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                                                                   ALEX

Die Minuten werden zu Stunden und die Stunden werden zu Qualen. Nicht wünsche ich mir gerade mehr, als bei ihr zu sein. Sie in meinen Armen zu halten und wissen, dass es ihr gut geht.
Doch mein Instinkt hat mich noch nie getäuscht. Ich war immer stolz darauf. Doch jetzt wünschte ich mir nichts mehr, als dass er mich das erste Mal im Stich lässt. Das ich mich einmal geirrt habe. Ich könnte es nicht ertragen. Ich brauche sie, auch wenn ich es nicht wollen, sollte. Ohne Anna kann ich nicht richtig atmen. Ich wusste ich liebe sie, aber ich wollte es mir nicht eingestehen. Ich wollte sie von mir wegdrängen. Wollte, dass sie nicht sieht, wie kaputt ich bin. Nicht einmal, dass sie in Nathan verliebt war oder ist, hat mich davon abgehalten etwas für sie zu empfinden.

Nervös tippe ich mit den Fingern auf die Seitenverkleidung der Fahrzeugtür als wir die Straße einbiegen und ich weiß, dass uns nur noch wenige Minuten von zu Hause trennen. Wo ich hoffe, dass Anna wohlbehalten und lächelnd auf den Holzbrettern der Terrasse sitzt.

Michael fährt so schnell er kann und die kleinen Steine des Weges hämmern an den Unterboden des Wagens. Dieses Geräusch macht mich noch nervöser und ich kann mich nicht mehr länger kontrollieren. Ich wollte mich schon in der Sekunde verwandeln, in der ich sie gespürt habe. Ich konnte mich gerade noch so kontrollieren, aber jetzt kann ich nicht mehr. In meinem Inneren wütet ein Feuer. Ich kann dieses Feuer, diese Macht nicht länger unterdrücken. Also öffne ich die Tür. Mike's Reaktion ist eine Vollbremsung und die Reifen knirschen auf dem Schotterweg, als er den Wagen zum Stillstand bringt.

„Verdammt, Alex. Was ist mit dir?“

Sie alle sehen mich an, als wäre ich vollkommen verrückt. Es ist mir egal. Denn mein Körper ist dabei sich zu verwandeln und bevor ich nun endgültig zum Wolf werde, öffne ich die Tür, springe aus dem Wagen und laufe los. Ich muss zu ihr und laufe, so schnell ich kann. Der kalte Wind weht durch mein Fell und in dem Moment, an dem ich mein Haus vor mir erblicke, keimt ein kleiner Funken Hoffnung in mir auf. Luna steht am Geländer und sieht mich an. Auf den letzten Metern, die mich von ihr noch trennen, verwandle ich mich wieder zurück.

Bei einem Blick in Luna's Gesicht, fällt jedoch dieser Funken Hoffnung von mir, wie ein vergilbtes Blatt im Herbst von einem Baum. Es ist etwas Schlimmes passiert. Es muss etwas Schlimmes passiert sein. Denn ihr Blick ist voller Trauer und Mitleid. Ich brauche das verdammte Mitleid nicht, ich brauche Anna und da ich noch immer soviel Energie in mir trage, kann ich die folgenden Worte nur mit zusammengepressten Lippen aussprechen.

„Wo ist sie?“

Sie zögert und scheint die Worte nicht aussprechen zu wollen, was mich noch wütender macht.

„Luna, sag mir sofort wo sie ist.“

„Ihr Körper ist hier Alex, doch ich weiß nicht, wo ihr Geist ist.“

Ich verstehe nichts und schon gar nicht habe ich jetzt Zeit, für diesen blöden Hexenkram.

„Sag mir einfach was los ist. Geht es ihr gut?“

„Alex, ich sagte dir gerade, dass ihr Geist nicht bei ihrem Körper ist. Sie war tot und jetzt weiß ich nicht, ob ihr Geist jemals zurückkommen wird.“

„Fuck. Rede nicht in Rätseln Luna. Ich will einfach wissen, wo sie ist.“#

Wieder blickt sie mich mit diesem mitleidigen Blick an, den ich nicht länger ertrage und mich deswegen an ihr vorbeidränge. Anna muss hier sein. Hier in diesem Haus. Als ich Luna's Schulter mit meiner streife, hält sie mein Handgelenk fest.

„Alex, bitte warte noch, bis du zu ihr gehst.“

Wieso sollte ich warten? Sie hat sie wohl doch nicht mehr alle. Ich muss zu ihr und ich will nicht glauben, das ihr Geist nicht mehr hier ist. Also befreie ich mich mit ein wenig Kraftaufwand, von ihrem festeren Griff und gehe durch die Tür, ins Innere des Hauses. Gerade als ich meinen Hörsinn spielen lasse, um Anna's gleichmäßigen Herzschlag ausfindig machen zu können, höre ich eine unbekannte Männerstimme. So schnell ich kann laufe ich die Treppen hinauf und lausche nochmals. Diese Stimme kommt aus Anna's Zimmer. Was stellt er bloß mit ihr an? Sollte dieses Arschloch Anna auch nur irgendwie zu Nahe treten, werde ich ihn eigenhändig häuten.

Mit einem lauten Knall öffne ich die Tür in Anna's Zimmer und mich erwartet ein Anblick, der mich erstarren lässt. Was zum Teufel? Sie ist hier. Sie steht und hat die Augen geöffnet. Welchen Bullshit hat mir da Luna aufgetischt? Sie wollte nur nicht, dass ich die Beiden hier zusammen sehe.

Wer ist dieses verdammte Arschloch? Wieso berührt er Anna und wieso grinst er mich so blöd an? Ich könnte ihm auf der Stelle seine Fresse polieren. Ich bin wirklich kurz davor mich zu verwandeln und ihn umzubringen. Und Anna? Die steht einfach nur dort, mit ihrem süßen unschuldigen Blick, als hätte sie nichts falsch gemacht. Hat sie auch nicht, aber ich kann nicht anders! Ich ertrage es einfach nicht, sie mit jemand anderen zu sehen. Schon gar nicht, wo ich geglaubt habe, dass ihr etwas zugestoßen ist.

Doch was der Typ als Nächstes macht, lässt mich noch wütender werden. Er kommt lächelnd auf mich zu und streckt mir seine Hand entgegen. Jetzt spielt er auch noch den freundlichen Typen. Das kann er sich sparen. Nicht mit mir. Ich bleibe stur und blicke nur kalt auf seine Hand, die er mir noch immer entgegenhält. Dann blicke ich provokant in seine Augen und warte auf seine Reaktion. Scheiße. Mit dieser Reaktion habe ich nicht gerechnet. Seine Augen verändern sich in ein rot. Fuck. Er ist ein Werwolf.

„Mach dir nicht ins Hemd. Sie gehört dir.“

Seine Augen verwandeln sich wieder in das grün, dass ich vorher noch gesehen habe und er kommt noch einen Schritt näher. Sein Lachen ist wieder zurückgekehrt und er klopft auf meine Schulter, als er sich wieder zu Anna umdreht.

„Anna, ich wusste gar nicht, dass er ein Alpha ist. Gute Wahl.“

Woher weiß er das? Und was heißt hier, ich soll mir nicht ins Hemd machen?
„Was zum Teufel machst du hier?“

Ich will es wissen. Er hat mein Revier betreten und mein Mädchen angefasst. Das lass ich mir nicht bieten. Also hat er mir auch zu antworten. Doch bevor ich eine Antwort von ihm bekomme, höre ich Schritte und eine Tür die sich öffnet. Wenige Sekunden später stehen Peter und Mike in dem Zimmer und blicken zuerst auf Anna und dann auf diesen Kerl, bevor sich ihr Blick wieder auf mich richtet und reine Verwirrung darin zu erkennen ist. Sie wissen nicht was sie machen sollen und ich weiß es ebenso wenig. Doch bevor ich noch mit dem Gedanken spiele, ihn von hier zu vertreiben, schreitet Anna ein.

Als ich ihre Stimme höre, ist meine ganze Aufregung wie weggeblasen. Sie ist es. Es ist Anna mit ihren grünen Augen und ihrem etwas geschafften Gesichtsausdruck. Sie sieht wirklich fertig aus und ich will wissen, was passiert ist.

„Alex, das ist David.“

Am liebsten würde ich jetzt sagen, dass es mir am Arsch vorbeigeht, wie er heißt, aber ihr zu liebe begrüße ich ihn mit einem Kopfnicken. Plötzlich schweift ihr Blick ab und wirkt noch trauriger als vorhin. Als ich begreife, wohin sich ihr Blick wendet, verstehe ich, was ihr zu schaffen macht. Es ist Peter und er wirkt plötzlich so eingeschüchtert. Sein Kopf senkt sich und sein Blick wendet sich von Anna ab. Auch wenn ich jetzt am liebsten Anna in die Arme schließen würde, ist diese ganze Situation hier einfach zu viel. Nicht zu viel für mich, sondern für Anna. Also tue ich das Gegenteil von dem, was ich eigentlich tun möchte. Ich gehe.

„Kommt schon. Ich denke Peter und Anna brauchen ein paar Minuten für sich.“

Mike und dieser David sehen mich an und blicken dann wieder zu Peter und Anna. Ich denke, danach fällt ihnen die Entscheidung einfacher und sie folgen mir durch die Tür, die David hinter sich wieder schließt. Als sich die Tür schließt, halte ich kurz inne und versuche mich einigermaßen zu sammeln. Dann gehe ich mit den beiden nach unten. Ich weiß nicht was ich jetzt machen soll. Ich bin froh als Mike, diese echt beschissene Stimmung mit seinem Vorschlag, etwas lockert.

„Ich denke, es ist Zeit für einen Drink.“
Ich weiß, ich sollte nicht schon wieder trinken. Aber in diesem Moment ist es das Beste was ich jetzt machen kann. Vielleicht nicht das Beste, denn das wäre Anna, aber es ist wenigstens etwas, dass mich ein wenig ablenkt.
Wir folgen Mike in die Küche und setzen uns auf die Barhocker vor der Kücheninsel. Mike öffnet den Kühlschrank und greift nach drei Flaschen Bier, die er dann vor David's und meiner Nase abstellt.

„So David, ich bin Mike.“

Mike reicht David die Hand und ich kann nicht anders, als ihn mit einem bösen Blick zu bestrafen. Was hat er vor? Er kann sich nicht mit ihm anfreunden. Was ist, wenn er dafür verantwortlich ist, dass Anna etwas zugestoßen ist. Doch was die beiden dann machen lässt mich aufmerksam werden.

„Also, David, ich kenne Anna zwar nur von Erzählungen und habe sie soeben das erste Mal in Natura gesehen, aber ich muss sagen es herrscht schon eine gewisse Ähnlichkeit zwischen euch zwei.“
Mike grinst von einem Ohr zum anderen und ich verstehe wirklich nicht, was er vorhat. Ich sollte eine Ähnlichkeit mit ihm haben? Ich denke wohl eher nicht. Dann fängt plötzlich, auch noch David an, mich blöd von der Seite anzugrinsen. Was sind die Beiden für Vollidioten? Als mir dann auch noch David seinen Arm auf die Schulter legt, ist es vorbei mit meiner Ruhe.

„Hey Alex, entspann dich. Ich nehme dir deine Anna nicht weg. Das wäre echt abartig. Denn Brüder haben normalerweise nichts mit ihrer Schwester.“

Ich bin entsetzt. Was hat David gerade gesagt?

„Was?“

Mike und er brüllen lautstark und ich sitze noch immer verwirrt vor ihnen.

„Hey, ich bin Anna's Bruder. Du brauchst dir wirklich keine Sorgen zu machen. Ich will nur das Beste für sie.“

Jetzt erst merke ich, wie meine Anspannung in Erleichterung übergeht. Anna hat einen Bruder? Wieso wusste ich davon nichts? Ich hätte einfach meine Augen ein wenig öffnen müssen, so wie Mike. Aber da ich so durch den Wind war, habe ich mich einfach nur darauf konzentriert was meine Menschenaugen gesehen haben. Ich habe ihn nicht richtig angesehen, denn erst jetzt merke ich, das die Ähnlichkeit kaum zu übersehen ist. Ich kann mir ein erleichtertes Lächeln nicht verkneifen und als sich die Stimmung wieder etwas beruhigt hat, öffnen wir die Flaschen und heben sie, um anzustoßen. David kann sich wohl die Worte nicht verkneifen.

„Auf den herrschsüchtigen Freund meiner Schwester.“

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