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                                                                ANNA

Es fällt mir schwer, Alex’s warme Hand wieder loszulassen, aber ich muss nach oben. Ich bin völlig erledigt. Alex hat mir gerade seine Gefühle gestanden und ich kann nicht anders, als seine Worte infrage zu stellen. Er hat mich schon so oft angelogen und mir weh getan, dass ich nicht weiß, ob ich es schaffen werde, ihm jemals wieder vertrauen zu können. Ich weiß, das seine Worte ehrlich geklungen haben und ich möchte ihm gerne glauben. Zu gerne würde ich wissen, was er wirklich für mich empfinden. Ja gut, er hat es mir soeben gesagt. Aber ist das wirklich die Wahrheit?

Das Schlimmste daran ist aber eigentlich, dass es mir in diesem Moment vollkommen egal ist. Ich würde ihn am liebsten in meiner Nähe haben. Würde gerne seine Wärme spüren. Seinen Herzschlag unter meinem Ohr. Es macht mir Angst, dass ich trotz seines Verrates noch immer Sehnsucht nach ihm habe.
Ein Teil von mir wollte, dass er mich begleitet. Ich will jetzt nicht alleine sein. Doch er hat es nicht getan, was vielleicht auch besser ist so. Vielleicht.

Dieser Augenblick, in dem er diese Worte über seine Lippen gebracht hatte, war wie eine Antwort auf all meine Fragen. Die Worte haben meine Gefühle für Nathan so weit in das Abseits gedrängt, dass ich nicht einmal mehr weiß, ob ich sie jemals wieder finden werde. Nicht, dass es mich stört. Ich weiß endlich für wen mein Herz wirklich schlägt. Doch ich bin mir auch darüber im Klaren, dass Nathan mir diese unendlichen Schmerzen zugefügt hat und vielleicht habe ich deswegen meine Gefühle für ihn verloren. Auch, wenn ich in einem versteckten Platz in meinem Herzen immer etwas für Alex empfunden habe, wollte ich es nicht wirklich wahrhaben. Eine Art Schutzmechanismus um den Kummer zu verdrängen, den er mir bereitet hat.

Den ganzen Nachhauseweg über hat er meine Hand gehalten und mich nicht losgelassen. Er hat mich beschützt. Er beschützt mich immer, auch, wenn er mich wieder einmal von sich stößt. Er ist immer, irgendwie da und passt auf mich auf. Dieses Gefühl ist so vertraut und so einzigartig.
Als sich seine Lippen vorhin auf meine gelegt haben, fühlte ich mich so frei. Das Gefühl war fast identisch mit diesem Gefühl, als ich gelaufen bin. Es klingt noch immer krank, aber ich kann mir dieses blöde Grinsen nicht von meinem Gesicht streichen. Es war ein wahnsinniges Gefühl zu laufen und obwohl mein Körper davon vollkommen ausgelaugt ist, ist mein Geist klar. So klar, wie er nur sein kann.

Langsam gehe ich die Treppen nach oben. Langsam deswegen, weil einer idiotischer Teil von mir hofft, dass Alex es sich anders überlegt hat und mir folgen wird. Am liebsten würde ich mit ihm stundenlang über dieses Gefühl sprechen. Diese Euphorie, die mich gerade übermannt. Doch er folgt mir nicht und ein klein wenig enttäuscht, komme ich am oberen Ende der Treppe an.

Noch immer höre ich die Jungs, wie sie über irgendeinen Witz lachen und ich muss dabei grinsen. Ich habe einen Bruder. Erst jetzt realisiere ich es wirklich. Vor allem, weil ich gerade Stolz darauf bin, David meinen Bruder nennen zu können. Er ist all das, was ein Bruder sein sollte. Er ist lustig, mutig, stark und ich mag ihn. Auch, wenn ich ihn erst einige Stunden kenne, habe ich ihn bereits in mein Herz geschlossen. Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob er da nicht schon lange war und ich es erst jetzt wirklich spüre. Es ist, als würde sich eines der Löcher in meinem Herzen schließen. Als würde ein Teil von mir wieder zusammengeflickt werden. Einer dieser zerbrochenen Teile. Und daran ist David beteiligt. Ich bin froh, dass er hier ist und irgendwie weiß ich, dass ich mein Leben in seine Hand legen könnte. Ich vertraue ihm und ich habe nicht einmal Angst, dass ich von ihm enttäuscht werden könnte.

In meinem Zimmer angekommen, mache ich mich gleich auf den Weg unter die Dusche. Ich kann es kaum erwarten endlich ins Bett zu kommen. Am liebsten wäre mir aber dennoch, wenn ich Alex’s warme Haut an meiner spüren würde. Es war eines der schönsten Gefühle, in der Nacht aufzuwachen und fest in den Händen gehalten zu werden. Seinen warmen Atem in meinem Nacken zu spüren und seine warme Brust an meinem Rücken.
Doch leider muss ich heute alleine in diesem riesigen Bett und dem noch größerem Zimmer schlafen. Als ich fertig geduscht habe und mir eine kurze schwarze Short und einen Pullover überziehe, gehe ich schnell zum Bett und schlüpfe unter die weiche Decke. Noch immer kann ich leise die Stimmen der Jungs hören. Es beruhigt mich, zu wissen, dass jemand in der Nähe ist. Dadurch fühle ich mich nicht mehr so einsam und kann beruhigt einschlafen.

Nachdem ich in einen tiefen Schlaf gefallen bin, werde ich dennoch mitten in der Nacht wach. Es ist dunkel und laut einem Blick auf mein Telefon ist es drei Uhr morgens.

Ich versuche zwar, wieder einzuschlafen, nur bin ich jetzt hellwach. Wo sind die Zeiten, in denen ich den ganzen Tag verschlafen hätte können?

Es ist bereits wieder eine Stunde vergangen, in der ich mich hin und her wälze und meine Sehnsucht nach Alex immer größer wird. Mein ganzer Körper sehnt sich nach seiner Nähe und ich brenne innerlich darauf, jetzt bei ihm zu sein. Es ist kaum noch auszuhalten. Um meine Sehnsucht ein klein wenig zu stillen, versuche ich mir vorzustellen, dass er jetzt hier bei mir ist. Ich stelle mir vor, wie sich sein nackter, mit schwarzer Tinte überzogener Oberkörper an mich schmiegt und seine starken Arme mich festhalten, als sei ich ein wertvoller Schatz, den er nicht verlieren möchte. Ich stelle mir vor, wie sich seine blauen Augen an meine heften und er mich mit seinen weichen Lippen berührt. Wie sich unsere warmen Zungen unter dem heißen Atem berühren.

Verdammt. Das war jetzt absolut nicht hilfreich. Frustriert presse ich den Kopfpolster gegen mein Gesicht. Schon alleine meine Körpertemperatur ist bei diesen Gedanken an ihn, um einige Grade angestiegen. Was habe ich jetzt schon wieder gemacht? Jetzt ist mein Verlangen nach ihm noch größer als vorhin. Doch ich kann mir auch nichts anderes vorstellen. Ich muss ständig an ihn denken. Jedes Mal, wenn ich meine Augen schließe, sehe ich ihn vor mir. Wie gerne würde ich jetzt einfach an seine Zimmertür klopfen und zu ihm ins Bett steigen, würde nicht meine innere Stimme ständig das Wort Schlampe in den Mund nehmen. Oh Gott, ich drehe wirklich noch durch.

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