4. Vierundzwanzig

Toni wurde sehr schnell klar, dass sich zu betrinken das Beste war, was er in seiner Situation hatte machen können. Denn jetzt, wo Gregor ihm völlig egal war und er ihn nicht mehr die ganze Zeit beobachten musste, um sich dann sowieso nur zu ägern, konnte er endlich an der Party teilnehmen: Er unterhielt sich mit den Leuten aus Annas Semester und durfte feststellen, dass es auch Jurastudenten gab, die über etwas anderes reden konnten als Paragraphen und Gesetzestexte. Später, als er Arm in Arm mit Anna am Wasser langging, traf er auch noch selbst ein paar Kommilitonen, mit denen er sich prächtig amüsierte. Dabei gab es weiterhin Bier und hin und wieder einen Schnaps und Toni fühlte sich immer besser. Als würde er auf einer kleinen Wolke schweben, auf der es absolut keine Probleme gab.

Um kurz vor eins, als der DJ ankündigte, dass er jetzt das letzte Lied spielen würde, weil die Feier danach zuende war, schnappte er sich schließlich noch Anna und tanzte, wenn auch ziemlich unkoordiniert, mit ihr zusammen im Sand. Wovon sie ziemlich begeistert war, denn normalerweise war sie es immer, die ihn zum Tanzen auffordern musste, Als sie ihn am Ende des Lieds mit leuchtenden Augen anstrahlte, da war er optimistisch, dass sie seine Abwesenheit von vorhin und dass sie mit ihm darüber noch reden wollte, schon wieder vergessen hatte.

Als sie dann hinter Xenia und Gregor zurück zum Auto gingen, stellte Toni fest, dass es mit dem Geradeausgehen gar nicht mehr so einfach war. Anna hakte ihn schließlich fest unter. "Das wird morgen kein guter Tag für dich werden," meinte sie und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Dann strich sie ihm einmal mit der freien Hand liebevoll über die Wange. "Wird wohl besser sein, wenn ich heute nacht bei dir bleibe, falls du es nicht alleine zum Klo schaffst."

"Jetzt ü.. übertreib aber mal nicht," erwiderte Toni, wobei seine Stimme ihm aber nicht mehr so ganz gehorchen wollte.. "Ich krieg schon keinen Kater! Mir geht's bestens!" Er fühlte sich nach wie vor großartig auf seiner Wolke ohne Probleme. Und dass es mit dem Gehen und dem Sprechen nicht mehr so funktioniert wie es sollte, das war ja zu verkraften. Auch, als Anna ihn im Auto auf den Vordersitz bugsieren musste, weil er das koordinationsmäßig nicht mehr hinbekam, machte er sich absolut keine Sorgen.

Doch dann, als Gregor losfuhr und schwungvoll die erste Kurve von der Wiese herunternahm, fühlte es sich mit einem Mal an, als hätte Toni einen Schlag in den Magen bekommen. Ab da ging es ihm mit jeder Sekunde beschissener und als sie dann auf die Landstraße durch das erste Schlagloch fuhren, da wurde ihm klar, dass er sich jetzt zusammenreißen musste, sonst würde es für ihn gleich sehr peinlich werden. Also schloß er die Augen, lehnte den Kopf gegen das Fenster und versuchte sich nur noch darauf zu konzentrieren, tief und gleichmäßig zu atmen.

Aber nach dem dritten Schlagloch machte ihm sein Körper mit Nachdruck klar, dass er sich hier nicht aus der Affaire ziehen konnte. Also blieb ihm nichts anderes übrig als sich zu Gregor umzudrehen und "K... kannst du mal anhalten? Ich m... muss kotzen!" zu sagen. Was sich in seinen Ohren absolut jämmerlich anhörte, aber in seiner Situation blieb ihm grade absolut nichts anderes übrig als jämmerlich zu sein.

Zu Tonis Erleichterung sah Gregor ihn weder an, noch sagte er etwas sodern fuhr einfach nur an den Straßenrand. Das Auto stand noch nicht ganz, da riss Toni schon die Tür auf. Er schaffte es grade noch, herauszuspringen und den Kopf über irgendeinen Busch zu halten, bevor ihm alles hochkam. Und während er da stand und kotzte, mit dem Wissen, dass er dabei von drei Leuten beobachtet wurde, fühlte er sich einfach nur erbärmlich.

Als es vorbei war und er sich wieder aufrichtete, war Anna neben ihm die ihm ein Feuchttuch aus ihrer Tasche reichte, mit dem er sich den Mund und die Hände abwischen konnte. "Du Armer," sagte sie dabei voller Mitgefühl, was dazu führte, dass Toni sich noch jämmerlicher fühlte.. "Danke," sagte er und steckte das versiffte Tusch in seine Hosentasche. Bei dem Gedanken, jetzt wieder zu Gregor ins Auto zu steigen, zog sich sein Magen schon wieder zusammen und wäre er jetzt nicht komplett leer, hätte Toni den Kopf bestimmt schon wieder über den Busch halten können.

Für einen Moment überlegte er, ob er jetzt nicht vielleicht den Rest der Strecke laufen sollte. Oder gucken sollte, ob hier nicht irgendwo ein Bus fuhr und dann auf ihn zu warten, wenn es sein musste, sogar stundenlang.

Aber da hatte Anna ihn bereits sanft am Arm gefasst und zurück zum Auto gezogen und ihm wurde klar, dass er, wenn er sein Gesicht nicht völlig verlieren wollte, jetzt wieder einsteigen musste. Also ließ er sich wieder auf den Beifahrersitz fallen und zog die Autotür zu.

Er kam sich immer noch absolut jämmerlich vor und mit einem Schlag stiegen heftige Schuldgefühle in ihm hoch. Und nicht nur unbedingt deswegen, weil sie jetzt wegen ihm hatten warten müssen. Auf einmal musste er auch wieder daran denken, wie sehr er Gregor mit seinem Verhalten damals vor den Kopf gestoßen haben musste. Und hatte er es bis grade noch energisch von sich weggeschoben, sich deswegen jemals bei ihm zu entschuldigen, war der Impuls, es jetzt zu tun, so stark, dass er sich dagegen nicht mehr wehren konnte.

Ungeachtete des absolut widerlichen Geschmacks in seinem Mund schluckte er einmal, bevor er dann Gregor ansah, der grade damit beschäftigt war, den Zündschlüssel im Schloss zu drehen, und leise "Entschuldige," sagte.

Gregor streife ihn mit einem flüchtigen Blick und zuckte dann mit den Schultern. "Hast ja nicht ins Auto gekotzt," erwiderte er gleichmütig und fuhr los.

Schon als Toni es ausgesprochen hatte, hatte er halb erwartet, dass Gregor seine Entschuldigung sicher nicht so auffassen würde, wie er es gemeint hatte. Aber das war ja schließlich nicht sein Problem, was bedeutete, dass er sich jetzt für damals entschuldigt hatte und die ganze Sache dann, wie geplant, abhaken konnte. Dass er sich jetzt trotzdem noch absolut mies fühlte, lag auch nicht daran, sondern an dem ganzen Alkohol, den er heute getrunken hatte.

Obwohl Toni es natürlich niemals zugeben würde, war er trotzdem froh, dass Anna beschlossen hatte, heute nacht bei ihm zu bleiben. Denn während er, als sie endlich in seinem Zimmer angekommen waren, einfach nur noch aufs Bett fiel und zu nichts anderem mehr fähig war, als dazuliegen und zuzusehen, wie sich die Welt um ihn herum drehte, zog sie ihm erst einmal die Schuhe und die Hose aus. Dann brachte sie ihm Wasser und zwang ihn, drei Gläser hintereinander zu trinken und schließlich noch ein trockenes Brötchen herunterzuwürgen.

Danach fühlte er sich wenigstens ein wenig besser. Zumindest physisch. Psychisch sah das schon ganz anders aus. Denn zu den Schuldgefühlen gegenüber Gregor, die er immer noch nicht losgeworden war, egal, wie sehr er sich selbst auch davon zu überzeugen versuchte, dass er sich ordnungsgemäß bei ihm entschuldigt hatte, gesellten sich jetzt auch noch welche Anna gegenüber dazu und er wünschte sich inzwischen nur noch, endlich einschlafen zu können, um das alles wenigstens für ein paar Stunden zu vergessen.

Anna stellte noch einen Eimer an seine Seite des Betts, bevor sie sich neben ihn legte und die Decke über sie beide zog. "Schlaf gut," sagte sie und streichelte ihm liebevoll über den Arm.

"Gute Nacht," erwiderte Toni und versuchte, seine Stimme genau so liebevoll klingen zu lassen, aber er schaffte es nicht. Noch ein Grund mehr, sich mies zu fühlen.

Es dauerte nicht lange, da erkannte Toni an Annas tiefen gleichmäßigen Atemzügen, dass sie eingeschlafen war und er hätte es ihr gerne gleichgetan, aber immer, wenn er die Augen schloss, ergaben seine Schuldgefühle und die Tatsache, dass die Welt sich dann noch schneller um ihn herum drehte, eine sehr unschöne Mischung, bei der er sich sicher war, gleich wieder kotzen zu müssen. Also gab er den Versuch, einzuschlafen, irgendwann auf, sondern lag einfach nur wach und starrte an die Decke. Und die leuchtend roten Zahlen seines Weckers zeigte ihm dabei zuverlässig an, wie die Zeit langsam dahin rann.

Schließlich hielt er es nicht mehr aus, einfach nur dazuliegen und sich wie der letzte Dreck zu fühlen. Und er wusste ja jetzt, was er in so einem Fall zu tun hatte.

Vorsichtig, nicht nur um Anna nicht zu wecken, sondern weil er immer noch nicht wirklich in der Lage war, Arme und Beine vernünftig aufeinander abzustimmen und nirgendwo anstoßen wollte, stand er auf, schlich zum Schrank und holte seine Sportklamotten heraus, die seit Kurzem immer griffbereit im Fach lagen.

Er zog sich auf dem Bad um und brauchte dabei ewig, um die Turnschuhe anzuziehen. Als er aus der Hocke wieder hochkam, sprangen ihn heftige Kopfschmerzen an, die ihn aber definitiv nicht vom Joggen abhalten würden! Er biss die Zähne zusammen, schlich durch den dunklen Flur, nahm einen Schlüssel vom Brett, von dem er hoffte, dass es seiner war, und zog die Wohnungstür leise hinter sich in Schloß.

Draußen atmete er einmal tief durch und bildete sich ein, dass er sich schon wieder besser fühlte. Und dass es mit jedem Meter, den er lief, noch besser wurde. Dass er, als er durch einen winzigen Park lief, noch einmal in die Büsche kotzte, war in Ordnung, denn danach ging es ihm, bis auf die heftigen Kopfschmerzen, wieder richtig gut. Und dann fiel ihm auf, dass er noch nie vorher durch diesen Park gekommen war. Er war einfach losgerannt und dann hatte sein Gehirn wohl entschieden, dass es diesmal Zeit für eine ganz neue Strecke war. Und Toni, der keinen Bock hatte, über irgendetwas nachzudenken, überließ ihm auch weiterhin das Kommando, als er weiterlief.

Doch dann bog er um eine Hausecke und konnte dann mehr anders, als denken, denn die Gegend kam ihm ziemlich bekannt vor. Und als ihm dann einfiel, wieso sie ihm bekannt vorkam, wurde ihm klar, dass hier nicht in erster Linie sein Gehirn seine Laufrichtung vorgegeben hatte, sondern sein schlechtes Gewissen. Denn vor ihm lag der Hauseingang, an dem sie sich gestern mit Gregor und Xenia getroffen hatten. Was angesichts der Tatsache, dass Toni eigentlich eine absolut schlechte Orientierung besaß, eine ziemliche Leistung war.

Natürlich hätte er jetzt weiterlaufen müssen, denn er war noch kein bisschen erschöpft.

Aber stattdessen ging er zu einer Bank, die direkt gegenüber vom Haus auf einem Grünstreifen in der Mitte der Straße stand und setzte sich. Dann seufzte er einmal tief, lehnte sich zurück und ersparte sich selbst die Frage, was er hier eigentlich wollte. Denn die Antwort ,Gregor sehen und sich noch einmal richtig entschuldigen, damit sein schlechtes Gewissen endlich Ruhe gab' wollte er gar nicht bekommen.

Wobei die ihn eigentlich auch hätte zum Weiterlaufen motivieren können, denn wie wahrscheinlich war es schon, dass Gregor wirklich hier war? Vielleicht wohnte Xenia in diesem Haus und Gregor hatte gar nicht bei ihr übernachtet. Oder vielleicht wohnte er auch drei Blocks weiter und hatte das Auto gestern hier nur geparkt, weil woanders kein Platz gewesen war.

Bei diesem Gedanken sah Toni sich kurz um, ob er Gregors Auto irgendwo entdeckte, aber dann fiel ihm auf, dass er gar nicht wusste, wie es aussah. Noch ein Grund, wieso es völlig schwachsinnig war, hier herumzusitzen, vorallem, als er dann auch noch feststellte, dass er zwar sein Portemonnaie eingesteckt hatte, aber nicht sein Handy. Zusammen mit der Uhr an der Wand in seinem Zimmer war es die einzige, die er besaß, also hatte er keine Ahnung, wie spät es war. Oder etwas, mit dem er sich beschäftigen konnte, während er hier jetzt mehr oder weniger sinnlos herumsaß.

Und trotzdem waren das alles keine Argumente, die ihn dazu brachten, aufzustehen und weiterzulaufen. Weil es auch irgendwie beruhigend war, hier zu sitzen und die Stille um sich herum zu genießen. Das tat nicht nur seinem Kopf sondern auch seinem schlechten Gewissen gut.

Also blieb er, wo er war und beobachtete, wie um ihn herum langsam alles zum Leben erwachte. Die ersten Hundebesitzer tauchten auf, die ihre Tiere auf dem Grünstreifen Gassi führten. Toni wurde ein paar Mal mißtrauisch beäugt und lächelte dann immer freundlich zurück.

Dann verschwanden die Hundebesitzer und dafür öffnete der Kiosk auf der anderen Straßenseite. Toni ging hin, erkundigte sich nach der Uhrzeit und erfuhr, dass es sieben Uhr war. Dann kaufte er sich noch eine Zeitung, um wenigstens etwas Ablenkung zu haben, und kehrte zu seiner Bank zurück.

Als er bei der Zeitung, bei der er jeden einzelnen Artikel, auch, wenn er noch so uninteressant war, sorgfältig studiert hatte, auf der letzten Seite beim Kreuzworträtsel angekommen war und grade überlegte, ob er den Kioskbesitzer nach einem Stift fragen sollte, ging die Haustür auf und Gregor kam heraus.

Toni erstarrte im Bruchteil einer Sekunde und konte nicht glauben, dass er wirklich noch aufgetaucht war, wo er es doch schon als völlig unmöglich ausgeschlossen hatte. Und dann kam Gregor, der sich bis jetzt überhaupt nicht umgesehen hatte, direkt auf ihn zu und auch, wenn er es nicht wollte, machte Tonis Herz einen Satz und er musste einmal schlucken.

Gregor, der in seinem üblichen schnellen Tempo ging, war schon fast an seiner Bank vorbei und Toni teilweise erleichtert, dass er ihm wohl gar nicht auffallen würde, aber Gregor musste wohl seine Gedanken gehört habe, denn in diesem Moment hob er dann doch den Kopf und für einen Augenblick trafen sich ihre Blicke.

Gregor blinzelte einmal, als könne er es gar nicht glauben, dass Toni wirklich da saß, und ging einfach weiter auf die andere Straßenseite zu einem Auto, das offensichtlich seins war, da er bereits den Schlüssel in der Hand hielt.

Toni sah ihm dabei zu, wie er die Fahrtür aufschloss und sie öffnete, aber anstatt einzusteigen, stand er einen Moment einfach nur da, ohne sich zu bewegen. Dann schloß er sie wieder und kam, zu Tonis Überraschung, zurück zu seiner Bank.

"Was machst du denn hier?!" fragte er mit seiner üblichen eiskalten Stimme, aber da Toni ja inzwischen wusste, wie er drauf war, ließ er sich diesmal davon nicht einschüchtern. Er sah Gregor furchtlos in die Augen und antwortete mit fester Stimme: "Ich bin hier, weil ich mich entschuldigen wollte." Gregor runzelte die Stirn und öffnete den Mund, da fügte Toni noch leise hinzu: "Wegen damals. Du weißt schon..."

Natürlich wusste Gregor. Er schloß den Mund wieder und blickte Toni einen Herzschlag lang stumm an. Dann kam er um die Bank herum, ließ sich neben ihn fallen und seufzte einmal. "Das ist doch jetzt sieben Jahre her," erwiderte er und die Kälte war aus seiner Stimme verschwunden. "Kein Grund mehr, sich deswegen jetzt noch zu entschuldigen!"

"Ich hatte einen," erwiderte Toni, ohne durchzuklingen zu lassen, dass es nicht deswegen war, weil er noch ernsthaft Reue wegen damals verspürte, sondern nur, um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen, dass ihn einfach nicht mehr in Ruhe gelassen hatte. Das aber jetzt, wo er sich endlich richtig entschuldigt hatte, langsam aber sicher verschwand. Damit war seine Mission, wieso er überhaupt hergekommen war, erfüllt und er konnte damit jetzt aufstehen und gehen.

Aber als Gregor den Kopf drehte und ihre Blicke wieder für einen Moment ineinander hingen, da wurde ihm klar, dass er jetzt definitiv noch nicht gehen konnte. Stattdessen räusperte er sich einmal. "Komischer Zufall, dass wir uns ausgerechnet hier wieder treffen, was?" meinte er und fühlte sich auf einmal absolut unbeholfen.

"Ja, absolut!" bestätigte Gregor und lächelte dann einmal und obwohl es nicht Toni war, den er anlächelte, verspürte dieser trotzdem ein leichtes Kribbeln im Bauch. Ein Kribbeln, das er vor sieben Jahren das letzte mal verspürt hatte und von dem er froh gewesen war, dass er es losgeworden war. Aber in diesem Moment ärgerte er sich nicht darüber, dass es auf einmal wieder da war.

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