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Schlecht gelaunt saß Hermine an diesem Samstag über ihren Hausaufgaben für Zaubertränke. Genau genommen lagen eine unbeschriebene Rolle Pergament und mehrere aufgeschlagene Bücher vor ihr auf dem Tisch im Gemeinschaftsraum, aber sie starrte seit geraumer Zeit Löcher in die Luft. Es war das erste Hogsmeade-Wochenende in diesem Jahr und sie hatte sich schon seit dem Ende der Sommerferien darauf gefreut, mit Harry und Ron ins Dorf runter zugehen, ein Butterbier zu trinken, im Buchladen zu stöbern und sich die neuesten, dummen Süßigkeiten im Honigtopf zeigen zu lassen. Sie war so fest davon ausgegangen, dass ihre beiden besten Freunde das ebenfalls vorhatten, dass sie gar nicht im Vorfeld gefragt hatte. Nun hatte sie den Salat. Harry hatte ihr am Abend gesagt, dass er allen Mut zusammen genommen hatte, um Cho Chang auf ein Date einzuladen - und sie hatte zugesagt. Natürlich hatte sie ihn herzlich dazu beglückwünscht und sich ehrlich gefreut, denn zu diesem Zeitpunkt wusste sie noch nichts von Rons Plänen. Sie hatte sich sogar heimlich darüber gefreut, Zeit mit ihrem rothaarigen Kumpel alleine verbringen zu können, in der Hoffnung, dass er endlich begriff, dass sie in ihm mehr als nur einen Freund sah.

Und nun das. Bei Mittagessen hatte er sich nicht neben sie, sondern neben Lavender Brown gesetzt. Auf Hermines Nachfrage, ob er denn gemeinsam mit ihr ins Dorf runter gehen würde, hatte er nur dümmlich gelächelt und den Kopf geschüttelt, während Lavender mit einem überheblichen Tonfall verkündete, dass Hogsmeade-Wochenenden doch was für Pärchen seien und sie, Hermine, deswegen gewiss nicht mit Ron gehen könnte, weil Ron mit ihr, Lavender, ein Date hatte. Es hatte sie jedes bisschen Selbstbeherrschung gekostet, nicht blass zu werden ob dieser Eröffnung.

Seufzend legte sie die sowieso unbenutzte Feder zur Seite. Wie hatte ihr die sich anbahnende Beziehung ihres besten Freundes entgehen können? Sie war sich sicher, die zwei vorher noch nie gemeinsam gesehen zu haben. Überhaupt, hatte Ronald nach dem Desaster beim Ball im Vierten Jahr denn nicht begriffen, was sie für ihn fühlte? Sie war sich so sicher gewesen, dass es Eifersucht gewesen war, die seine bösartigen Kommentare über ihre Brieffreundschaft zu Viktor Krum über den Sommer ausgelöst hatte. Und eifersüchtig war man doch nur, wenn man verliebt war, oder nicht?

Ärgerlich mit sich selbst klappte Hermine ihre Bücher zusammen, stopfte Papier, Tinte und Feder in ihre Tasche und brachte alles hoch in ihren Schlafsaal. Sie würde heute sowieso nicht dazu kommen, auch nur eine Zeile zu Papier zu bringen, da konnte sie es genauso gut sein lassen und ein wenig frische Luft schnappen. Vielleicht brachte sie ein ausgiebiger Spaziergang auf andere Gedanken.

Sie war kaum aus der großen Flügeltür getreten, da hörte sie schon jemanden ihren Namen rufen. Überrascht blieb sie stehen, blinzelte in die Sonne, die an diesem Septembertag noch einmal ihre ganze Kraft verstrahlte, und entdeckte Theodore Nott auf einer Bank unter Bäumen sitzen. Achselzuckend ging sie auf ihn zu: Sie wollte Ablenkung, da konnte sie sich auch mit ihrem neu gewonnen Freund aus Slytherin unterhalten.

"Gar nicht im Dorf?", begrüßte er sie freundlich, nachdem sie neben ihm Platz genommen hatte. Seufzend ließ sie den Kopf hängen und stellte sich der Tatsache, dass man eine Erklärung brauchte, wenn man an diesem schönen Tag nicht in Hogsmeade war. Unwillig, als erste ihre Gründe zu offenbaren, gab sie zurück: "Und selbst?"

"Mir stand heute nicht der Sinn danach", gab Theo offen zu, "meine Freunde haben sich heute den ganzen Tag über schon kindisch benommen, das habe ich nicht länger ausgehalten."

Hermine entging der merkwürdige Blick, mit dem er sie bedachte, nicht, doch sie war zu faul, dem jetzt Beachtung zu schenken. Stattdessen beschloss sie, ihrer Wut Luft zu machen: "Bei mir ist es irgendwie genau andersherum. Meine Freunde scheinen plötzlich Besseres zu tun zu haben, als Zeit mit mir zu verbringen."

"Du hast Trottel als Freunde, wenn sie nicht erkennen, wie wertvoll jede Minute in deiner Gegenwart ist!", erwiderte Theo. Hermine wollte ihm ob dieser unangebrachten Aussage eine heftige Antwort geben, doch als sie sah, dass er es offensichtlich ernst meinte, lief sie rot an: "Sag sowas nicht. Ich kann mit sowas nicht umgehen."

"Das war ein Kompliment, Hermine", erklärte Theodore mit einem milden Lächeln, "wenn dir jemand ein Kompliment macht, sagst du artig danke, und gut ist."

"Danke", flüsterte Hermine, inzwischen knallrot im Gesicht. Das leise Lachen des jungen Mannes an ihrer Seite machte ihren beschämten Zustand nicht besser, doch zu ihrer Erleichterung schwieg er. Einige Minuten genoss sie das stille Beisammensein, doch dann schlich sich Ron wieder in ihre Gedanken. Sie runzelte die Stirn, dann setzte sie an: "Kann ich dich mal was fragen, ohne dass du lachst oder es an andere weiter tratschst?"

Die Überraschung stand ihrem Gegenüber ins Gesicht geschrieben, doch er nahm ihre Frage ernst und nickte bedächtig.

"Mal angenommen, also, stell dir vor, da ist ein Mädchen, das du magst. Und du hast das Gefühl, dass sie dich auch mag, weil sie eifersüchtig wird, wenn du mit anderen Mädchen sprichst. Und plötzlich hat sie einen Freund und du bist abgeschrieben ... was würdest du tun?"

"Weasley hat eine Freundin?", erkundigte Theo sich mit hochgezogener Augenbraue. Wieder lief Hermine rot an: "Wer hat gesagt, dass es um Ron geht?"

"Ich bitte dich, um wen soll es sonst gehen? Du hast zwei gute Freunde, Weasley und Potter, und jeder, der Augen im Kopf hat, sieht, dass du dich nicht für den Jungen, der überlebte, interessierst. Simples Ausschlussprinzip."

"Mmmh", machte Hermine, unfähig, ihm zu widersprechen, "na gut, schön. Kannst du meine Frage beantworten?"

"Schwierig zu sagen, zugegeben", meinte der dunkelhaarige Slytherin nach einer Weile des Nachdenkens, "mein erster Gedanke wäre, dass sie vielleicht jetzt mich eifersüchtig machen will und es mit dem Freund nicht ernst meint."

"Das wäre vermutlich etwas, was eine Frau tun würde, ja", stimmte Hermine zu, "aber da es hier leider tatsächlich um Ron geht, bezweifle ich das irgendwie. Sowas passt nicht zu ihm."

"Du meinst, zu solchen Manövern ist er zu dumm?", hakte Theo lachend nach.

"Ron ist nicht dumm!", gab sie zurück, "Er ist vielleicht in der Schule nicht so gut und manchmal etwas langsam, aber er ist nicht dumm."

"Schon gut, schon gut, kein Grund, mich direkt so anzufauchen!", wehrte er sich, "Dass Frauen immer so empfindlich sein müssen, wenn man auch nur den Hauch einer Kritik an ihrem Liebsten übt. Nein, du musst gar nichts sagen", fügte er sofort hinzu, als er sah, dass Hermine erneut zu einer heftigen Erwiderung ansetzte, "ich werfe dir das gar nicht vor. Und um auf deine Frage zurück zu kommen: Dein guter Ron hat vermutlich bei seiner Partnerwahl nicht mit dem Kopf gedacht, das ist bei Jungs in unserem Alter leider recht häufig so."

"Du meinst...", fing Hermine an, doch dann wurde sie rot und machte nur noch: "Oh."

Schmunzelnd schaute Theodore auf seine Gryffindor-Freundin hinab: "Es ist süß, wie leicht du rot wirst. Und es ist noch süßer, wie unschuldig du daher kommst. Du brauchst jemanden, der auf dich aufpasst, sonst kommt irgendwann ein böser Wolf daher und frisst dich auf, ehe du weißt, wie dir geschieht. Es gibt genug Wölfe da draußen, die auf Frauen wie dich stehen."

"Theodore!", rief Hermine entrüstet, "Erstens bin ich weder süß noch naiv, und zweitens brauche ich bestimmt niemanden, der auf mich aufpasst. Ich kann sehr gut mit meinem Zauberstab umgehen."

Dass ihr Gesprächspartner ob dieser Aussage in schallendes Gelächter ausbrach, verwirrte Hermine nur noch mehr. Sie mochte es nicht, wenn sie das Gefühl hatte, dumm zu sein, und Theo gab ihr gerade genau dieses Gefühl. Sie hatte genau verstanden, worauf er angespielt hatte, aber sie kannte sich gut genug, um zu wissen, dass sie auf keine billige Anmache von irgendwelchen Männer herein fallen würde. Doch ihre Wut verrauchte schnell, als sie merkte, dass ihr allein das Aussprechen ihrer Gefühle schon geholfen hatte. Sie blieb noch eine Weile neben Theo sitzen, genoss die Sonne und verabschiedete sich dann, um doch noch alleine nach Hogsmeade zu gehen. Sie würde sich nicht von ihren beiden besten Freunden einen Tag im Buchladen vermiesen lassen.

oOoOoOo

"He, Granger!"

Genervt wandte Hermine sich um. Sie war noch keine fünf Minuten in ihrem heißgeliebten Buchladen, schon war sie erneut von jemandem entdeckt worden, der ihre Ruhe stören wollte. Sie drehte sich um und entdeckte Blaise Zabini, der mit einem wissenden Grinsen hinter ihr stand. Sie hatte kein Glück heute.

"Was, Zabini?", fragte sie ungeduldig, doch der Blick mit dem er sie bedachte, sprach bereits Bände.

"Och, nichts!", erwiderte er ruhig, "Ich dachte, vielleicht interessiert es dich, dass ich deinen Freund Weasley gerade mit einer drallen Blondine in Madame Puddifoot's Café gesehen habe?"

Sie hatte es gewusst. Natürlich war die Wahrscheinlichkeit, dass Ron und Lavender zusammen in Hogsmeade gesehen wurden, sehr groß, und natürlich musste dieser spezielle Slytherin ihr das sofort unter die Nase reiben. So ruhig wie möglich kommentierte sie: "Und? Bist du eifersüchtig, dass du kein hübsches Mädchen nach Hogsmeade ausführen kannst?"

Zu ihrer Überraschung wurde Blaise nicht wütend, sondern schaute sogar ein wenig beschämt drein - hatte sie etwa den Nagel auf den Kopf getroffen: "Du hast einen Korb bekommen? Du?"

"Nein", antwortete er leise, während Hermine das Gefühl nicht los wurde, eine unbekannte Seite von ihm zu sehen: "Ich hatte gar nicht erst den Mut zu fragen."

Das ließ sie schnauben: "Du willst mir ernsthaft weiß machen, dass Blaise Zabini, der Mädchenschwarm in Slytherin, nicht den Mut hat, ein Mädchen auf ein Date einzuladen?"

"Das Leben ist nicht immer so einfach!"

"In meinen Augen schon. Ehrlich, ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendein Mädchen dich abweisen würde!", gestand Hermine offen, während sie im Geist alle ihr bekannten Slytherin-Schülerinnen durchging. Sie war sich sicher, dass Zabini bei allen eine Chance hatte, wenn er nur wollte.

"Warst du auch so siegessicher, als du Weasley nach einem Date gefragt hast?"

Das verschlug Hermine die Sprache. Der dunkle Slytherin war unfair und sie war sich sicher, dass ihm das auch bewusst war: "Das sind zwei ganz unterschiedliche Sachen. Du bist ein gutaussehender Weiberheld, ich bin nur Hermine Granger. Und außerdem habe ich Ron gar nicht auf ein Date eingeladen."

"Aber du hättest gerne, oder?", hakte Blaise nach. Errötend schaute Hermine zu Boden, doch für den jungen Mann war das Antwort genug: "Siehst du. Entsprechend sicher hätte ich mir einen Korb eingehandelt."

"Bitte?", fragte Hermine verwirrt. Sie konnte den Zusammenhang zwischen ihrem Wunsch nach einem Date mit Ron und Zabinis Zögern, eine Mitschülerin nach einem Date zu fragen, nicht verstehen.

"Du bist langsam, Granger", erklärte Blaise schließlich nach einer gefühlten Ewigkeit. Er trat näher auf sie zu und zwang sie so, bis zu dem Bücherregal hinter ihr zurückzuweichen, bis sie mit dem Rücken daran stieß. Mit einer bedächtigen Bewegung platzierte der so viel größere Junge seine beiden Hände links und rechts von Hermine, dann beugte er sich tief zu ihr runter: "Wenn du nur Augen für Weasley hast, habe ich wohl kaum Chancen bei dir, meinst du nicht?"

Das Lachen blieb Hermine im Hals stecken. Der ernste Blick, mit dem ihr Zabini tief in die Augen schaute, jagte ihr eine Gänsehaut über den Rücken. Sie konnte nicht leugnen, dass es ihr gefiel, diese Art von Aufmerksamkeit von einem Jungen zu erhalten, doch kaum hatte sich dieser Gedanke in ihrem Kopf geformt, lief sie zum wiederholten Male tiefrot an und verfluchte sich selbst. Sie bezweifelte, dass Blaise es ernst meinte, rechnete sogar damit, dass er seinen eigenen Bluff gleich auffliegen ließ, um sich über sie lustig zu machen, wenn sie ihn ernst nahm.

"Du bist zu nah!", stellte sie mit so sicherer Stimme wie möglich fest.

"Du nimmst mich nicht ernst!", entgegnete Blaise, doch er hatte Hermines Wink verstanden und entließ sie aus seinem Gefängnis. Sofort brachte Hermine Abstand zwischen die beiden, ehe sie zu einer Antwort ansetzte: "Du kannst unmöglich von mir verlangen, dass ich das ernst nehme."

"Gibt es eine Möglichkeit, wie ich dich davon überzeugen kann?"

"Nein! Was ... mach dich nicht lächerlich, Zabini!", fuhr Hermine ihn wütend an, "Ich dachte, wir hätten Waffenstillstand vereinbart, was soll das hier jetzt? Ich finde das Lernen mit dir angenehm, wenn du mich nicht anzickst, du nicht auch? Hab ich dir was getan?"

"Ich doch auch, Hermine", flüsterte er leise, "genau deswegen doch. Wenn du willst, kannst du echt eine angenehme Partnerin sein."

"Blaise Zabini!", schimpfte Hermine, inzwischen ernsthaft wütend, "Hör sofort auf damit. Wir wissen beide, dass du das nicht ernst meinst, und ehrlich gesagt, es ist ziemlich verletzend, dass du versuchst, mir so einen Streich zu spielen."

Offensichtlich hatten diese Worte ihre Wirkung nicht verfehlt, denn Blaise nickte nur langsam, wandte sich um und ging Richtung Ausgang davon. Kurz bevor er den Laden verließ, drehte er sich noch einmal zu ihr um und meinte: "Dass ich dich überhaupt verletzen kann, ist schon mal gut, immerhin heißt das, dass du auf meine Meinung wert legst. Wir werden ja sehen, ob du mir irgendwann glaubst."

Fassungslos starrte Hermine dem dunklen Slytherin nach. Sie konnte nicht begreifen, was Zabini mit seinem Verhalten bezwecken wollte, und sie hatte niemanden, den sie fragen konnte. Die nächsten Lernstunden zusammen würden auf jeden Fall ziemlich unangenehm werden, wenn er weiter hin so drauf war.

oOoOoOo

"Ehrlich, Jungs, ich glaube, das mit Granger wird nichts."

Missmutig ließ Blaise sich in einen Sessel gegenüber von Draco und Theodore sinken. Ersterer sah interessiert auf: "Du hast wohl heute einen Versuch gestartet?"

"Ja, ich habe es mit der verletzlichen, schüchternen Nummer versucht, aber Granger hat mir kein Wort geglaubt. Sie ist regelrecht wütend geworden."

"Du darfst sie eben nicht unterschätzen!", kommentierte Draco lachend, "Wenn du mit der Tür ins Haus fällst, riecht sie den Braten doch sofort."

"Ach, und wie willst du es anstellen? Hast du überhaupt jemals in deinem Leben ein vernünftiges Wort mit ihr gewechselt?", gab Blaise mit verletztem Stolz zurück.

"Nö, aber was nicht ist, kann ja noch werden", erwiderte Draco selbstsicher, "zumindest habe ich nicht vor, plötzlich einen auf Sinneswandel und so zu machen, das kauft sie mir eh nicht ab."

Nachdenklich betrachtete Theo seine beiden Freunde. Obwohl er im Endeffekt für die Wette verantwortlich war, war ihm plötzlich gar nicht mehr so wohl bei dem Gedanken, dass zwei der größten Frauenhelden es auf ein Mädchen wie Hermine Granger abgesehen hatten. Die Seite, die er heute Mittag bei ihr entdeckt hatte, hatte ihm eine überraschend verletzliche Person offenbart, die sich ihres eigenen Charmes offenbar gar nicht bewusst war. Er hoffte sehr, dass sie seinen beiden Freunden eine harte Nuss zu knacken gab und nicht auf sie herein fiel.    

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