polaris seine letzte Kraft als Wolf zusammennehmen würde. Gideon rollte mit den Schultern. „Für die, die heute nicht vorhaben zu sterben, sind frei zu gehen.“ Machte er ein großzügiges Angebot. Es war nicht üblich Gegner freiwillig überleben zu lassen. Keiner der Wölfe rührte sich.
Gideon nickte, sie würden untergehen, wie sie gelebt hatten.
Zusammen.
Gid sah zurück zum schwer schnaufenden Charls. Er deutete zu ihm. Dieser trat näher. So wendete er sich ihm zu.
„Dein Part.“ Dann trat er zurück. Charls sah von Gid zu Polaris. Wut und Zorn spiegelten sich in den Augen des Polarwolfs, aber auch Angst. Er wusste, es war zu Ende. Er war machtlos.#
All die Jahre hatte er die Stadt tyrannisiert, sie mit Drogen und Gewalt beherrscht, war ein Verbrecher der schlimmsten Art. Bis heute.
Meine Nerven prickelten. Ich fixierte den Wolf vor mir. Sie würden angreifen, bevor der Gnadenstoß kam. Würden ihre letzte Kraft aufbringen. Er würde weit schwieriger werden, als das zuvor. Was hatte ein Wolf zu verlieren, wenn es nichts mehr gab, außer den Tod. Wenn die Angst um das eigene Leben erstarb.

Charls zog es durch. Er tötete vor den Augen seiner Tochter seinen Gegner. Ohne zu zögern. Ein Gnadenakt auch für Polaris.
Wie gedacht griffen die letzten Überbleibenden kurz vorher an. Doch auch sie starben mit ihrem Oberhaupt. Blutend lag einer von ihnen vor mir. Das Licht verschwand bereits aus seinen Augen, an dessen Stelle trat die Starre des Todes. Als hätte er seine Hand nach ihm ausgestreckt und würde ihn nun aus dessen Körper reißen.
Ein bekanntes Gefühl ...
Plötzlich überkamen mich die Gefühle meines Todes. Die Angst die Ungewissheit, der Frieden.
Unendlicher frieden.
Ich erinnerte mich nicht an alles. Konnte nicht einmal sagen, wo ich gewesen war, nur das es unendlich gewesen war. Die Gefühle, die leere. Ein Teil in meiner Seele, wünschte sich zu dem frieden zurück. Ein Teil, den ich wohl lange schon unterdrück haben musste.
Starrend auf den leblosen Körper stand ich da, nicht in der Lage mich von dem Anblick abzuwenden. Empfand er das Gleiche? Im Gegensatz zu mir würde er nicht zurückkehren.
Die Erinnerung der letzten Momente kam zurück. Erinnerungen, von denen ich bisher nicht gewusst hatte. Wie ich an die dreckige Decke sah. Wie mir die Luft ausging. Das Brennen in meiner Brust und die allmähliche Schwärze. Mein letzter Gedanke. Ich weiß nicht, ob ich sie wirklich sah, doch da war ihr Gesicht. Vollkommen, rein. Alles um sie herum wurde schwarz, bis nur noch ihr Gesicht vor mir verweilte und auch schließlich dies verblasste.
Nida. Mein letzter Gedanke.

Ian war es schließlich, der mich aus der Trance riss. Er packte mich hart an der Schulter, der Schmerz, der mich durchfuhr, ließ mich erwachen.
„Scheiße!“, zischte ich. „Alter.“
„Sorry. Du hast ihn angestarrt.“ Damit ging er wieder. Ich rieb mir den schmerzenden Nacken, die Bisswunde blutete nicht mehr, war dennoch zum Teil offen. Angepisst löste ich mich von der Leiche und ging zu den anderen. Gideon sah Charls grinsend und mit verschränkten Armen an.
„Home Sweet Home.“ Charls nickte abwesend. Blickte auf die Leichen nieder, die in seinem ehemaligen Zuhause verstreut lagen.
„Was nun?“
„Das Gebiet gehört dir. Wie abgemacht.“
„Nein, ich meine was wirst du von mir verlangen?“ Gid lachte auf.
„Ich verlange nichts. Ich hoffe auf eine nette Nachbarschaft.“ Damit löste er sich und verließ den Raum. Wir taten es ihm nach.
Es wurde Zeit nach Hause zurückzukehren. Wo sie schon auf mich wartete, vermutlich mit lodernder Wut im Bauch.

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