5. Dezember

Er war nicht der Typ für Selbstgespräche. Kein Mensch, der noch alle Sinne beisammen hatte, sprach mit sich selbst. Andererseits, das musste Draco mit einem ironischen Grinsen zugeben, war er sich schon lange nicht mehr sicher, ob er noch alle Sinne beisammen hatte. Im Moment jedenfalls stritt er im Geiste mit sich selbst, während seine Schritte ihn unaufhaltsam zur Bibliothek lenkten.

Den ganzen Freitag über hatte er mit sich selbst gestritten, so intensiv, dass er am liebsten tatsächlich laut Selbstgespräche geführt hätte. Sollte er nach Granger suchen und sich bei ihr entschuldigen? Oder sollte er schweigen und glücklich darüber sein, dass sie keinerlei Beziehung mehr zueinander hatten? Er schwankte, mal gewann die eine Seite, mal die andere. Im Moment war jene Stimme lauter, die verlangte, dass er mit ihr sprach. Und deswegen stieg er die Stufen vom Kerker hoch zur Bibliothek. Allerdings sehr langsam, denn er wusste immer noch nicht, ob er das wirklich tun wollte.

Es gab ja nicht einmal einen Grund. Er war ein Todesser und wollte im Auftrag Voldemorts jenen Mann töten, den Granger vermutlich vergötterte. Seine Familie, seine Freunde, alle, mit denen er aufgewachsen war, hatten ihn gelehrt, dass eine magische Welt ohne Eindringlinge viel stärker, viel elitärer, viel besser sein würde. Und nun hatte er die einmalige Chance, seinen Beitrag dazu zu leisten, diese Welt zu erschaffen. Endlich konnte er aus dem Schatten seines Vaters treten und wirklich Großes leisten.

Wenn er nur nicht solche Angst hätte.

Und je näher er Granger an sich heran ließ, umso schwerer würde es ihm am Ende fallen. Was erwartete er eigentlich von ihr? Selbst, wenn sie seine Entschuldigung akzeptieren würde, er musste sie trotzdem weiter anlügen. Sie sollte die allerletzte Person sein, um die er sich Gedanken machte. Und dennoch. Sie hatte den ganzen Tag seine Gedanken beherrscht.

Vielleicht wollte er einfach nur, dass sie in ihm mehr sah als den Todesser. Er erinnerte sich noch genau daran, wie sie nach dem Quidditch-Spiel auf ihn gewartet hatte, und wie sie zwischen all ihrer Abneigung und all ihren Vorurteilen doch zugegeben hatte, dass sie sah, was er für seine Kameraden leistete. Es war unerwartet gewesen, doch es hatte ihm gut getan. Ihre Worte waren bis heute Balsam für seine Seele, wann immer er das Gefühl hatte, dass niemand ihn so sah, wie er wirklich war.

Vielleicht wollte er einfach nur, dass wenigstens Hermine Granger nicht aufhörte, in ihm einen guten Menschen zu sehen.

Er atmete tief durch, dann betrat er entschlossenen Schrittes die Bibliothek. Er wusste nicht, ob sie hier sein würde, aber wenn sie nach dem Abendessen außerhalb ihres Gemeinschaftsraumes wäre, dann hier.

Er hatte Glück. Beinahe unsichtbar hinter Stapeln von Büchern saß sie an einem Tisch in der Ecke, eine kleine Kristallkugel über ihrem Kopf, die ihr Licht spendete, und schrieb mit erstaunlicher Geschwindigkeit Zeilen um Zeilen auf einen Pergamentbogen.

„Guten Abend.“

Sie zuckte nicht einmal zusammen. Ohne aufzusehen, ja sogar, ohne ihren Schreibfluss zu unterbrechen, erwiderte sie mit kühler Stimme: „Verschwinde, Malfoy.“

„Willst du nicht mal wissen, warum ich hier bin?“

Ohne sich von ihrer abweisenden Aura stören zu lassen, setzte er sich auf den Stuhl ihr gegenüber und legte beide Hände offen auf dem Tisch ab.

„Willst du mich wieder beleidigen?“, gab sie zurück, noch immer, ohne aufzusehen, aber immerhin hatte sie ihre Schreibfeder beiseitegelegt.

Das war sein Stichwort, um wieder zu gehen. Es war es überhaupt nicht wert, sich so von ihr behandeln zu lassen. Er hatte hier sowieso nichts zu gewinnen. Er konnte nur verlieren, insbesondere, wenn sie seine Entschuldigung annahm.

„Im Gegenteil“, sagte er entgegen seiner eigenen Bedenken: „Ich wollte mich entschuldigen.“

Nun hatte er ihre Aufmerksamkeit. Mit einem skeptischen Blick schaute sie ihn direkt an, ohne mit der Wimper zu zucken, die Arme vor sich gefaltet auf dem Tisch ruhend. Draco schluckte. Ihr offenes Starren behagte ihm nicht.

„Ich bin habe ein Wort benutzt, das ich nicht hätte sagen sollen. Dafür will ich mich entschuldigen“, fuhr er schließlich fort. Noch immer machte sie keine Anstalten, irgendeine Form von Anerkennung für seinen Mut zu zeigen. Genervt seufzte er: „Was willst du denn noch hören, Granger? Muss ich mich erst vor dir in den Staub werfen, damit du kapierst, dass ich es wirklich ernst meine?“

Nun flog der Hauch eines Lächelns über ihre Lippen und endlich lehnte Hermine sich in eine entspannte Haltung in ihrem Stuhl zurück. Über den Rand der Bücherstapel blickte sie ihn weiter an, jetzt jedoch wesentlich freundlicher: „Entschuldigung akzeptiert, Malfoy. Ich kann mir vorstellen, wie schwer dir das gefallen ist und ich bin ehrlich, ich hätte nicht damit gerechnet.“

Ungeduldig schob Draco die Stapel auseinander, um sie ganz sehen zu können: „Ich hätte auch nicht damit gerechnet. Ich war bis zur letzten Sekunde nicht sicher, ob ich wirklich den Mund aufkriegen würde.“

„Verständlich“, nickte Hermine. Für einen langen Moment schauten sie sich beide nur an, als suchten sie nach irgendetwas, was es jetzt noch zu sagen gab, doch beide konnten nichts finden. Es war schließlich Hermine, die das unangenehme Schweigen durchbrach: „Du hast von mir auch eine Entschuldigung verdient. Ich hätte Harry deutlicher widersprechen sollen. Ich weiß es besser, als dir solche Dinge zu unterstellen. Nur, weil du ein Malfoy bist, heißt das nicht automatisch, dass du hinter allen Verbrechen steckst.“

Unwillkürlich zuckte Draco zusammen. Was sollte er zu dieser Entschuldigung sagen? Sie hatte ja Recht mit ihrem Verdacht, mehr, als sie ahnte. Er hatte am Vortag einfach gehofft, dass sie ihm vertrauen würde, dass sie ob ihrer besonderen Beziehung nicht blind dem Hass von Potter folgen würde. Aber am Ende des Tages hatte sie ja alles Recht dazu.

„Ich kann nicht so sein wie du, Granger“, flüsterte er schließlich, „ich wollte, ich könnte. Ich kann nicht ausblenden, was außerhalb von Hogwarts passiert. Dazu bin ich… zu sehr drin. Ich…“, er brach ab, als er spürte, wie seine Stimme versagte. Er wusste, sein ganzer Hass, den er gestern auf Hermine verspürt hatte, war nur Neid gewesen. Neid darauf, dass sie Freunde hatte, die ihr halfen, ihren Alltag weiterzuleben. Neid auf ihre Stärke. Er wusste, dass sein Plan sie in Lebensgefahr brachte. Beinahe unhörbar sagte er schließlich: „Lass dich nicht zu sehr von Gefühlen lenken, Granger. Wenn… wenn jemand dich warnt, nimm es ernst, okay? Selbst wenn er dich vor… vor mir warnt.“

„Malfoy, was…?“

Doch er gab ihr keine Zeit, Fragen zu stellen. Mit einem Kopfschütteln stand er auf und verließ die Bibliothek. Granger sollte nicht aufhören, ihn zu verdächtigen, auch wenn es sich so gut anfühlte zu wissen, dass sie ihm vertraute. Es könnte sie das Leben kosten, wenn sie aufhörte, ihn zu verdächtigen.

Mit geballten Fäusten beschleunigte er seine Schritte.

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