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                                                           ALEX

Ich liebe diese weichen und sanften Lippen. Ich liebe es, ihre warme Zunge zu berühren und vor allem liebe ich sie. Ich liebe Anna. Ich wusste es schon vom erstem Moment an. Schon als ich sie das erste Mal gesehen habe. Nicht wie sie glaubt, an diesem Tag bei Charly's. Es war schon viel früher. Sie hat auf diesem Dachvorsprung gesessen und ein Buch gelesen. Ihre braunen langen Haare trug sie offen und in ihren leuchtend grünen Augen spiegelte sich das Mondlicht. Bei diesem Anblick hat es mir fast den Atem verschlagen. Sie sah so wunderschön aus. Ich dachte nicht daran, dass ich so etwas Schönes vorfinden würde. Ab diesem Moment konnte ich nicht anders. Ich hatte sie so lange nur von der Ferne beobachtet und ich wollte ihr nahe sein. Also bin ich irgendwann, wie ein verdammter Stalker, durch dieses Fenster und habe beobachtet, wie sie schläft. Sie sah unwiderstehlich gut aus. Das Mondlicht hat auf ihrer Haut geglänzt, als wäre sie ein verdammter Diamant. Ich konnte kaum meine Finger von ihr lassen. Ich wollte nur sehen, ob ich noch genau so empfinde, wenn ich ihr nahe bin. Es durchfuhr mich wie ein Blitz. Dieses Gefühl in ihrer Nähe, dass ich auch jetzt noch empfinde. Es ist unerklärlich. Eine Zeit lang habe ich nur dagestanden und sie betrachtet. Das leise und beruhigende Geräusch, als sie die Luft in ihre Lunge zog und dann wieder ausatmete, faszinierte mich ebenso, wie ihre weiche seidig schimmernde Haut. Ich wusste, ich sollte es nicht tun, doch ich konnte nicht widerstehen. Sanft strich ich mit meinen Fingern über die warme und weiche Haut ihrer Wange. Doch als sich ihre Lider bewegt haben und ich realisierte, dass sie mich gespürt hat, bin ich, so schnell ich konnte, wieder durch das Fenster. Ich hatte wirklich lange nach ihr gesucht und dachte ernsthaft, dass es nur mein „Job“ wäre. Doch sie hat mich einfach aus dem Konzept gebracht. Dieser Wildfang hat meine Welt einfach auf den Kopf gestellt.

So sehr ich auch gegen dieses Schicksal angekämpft habe, es hat nicht funktioniert. Es schmerzte, als ich sie wieder von mir weggestoßen habe. Dass ich sie fast verloren habe, hat mir meine Augen geöffnet. Es war das schlimmste Gefühl, dass ich je gespürt habe. Ich hatte solche Angst um sie. Ich hätte es mir niemals verziehen, wenn sie es nicht geschafft hätte. Das Nathan ihr das angetan hat, treibt mich fast in den Wahnsinn. Ich will Anna nicht an dieses verdammte Arschloch verlieren. Er ist böse. Er ist nicht der Richtige für sie. Ja, vielleicht bin ich auch ein Fehlgriff? Aber ich kann nicht ohne sie. So lange habe ich dagegen angekämpft, aber irgendetwas sagt mir, dass ich mich auf sie einlassen sollte. Ich kann nicht anders. Ein Leben ohne Anna könnte ich mir nicht vorstellen. Auch, wenn mein Verstand so lange dagegen angekämpft hat, ich konnte diesem wunderschönen Geschöpf nicht länger widerstehen.
Ich wusste das diese Idee mit der Verwandlung sie wieder in Gefahr bringen wird. Sie bringt sich immer in Gefahr und ich fühle mich verantwortlich für sie. Ich will nichts anderes tun, als mich um sie zu kümmern. Ich will wissen, dass sie in Sicherheit ist. Doch als ich sie vor meinen Augen in Wolfsgestalt gesehen habe, hat sich mein Magen umgedreht. Es waren einfach zu viele Gefühle. Ich wusste natürlich von dieser Art von Zauber, doch ich hätte nicht gedacht, dass es bei Zwillingen so einfach funktioniert. Ich habe diese Art von Zauber auch mit Lexa ausprobiert. Doch sie musste dafür einen richtigen Zauber sprechen, um sich in eine Wolfsgestalt zu verwandeln. Dies funktioniert nur bei engen Blutsverwandten. Die Hexe kann das Werwolf-Gen für einen gewissen Zeitraum übernehmen.
Es war deswegen so ungewohnt für mich, da ich niemals dachte, dass ich Anna jemals in dieser Gestalt sehen werde. Ich könnte mit ihr laufen, ohne auf sie warten zu müssen und ich weiß jetzt auch, dass sie mich verstehen kann. Sie versteht es jetzt, dass mir das Laufen hilft, einen freien Kopf zu bekommen. Ihre Augen waren selbst, nach dem sie sich verwandelt hatte in ihre Wolfsgestalt noch in diesem strahlenden grün. Doch ich wusste, sie würde wieder etwas Dummes machen. Also bin ich ihnen gefolgt. Zuerst wollte ich nicht, doch dann hatte ich ein schlechtes Gefühl. Ich wusste, es würde nicht länger anhalten, wenn sich der Abstand zwischen ihnen vergrößert. Ich wusste auch, dass Anna ein kleiner Einzelgänger ist und sie sich nicht an die Gruppe halten wird. Sie kann so ein Sturkopf sein.

Doch jetzt ist alles wieder in Ordnung. Ich halte sie in meinen Armen und ich weiß, dass sie jetzt sicher ist. Ich habe versucht ihr alles zu sagen, was ich zu sagen hatte und ich hoffe, sie kann mir alles verzeihen. Diese ganze Scheiße, die ich abgezogen habe. Sie anzulügen und sie von mir zu stoßen, war nicht gerade die beste Art, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Jetzt wird sie mir wohl nicht mehr so schnell vertrauen können. Aber ich werde darum kämpfen. Sie muss mir wieder vertrauen und ich darf sie nicht noch einmal enttäuschen. Und bei dieser Berührung ihrer Lippen, will ich nichts anderes als sie glücklich zu machen.

Langsam lasse ich meine Hände von ihrer zarten Haut gleiten und löse mich, schweren Herzens von diesen Lippen. Wir müssen uns auf den Weg zurück machen. Es ist nicht gut für Anna hier draußen zu sein. Ich könnte nicht dafür garantieren, dass Nathan nicht noch immer nach ihr sucht. Also greife ich nach ihrer Hand und blicke in dieses wunderschöne Gesicht, dessen Wangen leicht gerötet sind und dessen grüne Augen mich sanftmütig anstarren.

„Wir müssen wieder zurück. Es ist zu gefährlich hier draußen.“

Sie sagt nichts, als ich sie mit einem leichten Ruck nach mich ziehe. Jedoch nehme ich ein kleines Lächeln und ein Nicken wahr. Sie folgt mir und ich versuche den kürzesten Weg für uns zu finden. Also, ich meine den kürzesten Weg, den man in Menschengestalt zurücklegen kann. Sie folgt mir und lässt meine Hand nicht los.
Als wir nach ungefähr einer halben Stunde mein Haus erblicken, bin ich froh darüber. Ich spüre, das ihre Energie nachlässt. Es muss sie eine enorme Kraft gekostet haben, sich zu verwandeln und dann auch noch zu laufen. Verdammt, sie sah einfach atemberaubend aus, als sie gelaufen ist. Sie war so schnell. Ich habe noch niemals einen Wolf so anmutig und gewandt laufen sehen. Mich selbst davon ausgenommen, denn ich weiß, dass ich der Schnellste bin. Ich habe ja auch jahrelange Übung darin und ich habe so viel trainiert, dass ich von mir überzeugt sein kann. Der beste Beweis dafür ist das ich immer gewinne. Bei jedem blödsinnigen Spiel, bei dem es darum ging, der Beste zu sein. Ich habe gewonnen. Und ich habe mich dabei nicht einmal richtig angestrengt.

Wir gehen auf die Lichtung zu und ich kann die Jungs schon hören. Sie diskutieren heiß darüber, wer dafür verantwortlich ist, dass Anna verschwunden ist. Als wir näher kommen und wir die Treppen zur Terrasse nach oben gehen, starren sie uns alle überrascht an. Außer David, dieser grinst und zeigt auf uns.

„Sagte ich es doch Jungs. Alex wird sie finden und hier sind sie, also bekomme ich jetzt mein Bier?“

Er lächelt die Jungs an und zwinkert mir dann zu. Er hat geahnt, dass ich sie verfolgt habe und in ihrer Nähe war. Ansonsten wäre er nicht hier, sondern hätte sich selbst schon auf die Suche nach Anna gemacht.

„Und, Schwesterherz wie war es? Ist doch genial, oder?“

David wartet ungeduldig auf Anna's Antwort.

„Es war absolut genial. Ich hätte es mir niemals so vorgestellt. Aber es macht definitiv müde.“

Ihre Mundwinkel bewegen sich langsam nach oben und ein müdes Lächeln kommt über ihre Lippen. Doch ihre Augen strahlen noch immer, als sie davon spricht. Ich weiß, dass es ihr gefallen hat. Dieser Blick in ihren Augen lässt keinen Zweifel daran.

„Ich wusste doch, das es dir gefällt.“

David grinst von einem bis zum anderen Ohr und sieht zufrieden aus. Ich muss zu meinem Bedauern zugeben, dass er mir immer sympathischer wird. Obwohl, ich ihn am Anfang für ein Arschloch gehalten habe.

Anna verabschiedet sich mit einem „Ich bin völlig fertig und brauche dringend ein Bett. Also viel Spaß noch.“

Ihr Blick wirkt müde und dennoch liegt Erwartung darin. Erwartet sie etwa, dass ich sie begleiten soll? Plötzlich fühle ich etwas, dass ich sehr selten fühle. Ich bin unsicher. Ich weiß nicht, ob ich mit ihr gehen soll oder nicht. Es ist nicht nur mein Herz, dass Anna will, sondern auch mein ganzer Körper strebt danach sie zu berühren. Ich zögere und blicke zu ihr und dann wieder zu den Jungs. Peter sieht mich an und bedeutet mir mit einem Nicken ihr zu folgen. Ich stehe noch immer auf der Stelle und verharre einige Sekunden. Als ich wieder einen klaren Kopf bekomme, ist Anna schon längst nach oben verschwunden. Ich hingegen weiß noch immer nicht, was ich jetzt tun soll.

Wenn ich jetzt zu ihr gehe, weiß ich was passieren wird. Ich werde sie nehmen und sie schmecken. Ich werde ihre Haut berühren und ihren Geruch in mich aufsaugen. Doch was ist danach? Wie soll es dann weiter gehen? Ich hatte noch niemals so etwas wie das hier. Ich habe noch niemals in meinem Leben, für jemanden so etwas empfunden, wie für Anna. Also setze ich mich zu den Jungs und sehe zu Peter, der grinsend seinen Kopf schüttelt. Mein Blick wandert noch einmal sehnsüchtig zu der Tür, durch die Anna verschwunden ist. Was würde mein Körper jetzt nicht alles dafür geben, um bei ihr zu sein? Aber ich darf nichts überstürzen. Sie braucht Zeit um darüber nachzudenken. Um diese ganzen Erlebnisse erst einmal zu verarbeiten. Außerdem weiß ich, dass sie müde ist und sie sollte jetzt wirklich besser schlafen. All das versuche ich mir einzureden, um ihr jetzt nicht auf der Stelle zu folgen und ihr die Klamotten vom Leib zu reißen.

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