4 - W wie weg

Der dumpfe, aber laute Ton, eines mechanisch verzerrten Schlagzeugs, riss Ari und Thomas unsanft aus dem Schlaf und ihrer innigen Umarmung, als ein Handy in einer aberwitzig kleinen Tasche los plärrte.

„Moooah... was zur Hölle?“, stöhnte der Langschläfer gequält und legte sich den Arm über das Gesicht, um seine Augen vor der unwillkommenen Helligkeit des Morgens zu schützen.

„Scheiße! Sorry, das ist mein Wecker “, murmelte das Mädchen, deren Kopf auf seiner Brust lag, und sich plötzlich aufrichtete. „Fuck, das ist mein Wecker!“

Im nächsten Moment war sie bereits aus dem Bett und zu ihrer Tasche gesprungen, fummelte ihr Telefon aus der Tasche und brachte es zum Schweigen, obwohl die beeindruckende Lautstärke und die sanften Beats und Gitarrenriffs von „Downfall of Us All“ inzwischen vermutlich das gesamte Wohnheim geweckt hatten. Tom hob den Arm von seinen Augen und blinzelte. „Wie spät ist es?“

„Kurz nach sieben“, presste die bezaubernde und noch immer nackte Rothaarige hervor, während sie ihre Unterwäsche suchte. Er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, doch sie wirkte aufgeregt, geradezu panisch und zufällig wusste er genau wo er ihre Wäsche vor ein paar Stunden fallen gelassen hatte. Obwohl diesen Anblick am liebsten den Rest des Tages genießen würde, käme er sich schäbig vor, ihr nicht zu helfen.

„Guck mal hier rechts, bei der Kommode. Siehst du das offene Schubfach?“

Ari wirbelte herum, die wellige rote Mähne flog ihr um die Schultern und näherte sich dem Möbelstück. Ihre indigoblauen Augen erfassten das Ziel und als sie begann sich anzuziehen, warf sie Tom einen etwas zerknirschten Blick zu.

„So schlimm?“, fragte er scherzhaft, denn war sich natürlich im Klaren darüber, dass dieses Mädchen die letzte Nacht genauso genossen hat wie er selbst. Schon beim Gedanken daran, begann sich wieder einiges in ihm zu regen. Obwohl, täuschten Frauen nicht dauernd ihre Lust vor…? Doch sie lächelte errötend und schüttelte den Kopf.

„Nein, aber ich muss in die Praxis und vorher noch mal heim. Scheiße, ich komme an meinem ersten Tag zu spät.“

Sie quälte sich in das enge Kleid und fingerte am Verschluss herum. Sie sah umwerfend aus. Trotz der Unordnung auf ihrem Kopf und einem kläglichen Rest schwarzen Kajals. Natürlich fand er das Kleid total nuttig, aber trotzdem sah sie einfach nur heiß darin aus. Das weiß ließ ihre blasse Haut nicht zu bleich wirken und betonte ihren Kurven gerade zu betörend. Und die hatte sie, trotz der schlanken Gestalt. Plötzlich warf sie ihm einen unsicheren Blick zu und schielte dann überhaupt nicht unauffällig auf ein Stück schwarzen Stoffs unter seinem Schreibtischstuhl. Das T-Shirt.

„Danke! Du bekommst es, äh... auch bestimmt wieder“, versprach sie und verknotete ihre Haare mit einen Haargummi zu einem undefinierbaren Gewirr, in dem sich ein kleiner Vogel sicher wohl gefühlt hätte.

„Also, äh…“ Sie zögerte. Schuhe und Tasche schon in der Hand, sah Ari den Mann unsicher an. Der lag noch immer ungerührt in seinem Bett lag, die dünne Sommerdecke bedeckte nur ein Bein und gerade so sein bestes Stück und folgte plötzlich aufgeregt und erwartungsvoll ihrem Blick, den sie wie zum Abschied noch einmal über ihn schweifen ließ. Er wollte schon aufstehen und sie an sich reißen, sagen sie soll auf die Praxis und den ersten Tag scheißen und lieber mit ihm duschen gehen, als schon wieder ihr Smartphone los ging und mit einem doppelten Piepsen an irgendwas erinnerte. Sie fuhr zusammen, riss mit einem kurzen „Wir sehn uns“ die Tür zum Gang auf, schlüpfte hindurch, die Tür knallte ins Schloss und sie war auf und davon. Etwas verdattert blickte Tom ihr nach. So hatte er sich den Abschied nicht vorgestellt, auch wenn er schon vermutet hatte, dass es womöglich irgendwie merkwürdig werden konnte, wie es bei One-Night-Stands ja irgendwie immer ist, es sei denn einer von beiden schläft. Doch er wollte gar nicht, dass es bei diesem Mädchen bei einer einmaligen Sache blieb. Er wollte sie wieder sehen. Und als hätte ihm jemand einen Vorschlaghammer vor die Stirn gedonnert, fiel im plötzlich auf, dass sie ihre Nummern nicht getauscht hatten. Er wusste nicht mal ihren vollen Namen oder wo sie wohnte, nur dass sie auch hier an der Uni studierte. Veterinärmedizin. „Fuuuuck!“, stöhnte er genervt und hoffte inständig, sie würde ihre Drohung nicht wahrmachen, und ihm sein Shirt zurückbringen. Sie musste es einfach. Die Uni war riesig und die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich zufällig auf dem Campus oder der Mensa über den Weg liefen, schwindend gering.

 

Das Wochenende verging quälend langsam und auch in den folgenden Tagen, war Tom einfach nicht bei der Sache. Seine Gedanken wanderten ständig zu dem hübschen Rotschopf und ihrer gemeinsamen Nacht. Das Mädchen hatte ihm schon mit Erfolg den Kopf verdreht, als ihn, mit einem dünnen Filter zwischen den Lippen, frech angegrinst, geflucht und ihm eine Kippe angeboten hatte. Tagträumend saß er auf dem Sofa in der Gemeinschaftsküche, wartete darauf, dass seine Tiefkühlpizza im Ofen fertig wurde und starrte aus dem Fenster. Je mehr Zeit verging, umso düsterer würde seine Stimmung. Wieso kam sie nicht zurück? Hatte sie ihm das T-Shirt jetzt echt geklaut? Hatte sie doch nur alles vorgetäuscht oder war es für sie einfach eine nette Nacht gewesen und wollte es dabei belassen? Hatte sie nicht diese Wärme gefühlte? Wieso ist sie dann nicht abgehauen, als sie fertig waren? Stattdessen hatte sie sich an ihn geschmiegt, ihre kleine Faust in seiner Hand, ihre Beine mit seinen verschlungen … Seine Gedanken verloren sich in einer Spirale und es kam nichts als schlechte Laune dabei heraus.

Ein Ruck auf dem Polster, ließ ihn aufschrecken und er sah sich seinem Kommilitonen und Zimmernachbarn Max gegenüber, der sich neben ihn fallen ließ. „Na Alter, was geht?“, leitete er ein Gespräch ein, auf das Tom überhaupt keine Lust hatte. Er wollte allein in seinem Elend sein und grummelte etwas Unverständliches. Um einem nervigen Smalltalk zu entgehen, stand auf und ging zum Ofen.

„Sag mal“, fuhr unbeeindruckt Max fort, „wer ist eigentlich die scharfe Rothaarige, die die gesamte Mittagspause vor deiner Tür rumgelungert hat?“

Wie vom Blitz getroffen wirbelte Thomas herum und sah seinen Kumpel eindringlich an. „Sie war hier? Du hast sie gesehen?“, fuhr er ihn an.

„Ja, Mann, mach dich mal locker. Deine Freundin oder was?“ Abwehrend hob Max die Hände und versuchte eine beruhigende Geste zu machen, doch Thomas Gesichtsausdruck wandelte sich bei „Freundin“ von aufgeregt zu gequält. Sein Freund hob, offensichtlich neugierig geworden, die Augenbrauen. „Oooh. Erzähl mir mehr!“, verlangte und grinste anzüglich.

Thomas ließ sich wieder auf die Couch fallen und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Sie ist hier gewesen. Und er nicht.

„Hast du mit ihr gesprochen?“, fragte er Max. Der nickte langsam und schien versuchen sich das Gespräch zu erinnern.

„Jaah“, sagte er gedehnt. „Sie hatte irgendwas in einem Beutel dabei. Ich hab sie gefragt, wen sie sucht und sie hat deinen Namen genannt.“

„Und dann?“

„Na, ich hab gesagt, dass du mittags nie zurückkommst, und wollte wissen, was sie von dir will. Da hat sie gesagt, dass sie noch was von dir hat und es zurück bringen wollte.“

„Und?“

„Sie hat‘s wieder mitgenommen und ist gegangen. Sag mal, was hatte sie eigentlich in dem Beutel?“, fragte Max beiläufig und Tom antwortete, bevor er darüber nachdenken konnte.

„Mein T-Shirt.“, murmelte er schlecht gelaunt. „Hey!“, rief er überrascht als Max Faust ihn heftig am Oberarm traf. Der grinste bis über beide Ohren und nickte anerkennend. „Dein T-Shirt, Alter. Nicht schlecht. Aber was hat denn nicht mit ihr gestimmt, dass du sie nicht direkt ans Bett gefesselt hast? Ich hätte die nie wieder gehen lassen.

Thomas seufzte erschlagend. „Die bessere Frage ist wohl eher, ‚Was hat mit mir nicht gestimmt‘ Ich könnt kotzen, ehrlich.“

Einerseits freute er sich. Sie war zurückgekommen. Und sie hatte das Shirt wieder mitgenommen. Das hieß, sie wollte es wieder versuchen, um es ihm persönlich zurückzugeben. Aber wann? Morgen. Er hatte morgen keine Mittagspause und übermorgen würde er es zwischen den Seminaren, die beide nicht gerade in der Nähe stattfanden, auch nicht schaffen zurück zum Wohnheim zu kommen.

„Dreck!“, fluchte er.

„Was denn?“, erkundigte sich sein Nachbar, der das Problem offenbar noch nicht erfasst hat.

„Ich kann die nächsten Tage nicht mittags herkommen. Und ich glaube kaum, dass sie das noch öfter versucht, wenn sie mich auch dann nicht antrifft. Verdammte Scheiße, wieso hab ich nur nicht dran gedacht sie nach ihrer Nummer zu fragen?“ Vielleicht hatte sie es sogar schon mehrfach versucht.

„Aaah, also stehst du auf sie. Kein Wunder, bei den Beinen und den runden-“ „Schnauze“, fuhr Tom ihn an, bevor er seinen Satz beenden konnte.

„Woah! Kein Stress. Ich sag ja nur, dass sie heißt ist. Und wo ist dein Problem, Mann? Geh du halt zu ihr“, schlug er einen besänftigenden Ton an.

„Hast du‘s nicht mitbekommen? Ich hab ihre Nummer nicht!“

„Und du weißt auch nicht wie sie heißt, was sie studiert, mit wem sie sonst rumhängt…?“, versuchte Max seinem Kumpel zu helfen.

„Naja, ich weiß ihren Vornamen und dass sie Tiermedizin studiert“, erinnerte sich Thomas und überlegte angestrengt.

„Na, dann ist doch alles klar!“, sagte Max. „Geh halt zu ihrem Institut und warte auf sie. Die Vetmeds haben sicher Neunzig Prozent ihrer Seminare dort.“ Der Groschen fiel im selben Moment, in dem Max das Offensichtliche ausgesprochen hatte. Klar, wieso hatte er nicht daran gedacht? Und Ari würde ihn niemals finden, wenn sie die gleiche Idee hätte. Fast jede seiner Vorlesungen oder Seminare, war bei den Geisteswissenschaftlern in einem anderen Gebäude, manche sogar außerhalb vom Campus, weil die Veranstaltungen manchmal von unterschiedlichen Fachbereichen besucht wurden. Vor allem bei Geschichte, mit den zahlreichen Philosophie und Politik Seminaren.

Ein triumphierendes Grinsen auf den Lippen erhob er sich erneut von der Couch. „Danke, Mann. Hast mir echt den Tag gerettet.“

„Go get her“, feuerte ihn sein Kumpel an und hob die Hand zu einem Highfive. Tom schlug ein und verzog sich federnden Schrittes und das aufschwingende Gefühl im Bauch, das ihn nun nichts mehr runterziehen konnte, mit seiner Pizza in sein Zimmer.

-He.n

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