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                                                                 TOBIAS

„Mein Junge. Sie haben uns gefunden. Du musst auf dich Acht geben, bis ich dich finde.“

Sie starrt mich an, mit ihren silbernen Augen. Blickt auf mich herab, als ich diese Schmerzen fühle, die ich noch nie zuvor gefühlt habe. Die langen weißblonden Haare legen sich um ihre Schultern und lassen sie noch mehr strahlen, als dieses Licht, dass um sie herum existiert.

Bevor ich ihr eine Frage stellen kann, verschwindet sie jedoch. Ihr Gesicht verschwimmt vor meinen Augen und ich blicke in die Augen, die mir Sicherheit geben und mich nicht im Ungewissen lassen.

„Tobias. Wach auf. Tobias. Du musst aufwachen. Bitte.“

Zuerst versuche ich mich zu bewegen. Doch ich brauche wirklich lange um wieder zur Realität zurückzukehren. Doch als sich in den dunkelbraunen Augen Schrecken spiegelt, bin ich hellwach. Ich bewege mich schnell und versuche mich zu orientieren. Doch mein Blick findet sich hier nicht zurecht. Ich weiß nicht, wo ich bin. Ich habe keine Ahnung. Dann blicke ich in Marie`s Augen die mich noch immer panisch anstarren.

„Wo bin ich?“

„Du...du bist einfach aufgestanden und gegangen. Ich wollte dich aufhalten, aber ich hatte keine Chance gegen deine Kraft. Du hast ständig irgendetwas vor dich hingemurmelt und ich habe versucht dich aufzuhalten. Aber ich konnte es nicht.“

Verzweiflung legt sich auf ihre Züge und ich kann nicht anders, als sie in meine Arme zu ziehen. Doch erst jetzt bemerke ich, dass ich nur in Boxershorts bekleidet, mitten im Wald stehe. Unter meinen Füßen der kalte, feuchte Boden. Jetzt spüre auch ich Verzweiflung. Vor allem bei dem Blick auf Marie, die mit einer Jogginghose und einem grauen Pulli bekleidet vor mir steht.

„Wo sind wir?“

„Ich weiß es nicht. Ich bin dir eine halbe Stunde gefolgt. Ich konnte kaum etwas sehen. Ich bin nur dir gefolgt und du hast jeden Schritt gemacht, als würdest du alles sehen.“

„Fuck.“

Verzweifelt lasse ich meine Finger durch meine Haare gleiten. Eine Geste, die ich in solchen Situationen eher unbewusst mache.

„Lass uns nach Hause gehen.“

„Ich hatte solche Angst. Ich wusste nicht, was ich machen sollte.“

Verängstigt blickt sie mich mit ihren dunkelbraunen Augen an und sofort kommen Schuldgefühle in mir hoch. Niemals würde ich ihr wehtun wollen. Sie sollte keine Angst haben. Nicht meinetwegen.

„Es tut mir leid. Ich weiß nicht was mit mir passiert.“

Traurig schüttelt sie ihren Kopf, wobei ihre langen hellbraunen Haare mitschwingen.

„Es ist nicht deine Schuld. Aber vielleicht sollten wir trotzdem Doktor Navajo fragen. Irgendjemanden. Ich habe Angst um dich.“

„Ich will keinen Arzt. Keiner kann mir mit dem hier helfen. Ich spüre, dass es etwas ist, dass sich nicht erklären lässt.“

Wieder diese Trauer in ihren Augen, die mich jedes Mal schwach macht. Also ziehe ich sie an mich, um gleich darauf meine Finger zwischen ihre zu schieben und wir uns auf den Weg durch das Gestrüpp machen. Still und langsam bewege ich mich durch den dichten Wald mit Marie an meiner Hand, die mir ebenfalls stillschweigend folgt.

„Tobias. Ich glaube, dass wir hier nach links müssen.“

„Nein. Ich bin mir sicher, hier geht`s lang.“

Ich weiß nicht, was mich so sehr davon überzeugt, aber ich spüre es einfach. Dieser Drang mich in diese Richtung zu bewegen, lässt mich stetig weitergehen.

Auch, wenn Marie manches Mal Probleme hat, etwas zu sehen, sehe ich klar und deutlich. Ich frage mich wirklich, ob sie vielleicht deswegen nichts sieht, weil sie ihre Brille nicht trägt oder ob dies wieder etwas ist, dass ich jetzt kann.

Doch, was als Nächstes vor uns auftaucht, erkennen auch ihre Augen. Erschrocken und vollkommen erstarrt bleiben wir vor dem riesigen Loch im Boden stehen. Am Boden dieses Kraters befindet sich etwas Leuchtendes. Es reflektiert das Licht des Mondes und leuchtet alles in diesem Krater aus. Er hat mindestens zehn Meter Durchmesser und läuft schräg hinab. Ohne es aufhalten zu können, bewegen sich meine nackten Füße auf dieses Ding in der Mitte zu. Der Drang, es zu berühren steigt ins Unermessliche. Marie versucht mich aufzuhalten. Sie umgreift mein Handgelenk und will mich zurückziehen. Doch es fühlt sich so an, als würde sie mich nur berühren, obwohl sie sichtlich ihr gesamtes Körpergewicht einsetzt, um mich aufzuhalten.

„Warte hier.“

Resigniert lässt sie mich los und versucht mich noch einmal mit ihren Worten dazu zu bringen, dass ich nicht zu diesem Ding gehe. Doch ich kann ihre Worte kaum noch hören. Ich bin wie in Trance. Ich muss es berühren. Ständig spielen sich die Worte in meinem Kopf ab. Ich muss es berühren.

Und dann berühren meine Fingerkuppen diesen silber-schimmernden Stein. Sofort durchfährt mich eine Kälte. Sie lässt mich erstarren. Meine Lungen füllen sich schlagartig mit kalter Luft und mein Atem bildet eine kleine Nebelwolke vor meinem Gesicht, obwohl wir eine warme Sommernacht haben. Die Umgebung verändert sich. Alles wird in eine Art Nebel getaucht und dann erscheint sie wieder vor mir auf. Diese Frau, die ich in meinem Traum gesehen habe.

„Seth.“

Sie flüstert den Namen mit soviel Ehrfurcht und mit Tränen in ihren silbernen Augen, dass ich Angst bekomme. Meine Stimme funktioniert nicht. Ich weiß nicht was ich tun soll. Das Einzige das ich weiß, ist, dass sie mir so vertraut vorkommt. Als würde uns etwas miteinander verbinden.

„Du musst keine Angst haben. Nicht vor mir, mein Junge.“

Immer wieder nennt sie mich ihren Jungen, was mich noch mehr verwirrt als alles andere.

„Du musst laufen Seth. Sie werden dich bald finden und ich kann dir nicht helfen. Sie halten mich gefangen.“

„Wer wird mich finden? Wer bist du?“

Erst jetzt schaffe ich es meinen Mund zu öffnen. Dennoch ist die Unsicherheit in meiner Stimme nicht zu überhören.

„Adam. Er wird dich finden. Er wird alles dafür tun, um dich zu töten. Du musst dich in Sicherheit bringen. Du musst lernen mit deinen Kräften umzugehen. Versuche dich zu erinnern. Du bist Seth. Du bist mein Sohn.“

Bevor ich noch eine weitere Frage stellen kann, lichtet sich dieser Nebel und ihre Gestalt verschwindet. Sie lässt mich zurück mit so vielen Fragen, auf die ich dringend eine Antwort brauche. Was soll ich davon halten? Kann ich ihr trauen? An was soll ich mich erinnern?

„Tobias.“

Die zitternde Stimme lässt mich wieder in die Realität finden. Zurück zu Marie, die mich mit panischem Blick betrachtet. Auch wenn ich sie jetzt gerne in meine Arme schließen würde, kann ich es nicht. Ich muss zuerst herausfinden, was hier los ist. Was mit mir los ist. Sie sagte, sie sei meine Mutter. Ich hatte noch nie eine Mutter. Nicht einmal meine Adoptivmutter hat es geschafft, die Dinge zu schaffen, die eine normale Mutter tun würde. Sie hat mich niemals beschützt und ich war die meiste Zeit auf mich alleine gestellt. Und jetzt taucht eine Frau auf, die sich meine Mutter nennt, obwohl ich sie noch nie zuvor gesehen habe. Verdammt. Wie sollte ich auch? Es war nur ein Traum. Das Ganze hier ist ein Traum. Ich hoffe so sehr, dass ich jeden Moment wieder aufwache und wieder dieses normale Leben führen kann.

„Alles in Ordnung. Lass uns nach Hause gehen.“

Ich löse meine Finger von diesem komischen, silbernen Stein und stapfe wieder zurück zu Marie. Ich gehe an ihr vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Ich weiß das hat sie nicht verdient. Doch ich kann nicht anders. Ich habe soviel in meinem Kopf, dass mich beschäftigt. So vieles, dass ich einfach nicht verstehe.

Marie folgt mir, doch ich spüre die Angst, die sie hat als sie mir durch den Wald folgt. Doch nicht einmal, als wir es nach einer halben Ewigkeit geschafft haben und zu Hause ankommen, kann ich mit ihr reden. Immer wieder hat sie mich auf dem Weg gefragt, was passiert sei. Doch ich habe ihr einfach keine Antwort gegeben. Hab mich wie ein Arschloch verhalten. Obwohl, ich doch eigentlich immer für sie da sein wollte.

„Ich geh schlafen.“

Sie ist wütend. Ihre Stimme bebt und in ihren braunen Augen sammelt sich eine Träne. Ich will nicht so sein zu ihr. Aber irgendetwas passiert mit mir und ich will zuerst alleine damit klar kommen. Aber ich will sie nicht verlieren. Also versuche ich, sie dieses Mal nicht zu ignorieren.

„Es tut mir leid. Okay? Ich brauche einfach einen Moment.“

Mit traurigem Blick betrachtet sie mich. Langsam nickt sie und schenkt mir ein kleines, wenn auch nicht ehrliches Lächeln. Es sollte mich beruhigen. Doch ich bin noch immer vollkommen überdreht.

Sie macht sich auf den Weg in das Schlafzimmer. Erst als ich das Rascheln der Bettdecke höre, mache ich mich auf den Weg zu meinem Laptop. Leise klappe ich es auf und öffne den Browser. Das Erste Wort, dass mir in den Sinn kommt und meine Finger auf die Tasten tippen, ist Seth.

Wieso hat sie mich so genannt? Vor allem aber, was war das in diesem Loch?

Erst als sich draußen vor dem Fenster die Sonne am Horizont ankündigt, schließe ich den Laptop wieder und fahre mit den Fingern durch meine Haare. Meine Augen brennen und mein Kopf würde explodieren, wäre ich nicht bereits so müde, dass ich mich kaum noch konzentrieren kann.

Ich bin nun kein bisschen schlauer als zuvor. Im Gegenteil. Es hat mich noch mehr verwirrt. Es kamen mit diesem Namen nur Artikel die mit dem ägyptischen Gott Seth und dem dritten Sohn von Adam und Eva. Das Letztere hat mich fasziniert. Aber auch nur deswegen, weil sie erwähnt hat, dass mich ein Adam finden würde. Fuck. Es ist einfach zu verdorben. Einfach zu verrückt, um wahr zu sein.

Langsam mache ich mich auf den Weg ins Schlafzimmer, wo mich eine friedlich schlafende Marie erwartet. Für ein paar Sekunden betrachte ich sie. Ihre braunen langen Haare, die sich auf dem Kopfpolster ausbreiten. Ihre weichen Lippen die einen leichten Ansatz von einem Lächeln erkennen lassen. Dies sind alles die Dinge, die ich so sehr an ihr liebe. Und auch wenn die Situation es eigentlich nicht zulassen dürfte, zuckt mein Schwanz, bei dem Anblick ihres Hinterteils, dass in einer knappen Short steckt und nicht mehr viel Freiraum für Fantasie übrig lässt. Ich Arschloch.

Doch ich kann nicht aufhören daran zu denken, wie sie sich jetzt unter mir anfühlen würde. Vor allem, da ich endlich meinen Kopf freibekommen will. Ich will für einen Moment vergessen, was gerade passiert. Will mich in ihr verlieren, wie ich es bereits so oft gemacht habe.

Und plötzlich sind meine Lippen auf ihrem Schlüsselbein. Meine Hände auf ihrem Hinterteil und mein Körper auf ihrem und sie flüstert meinen richtigen Namen. „Tobias.“

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