4. Vierzehn

Toni kam jetzt voll auf seine Kosten. Nicht nur, dass er mit Johann überall hereinkam, er wusste auch ganz genau über die Burg und seine Geschichte Bescheid und konnte alles sehr anschaulich erzählen. Die unzähligen Räume durch die sie kamen und in denen entweder gar nichts, alte staubige Möbel oder Baugerüste standen wurden so vor Tonis innerem Auge lebendig. Vorallem der Rittersaal mit seinen zwei restaurierten Ritterrüstungen und den großen Buntglasfenstern war ziemlich faszinierend. Über dem riesigen Kamin hing das Wappen der Familie, zwei gekreuzte Lanzen und drei Türme und Johann erklärte, dass diese für die drei Hauptburgen der Familie standen.

"Nachdem meine Oma hier nicht mehr alleine klar gekommen ist, sind wir auch hergezogen," erzählte er, während sie die Treppe zur Galerie hochstiegen, die um den kompletten Saal verlief. "Meine Mutter war ganz schön schockiert, dass alles so heruntergekommen ist, weil meine Oma etwas geizig gewesen ist hier nur das Nötigste hat machen lassen und die Brauerei und die Gärtnerei sowieso nicht genug abgeworfen haben um hier groß Arbeiten durchzuführen. Und meine Mutter will hier alles für Touristen fertig machen mit 'nem Hotel und allem Schnickschnack was so für Touristen zu einer richtigen Burg gehört. Normalerweise ist hier auch mehr los, irgendjemand rennt hier immer rum nur eben sonntags nicht." Johann klopfte sich einmal mit dem Daumen auf die Brust. "Und ich führ die Touristen, die jetzt schon kommen herum und krieg dafür immer massig Trinkgeld."

 "Super," war das Einzige, das Toni als Erwiderung einfiel weil er von den ganzen Eindrücken und Johanns Redefluss etwas erschlagen war.

 Außerdem hatte er inzwischen völlig die Orientierung verloren und wäre hier ohne Johann, der sich mit schlafwandlerischer Sicherheit durch alle Räume und Flure bewegten, rettungslos verloren gewesen. Er hätte nicht gedacht, dass die Burg so riesig war, denn von außen machte sie irgendwie gar nicht den Eindruck. Er wusste nicht, wieviel Stunden sie schon hier herumliefen und inzwischen taten ihm auch schon etwas die Füße weh.

 Aber sie waren noch lange nicht am Ende angekommen, denn nachdem sie durch die nächsten von gefühlten tausend Türen gegangen waren kamen sie auf einen langen Flur, von dem wieder gut ein Dutzend abgingen.

"Das sollen mal Hotelzimmer werden," erklärte Johann und öffnete die Tür direkt gegenüber. Sie kamen in einen Raum, dessen Boden komplett mit einer Plane bedeckt war. Neben einem Tapeziertisch in der Ecke befand sich hier auch eine Frau mit einem riesigen tropfenden Kleisterpinsel in der Hand, die Johann als seine Mutter vorstellte und die in ihrer Jeans und ihrem verschmierten T-Shirt auch so gar nicht nach Burgbesitzerin aussah. Oder nach jemandem, der seinen Stammbaum über 800 Jahre zurückverfolgen konnte.

Toni gab ihr artig die Hand. "Eine tolle Burg," sagte er und sie seufzte einmal. "Ja, toll ist sie, wenn sie nicht so heruntergekommen wäre. Wenn ich dran denke, was hier noch alles erledigt werden muss..."

"Oh nein Mama," unterbrach Johann sie. "Bitte nicht wieder einen Vortrag." Er zog Toni am Hemd. "Lass uns hier lieber abhauen, bevor sie dir en detail aufzählt, was noch alles zu erledigen ist."

Gehorsam trottete Toni hinter ihm her, als sie aus dem Zimmer zurück in den langen Flur kamen. Von jetzt auf gleich war ihm die Lust vergangen, auch noch den Rest der Burg zu erkunden allerdings traute er sich nicht, es zu sagen, nachdem Johann soviel Aufwand betrieben hatte, ihm hier alles zu zeigen. Doch seine Gedanken schlugen sich anscheinend deutlich in seiner Körpersprache nieder, denn nach ein paar Schritten blieb Johann stehen und grinste ihn an. "Keinen Bock mehr?"

 "Nein, irgendwie nicht," erwiderte Toni ehrlich und erwartete für einen Moment, dass Johann ihm das übel nahm, aber zu seiner Erleichterung lachte er nur. "Ja, genau deswegen bieten wir hier auch mehrere themenbezogene Touren an um nicht immer alles abzulaufen. Also willst du jetzt komplett abbrechen?"

Toni fielen die Burgmauer und der Turm ein. Aber auf die vielen Stufen des Turms hatte er keine Lust aber auf die Mauer wollte er unbedingt. Er schlug es Johann vor. "Wenn das in Ordnung ist?" schob er hinterher und Johann nickte. "Aber klar ist das in Ordnung."

Zu Tonis Erleichterung mussten sie nicht mehr quer über den Hof bis zur Tür unter dem Torbogen laufen um auf die Mauer zu kommen, denn auch in der Nähe der Tür, durch die sie wieder auf den Hof kamen, befand sich ein Aufgang. Die alte Holztür schloß Johann mit einem verrosteten Schlüssel auf, der an seinem riesigen Schlüsselbund hing.

Sie kamen in einen winzigen Vorraum, von dem links eine Tür abging und sich vor ihnen die Stufen in die Höhe schraubten die noch durchgetretener waren als die anderen Stufen, die Toni bis jetzt hier hochgelaufen war.

Von dem Wehrgang aus hatte man eine tolle Aussicht über die bewaldeten Hügel, die grünen Wiesen und auf das Dorf. Johann wies nach Westen. "Da hinten im Wald gibts noch n Dorf, das zu dieser Burg gehört, das schon vor ein paar hundert Jahre aufgegeben wurde, ich weiß allerdings noch nicht wieso, aber ich forsche da noch noch." Er warf Toni einen Seitenblick zu. "Man kann die Ruinen von der Mauer aus sehen. Sie sind zwar zwischen den Bäumen etwas versteckt aber ich kann sie dir zeigen. Ich gehe aber mal nicht davon aus, dass du noch Lust hast, bis dahin zu laufen?"

Toni hatte nicht nur keine Lust sondern mit einem Schlag auch so einen Hunger, dass er jetzt zu nichts anderem mehr fähig war, als zu essen. Deswegen verabschiedete er sich hastig von Johann, bedankte sich für die tolle Burgführung und beeilte sich dann, die Stufen herunterzusteigen. Vergessen war seine Müdigkeit, als er über den Hof auf das graue Steinhaus zulief. Die Tür war nicht abgeschlossen aber es war niemand da. Normalerweise hätte er jetzt etwas gezögert, einfach an irgendwelche Schränke zu gehen, aber er wurde komplett von dem Loch in seinem Magen beherrscht. So schnell es ging schmierte er sich vier Brote und hielt sich erst gar nicht damit auf, sich an den Tisch zu setzen sondern aß sie gleich im Stehen. Danach hatte er zwar nicht mehr so großen Hunger aber richtig satt war er immer noch nicht, sodass er nach den Broten noch eine ihm unbekannte Creme die aber unglaublich lecker schmeckte, aus einer abgedeckten Schüssel im Kühlschrank aß. Danach konnte er wieder klar denken und als er die sorgfältig ausgekratzte Schüssel ansah, bekam er ein ziemlich schlechtes Gewissen. Aber er würde sich bei Nadja entschuldigen, sobald er sie sah. Er war sich ziemlich sicher, dass sie sich irgendwo auf dem Gelände der Gärtnerei aufhielt, war aber grade zu faul um hinzugehen und er hatte jetzt auch erst einmal genug von Gesellschaft.

Um auch noch das allerletzte Anzeichen von Hunger zu verscheuchen nahm er sich noch einen großen Apfel aus der Obstschüssel. Dann holte er sein Buch aus seinem Zimmer und überlegte, wo er jetzt hingehen sollte. Bei dem schönen Wetter wollte er auf keinen Fall im Haus bleiben deswegen beschloss er, sich irgendwo ein schattiges Plätzchen zu suchen.

Als wieder aus dem Haus kam, sah er Kamilla und Gregor in einer Ecke an der Mauer stehen. Kamilla schenkte ihm ihr scheues Lächeln, doch Gregor erdolchte ihn praktisch mit seinem mißbilligenden Blick. Aber da Toni sowieso nicht geplant hatte, mit den beiden rumzuhängen, beachtete er sie auch nicht weiter oder fragte sich, was Gregors Blick zu bedeuten hatte.

Er fand schließlich sein Plätzchen in einer Mauerecke, in der es eine kleine Grasfläche und einen Baum gab, der Schatten spendete, aber die meiste Zeit verbrachte er damit, zu dösen anstatt zu lesen. Dass er seit heute morgen acht Uhr auf den Beinen war und nach der langen Zugfahrt auch noch stundenlang in der Burg herumgelaufen war, forderte schließlich seinen Tribut.

Als es dämmerte, nahm er das Buch, in dem er, wenn es hochkam, höchsten vier Seiten gelesen hatte und ging zurück zum Haus. Hinter den Fenstern im Erdgeschoß brannte Licht und als er eintrat stand Nadja in der Küche und spülte. Die Schüssel, die er vor ein paar Stunden so gierig leergegessen hatte, stand schon sauber auf der Abtropffläche und nachdem er bis jetzt nicht mehr daran gedacht hatte, holte ihn nun sofort wieder das schlechte Gewissen ein. "Tut mir Leid," sagte er zu Nadja und spürte, wie er rot wurde. "Also, dass ich die Schüssel leer gegessen hab."

Sie drehte den Kopf zu ihm und lächelte ihn an. "Ach, mach dir nichts draus. Ich mach einfach neue Creme, die ist einfach hinzubekommen. Und ich zieh vielleicht keinen pubertierenden Jungen groß, aber bei deiner Länge hab ich mir schon gedacht, dass sowas passieren wird."

Toni wusste zwar, dass es nicht so gemeint war, aber bei diesem Kommentar fühlte er sich auf einmal wie ein kompletter Vielfraß. Das Bedürfnis, Nadja einen Spruch zurückzuschicken wurde übermächtig und er biss sich auf die Lippen um es zu verhindern. Eigentlich wollte er sich nach dem Abendessen erkunden, aber die Frage verkniff er sich jetzt. Stattdessen sagte er nur Gute Nacht und ging in sein Zimmer. Um sich dann kurz nach Mitternacht als alle anderen schliefen wieder zum Kühlschrank zu schleichen und zu essen, was er fand, bis er satt war. Ein schlechtes Gewissen erlaubte er sich dann aber nicht, denn schließlich rechnete Nadja ja mit sowas.

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