4. Familie über alles

Die ganze Fahrt war ich wutentbrannt. Die Hexe hatte in mich geschaut. Hatte meinen Namen erfahren, was kein gutes Zeichen war. Namen hatten Macht genau so, wie die Tatsache das sie mich lesen konnte. Kein Monster hatte es je gekonnt, doch sie hatte es getan ... Mich durchschaut, mich gelesen.
Fluchend fuhr ich eine lange Landstraße entlang. Ich hatte kein Ziel, ein Auftrag, zu durcheinander hatten mich ihre Worte gebracht. Doch ganz hatte sie mich noch nicht durchhaut. Allerdings wollte sie es. Ihr Ziel war es, meine Geheimnisse zu entdecken. Mich zu knacken wie eine Walnuss und ich ... ich hatte es zugelassen. Hatte ihren Annährungen nachgegeben. Nur wieso, was hatte ich in ihr gesehen?
Ich fuhr einige Stunden umher, Landstraße für Landstraße, bis ich an einem bekannten Ort ankam.
Eine Hütte. Ein Versteck.
Erst eine heiße Dusche brachte die verdiente Entspannung. Mittlerweile war es fünf Stunden her und trotzdem spürte ich ihre Berührung auf meiner Haut. Es machte mich wahnsinnig. Ich stand lange nach der Dusche mitten in der Hütte und starrte vor mich hin, in der Hoffnung es würde jeden Moment verschwinden. Das tat es nicht. Wie der Blitz setzte ich mich wieder in Bewegung. Lief raus durch den Wald und in eine Bar.
Ich wusste, was ich brauchte, was ich tun musste, um die aus meinem Leib zu reißen. In der Bar angekommen nickte ich ein paar bekannten Gesichtern zu. Manchmal kam es mir so vor, als wären wir überall. Eine mächtige Gemeinde, die die Hand über die Menschen legte.
Den Gedanken warf ich auf Seite, als ich sie sah. Eine junge Frau an der Bar, alleine. Ich ging an die gegenüberliegende Seite, setzte mich hin und bestellte das Übliche. Die Jagt konnte beginnen.

Ich stand auf und ging zum Fenster. Die Straßen waren still, nur die Laternen brachten ein wenig Licht ins Dunkle. Hinter mir raschelten die Laken, ich wendete mich um, doch die Frau schlief weiter. Ich hatte mir nicht einmal ihren Namen gemerkt. Ich hatte sie so weit abgefüllt, bis sie bereitwillig ihre Türen geöffnet hatte.
Nun stand ich da, nackt und genoss die verdiente Ruhe. Ich hatte diese Frau genommen, solange bis sie kraftlos in den Schlaf gesunken war. Erst dann hatte sich das Gefühl der Hexe gelöst.
Ich zog mich an und ging zur Tür. Wir hatten beide bekommen, was wir wollten. Also ging ich. Die Straßen blieben leer, während ich hinab zum Stadtrand schlenderte. Eine kleine übersichtliche Stadt, die sich allein durch die Fischerei finanzierte. Ich ging ein Stück den Hafen entlang, bis ich in den anliegenden Wald einbog.
Meine Kraft ließ langsam nach, ich hatte eine Weile schon nicht geschlafen, was mir langsam die Sinne raubte. Natürlich hatte ich die Hexe so nah herangelassen, ich wusste nicht mehr, wo mir der Kopf stand. Ich nahm den schnellsten Weg zur Holzhütte. Ohne nur ein Licht zu betätigen, knallte ich mich ins Bett und schlief ein.

Der nächste Morgen begann früh, wie immer um fünf Uhr öffnete ich die Augen. Auch wenn es nur wenige Stunden Schlaf gewesen waren, reichte es aus. Ich richtete alles her und stieg in den Jeep.
Ich sah auf mein Handy. Owen hatte einige Male angerufen. Ich entschied gleich hinzufahren. Wenn er anrief, musste es dringend sein. Ich hielt an einer Bäckerei, packte mir etwas ein und fuhr los.
Im Radio donnerten Rock Songs, die meine Stimmung etwas aufhellten. Solang diese Hexe mir vom Leib blieb, würde alles in den richtigen Bahnen verlaufen. Ansonsten musste ich wohl oder übel eine nervige Hexe auf meine Liste an Platz eins setzten.
Ich schickte Owen eine SMS, dass ich in ein Paar Stunden in der Bar ankommen würde. Zurück kam nichts, was wohl bedeutete, er war tot oder er hatte verstanden.
Besagte Stunden vergingen, in denen ich mich zurücklehnen konnte und die Ruhe genoss. Schon bald würde sie enden und etwas Großes würde auf der Leimwand erscheinen, das versprachen zumindest Owens fünf Anrufe.
An der Bar angekommen ging ich hinein. Owen saß an der Theke. Sein Bein trommelte auf dem Boden.
„Owen.“
Er wendete sich umgehend um. Seine grauen Augen waren trüb, er hatte nicht mehr geschlafen, seit ich ihn gesehen hatte, das verrieten die tiefen Augenfalten. Sein braunes Haar war leicht dreckig und fettig. Wo hatte der Kerl angestellt? Der sonst so lässige Typ sah aus wie eine Zeitbombe.
„Mein Bruder, er ist verschwunden.“ Der Fluch der Hawk´s
„Wo war er dran?“
„Dschinn.“
„Wir finden ihn.“ Damit machte ich eine Kehrtwendung. Wenn es um die eignende Familie ging, waren die Idioten nicht in der Lage ihre Fassung zu wahren. Der Verlust der Mutter und Schwester hatte sie tief getroffen.
„Wo war er zuletzt?“
„In einem Waldstück im Westen. Ich habe alles abgesucht, da war er nicht.“
„Handy?“
„Zerstört.“
„Auto?“
„In einem Fluss gelandet.“ Wir gingen zu meinem Jeep und stiegen ein. „Er hat die Spuren verwischt.“
„Ich glaube, es sind mehrere“, korrigierte ich Owen.
„Was?“ Ich fuhr los zum Oberhaupt seiner Familie, bevor dieser eine Dummheit anstellen würde.
„Einen Jäger verschwinden lassen und seine Spuren verwischen, ein Dschinn würde fliehen, zwei nicht.“ Ohne ein weiteres Wort jagte ich mit dem Jeep zu Owens Familiensiedlung. Es dauerte nicht lange und wir waren da. Es war totenstill in dem kleinen Dorf. Selbst die Tiere auf dem Hof waren verstummt.
Ohne Umwege ging es weiter in das Haupthaus. Dort erwarteten uns schon einige Familienoberhäupter genau wie der Chef des Ganzen. Owens Vater.
„Hunter.“
„Was Neues?“
„Nein.“
„Gibt es in der Nähe verlassene Gebäude?“
„Nein.“
„Untergründe?“
„Nein.“ Ich hielt inne. Sie alle starrten mich an. Keiner der Söhne war zu sehen, was wohl bedeutete, sie waren alle unterwegs, um litte Hawk zu finden. Die Zeit lief uns davon.
„Was wissen wir über den Fall?“
„Es wurde eine Leiche gefunden, ausgehungert. Es schien, dass sie ohne Grund ausgehungert ist, entledigt in einem Fluss. Man schätzt, sie ist hinabgespült worden.“
„Wann?“
„Vier Tage.“
„Und der Kleine?“
„Vorgestern.“
„Wo habt ihr gesucht?“ Ich ging zum Tisch, wo jeder Jäger der Gegend jede erdenkliche Information herangetragen hatte.
„Den Fluss entlang. Die verlassenden Orte, Höhlen, Fabriken im Umkreis von zehn Kilometern.“
Ich lief wieder hinaus. Der Raum war zu eng, zu stickig, um zu denken. Zu wenig Zeit blieb, um den jungen Mann dort herauszuholen. Die Dschinn würden ihn aussaugen, ihm seiner Lebenskraft entziehen, und das schnell um sich ihm zu entledigen. Sie wussten, wir würden ihnen auf der Spur sein.
Sie ließen Menschen in einem Traum sinken, der so real war, dass man dem Schein glaubte, bis ins letzte Deteil. Außerhalb dieses Traums, lag man eingepisst in der eigenen Scheiße benommen in der Dunkelheit, während die Dschinn sich an der Lebenskraft labten. Mit nur einem Biss am oberen Hals, kreisrund, wie der Biss eines Parasits, was sie auch waren. Nach Tagen stirbt man, als hätte man Wochen nichts gegessen. Ausgesaugt und allein, als Ausgleich ein erfülltes Leben im Kopf.
Draußen ging ich auf und ab. Mein Verstand suchte nach einem Schlupfloch, das mir entging.
„Rette ihn.“ Ich wendete mich um. Miriam. Eine Schwester von Owen, die jüngste und doch war sie schon eine Frau. Mit vierundzwanzig. Ganze Elf Jahre Jünger als ich. Sie kam näher und blieb vor mir stehen. Ihre sonst so schönen Augen waren traurig und blass. Sie hatte so viel verloren und musste jetzt vielleicht noch einen Verlust verkraften.
„Versprich es mir.“ Ihre Stimme brach. Sie wusste, dass ich es nicht konnte. Ich legte meine Hände auf ihre Schultern.
„Ich gebe mein bestes. Das verspreche ich dir.“ Sie sprang mir in die Arme, klammerte sich an mich. Ihr Körper bebte. Das Leid dieser jungen Frau erzürnte mich. Wieder einmal litt ein Mensch durch diese Monster. In dem Moment klickte es.
„Owen!“, schrie ich aus voller Kehle, löste mich von Miriam und rannte zum Jeep. Owen sprintete wie ein Berserker und sprang rein. Ich raste Los.
„Was hast du gefunden?“
„Mansche Djinns haben eine Beziehung zum Wasser.“
„Und?“
„Sie leben im Wasser, in Höhlen unter dem Wasser.“ Ich trat ordentlich auf die Tube bis zum Waldrand, wo der Fluss begann. Im Kofferraum sammelte ich meine Munition. Silberkugeln waren das Hauptziel. Dieses Metall war in der Lage Dschinns zu töten, wenn man sie klug einsetzte. Ich schmiss auch Owen Munition und eine Pistole zu. Dann machten wir uns auf. Mit der Waffe im Anschlag suchten wir den Fluss entlang nach einer Einstiegstelle. Auch im Fluss mussten wir alle Stellen prüfen. Nass und verschwitzt kamen wir am oberen Ende an.
„Es gibt nichts Hunter.“
„Gibst du deinen Bruder auf?“
„Nein.“
„Dann hör auf zu heulen.“ Ich ging weiter. Wir kamen in einer unebenen Gegend an. Der Fluss fuhr durch Hügel und Steinfelsen. Es ergab einen kleinen Wasserfall. Ich packte hinein und fiel fast hindurch. Ich blickte zurück. Owens Blick wurde düster.
Das Loch war kaum so breit wie ich. Ich passte, mit hängen und würgen hindurch. Für einen jungen Jäger wie Seff musste mit Leichtigkeit hindurchpassen, genau wie die Frauen. Nach dem schmalen Tunnel wurde das Ganze größer. Riesige Hallen erstreckten dich unter den Felsen. Schmale Wege führten hinab in die Dunkelheit. Wir zogen Feuerzeuge, um Licht zu entfachen.
Es war still, nur unsere hallenden Schritte verursachten das einzige Geräusch. Auch, wenn wir uns alle mühe gaben, leise zu sein. Im letzten Raum angekommen, Stang es bestialisch.
„Bingo.“ Ich visierte mit der Waffe und durchsuchte systematisch den Raum, während ich nach den Monstern Ausschau hielt. Um eine Ecke erblickten wir mehrere Paare Füße.
„Seff!“ Owen wollte losstürmen, ich zog ihm in rechten Moment zurück, um ihn von den tödlichen Krallen eines Dschinns zu bewahren. Ich schoss, doch er wich aus. Versteckte sich in der nächsten Beugung des Raumes.
„Scheiße.“ Owen keuchte.
„Bleib zurück“, befahl ich und arbeitete mich vor. Genau deswegen hatte ich keinen Partner. Wenn ich starb, starb ich und riss nicht noch einen Kumpel mit hinein.
„Sie brauchen ihn lebend.“ Er nickte und gab mir Rückendeckung. Bei den Menschen angekommen sah man erst das Ausmaß. Fünf junge Leute lagen bewusstlos am Boden unter ihnen Seff. Owen fühlte seinen Puls, er war stabil, das wusste er so gut wie ich. Die Angst trieb ihn dazu.
Nun gab es nur noch ein Problem. Wir mussten die Biester töten, damit ihre Opfer aus dem Schlaf erwachen konnten. Ein schwieriges Unterfangen, denn wir waren in ihrem Revier und in der Dunkelheit schwer im Nachteil.
„Du bleibst hier“, befahl ich Owen. Er nickte und ging in Stellung. Während ich in die Dunkelheit eintauchte. Ich ging den Weg zurück und wusste gleich, dass ich ihn nicht allein zurücklegte. Der Dschinn schlich sich langsam an. Wollte mich mit seinen giftigen Krallen kratzen, damit ich jämmerlich zu Grunde gehen würde. Ich wusste es nur besser ...
Ich wisch augenblicklich aus, als der Schlag von hinten kam, ließ mich fallen und rollte mich rum. Dann schoss ich dem Vieh in die Fresse. Der bleiche Mann mit der aufgeplatzten Haut viel zu Boden. Sein schleimiges schwarzes Blut und die fetzen seines Kopfes, besudelte die Steine. Ein klirrendes Kriechen zeriss die Stille. Eine Frau war erwacht. Ich rannte zurück, nur um zu sehen, dass einer der Dschinn eine noch schlafende Frau packte. Owen schoss und verletzte ihn an der Schulter. Der Mann war ein Ass im Schießen, wieso zur Hölle verfehlte er ihn jetzt? Der Dschinn floh. Ich stürmte gleich hinter ihm her. Er warf mit Steinen und rannte die Wand hoch. Immer wenn diese Wesen solche Aktionen starteten, lief es mir kalt den Rücken hinab. Es war nicht natürlich Wände hinaufzulaufen. Der Dschinn stürzte sich von oben hinab eh ich ihn anvisieren und schießen konnte.
Ein Schuss viel und das Wesen brach haarknapp neben mir zu Boden. Ich sah auf. In der Dunkelheit erkannte ich Owens finstere Mine.
„Danke.“
„Ich hab zu danken.“ Dann verschwand er zurück.

Die nächsten Stunden hatten wir damit verbracht die Menschen in Sicherheit zu bringen und sie aufzuklären, was passiert war. Einige von ihnen mussten ins Krankenhaus, da sie einen Schock erlitten und schon zu sehr Gewicht verloren hatten. Die schöne Welt in ihrem Traum war nun mal attraktiver als die Realität, weshalb niemand dem entfliehen konnte.
Zurück im Hauptquartier standen wir im Haupthaus. Es gab guten Whisky und die Stimmung war ausgelassen. Seff hatte bereits seine Farbe wiedergefunden und den Schock verdaut. Die Familie war wieder beisammen und wie es schien fürs Erste glücklich. Über seinen Traum wollte er trotzdem nicht sprechen. Wer wusste schon was der kleine geträumt hatte.
„Jetzt musst du mir mal sagen Junge, wie du mit der Rotze eines Dschinns in Berührung gekommen bist?“, fragte der Vater lachend.
„Es waren zwei, muss ich da noch viel erklären!?“ Seff war es sichtlich unangenehm in der großen Runde sein Versagen zu bereden, wer konnte es ihm verübeln. Ich wäre halb wahnsinnig geworden.
„Ein Hoch auf den Grimm, der meinen Jungen zurückbrachte!“, stimmte der alte Herr betrunken an. Ich musste die Zähne zusammenpressen. Meinen Nachnamen kannte kaum jemand, wie es der alte Hawk herausgefunden hatte, war mir schleierhaft. Seit Jahren verwendete ich falsche Identitäten. Nur meinen richtigen Vornamen kannten meine Kreise.
Ich erhaschte den Blick von Owen. Er sah hinaus. In dieser Familie lief einiges schief, was bei einem so engen Zusammenleben nicht umfahrbar war. Sie tranken auf mich und unterhielten sich munter weiter. Ich gesellte mich zu Owen. Er versuchte seit Jahren die Gunst seines Vaters zu gewinnen, doch gut genug würde er nie sein. Weshalb sie auch nur auf mich tranken und nicht auf den Mann, der mir den Arsch gerettet hatte. Das gab der Stolz des alten Hawk´s nicht her.
„Ich verpiss mich“, teilte ich ihm mit.
„Bleib doch noch was.“
„Um zu sehen, wer den längeren Schwanz hat? Nein danke.“
„Dann übernachte wenigstens in einem richtigen Bett. Die Absteigen, in die du dich begibst, sind grauenhaft.“
„Ich will dich mal sehen mit meinen Mitteln.“ Owen ging hinaus, ich folgte ihm. Er führte mich zu seinem Haus, in dem das Gästezimmer hin und wieder für mich frei war. Er ließ mich hinein.
„Ich komme später, muss da noch was klären.“ Ich nickte. Er hätte gleich sagen können, ich muss allein rumdümpeln, weil ich mal wieder pissig auf meinen Vater bin. Doch daran hielt ich mich nicht auf. Genau so wenig wie an die Dankesreden. Ich hatte meinen Job gemacht, mehr nicht. Ich machte es nicht für den Ruhm, sondern für den Freund, den man in Not nicht hängenließ.
Meine Knochen waren schon seit einer Weile schwer und schlapp. Die jagt durch die Höhle, hatte mich alles gekostet. Wir waren gerade so unverletzt hinausgekommen. Ich sprang schnell unter die Dusche, um ins Bett fallen zu können. Als ich zurück ins Schlafzimmer kam, erlebte ich eine unerwartete Überraschung.

„Miriam.“ Ich blickte zu ihr aufs Bett. Das Mädchen lag auf meinem heutigen Schlafplatz bekleidet mit einem Hauch von nichts. Ein durchsichtiges blaues Negligee bedeckte ihren vollen Busen. Auch der zugehörige Slip ließ fast freien Blick. Wäre ich in besserer Verfassung und sie nicht die Schwester meines besten Freundes, hätte ich diese Chance sicherlich ergriffen, doch dem war nicht so.
„Willst du nicht ins Bett kommen?“, fragte sie zuckersüß als gehöre sie genau dort hin. Ich wusste nicht recht, wie ich reagieren sollte, noch was die Frauen bloß genommen hatten, dass sie um mich herumschwirrten.
„Miriam, das solltest du nicht tun.“
„Und wenn ich es will?“ Wie um alles in der Welt sollte ich es dieser Frau begreiflich machen, ohne dass dieser Abend dramatischer endet, als er sollte.
„Ich bin nicht der richtige Mann für dich.“
„Du bist ein Jäger.“ Es wurde zunehmend unangenehm. Sie stand auf und kam zu mir. Auch wenn sie gehen würde, würde es nie wieder so sein. Ich hatte sie gesehen, entblößt und nackt. Den Stoff konnte man nicht gerade als Stoff bezeichnen, da sich ihre Hügel haargenau darunter abbildeten und mir alle Freiheiten gab sie zu betrachten. Ich musste zugeben, es reizte mich. Zu sehr. Ich ballte die Fäuste.
„Du bist ein Mann und ich eine Frau. Sag mir nur einen Grund, wieso wir es nicht tun sollten.“ Ihr Busen streifte meine nackte Brust. Es kostete mich alles das Weib nicht aufs Bett zu schleudern und sie zu nehmen, wie sie es wollte.
„Dein Bruder ist mein bester Freund.“
„Das ist kein Grund dagegen.“ Ihre Hand fuhr sanft über meine leicht nasse Brust. Sie wusste um ihre Wirkung. Und um die Beule unter dem Handtuch. Wie sollte ich nicht auf eine entblößte Frau reagieren, auch wenn ich sie nicht wollte. Nicht wie sie es gerne hätte.
„Sondern?“, fragte ich.
„Dafür. Du gehörst zur Familie.“
„Da wüsste ich was von. Miriam ...“ Dann wurde ich unterbrochen. Stürmisch, presste sie ihre Lippen auf meine. Mir drehte sich langsam der Kopf. Erst die eine, dann die andere Frau. Was hatten sie nur mit mir, dabei wollte ich keine von ihnen.
Ich nahm ihre Hände, die sie um mich gelegt hatte, und drängte sie leicht zurück. Sie schien zu begreifen.
„Gibt es eine andere?“
„Die gab es immer.“
„Wen?“
„Meine Frau.“ Nun verstand sie. Verletzt blickte sie hinab. Ich war wohl nie so ehrlich zu jemandem gewesen, doch um dem Mädchen das Herz nicht gänzlich zu brechen, war es nötig. Sofort legte sie die Arme um ihr entblößten Körper. Ich nahm mein Hemd und legte es um ihre Schultern.
„Es tut mir leid.“
„Das muss es nicht.“ Ich schloss sie in die Arme. Ich mochte ihre Familie, sie alle waren selbst wie ein Teil meiner Familie und genau deswegen würde ich es nicht tun. Auch wenn ich es ihnen so nie sagen würde.

Endlich war ich allein. Miriam war mit gesenktem Blick gegangen. Dafür, dass ich mit jungen emotionalen Frauen so wenig anfangen konnte, hatte ich die Situation recht gut gelöst. Fast hätte ich mir selbst auf die Schulter geklopft. Natürlich trauerte ich um meine Frau, doch das ich keine andere mehr begehrte wäre eine Lüge. Wie ein Mönch zu leben, ginge gegen meine Lebensweise. Sie war Tod, es würde sie weder stören, dass ich andre Frauen hatte noch das ich ein Jäger war.
Ich schluckte schwer. Sie hatte ein normales Leben gewollt. Was ich ihr hatte bieten wollen, doch ich war gescheitert. Hatte sie im Stich gelassen und verloren. Ich schmiss mich ins Bett und starrte gegen die Decke.
Sie war wundervoll gewesen. Annabella.
Ich versuchte die Gedanken zurückzudrängen, die Erinnerungen an ihr herzliches Lachen. Ihr seidig dunkelrotes Haar und die außergewöhnlichsten Augen, die ich je gesehen habe. Der innere Kreis bestand aus einem hellen braun, während es außerhalb in ein Grün blau überlief. Nie wieder habe ich solch seltene Augen gesehen. Nie wieder hatte ich solch eine Frau getroffen. Nie wieder werde ich den Anblick vergessen wie sie aufgeschlitzt auf unserem Bett lag.
Nie Nacht verging schnell. Ich tat kein Auge zu, stattdessen saß ich da und versuchte die Gedanken loszuwerden, die mich plagten. Schuld überkam mich wie so oft. Sie hatte es nicht verdient und doch war es passiert. Es war meine Schuld. Ich hatte meine Frau nicht geschützt, hatte sie im Glauben gelassen dort draußen gäbe es nichts Gefährliches. Doch dem war nicht so. Durch Naivität war meine Frau gestorben. Durch meinen Glauben die Vergangenheit würde mich nicht einholen, würde meinen Namen vergessen und mich leben lassen. Erst ein Klopfen beendete meine Trance.

Owen kam hinein. Seine Augenbrauen zogen sich hinab.
„Mann siehst du scheiße aus. Hast nicht gepennt?“ Ich stand auf und nahm meine Sachen.
„Was willst du?“
„Mein Vater will dich sprechen.“
„Redet er Mann scheiße, verschwinde ich.“
„Wie immer.“ Damit war das geklärt.
Bei old Hawk angekommen war ruhe eingekehrt. Niemand war dort außer der alte Mann.
„Grimm.“
„Hunter.“
„Wie wäre es ...?“
„Nein“, unterbrach ich ihn. Grimmig sah er mich an.
„Lass mich ausreden Junge. Wie wäre es, wenn du eine längere reise unternimmst? Hab einen Auftrag, der ziemlich vielversprechend schient und ich glaube, du wärst der richtige Mann dafür.“
„Was ist mit deinem Sohn?“ Er sah von mir zu Owen. Dieser spannte sich an. Ich wollte mich nicht einmischen, hatte es nicht mal sagen wollen und doch war es herausgekommen. Es musste wieder mit dem Schlafmangel zutun haben. Ich war einfach nicht ich selbst. Es scherte mich doch nicht mal, was in der Familie abging.
„Ist zu weit weg.“ Er reichte mir eine Akte.
„Er kann mitkommen.“ Nun musste ich selbst schlucken. Wieso hielt ich nicht einfach die Schnauze?
„Wieso nicht?“, pflichtete mir Owen bei. Ich musste unbedingt pennen. Der Alte sah zwischen uns beiden hin und her.
„Pyjamaparty was? Wenn ihr Mädels das so wollt.“ Damit wendete er sich ab und das Thema war durch. Ich wendete mich ab. Hätte mir am liebsten selbst aufs Maul gehauen. Draußen angekommen ging ich zum Jeep.
„Wir nehmen mein Jeep.“
„Alles klar, hole meine Sachen.“ Owen strahlte von einem Ohr zum anderen und ging in sein Haus.
„Pyjamaparty. Scheiße nochmal.“ Damit stieg ich ein und fluchte mich selbst zur Hölle.

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