4. Verwandlung

Zwei Nächte bevor es geschah, besuchte Cornelius mich in meiner Wohnung. Er stand plötzlich im Raum, wie immer: „Was möchtest du mitnehmen?" Dabei zuckte ich kurz zusammen und er lächelte ein wenig darüber.

„Keine Ahnung! Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Es ist doch unwichtig." Er nickte: „Ja, du hast recht. Du kannst es immer noch später holen. Aber etwas beschäftigt dich doch." Ich stimmte zu: „Ich frage mich, wie ich aussehen werde. Was sich alles an mir verändern wird." Cornelius setzte sich neben mich auf die Couch. „Du wirst schöner werden. Vollere Brüste, schlankere Taille und dein Haar wird fülliger, leuchtender." Ich versuchte es mir vorzustellen.

„Wie war es damals für dich?"

Er dachte nach: „Mich reizte eher das reiche Leben, das mich erwartete. Von meiner zukünftigen Natur hatte ich keine Ahnung. Ich wünschte mir einfach ein sorgenfreies Dasein und ewiges Leben. Natürlich war ich anfangs über diese Dinge schockiert, doch die Liebe zu Penelope half mir darüber hinweg. Du weißt hingegen, was auf dich zukommt." Ich nahm seine bereits kühlere Hand: „Nicht ganz. Ich sehe es zwar an dir, aber ich kann mir trotzdem nicht vorstellen, wie es sein wird." Cornelius stimmte zu: „Als Mensch kann man es nicht verstehen. Da hast du recht." Als ich später mit ihm, auf meinem Bett lag, sagte ich: „Tu es übermorgen hier auf meinem Bett und nimm mich mit zu unserem Strand." Er streichelte über meine Kurven: „Ganz, wie du wünschst."

 

Nach dem Aufwachen hatte ich ein merkwürdiges Gefühl. Heute war mein allerletzter Tag, als Mensch. Ich konnte es immer noch kaum glauben, dass das endlich geschehen sollte. Etwas, auf das manche meiner Kollegen, bis ins hohe Alter hofften. Es gab früher schon einige, die sich die Unsterblichkeit erschlichen hatten. Sie brachten einen Vampir in ihre Gewalt und ließen ihn hungern. Tagsüber zapften sie eine Portion seines Blutes ab, um es sich im richtigen Moment einzuflößen. Freiwillig hätte der Unsterbliche sie niemals bis zur Todesschwelle ausgesaugt, weil er nicht dazu missbraucht werden wollte, einen Neuen zu erschaffen. Also, ließen sie ihn so lange hungern, bis er ohne Verstand war und legten ihn in Ketten. Nun war er so gierig, dass er alles schnappte, was in seine Nähe kam. Es gehörte schon ein großer Wille dazu, sich freiwillig von einem, zur Bestie mutierten Unsterblichen, beißen zu lassen. Einer wagte den Schritt und er wollte später seine Helfer selbst dazu machen. Sie mussten das Ganze überwachen und Acht geben, dass er das unsterbliche Blut im richtigen Augenblick trank. Nun, das Experiment klappte anscheinend. Der bemitleidenswerte Schöpfer wurde geköpft und in der Sonne gebraten und die Helfer des neuen Vampirs wurden seine ersten Opfer, anstatt unsterblich. Ich glaubte, lange konnte er sein neues Leben nicht genießen, denn er hatte gleich gegen mehrere ihrer Regeln verstoßen und gegen keine harmlosen. Sogar gegen die Allerheiligsten und damit war er vogelfrei. Jeder Unsterbliche durfte ihn vernichten. Ich wusste, dass heimtückischer Mord und das Rauben des Blutes auf jeden Fall dazu gehörten. Das schlimmste Verbrechen, laut dem Kodex, war Mord. Er war nur im Duell legitim und wenn ein Unrecht gesühnt werden musste. An zweiter Stelle rangierte die Schändung. Sollte man kaum glauben, bei ihrer sexuellen Gier, aber in ihren Kreisen, war es, wie bei Menschen. Nicht jeder bekam jeden. Als Schändung galt aber auch der gewaltsame Blutraub. Das hatte dieser Sterbliche getan, um sich zu verwandeln. Ich wusste nicht, ob die Gesetze heute noch überwacht wurden. Vermutlich, sonst wäre sicher schon die Anarchie unter ihnen ausgebrochen. Soviel ich wusste, hatte es einen Rat der Ältesten gegeben, der die Vogelfreien jagte und vernichtete. Inwieweit, das heute noch zutraf, konnte keiner sagen. Uns waren nur die Revierkämpfe bekannt, die jeweils ein Opfer forderten. Die Akte dieses Jemands wanderte dann in den Raum der Vernichteten. Für den jeweiligen Beobachter war das oft ein schmerzlicher Verlust. Er hatte meistens viele Jahre seines Lebens, dem Unsterblichen nachspioniert und eine gewisse Zuneigung zu ihm aufgebaut. Es war, wie wenn man einen Freund verlieren würde. Vielleicht lag es auch an der Annahme, dass diese Wesen nichts töten könnte. Da war es dann unvorstellbar, wenn derjenige wirklich tot war. Unwiederbringlich!

Ich verabschiedete mich innerlich vom Tageslicht, vom Essen und weiteren Nebensächlichkeiten. Zum Beispiel meiner Tamponschachtel. Lächelnd schmiss ich sie in den Müll und dachte dabei an Cornelius Verhalten. Erst im Nachhinein fiel mir auf, dass er sich in diesen Tagen nie blicken ließ. War es, weil ich dann keinen Sex wollte? Nein, das glaubte ich nicht. War es der Blutgeruch? Entfachte er seine Gier? Tja, vielleicht fragte ich ihn später mal danach. Auf jeden Fall war es nicht schlecht, ewig von diesem Übel befreit zu sein. Der nahende Sonnenuntergang machte mich nervös. Ich wusste nicht, wann Cornelius kommen würde, doch ich hoffte bald. Immer wieder sah ich auf die Uhr und meinte, die Zeit würde nicht vergehen. Draußen dämmerte es langsam. Er erwachte sicher bald.

 

Als es schon längst dunkel war, setzte ich mich auf die Couch vor den Fernseher. Ich konnte mich kaum auf die Sendungen konzentrieren. Immer wieder glitt mein Blick zur Uhr und zum Himmel. „Cornelius, wo bleibst du nur? Lass mich nicht unnötig warten."

Irgendwann musste ich eingeschlafen sein, denn seine Küsse weckten mich. Wir lagen nebeneinander auf dem Bett und er bedeckte meinen Hals damit. Dann veränderte sich alles um mich herum. Die Zimmerdecke verwandelte sich in einen Nachthimmel, unter mir fühlte ich Sand und Wasser schwappte an meine Beine. Ich zog Cornelius erregt an mich und wir küssten uns innig. Das Meer rauschte im Hintergrund, ich roch die salzige Luft und da schmeckte ich Blut im Mund. ‚Trink, Jessica! So viel du kannst.

Seine blutige Zunge war in meinem Mund und ich begann daran zu saugen. Eine vertraute Wärme erfasste meine Glieder und mit jedem Zug, fühlte ich mich stärker. Solange ich trank, sah ich, wie er mich heute Abend durchs Fenster beobachtet hatte. Ich sah mich selbst auf dem Sofa sitzen und dann blickte ich mich ruhelos in seinem Wohnzimmer um. Seine Nervosität, war deutlich zu spüren. Als er sich mir entzog, wollte ich ihn festhalten und stammelte: „Mehr!" Doch nun trank er von meiner Kehle. Überall kribbelte es, ich sah in den Sternenhimmel und ein Stöhnen löste sich von meinen Lippen. Ich spürte meine Glieder nicht mehr, meine Kraft entwich immer schneller, bis ich kaum noch die Augen offen halten konnte. ‚Wehre dich nicht dagegen! Lass dich einfach fallen‘, hörte ich im Kopf. Etwas drückte auf meine Brust. Ich konnte kaum noch atmen. „Du stirbst jetzt.“ Eine dunkle Wolke umhüllte mich, wurde immer dichter, bis ich das Bewusstsein verlor.

 

Ich erwachte in einem großen Bett, das von einer dunkelgrauen Granitmauer umrahmt war. Nackt lag ich in der seidenen, weinroten Bettwäsche, die sich so zart und kühl an meiner Haut anfühlte. Cornelius schien fort zu sein, denn der Platz neben mir war leer, doch zerwühlt. Das Zimmer, in dem ich mich befand, kannte ich, trotz unserer einjährigen Beziehung noch nicht. Ich kletterte aus dem Bett und als ich die beiden Granitplatten, an der Wand lehnen sah, wusste ich, welcher Raum das war. ‚Hier hast du also immer geruht!‘, dachte ich.

Cornelius erschien an der Tür: „Bist du endlich wach?" Ich fasste in meine Haare, die noch feucht waren. Er bemerkte meinen verwunderten Gesichtsausdruck und meinte:"Ich habe dich gewaschen, bevor ich dich ins Bett legte. Die Ausscheidungen!" Langsam kam die Erinnerung an den gestrigen Abend zurück und ich betrachtete meine Hände, die ich vor mir hielt. Sie waren sehr blass und meine Fingernägel waren lang, gebogen und liefen sehr spitz zu. Es hatte tatsächlich geklappt. Ich war unsterblich!

Er stand jetzt vor mir, umarmte und küsste mich, doch es löste nicht diese unbändige Erregung in mir aus, wie früher: „Ach, Jessica! Ich bin so glücklich, dass wir nun richtig zusammen sein können. Ohne den kleinen Unterschied." Ich strich über seine warme Wange: „Ich auch!" Dann trat ich zurück: „Wie sehe ich aus?" Sein Blick verklärte sich: „Natürlich wunderschön! Wie ich gesagt habe."

Er nahm meine Hand und führte mich zu dem hohen Wandspiegel im Zimmer und als ich mein Spiegelbild erblickte, konnte ich vor Freude ein kurzes Jauchzen nicht unterdrücken. Das sollte also ich sein.

Mir fiel nur das Bild von Botticellis Venus ein. Blasser, wohlgeformter Körper mit rotem, gewelltem, langem Haar und sie schienen Feuer zu sprühen. Ich drückte an mir herum, betastete Bauch, Schenkel und Po. Alles war fester. Cornelius beobachtete mich lächelnd. Meine grünen Augen wirkten so geheimnisvoll, meine Wangenknochen waren nun ausgeprägter und auch mein Kinn war spitzer, als früher. Dann begutachtete ich meine Zähne. Blendendes Weiß leuchtete mir entgegen und die Eckzähne waren wirklich länger. Ich betastete sie mit der Zunge, fuhr dann innen an der Zahnreihe entlang und spürte die Erhebung auf der Rückseite von allen. Jeder verjüngte sich hinten zu einer Schneide, die ich gleich zu spüren bekam. Ich schnitt mir in die Zungenspitze, aber es schmerzte nicht. Nur ein leichtes Kribbeln erfasste die Stelle. Ich hatte ein Raubtiergebiss, wie alle anderen und der Anblick schockierte mich nicht mehr. Auch bei Cornelius ließ es mich immer wieder zusammenzucken.

„Zieh dich an!", ertönte es hinter mir."Dann zeige ich dir, wie die Welt nun aussieht."

„Klar. Ich bin so gespannt." Doch zuerst schnitt er mir noch die Fingernägel auf sterbliche Länge. Mein Liebster strömte solch eine Hitze aus und einen undefinierbaren Geruch. „Das ist dein Duft gewesen. Dein Blut ist nun in mir und ich rieche deshalb danach. Wir selbst haben keinen eigenen Geruch mehr. Du nimmst jedes Mal, den deines Opfers an."

„Es riecht gut.", bemerkte ich. Dann fragte ich zögernd: „Wie war es für dich?" Er antwortete nicht und ich fuhr fort: „Also, für mich war es sehr schön und erregend. Ich schlief friedlich ein." Erleichtert entspannte er sich: „So sollte es auch sein. Ich wollte dir unter keinen Umständen weh tun. Nun, für mich war es auch sehr erregend. Vor allem, als du von mir trankst. Du warst so gierig dabei, dass ich keinen Zweifel hatte, du könntest dich selbstständig ernähren. Siedend heiß kam mir meine zukünftige Nahrung in den Sinn: „Wann muss ich trinken?"

„Morgen. Ich werde dir jemanden bringen. So ist es üblich!" Konnte ich wirklich jemanden töten?

„Glaub mir! Dir wird es schwerfallen, es nicht sofort zu tun. Dein Körper weiß, was er braucht." Eine leichte Nervosität befiel mich, aber das vergaß ich schnell wieder, als Cornelius mir neue Kleider reichte.

Schließlich war ich bereit für die Außenwelt. Ich folgte meinem Geliebten eine Treppe hinauf, die vor einer Wand endete. Er griff in einen Spalt zwischen den Steinen, worauf sie sich nach außen hin öffnete. Als wir hindurch traten, befanden wir uns im Arbeitszimmer. Ein Bücherregal diente, als Tarnung. Alles war ruhig. Erst als wir die Terrasse betraten, begrüßte mich ein Konzert von zirpenden Grillen und die Luft roch schwer nach Blumen und Gras. Langsam blickte ich mich um. Der Garten schien heller beleuchtet zu sein und das Wasser im Pool funkelte total. Cornelius unterbrach mich: „So, jetzt kannst du allein fliegen."

„Wie geht das?" Dabei erinnerte ich mich an Jacks Worte, dass er es mit den Gedanken tat. Er erklärte: „Stell dir vor, wie du hochsteigst. Dein Körper gehorcht deinen stummen Befehlen. Versuch es!" Ich sah in den Himmel hinauf, dachte, wie ich höher streben würde und da erfasste mich eine Brise. Es ging ganz leicht und Cornelius war nun neben mir. Er umfasste meine Hand und meinte: „Lass uns in die Stadt." Ich nickte nur und befahl meinen Körper vorwärts. ‚Schneller!‘ Cornelius lachte anerkennend: „Du lernst schnell." Doch mit seiner Geschwindigkeit konnte ich noch nicht mithalten. Immerhin trennten uns über dreihundertfünfzig Jahre. Von Jack wusste ich, dass man außer Sichtweite der Menschen, die Landung bewerkstelligte. Hinterhöfe waren da gut geeignet.

 

Als wir wieder Boden unter den Füßen hatten, schlenderten wir die Straße entlang. Alle möglichen Geräusche und Gerüche stürmten auf mich ein. Verwirrt schüttelte ich den Kopf und konzentrierte mich auf meine nächste Umgebung. Die ersten Menschen kamen uns auf dem Bürgersteig entgegen und ich hörte ihren Herzschlag. Es pochte leicht in meinen Ohren und ich hörte auch ihre Gespräche. Wie ein heißer Windhauch passierten sie uns. Cornelius erklärte: „Du empfindest es so, weil du eiskalt bist. Fass bloß niemanden an!" Ich sah ihnen nach: „Ich habe gar keine Gelüste nach ihnen, obwohl ich kaum Blut in mir habe."

„Die Verwandlung ist auch erst morgen abgeschlossen. Die Gelüste kommen. Keine Sorge! Nur zu schnell. Anfangs wirst du dich kaum unter Kontrolle haben, aber das lernst du. Bis du es so sanft, wie ich kannst, vergehen einige Jahre."

„Du machst mir ja Hoffnungen, wegen morgen. Soll das heißen, ich richte ne Schweinerei an?" Er legte den Kopf schief: „Ja, so könnte man es ausdrücken. Erschrecke nicht über das Ergebnis!" Ich zog die Augenbrauen zusammen: „Mach mir nicht, solche Angst davor." Cornelius zuckte die Achseln: „Nein, ich wollte nur, dass du vorbereitet bist." Ich würde ihm schon zeigen, dass ich nicht so unbeherrscht sein werde. Wahrscheinlich haben es seine Verflossenen so gemacht.

Auf einmal spürte ich ein leichtes Vibrieren in meinem Kopf und hörte ein schwaches Flirren der Luft: „Was ist das?" Cornelius blickte unauffällig um sich: ‚Andere. Verschließ dich!‘ Das machte mir nun keine Mühe mehr. Wie auf Knopfdruck waren meine Schotten dicht. ‚Hier in der Stadt sind viele. Du spürst sie überall. Aber sei vorsichtig. Es gibt auch viel Abschaum. Ich töte sie, wenn es in meinem Revier zu viele werden. So machen es die anderen Älteren ebenfalls.‘

Verstehe! Und ich darf nur in deinem jagen?‘ Er nickte: ‚Ja. Es gibt noch neutrale Zonen, wo jeder jagen darf. Die zeige ich dir noch.‘

 

Wir betraten schließlich eine Bar und setzten uns etwas abseits an einen Tisch. Cornelius wollte, dass ich in Ruhe alles beobachten konnte. Gedankenlesen war ich zwar gewohnt, aber neu war, dass ich die Gedanken, die auf mich gerichtet waren, hörte, ohne in den Köpfen zu lesen. Sie flogen mir regelrecht zu. Einige Männer würden mich gerne kennen lernen. Als die Bedienung nach meinem Wunsch fragte, bestellte ich das Übliche. Mein Lieblingscocktail wurde vor mir abgestellt. Ich roch die Limetten und der hochprozentige Alkohol kribbelte in meiner Nase. Doch der Geruch ließ mich völlig kalt. Am Nebentisch verdrückte ein Mann einen Burger mit Pommes. Sogar das löste nichts in mir aus, obwohl ich das gebratene Fleisch, den Käse, die Soße und die Zwiebeln roch. Ich hätte genauso gut einen leeren Teller anstarren können. Als Mensch stand ich auf Fast Food und gönnte es mir gelegentlich. Nicht zu oft, wegen der Figur. Ha, noch mal von einer weiblichen Geißel erlöst. Nie wieder Diät! Cornelius schmunzelte über meine Gedanken, aber sagte nichts. Er stocherte mit dem Strohhalm in seinem Glas herum: „Tu es auch." Ich nickte: „Ja, die Täuschung. Ich weiß."

Am Tresen fiel mir plötzlich ein junger Mann auf. Er war allein, Anfang zwanzig und sah ganz gut aus. Ich fragte mich, warum er mein Interesse weckte. Er schien niedergeschlagen zu sein. Cornelius flüsterte: „Gehen wir?"

„Okay. Für heute habe ich genug gesehen."

Daheim kuschelten wir uns noch auf dem Sofa aneinander, bis ich die Schwere in den Gliedern spürte. Cornelius schickte mich zu Bett. Er würde erst später nachkommen. Als Neugeborene fühlte ich den Morgen schon sehr früh. Draußen war es noch dunkel, als ich in unser Schlafzimmer ging. Bevor ich einschlief, spürte ich einen Muskelkater überall.

 

Am nächsten Abend war dieser Muskelkater schlimmer geworden. Jacks Beschreibung seines ersten Trunks fiel mir wieder ein. Der Muskelkater war bestimmt das Hungergefühl. Er hatte von einem Zerren der Adern gesprochen. So fühlte sich das also an. Merkwürdig! Cornelius war nicht hier, doch sogleich ertönte seine Stimme in meinem Kopf: ‚Komm ins obere Schlafzimmer! Ich erwarte dich.‘ Schnell zog ich mir meine Kleider von gestern über und ging hinauf. Dieses Hungergefühl war wirklich sehr unangenehm. An der Tür angekommen, hörte ich Rascheln. Ich öffnete und eine intensive Duftwolke schlug mir entgegen. Sofort wurde das Zerren in meinem Körper stärker. Ich erblickte meinen Schöpfer nackt mit einem ebenfalls nackten Sterblichen auf dem Bett liegen, den er küsste und im Arm hielt. Als ich den Mann erkannte, erschrak ich kurz. Es war der junge Kerl aus der Bar gestern. Cornelius erhob sich langsam und deutete mir an, mich an seine Stelle zu legen. ‚Er gehört dir!

Das menschliche Herz schlug heftig vor Aufregung und es dröhnte regelrecht in meinen Ohren. Mein Blick haftete an seiner schweißigen Haut, die an manchen Stellen vibrierte.

Er lächelte mir aufmunternd zu, mich zu ihm zu gesellen. Dieser Mann begehrte mich und ich legte mich zu ihm. Dabei erkannte ich, dass es die Adern waren, die gegen die Haut pulsierten. Sein Geruch war betörend, wie Parfum und ich nahm einen tiefen Atemzug davon. Dabei schürzte ich automatisch die Oberlippe. Daraufhin durchfuhr mich ein heftiges Zucken und meine Eingeweide krampften sich stark zusammen.

Er fasste mich an. Was für heiße Hände, er hatte. Meine Zunge leckte an seiner feuchten, salzigen Haut an der Schulter und das brachte meinen Körper in Aufruhr. Ich fixierte seine Halsseite, die Adern schienen immer deutlicher hervorzukommen und langsam näherten sich meine Lippen der pulsierenden Hauptader. Als ich sie darauf legte, stieg etwas in mir hoch. War das die Gier?

Ich versuchte sie zu unterdrücken, leckte über den Hals und stellte mir vor, ich müsste meinen Höhepunkt hinauszögern. Der Trick klappte. Langsam drangen meine Zähne ohne Widerstand an der richtigen Stelle, in die weiche Haut. Sofort strömte Blut aus. Ich spürte sein Zusammenzucken, aber unter meinen ersten Zügen, entspannte er sich sofort wieder. Oh Gott, war das heiß! Instinktiv trank ich auf die richtige Weise und nicht zu hastig. Von meinem Bauch aus schoss nun die Hitze durch meinen ganzen Körper. In Windeseile war sie überall und ich saugte gieriger an der Wunde. Es war einfach zu wenig, was ich herausbekam. Ich ließ ab, doch das austretende Blut vor meinen Augen und meiner Nase, versetzte mich derart in Rage, dass meine Kiefer zupackten und die Haut aufrissen. Der Mann schrie auf und versuchte mich wegzustoßen. Inzwischen war er nur noch ein Körper für mich und ich drückte meine Quelle auf das Bett. Ich hatte nur noch einen Gedanken: ‚Mehr!‘ Ich selbst vibrierte nun ebenfalls. Mein Herz schlug, mein Atem ging keuchend und ein Kribbeln durchzog mich. Oh, das sollte niemals aufhören! Ich zog mein Opfer enger an mich, das sich inzwischen nicht mehr wehrte. Verwirrende Bilder tauchten vor meinem inneren Auge auf, solange ich noch trank. Farbkleckse, Kreise und dann kamen Monstergestalten. Plötzlich waren die Bilder verschwunden. Erst, als der Blutstrom sich nicht mehr heiß anfühlte, bemerkte ich, dass der Kerl tot war. Das Trinken fiel mir nun schwerer und ich riss die Wunde so weit auf, bis ich die Schlagader zerfetzen konnte. Das restliche Blut in ihm, lief nun ohne Mühe heraus, aber es war nur noch lau. Danach sank ich neben den Toten nieder, schloss die Augen und genoss das Pochen in mir. Dieser Rausch war mit nichts zu vergleichen und diese Befriedigung dabei. Wohlige Wärme durchzog meine Glieder.

Langsam klärte sich mein Verstand wieder und ich betrachtete den Leib neben mir. Der aufgerissene Hals schockte mich nicht. Sah eigentlich nicht sehr schlimm aus und auf dem Laken waren nur wenige Blutflecke. Ich hatte also so gut wie nichts verschwendet. Cornelius lobte mich, als er ans Bett trat: „Für das erste Mal hattest du dich sehr gut im Griff." Das freute mich. Hatte ich es besser gemacht, als seine vorherigen Gefährtinnen?!

Er war immer noch entblößt und sein Anblick weckte eine andere Begierde. Ich sehnte mich auf einmal so sehr nach seinem nackten Fleisch. Es verzehrte mich regelrecht. Ihm schien es unübersehbar ebenso zu gehen. Wir stürzten uns wirklich, wie wilde Tiere aufeinander.

Dieser Sex war ganz anders als früher. Knurrend hing Cornelius an meiner Kehle, solange er mich liebte und ich hatte mich an seinem Rücken festgekrallt. Seine Bewegungen und sein gleichzeitiges Saugen waren so erregend. Das Blut in mir geriet wieder in Wallung. Ich ächzte unter meinen heftigen Atemzügen und ihm erging es ebenso, denn ich hielt seinen atmenden Oberkörper in den Armen. Als Sterbliche war mir das nie aufgefallen. Dann bot er mir seinen Hals an, bog den Kopf zurück, um wollüstig aufzustöhnen, als ich ihn packte. Ich umklammerte ihn fester, während ich trank und er wurde heftiger. Es war einfach wunderbar! Sein Glied in mir und dabei sein Blut trinken. Die wahre Vereinigung!

Kurz dachte ich an die Stabilität des Bettes, bei unseren Kräften. Als ich kam, überrollte mich eine ungeheure Hitzewelle und ich meinte, meine Lunge wollte zerspringen. Der Schrei, der sich aus meiner Kehle löste, war mehr, der einer Tigerin, als einer Menschenfrau. Zuckend lagen wir beide aneinandergepresst, bis sich unsere Körper langsam normalisierten. Das war das erste Mal, dass Cornelius dabei seine tierische Seite gezeigt hatte und mir wurde bewusst, wie sehr er sich früher immer beherrschen musste. Kein Wunder, dass er regelmäßig zu Suzanne gegangen war. Erst jetzt fühlte ich mich völlig befriedigt. Mein Liebster stand auf und zog die Leiche vom Bett. Daran hatte ich gar nicht mehr gedacht. „Wohin bringst du ihn?" Er antwortete: „Vorerst in den Keller. Später vergrabe ich ihn irgendwo." Ich betrachtete, die fahlgelbe Haut des Sterblichen. „Warum ihn?" Cornelius erwiderte lächelnd: „Du hast dich gestern für ihn entschieden. Wir wissen instinktiv, wer das richtige Opfer ist." Ich nickte nur. Als ich mich jetzt im Spiegel sah, war ich total verändert. Rosige Haut, rote Lippen und ich wirkte fülliger im Gesicht. Eine unbändige Energie in mir, verlangte nach einem Ventil. Ich schlüpfte in meine Sachen, rannte die Treppe hinunter und schoss in den Himmel hinauf.

Im Nu ließ ich Cornelius Anwesen hinter mir. So aufgeputscht war ich noch nie. Ich verlangsamte über seinem Park und setzte mich schließlich auf den Ast eines Baumes. Irgendwo schlenderte ein Liebespaar über die Kieswege. Das Knirschen der Schritte und die Stimmen drangen an mein Ohr. Ich bemerkte etwas im Blätterdach. An einigen Stellen glomm etwas Rötliches. Neugierig näherte ich mich einem der Lichter, bis ich es als einen schlafenden Vogel erkannte. Ein rötlicher Nebel umgab seinen Leib. War das mein Infrarot? Es funktionierte wohl erst in starker Dunkelheit, denn bis jetzt hatte ich es nie bemerkt. Sachte strich ich über die Federn. Er bemerkte mich überhaupt nicht. Faszinierend! Mir kam ein Gedanke. Ich wollte der Organisation einen Besuch abstatten. Sie sollten meine Verwandlung von mir selbst erfahren.

Kurze Zeit später stand ich auf dem Dach des Instituts und überlegte, wem ich mich offenbaren sollte. Am ehesten, meinem Chef. Er war der Erfahrenste hier. So erfahren, dass er Antonio, den mächtigsten Unsterblichen von San Francisco, beschattete. Ich kannte die Akte, dieses Unsterblichen, aber hatte ihn nie gesehen, oder ein Foto von ihm. Er existierte seit fünfhundertzwei Jahren und lebte schon über zweihundert in den Staaten. Er galt als sehr gefährlich, weil er Menschen nicht nur zum Aussaugen tötete. Tja, wie kam ich hinein? Konnte ich schon Fenster entriegeln? Ich untersuchte zuerst alle Fenster des Gebäudes, aber ich fand kein offenes. Also, versuchte ich es mit meiner Konzentration. Ich stellte mir vor, wie sich der innere Griff drehen würde. Immer wieder versuchte ich es. Nichts! So schnell gab ich nicht auf. Als Mensch waren mir solche Dinge schon vertraut und ich war keine gewöhnliche Sterbliche gewesen. Außerdem, war Cornelius ein starker Schöpfer. Nach einigen Minuten intensiver Konzentration hörte ich ein Klicken. Endlich! Ich hatte es geschafft.

Nun stieg ich ein, huschte über die Gänge, bis zu der Tür meines früheren Bosses. Er war da, ich hörte seinen Herzschlag und er schien meine Gedanken zu hören, denn jemand fragte: ‚Jessica?‘, in meinem Kopf. Erschrocken wich ich zurück und lauschte. ‚Komm rein!‘

Ich befolgte die Aufforderung und öffnete die Tür. Er saß hinter seinem Schreibtisch über einer Akte und musterte mich eine Zeit lang. Dann erhellte langsam ein Lächeln seine Züge: „Deine Verwandlung scheint gelungen. Ich hatte so etwas erwartet, als du dich mit ihnen eingelassen hast." Mir war es irgendwie peinlich, dass er sicherlich das Meiste wusste. „Ja, es ist zu reizvoll", begann ich. „Wenn man die Unsterblichkeit, stets vor Augen hat. Ich bin es erst seit zwei Nächten. Ich wollte, dass du es von mir selbst erfährst." Er nickte: „Ja, du hast die Seite gewechselt. Mach das Beste daraus. Ich wünsche dir wirklich, dass du lange Zeit überdauerst." Ich musste grinsen: „Nun müsst ihr einen Beobachter für mich bestimmen. Schon komisch! Es wird keiner von hier sein?" Er tippte mit den Fingern auf das Holz des Schreibtisches."Du kennst die Regeln. Irgendwoher wird ein Beobachter zu uns geschickt, der dich im Auge behält. Nicht sofort, aber da du einen Schöpfer hast, der schon bekannt ist, wird es eher sein, als sonst bei den Jungen." Seine Augen ruhten gebannt auf mir. Auch er war selten einem Vampir so nah gewesen. „Du bist ein seltener Fall in unserer Geschichte. Zwar haben schon manche das Blut gestohlen, um sich zu verwandeln, aber noch nie suchte sich ein Unsterblicher aus unseren Reihen, einen Gefährten aus." Ich dachte an Cornelius. Er vermisste mich wahrscheinlich schon. „Ich sollte jetzt gehen!", sagte ich und öffnete das Fenster. Da fragte er: „Hast du heute getrunken?" Ich blickte mich nochmals zu ihm um: „Du siehst es! Es war unbeschreiblich! Ich werde es gern wieder tun. Du hörst ja von mir. Bye!" Damit sprang ich hinaus und strebte in den Himmel hinauf.

 

Cornelius erwartete mich vor dem Fernseher. Er lag entspannt auf dem Sofa und schaute auf die Mattscheibe. „Hi. Ich war ein bisschen in der Gegend unterwegs", flötete ich. Er lächelte mir zu und meinte: „Setz dich zu mir." Das tat ich gern. Er strich durch mein Haar, als ich mich neben ihm niedergelassen hatte: „Du bist anders, Jessica. Nichts kann dich erschrecken. Du wusstest, was auf dich zukommt und du bist stark. Ich spüre das und andere werden es auch spüren."

„Meinst du damit, dass meine Fähigkeiten schneller zunehmen werden?"

„Ja, genau. Du weißt vermutlich noch gar nicht, was du kannst." Daraufhin ließ ich die Terrassentür aufspringen und sah ihn an. Er starrte ungläubig zur Tür und lachte. „Alle Achtung!" Stolz erwiderte ich: „Ich habe geübt!"

„Wo?"

„Na ja", ich senkte die Augen: „Beim Institut. Ich war bei meinem ehemaligen Chef. Ich musste damit abschließen und ich wollte nicht, dass sie es von einem der Beobachter erfahren." Er blickte mich ernst an: „Bring dich bitte nicht mehr in solche Gefahr. Du weißt nicht, zu was sie fähig sind." Beruhigend streichelte ich seinen Schenkel: „Keine Angst! Ich war nur bei ihm. Ich kenne mich dort aus, schon vergessen?!" Murrend fügte er hinzu: „Trotzdem! Versprich es mir."

„Ja, gut." Dabei küsste ich ihn.

Was ich vor meiner Umwandlung nie für möglich gehalten hatte, war eingetreten. Ich freute mich auf die Jagd. Heute war es wieder soweit und ich wollte allein gehen. Cornelius verwunderte meine frühe Selbstständigkeit. Jack hatte übrigens seinen Besuch in einer Woche, angekündigt. Cornelius und er unterhielten regen E-Mail-Verkehr. Es war im Sommer die einzige Möglichkeit, wegen der Zeitverschiebung von acht Stunden, sich zu verständigen. Wenn wir hier erwachten, musste sich Jack schon wieder Schlafenlegen. Ich verdonnerte meinen Liebsten zum Stillschweigen über mich. Jacks Gesicht wollte ich nicht verpassen, wenn ich ihm gegenübertrat.

Wie schnell ich mich an alles gewöhnte. Wie selbstverständlich begab ich mich heute Abend in die Lüfte, so wie ich früher ins Auto gestiegen bin. Nun war ich auf Beute aus. Das Zerren der Adern beeinträchtigte mich und meine allgemeine Schwäche. Eine innere Unruhe hatte mich erfasst und trieb mich in die Stadt. Zuerst steuerte ich Cornelius Park an. Ich schwebte über den Baumkronen und hielt Ausschau. Es waren zwar Menschen dort, aber keiner sagte mir zu. Also, strebte ich eine Straße entlang, hielt mich über den Dächern, damit mich von unten niemand sah. Ich erspähte einen einsamen Mann vor einem Schaufenster stehen. Er betrachtete die Fernsehschirme darin, die alle denselben Film zeigten. Ich hörte seinen Puls und witterte seinen Geruch. Mein Körper sprach sofort darauf an. In einiger Entfernung ging ich runter und lief auf dem Bürgersteig entlang, direkt auf ihn zu. Meine Anspannung wurde stärker. Ich dachte an meinen bevorstehenden Rausch und das heiße Blut und es erregte mich. Ich hatte ihn fast erreicht. Kurz überflog ich seine Erscheinung mit meinen hungrigen Augen. Dunkle, graumelierte Haare, unrasiert und eine schäbige Lederjacke. Mundgeruch hatte er auch, aber sein anderer Duft war stärker für mich. Er drang durch jede verschwitzte Pore. Daraufhin entwich mir ein leises Knurren, das mich zusammenzucken ließ. Doch er hatte es nicht bemerkt. Er verfolgte vertieft die flimmernden Bilder. Gerade war sonst niemand in der Nähe und so sprang ich ihn an und zog ihn mit in die Luft. Kaum hatte ich ihn gepackt, biss ich zu. Sobald das Blut über meine Zunge floss, war er vergessen. Er war nur noch Fleisch. Völlig vertieft in meinen Empfindungen, wurde ich plötzlich unsanft herausgerissen. Eine stahlharte Hand packte mein Genick und zog mich vom Hals meines Opfers weg. Bevor ich wusste, wie mir geschah, hing der Sterbliche leblos im Arm eines fremden Unsterblichen.

„Der gehört mir, du Schmarotzer! Verschwinde, so schnell du kannst von hier, bevor ich mich vergesse. Wehe, ich erwische dich noch einmal. Dann kommst du mir nicht mehr so glimpflich davon." Ich war so schockiert, dass ich nichts erwidern konnte. Sein langes, dunkles Haar wehte im Wind und seine dunklen Augen durchbohrten mich zornig. Da ergriff ich die Flucht, doch ein harter Schlag traf mich am Rücken.

Solange ich flüchtete, als wäre der Teufel höchstpersönlich hinter mir her, spürte ich das Kribbeln der Heilung an der Stelle. Mein Leib zitterte vor Furcht und ich wagte nicht mich umzudrehen, aber er verfolgte mich nicht. Zum Glück!

 

Erst zu Hause beruhigte ich mich ein wenig. Ich war so erleichtert, als ich unser Haus unter mir sah. Cornelius nahm mich in die Arme, als ich schluchzend auf ihn zukam: „Jessica, was ist mit dir? Du bist ja total verstört. Was ist geschehen?" Schniefend erwiderte ich: „Er hat mich vertrieben!"

„Du bist verletzt", bemerkte mein Schöpfer und wandte mich um. Er zerriss mein Top und berührte vorsichtig meine Wunden am Rücken. Das Kribbeln war inzwischen schwächer geworden.

„Es sollte nur eine Warnung sein. Erzähl mir davon!", forderte er mich auf. Ich erzählte ihm also von meinem Abenteuer und fragte: „Kennst du ihn?" Er nickte bedächtig und sah mich sehr besorgt an: „Irgendetwas fand er an dir, sonst hätte er dich vernichtet. Er duldet keine Wilderer in seinem Revier. Antonio macht normalerweise kurzen Prozess mit ihnen. Vielleicht, weil du eine Frau bist."

„Sagtest du Antonio?"

„Ja, warum?! Sagt dir der Name etwas?"

Jetzt rutschte mir mein Herz vollends in die Hose und ich stammelte: „Antonio, oh Gott! Der heimliche Herrscher der Stadt." Ich war also knapp dem Tod entronnen. Ironie! Gerade unsterblich geworden, war ich dem Sterben näher gewesen, wie je als Mensch. „Wie schlimm ist die Verletzung?"

„Fünf tiefe Einschnitte quer über deinen Rücken. Inzwischen blutet es schon nicht mehr und morgen werden es nur noch rote Linien sein. Das wird schon!" Als er mich ansah, sagte er: „Du musst noch mal trinken. Ich begleite dich, wenn du willst." Darüber war ich sehr dankbar. Nervlich konnte ich eine alleinige Jagd nicht mehr durchstehen.

 

Cornelius führte mich im Park zu einem schlafenden Obdachlosen, an dem ich mich einfach bediente, ohne, dass er aus seinem Rausch erwachte. Das Blut entschädigte für die erlittenen Strapazen. Danach fühlte ich mich besser und Cornelius entsorgte abermals die Leiche. „Wie viele liegen hier schon begraben?" Er zuckte die Achseln: „Keine Ahnung! Genug. Doch so knapp unter der Erde, verwesen sie schnell." Ich wollte endlich nach Hause in unser Bett. Irgendwie wollte ich mich im tiefsten Loch verkriechen, oder zumindest unter der Bettdecke, wie ein ängstliches Kind. Mein Übermut war schnell gekühlt worden. Cornelius kam mit in unser Schlafzimmer, um mich zu trösten. Wir unterhielten uns, bis ich einschlief.

Die Sache mit Antonio beschäftigte mich noch. Warum ließ er mich gehen? Er war wirklich unheimlich gewesen. Sogar für eine Unsterbliche. Wie war dann erst seine Wirkung auf Menschen? Ich empfand plötzlich richtig Ehrfurcht vor meinem Chef, dass er sich an den heranwagte.

Schließlich beschloss ich, den Mächtigsten um ein Gespräch zu bitten, als meine Angst ziemlich verflogen war. Solange ich mich an die Regeln hielt, würde er mir nichts tun. So setzte ich mich in Cornelius Park und rief stumm nach Antonio. Im Revier meines Schöpfers fühlte ich mich sicher.

Die halbe Nacht verbrachte ich auf der Parkbank und schickte immer wieder meinen Ruf hinaus. Langsam verlor ich die Geduld und stand auf. Da erklang eine Stimme direkt hinter mir: „Was willst du von mir, Jessica?" Würde mein Herz noch schlagen, wäre es jetzt sicherlich stehen geblieben. Woher kannte er meinen Namen? „Ich sehe auf den Grund deiner Seele und dass du dir unser Blut erschlichen hast." Nun trat er vor mich hin und lächelte gehässig. Ich versuchte so gefasst, wie möglich zu klingen: „Ich wollte wissen, warum du mich am Leben gelassen hast." Antonio grinste hämisch: „Da gibt es einige Gründe. Zum Beispiel gehörst du zu der Organisation, die meinen Gefährten rettete, oder zumindest dabei half. Tja, und ich bewundere deine Raffinesse, mit der du die Unsterblichkeit erlangt hast. Verführst einen Älteren, gewinnst sein Vertrauen und lässt dir das Blut geben." Ich schüttelte den Kopf: „Nein, so war es nicht. Ich liebe ihn!" Antonio lachte nur spöttisch: „Ach ja? Tust du das wirklich? Du würdest ihn doch sofort für einen Mächtigeren verlassen." Ich entgegnete: „Deine Macht ängstigt mich." Seine Miene erhellte sich: „Danke, ich werde gern gefürchtet." Er trug seine langen Haare offen, die Beine steckten in schwarzem Leder und an den Leib schmiegte sich ein enges Top. Seine Fingernägel waren in voller Länge und an fast jedem Finger trug er einen alten, protzigen Ring.

„Bist du zufrieden mit meiner Antwort?", riss er mich aus meiner Betrachtung.

„Ja und es tut mir leid, dass ich deine Grenzen missachtet habe. Ich wusste es wirklich nicht."

Antonio lächelte vielsagend: „Ich weiß. Noch ein Grund, weshalb du noch lebst. Ich wollte dir nur einen gehörigen Schreck einjagen. Ich bin nicht die Bestie für die mich alle halten, aber so ein Ruf erspart viel Ärger in unseren Kreisen. Mach‘s gut!" Dann war er plötzlich verschwunden. Ich sah nichts, so sehr ich auch suchte. Sein Vibrieren hatte ich überhaupt nicht gespürt, als er sich heranschlich. Konnten wir es irgendwie unterdrücken?

Meine nächste Jagd bewerkstelligte ich wieder allein. Diesmal durchstreifte ich Cornelius Straßen zu Fuß. Ich präsentierte mich als leichte Beute für perverse Männer. Ich lechzte richtig danach, einem vermeintlichen Frauenschänder, den Hals rumzudrehen. Mein Aufzug, ein Minirock, Stiefel und ein knappes Top, lenkten bald die Aufmerksamkeit einer kranken Psyche auf mich. Gedanken, wie ‚Flittchen. Ich krieg dich, du Hure‘, erreichten mein Hirn. Ich musste vor mich hin grinsen. Ein schlaksiger Typ mit fanatischen Augen, verfolgte mich. Er umfasste das Messer, das in der Innentasche seiner Jacke versteckt war. Ich blieb stehen, kramte in meiner Handtasche, um ihn herankommen zu lassen. Wenn der wüsste, was ihn erwartete?

Schon zog er mich in eine Nische zwischen den Häusern und hielt mir das Messer an die Kehle: „Keinen Mucks, sonst schneide ich dir die Gurgel auf." Ich nickte mit gespieltem Entsetzen und begann ihn anzuflehen, mich gehen zu lassen. Meine scheinbare Angst stachelte ihn noch mehr an. Er fummelte an seiner Hose herum und an meinem Rock. Ich genoss dieses Spiel, denn gleich würde mich die Gier überkommen. Sein Puls beschleunigte beim Gedanken gleich in mich stoßen zu können. Ich spürte seine Bereitschaft an meinem Schenkel, als er mir ein Bein hochzog.

Dann packte ich ihn mit einer Hand am Hals und presste ihn an die Hauswand. „Was soll das?", stammelte er. Ich lachte ihm ins Gesicht, damit er meine Zähne sah und seine Siegermiene verwandelte sich kurzerhand in einen verängstigten Ausdruck: „Was bist du für ein Monster?" Ich näherte mich langsam seinem Gesicht. Oh, es würde ein Vergnügen sein, diesen Psychopaten zu töten. „Sei still!", zischte ich und leckte über seine stoppelige Backe. „Hm, du schmeckst gut. Ob dein Blut auch so gut ist?" Er winselte um sein Leben, das Herz war in Aufruhr und ich gab mich ihm hin. Köstlich sprudelte sein Saft in meinen Schlund. Bilder seiner Schandtaten flammten auf. Ich sah weinende, wimmernde Frauengesichter und versuchte sie abzuwehren. Meine Wut auf ihn steigerte sich dadurch noch und ich ließ ihn kurz los.

Keuchend lehnte er an der Wand und fasste an die Halswunde, während ich ihn umarmte und ein größeres Stück aus seiner Kehle riss. Er zuckte zusammen vor Schmerz und jaulte noch mehr auf, als ich beim Trinken seine Rippen eindrückte. Er stöhnte, bis der Tod ihn von seinen Leiden erlöste. Ich verspürte eine solche Genugtuung, als er starb. So wie er die Frauen gequält hatte, bescherte ihm nun eine Frau einen qualvollen Tod.

Nun musste ich die Leiche beseitigen. Mülltonne? Nein. Da könnten ihn die Müllmänner entdecken. Ich schleppte den Körper letztendlich durch die Luft, in eine unbewohnte Gegend und vergrub ihn dort. Morgen kam ja Jack. Mit ihm wollte ich unbedingt gemeinsam jagen. Die Vorstellung heute, hätte ihm sicher gefallen.

 

 

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