5. Jacks Besuch

Endlich, hörte ich unseren Cadillac, die Auffahrt hochkommen. Ich saß auf der Couch, als Jack und Cornelius hereinkamen. Ich erhob mich und ging mit ausgestreckter Hand auf unseren Gast zu: „Hallo! Schön, dich zu sehen." Dabei lächelte ich breit. Er nahm zaghaft meine Hand zur Begrüßung, stammelte ein „Hallo" und musterte mich von Kopf bis Fuß. Dann wandte er sich an Cornelius: „Du hast mir überhaupt nichts gesagt." Mein Gefährte zuckte nur die Schultern. „Gefalle ich dir?", fragte ich. Jack entgegnete: „Dumme Frage.", riss mich in seine Arme und küsste mich. Ich schob ihn von mir: „Nicht so stürmisch! Sonst wird Cornelius noch eifersüchtig." Die beiden Männer grinsten sich nur an.

Später, als Jack und ich auf der Terrasse saßen, fragte er mich: „Und, wie gefällt dir dein neues Leben?"

 „Ganz gut. Nur war ich die meiste Zeit hier, außer zum Jagen. Wir können es ja das nächste Mal gemeinsam tun. Wie ich sehe, bist du bald hungrig.“

„Gern. Das möchte ich nicht verpassen." Dabei entblößte er lächelnd seine Zähne.

„Wie geht es Lorraine?", erkundigte ich mich.

„Ganz gut. Sie ist ebenfalls verreist. Das braucht sie alle paar Jahre.", erwiderte Jack.

„Will sie nie mitkommen?" Er schüttelte den Kopf: „Sie weiß, dass ich allein zu Cornelius möchte. Das war schon immer so." Ich fragte weiter: „Wie hast du Cornelius eigentlich kennen gelernt?" Jack dachte kurz nach: „Auf einem Ball in Florenz. Er lebte da noch in der Toskana auf dem Land mit einer Gefährtin. Trotzdem begannen wir eine Affäre. Ich war damals noch sehr jung. Das war lange vor Lorraine." Ich kicherte: „Du und Cornelius. Das kann ich mir nicht so vorstellen. Na ja, ich habe euch zwar zusammen im Bett gesehen, aber dass da mal mehr war." Er seufzte: „Ja, das ist lange her. Bei ihm kamen seine Frauen immer zuerst, wenn er gerade eine hatte." Ich betrachtete sein Gesicht: „Du warst in ihn verliebt." Er erwiderte nichts, blickte zum Haus hinein. Da stand ich auf und strich über seine Schulter: „Komm, gehen wir schwimmen." Ich lief zum Beckenrand, zog mich aus und setzte mich an den Rand. Meine Beine ließ ich ins Wasser hängen und wandte mich wieder ihm zu: „Was ist? Kommst du nicht?" Jack antwortete: „Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist." Ich musste lächeln: „Seit wann hast du Hemmungen?" Er erhob sich: „Es ist jetzt anders. Du gehörst zu Cornelius und ich bin nur auf Besuch hier."

„Jetzt brauchst du seine Erlaubnis." Er stand nun neben mir: „Vor allem brauche ich deine." Das verstand ich jetzt nicht. Vielleicht, weil ich ihn nicht mehr begehrte, wie vor meiner Verwandlung. Er war ein gewöhnlicher Mann für mich. Cornelius auch, aber ihn liebte ich. „Siehst du! Bei mir ist es genau umgekehrt. Du bist nun viel reizvoller für mich. Wunderschön! Nach dir werden sich viele verzehren, glaub mir. Warst du eigentlich schon im Club?" Ich schüttelte den Kopf: „Nein. Begleitest du mich nach unserer Jagd da hin?" Er grinste: „Gern. Cornelius geht nicht gern dorthin. Er besucht lieber sterbliche Bars, weil er dort ungestört beobachten kann."

„Ich möchte endlich mehr von uns sehen. Sonst komme ich mir vor, wie auf einer einsamen Insel."

Kurz darauf erschien mein Schöpfer wieder. Sein Beutezug war erfolgreich verlaufen. Ich sah es ihm an und mir entgingen auch Jacks lüsterne Blicke nicht, mit denen er Cornelius musterte. Mein Geliebter war nicht abgeneigt, denn er sah seinen Gast zärtlich an. Irgendwie kam ich mir plötzlich überflüssig vor. Sollte ich sie allein lassen, damit sie ihr Wiedersehen feiern konnten?

Jacks schmachtende Blicke erweichten mich und ich verließ den Garten, um hoch in eines der Bäder zu gehen. Ich widmete mich mal wieder ausgiebig der Körperpflege, manikürte meine Nägel und rasierte mich. Die einzige Stelle, wo ich das noch tun musste, war mein Dreieck. Da es heutzutage Mode war, als Frau dort fast kahl zu sein, musste ich nachhelfen. Cornelius war das ziemlich egal. Zu seiner Zeit hatten die Frauen sowieso einen Urwald. Doch er meinte mal zu mir, dass ich doch kein junges Mädchen mehr sei und das man ruhig sehen dürfte, dass ich eine erwachsene Frau war. Aber er musste zugeben, dass es sich rasiert besser anfühlte. Ich hatte gemeint, dass er früher wahrscheinlich nur seine Ehefrau so zu Gesicht bekommen hatte, aber er hatte erwidert, er wäre schließlich ein Mann gewesen. Er hätte vorher Erfahrungen gemacht. Ich wollte noch wissen, ob es ihn bei seiner Frau gestört hätte und er erwiderte, dass es keine Liebesheirat war. Was sich die Leute früher nicht leisten konnten. Wenn er sie geliebt hätte, wäre es ihm egal gewesen. Sie gefiel ihm jedoch und er hatte sie gut behandelt. Das war keine Selbstverständlichkeit!

Während ich noch mit mir beschäftigt war, hörte ich Planschen im Pool. Ich trat ans Fenster und sah die beiden sich im Wasser räkeln. Merkwürdigerweise störten mich ihre Liebeleien nicht. Vielleicht, weil ich mit beiden was hatte, beziehungsweise gehabt hatte. Auf andere Frauen in Cornelius Leben reagierte ich hingegen sehr allergisch. Die Party, auf der ich damals noch als Sterbliche war, war das letzte Mal gewesen, dass ich ihn in Gegenwart einer anderen gesehen hatte. Ich fragte mich, ob er seine Affären jetzt noch weiterführte. Stören würde es mich schon, denn ich würde denken, ich gebe ihm zu wenig.

Diese Bisexualität bei Vampiren, war merkwürdig und sie schien nur die Männer zu befallen. Egal, ob sie vorher hetero oder homo waren. Nach der Verwandlung trieben sie es mit allem, was zwei Beine hatte. Na ja, so ungefähr. Mit Tieren zumindest nicht und auch nicht mit kleinen Kindern. Vielleicht, weil sie keine potenziellen Opfer waren. Es galt als Schande über Babys, Kinder und Tiere herzufallen. Wogegen Tiere als Notration akzeptiert wurden. Manchmal ging es nicht anders. Bis jetzt hatte ich es jedoch nicht versuchen müssen. Cornelius erzählte mal, dass sich viele Unsterbliche zu Zeiten der Pest, vom Vieh ernährt hätten. Kranke widerten uns angeblich an und er hatte auch keine Erklärung dafür, da wir ja gegen alles immun waren. Auch gegen Giftstoffe. Trotzdem mieden die meisten Junkies, und Aidskranke galten, als reines Gift. Unser Aberglauben besagte nämlich, dass krankes Blut uns schwächen würde. Der Sache musste ich mal auf den Grund gehen.

Jack hatte sein Gepäck in einem Hotel deponiert, wie er es immer machte, aber schlief bei Cornelius. Das Hotelzimmer brauchte er für seine nächtlichen Aktionen. Ich wusste ja aus eigener Erfahrung, wie die aussahen. Was machte für ihn nur den Reiz aus, sterbliche Frauen abzuschleppen? Das konnte doch nicht befriedigend für ihn sein, wenn er sich die ganze Zeit beherrschen musste. Schon allein seine Körperkraft würde ausreichen einer Bettgenossin, die Hüfte zu zertrümmern. Cornelius war so ehrlich, zuzugeben, dass der Beischlaf mit mir gerade deswegen, jetzt viel besser sei. Er musste sich immer sehr zurücknehmen, um mich nicht zu verletzen. Mein Ex-Liebhaber schlief während seines Besuches auf Decken, neben unserem Bett. Früher gebührte ihm mein Platz neben Cornelius. Ich bekam nicht mehr mit, wann sie sich schlafen legten und aufstehen würden sie auch vor mir.

Am nächsten Abend plagte mich wieder der Hunger. Irgendwie war es lästig, so oft jagen zu müssen. Da beneidete ich die beiden, für ihre längere Hungerpause. Jack benötigte alle vier Nächte Blut und Cornelius alle fünf. Bei unserem Gast war es heute ebenfalls Zeit dafür und so erhoben wir uns gemeinsam in die Lüfte. Ich war richtig aufgeregt und beeilte mich, hinter Jack herzukommen. Durch sein Alter war er schneller. Noch! Wir landeten hinter einem Supermarkt. Ich hörte viele Herzschläge und Stimmen. Jack ging um das Gebäude herum zum vorderen Eingang und trat durch die Türen. Grelles Neonlicht ließen mich die Augen zu Schlitzen zusammenkneifen und alle möglichen Gerüche quälten meine Nase. Dazwischen scharfer Chlorgestank von dem frischgewischten Boden. Doch automatisch lenkte ich meine Aufmerksamkeit auf die Herzschläge und den menschlichen Geruch überall. Mein Körper suchte sozusagen schon nach Opfern, bevor ich es tat. Da lief ein Programm ab, auf das ich nur bedingt Einfluss hatte. Der Puls und der Duft eines Menschen waren die Auslöser für dieses Programm. War es einmal gestartet, gab es kein Zurück mehr, bis der Kandidat zwischen meinen Fängen hing. Jack ging gemächlich durch die Regalreihen. Meine Augen schweiften die Einkaufenden, aber niemand stach irgendwie heraus. Dann blieb mein Begleiter am Regal mit den Spirituosen stehen, nahm eine Flasche heraus, betrachtete sie und stellte sie wieder zurück. „Was machst du?", fragte ich leise. Er antwortete in Gedanken: ‚Sieh nach rechts! Die drei Jungs.‘ Ich betrachtete die drei Halbstarken, die ihren Einkaufswagen mit Bierdosen füllten. Wahrscheinlich für eine Party!

Als sie zur Kasse gingen, folgten wir unauffällig. Ich machte mir noch keine Gedanken, wer von ihnen es sein würde. Das ergab sich und ich wollte Jack den Vortritt lassen. Draußen schoben sie den Wagen auf einen Van zu und öffneten die Kofferraumklappe. Jacks Muskeln spannten sich schon an, aber da öffnete sich die Beifahrertür und ein junges Mädchen stieg aus. „Warte!", flüsterte ich und fasste an seine Schulter. Er wandte sich knurrend um: „Was ist?" Ich deutete auf das Mädchen: „Ich kann die Jungs nicht vor den Augen ihrer Freundinnen töten. Verschone sie!" Er blieb unschlüssig stehen, sah ihnen weiterhin nach und meinte dann missmutig: „Na gut, weil's du bist." Ich sah ihm seine Enttäuschung an und beschwichtigte: „Wir finden was anderes. Wie wäre es mit denen?" Dabei zeigte ich auf einen offenen Jeep, der gerade einparkte und in dem vier Schwarze im Rapper-Look saßen. Die Typen kannten keine Skrupel, waren also genau richtig für mich. Ich konnte noch keine Unschuldigen töten. Jack nickte und entblößte seine Zähne: „Gut, mal was anderes. Den beiden anderen drehen wir nur den Hals um."

Im Bruchteil einer Sekunde waren wir hinter ihrem Jeep und warteten bis sie ausstiegen. Erst jetzt sahen sie uns, aber das nützte ihnen nichts mehr. Blitzschnell packte ich einen am Kopf und brach ihm mit einem Ruck das Genick, um mich sofort danach auf mein Opfer zu stürzen. An seinen Klamotten zog ich ihn mit in die Luft. Bevor sie überhaupt begriffen, wie ihnen geschah, tranken wir schon. Sobald das Blut in mich floss, vergaß ich alles andere um mich herum. Mein Opfer und ich waren in einer anderen Welt, die nur aus Herzschlag, Vibrieren und Hitze bestand. Der Geschmack war fast unwichtig. Es ging mehr um meine Empfindungen dabei. Jack riss mich aus meinem Rausch, indem er meinen Nacken küsste. Das passte mir überhaupt nicht und ich knurrte ihn erbost an. Da ließ er mich in Ruhe und wartete geduldig, bis ich fertig war. Bei mir Neugeborene dauerte es noch zirka fünf Minuten, bis ich einen Körper vollständig geleert hatte. Jack war da schneller fertig. Der Sog wurde mit dem Alter stärker.

Schließlich schleppten wir die ausgetrunkenen Männer in die Hügel, um sie zu vergraben. Jack tat das bei sich zu Hause nicht. Es waren Cornelius Regeln und er hielt sich als Gast natürlich daran. Die anderen beiden Leichen ließen wir neben dem Auto zurück. Sie erregten keinen Verdacht. Bis jetzt vergrub ich die Körper immer. Wegen den zerfleischten Kehlen, konnten wir sie nicht einfach zurücklassen, obwohl kaum jemand wirklich an echte Vampire glauben würde. Schon als Mitglied der Organisation wurde ich zur Genüge mit der Ignoranz der Leute konfrontiert, was Übersinnliches betraf. Offiziell erforschten wir unerklärliche Phänomene. Über die Unsterblichen durften keine Außenstehenden Bescheid wissen. Nicht mal die Regierung!

 

Jack und ich waren voller Tatendrang und ich wollte endlich in diesen Club, von dem er erzählt hatte. Ich folgte ihm in die Stadt hinab. In einer unsicheren Gegend verringerte er die Höhe und ich spürte das Vibrieren. Wir zogen noch über einige Hochhäuser hinweg, bis ich auf einem der Flachdächer einige Gestalten hocken, sah. Die Tür, die normalerweise zum Treppenhaus führte, wurde von einem Türsteher bewacht und einige andere gingen gerade hinein. Eine Gruppe von jungen Unsterblichen, saß auf dem Dach herum und quatschte. Sie beachteten uns überhaupt nicht, als wir vorbeigingen. Ich musste über ihren Gothic-Look lächeln und Jacks Kommentar dazu war nur „Kinder". Wir trugen ganz normale Klamotten. Heute Jeans und ein schwarzes T-Shirt und Jack ein Hemd zu seiner Levis. Schließlich öffnete er die Tür. Ich war gespannt, wie hier der Club aussah. Zumindest Größer, als in London. Hier waren es zwei Etagen. Ich schottete nun meine Gedanken ab und blickte mich um. Unten befand sich eine große Tanzfläche, wo auch viele Leute tanzten und hier oben war noch eine kleinere. Jack stieg die Stahltreppe hinunter und wir lehnten uns dann an einen Pfeiler bei der Großen. Eines war enttäuschend! Nun kamen mir die Männer genauso gewöhnlich vor, wie früher die Sterblichen. Kaum jemand benutzte seine akustische Stimme und wir redeten auch so miteinander. Ich konnte ja jetzt gezielt meine Gedanken senden. Meine Augen ruhten auf den Tanzenden, während mich einige Blicke streiften. Ich schien herauszustechen mit meinen dunkelroten Haaren. Sie sollten mir in der Zukunft noch einige interessante Begegnungen bescheren. Unsterbliche Männer fanden diese Haarfarbe sehr erotisch. Sie verbanden damit Wildheit, Unersättlichkeit, starken Willen. Kurz gesagt, eine nymphomanische Hexe! Menschliche Männer ängstigte eine starke Frau eher, wogegen bei den Unsterblichen dadurch der Jagdinstinkt geweckt wurde. Eine schwer zu erlegende Beute war viel reizvoller. Jack schüttelte plötzlich den Kopf. Ich fragte:" Was ist?" Er deutete mit dem Kopf zu einem jungaussehenden Mann: ‚Der wollte mit dir tanzen.‘

Was hast du geantwortet?‘   

Nein natürlich.‘ Ich wurde ärgerlich: ‚Das kann ich allein entscheiden. Und wieso fragt er überhaupt dich? Ich brauche deine Erlaubnis nicht.‘ Jack schüttelte leicht den Kopf: „‘Es ist Höflichkeit, dass man den Begleiter fragt. Eine Frau, die mit mir tanzen will, würde dich fragen.‘ Das versöhnte mich wieder: ‚Okay, das wusste ich nicht.‘

Als ein Song von Melissa Etheridge kam, der mir gefiel, mischte ich mich unter die Tanzenden. Das hatte ich schon seit einer Ewigkeit nicht mehr getan. Nun konnte ich mich viel geschmeidiger bewegen, weswegen es auch mehr Spaß machte.

Mit der Zeit fühlte ich einen eindringenden Blick auf mir. Ich ignorierte es, bis mich derjenige in Gedanken ansprach: ‚Wer bist du, schöne Frau?‘ Meine Augen erfassten den DJ, der mich von seinem Pult aus anschaute. Er war sehr attraktiv! ‚Jessica!‘, sandte ich zurück. ‚Komm doch her zu mir!‘

Also gut. Er gefiel mir und ich ging hinüber. Als ich unter ihm stand, wechselte er zu seiner akustischen Stimme: „Ich heiße Martin", und zeigte mir ein zähne entblößendes Lächeln. Dieses erotische Signal wirkte bei mir, denn ich stellte mir vor, wie er diese Zähne in meinen Hals grub.

„Hallo" vielleicht sollte ich meine Begierde mit ihm, statt mit Jack, stillen. Er schien darauf aus zu sein, denn er sah mir an, dass ich frisches Blut getrunken hatte. Meine roten Lippen und die ausstrahlende Hitze, die er fühlte, waren unverkennbar. „Du bist neu in der Stadt. Ich habe dich noch nie gesehen und du wärst mir sicher aufgefallen." Ich stimmte zu: „Neu schon. Du siehst sicher, dass ich ein Frischling bin." Er betrachtete mich: „Eigentlich nicht. Seit wann?" Ich überlegte kurz: „Fast zwei Wochen." Martin setzte einen ungläubigen Blick auf: „Nein, das hätte ich wirklich nicht gedacht." Dann tippte er einige weitere Songs ein und sprang auf einmal neben mich: „Hast du ein bisschen Zeit?" Ich nickte und wir setzten uns auf Barhocker an der Theke. Hier war sie nur noch Zierde. Jack beobachtete uns. Martin bemerkte es und fragte: „Ist er dein Schöpfer?" Ich schüttelte lächelnd den Kopf: „Nein. Er wäre mir zu schwach gewesen. Cornelius ist mein Gefährte. Kennst du ihn?"

„Den Namen habe ich schon gehört."

Jack mischte sich in mein Hirn ein: ‚So etwas erzählt man nicht irgendwelchen fremden Männern. Auch nicht, wo du lebst und wer sonst noch dort ist. Das kann ganz schön nach hinten losgehen.‘ Er hatte ja recht, wie dumm von mir. Ich musste mich eben noch daran gewöhnen, keine Sterbliche mehr zu sein. In unseren Kreisen war es unter Umständen gefährlich, seinen Wohnsitz preiszugeben, und die Schlafstätte war ein Tabu, das nur die engsten Vertrauten teilten. Also fragte ich Martin nach seinem Alter. Knapp dreißig! Ach Gott, wie jung, von mir mal abgesehen. Sollte ich doch lieber mit Jack ins Bett? Ach was. Der schwarzhaarige, muskulöse Kerl reizte mich. Seine Hand legte sich auf meinen Schenkel: „Kommst du mit nach draußen?" Aha, jetzt ging's zur Sache. Er nahm meine Hand und ich folgte ihm.

Kaum standen wir draußen auf dem Dach, zog er mich an sich und küsste mich. Ich fühlte mich zuerst überrumpelt, doch meine Lust war erwacht. Sie fraß sich gierig durch meine Eingeweide. Wir knutschten wild und befummelten unsere Körper. Seine Hände waren im Nu in meiner Hose und unter meinem T-Shirt. Er leckte über meinen Hals und über meine Schulter. Ich sehnte mich nach seinem Biss, dirigierte sein Gesicht an meine Schlagader, aber er küsste mich nur. Ich wollte ihm das nicht extra sagen. Er sollte es von sich aus tun. Dafür tat ich es. Er stöhnte wollüstig auf, drängte sich noch enger an mich, solange ich einige Züge von ihm trank. Als ich abließ, spürte ich seine Zähne in meine Halsbeuge dringen. Sein After Shave stieg intensiv in meine Nase. Das war mir bei einem Vampir neu. Ich wusste, dass er es nahm, weil ihm der Duft gefiel. Ich glaube, es war „Davidhoff". Sein Haar roch genauso. Langes Deckhaar, wie Jack, nur rabenschwarz und dieselben markanten Gesichtszüge. Ich glaubte, sie sahen sich ähnlich, nur war Martin kräftiger gebaut. Jack stand in einiger Entfernung zu uns: ‚Ich geh zurück. Amüsier dich gut.‘ Dann war er verschwunden. Ich hatte ihn wahrscheinlich enttäuscht. Er wollte sicherlich an Martins Stelle sein.

Mein Gegenüber flüsterte: „Wartest du auf mich? Ich komme gleich zurück. Meine Schicht am Pult ist vorbei." Ich nickte. Wir hatten beide noch nicht genug voneinander.

 

Martin führte mich in ein verfallenes Haus, um ungestört zu sein. Komisch, mir machte die Staubschicht auf dem Boden, in der wir uns wälzten, überhaupt nichts mehr aus. Ich empfand keinen Ekel mehr. Dafür erregten mich jetzt andere Dinge. Der Anblick pulsierender Adern, oder Blut auf nackter Haut, so wie jetzt bei Martin. Sein dunkelroter Saft glitzerte auf seiner blassen, samtigen Haut. Ich strich mit dem Finger durch seine Blutspur und stellte fest, dass es sehr zähflüssig war. Ein Wunder, dass es so noch durch die Adern floss. Da begann er: „Ich war mal als Versuchsobjekt bei irgendwelchen Wissenschaftlern. Sie hatten mich im Schlaf entführt und in ein Labor gesperrt. Da erfuhr ich zum ersten Mal, wie ich innen überhaupt aussehe.“ Das klang interessant: „Erzähl davon!"

„Sie untersuchten mich zum Glück nur im Schlaf. Durchleuchteten meinen Körper immer wieder."

„Sag schon! Wie sehe ich jetzt innen aus?" Er fasste an meinen Hals und fuhr mit den Fingern über die Brust: „Herz, Lunge und der Magen. Er ist aber doppelt so groß. Dann kommen dicke Adern, die vom Magen in deinen ganzen Körper führen. Sie werden von Muskelringen umschlossen und die ziehen sich zusammen, um das Blut zu transportieren. Ähnlich, wie der menschliche Puls."

„Aber, wo geht das Blut eigentlich hin? Warum wird es weniger?" Er streichelte über meinen Bauch: „Na, du verdaust es. Deine Adern sind jetzt dein Gedärm. Dein ganzer Bauchraum ist voll davon." Ich betrachtete sie unter meiner blassen Armhaut: „Faszinierend!"

„Wir haben auch einen viel komplizierteren Gen-Code, wie die Menschen. Er besteht aus zwei Strängen, anstatt einem, die sich umeinander winden. Angeblich war den Forschern davon siebzig Prozent unbekannt. Woher diese siebzig Prozent stammen, war ihnen ein Rätsel."

„Wie bist du ihnen wieder entkommen?" Er strich durch sein Haar: „Antonio hat mich da rausgeholt." Der schon wieder. Dann hatte ich gerade etwas mit seinem Liebsten gehabt. Das verübelt er mir wahrscheinlich. „Der Antonio?", fragte ich. Martin lächelte: „Du weißt schon über ihn Bescheid?"

„Ja, ich bin ihm unfreiwillig begegnet. Ich war so dumm, mir in seinem Revier ein Opfer zu suchen."

„Da hattest du aber Glück", war sein Kommentar. „Ich weiß. Er meinte, ich hätte mir die Unsterblichkeit erschlichen." Martin zog die Augenbrauen zusammen: „Wie erschlichen?"

„Na ja. Er meinte, ich hätte deswegen Cornelius verführt. Damit er mir sein Blut gibt. Das stimmt aber nicht. Wir lieben uns und wollten eben richtig zusammen sein."

„Du wusstest, was er ist?"

„Ja, schon länger. Wir waren ein Jahr liiert, bevor er mich erschuf. Ich wusste es von Anfang an." Martin seufzte: „Und ich bin einer sexgierigen Unsterblichen zum Opfer gefallen. Sie ließ sich von mir im Auto mitnehmen, brachte es mental zum Stillstand und vernaschte mich auf dem Sitz. Am nächsten Abend erwachte ich in ihrer Villa und sollte nun ihr Gefährte sein. Ich hasste sie jedoch nur. Widerwillig ließ ich mich in die Jagd einführen, aber nach einigen Nächten verließ ich sie."

Schließlich musste ich aufbrechen, weil der Tag nahte. Ich fühlte eine leichte Enge in der Brust, aber ich hatte ja noch meinen Heimweg vor mir. Wir küssten uns innig zum Abschied und ich sagte: „Sehen wir uns mal wieder." Martin lächelte und strich über meine Wange: „Komm einfach in den Club. Dort bin ich meistens zum Auflegen." Für sein junges Alter war er gar nicht schlecht gewesen. Ich hatte es genossen. „Ich merk 's mir. Bye!", sagte ich noch, als ich durch den verwilderten Garten vor dem Haus ging. Am verrosteten Tor wandte ich mich nochmals um und erstarrte. Das war Antonios alte Villa! Ich befand mich abermals in seinem Revier.

 

Schnell schoss ich in den Himmel empor und steuerte sofort Cornelius Grenzen an. Erst über unserem Gebiet fühlte ich mich wieder wohler. Als ich daheim ankam, waren die anderen noch wach. Cornelius lächelte mir zu, als ich auf die zwei zukam. Sie saßen am Pool und redeten. Irgendwie hatte ich jetzt ein schlechtes Gewissen, wenn er mich an sich drückte und meine Hand hielt. Diesmal hatte ich ihn betrogen. Ob Jack etwas verraten hatte? Ich fragte stumm zu Cornelius: ‚Kommst du mit runter?‘ Er nickte, verabschiedete sich von Jack und folgte mir. Ich ging schon mal voraus und als ich in unserer Schlafkammer war, musste ich zuerst duschen. Überall hing Staub an meinen Kleidern. Sicherlich hatte Cornelius es bereits bemerkt, aber ich fühlte mich nach meiner Dusche besser. Auch Martins After Shave haftete noch überall.

Cornelius lag schon im Bett, als ich aus dem angrenzenden Bad kam. Ich hüpfte hinein und kuschelte zu ihm unter die Decke. Er fragte nichts, aber ich spürte, dass er es wusste. Trotzdem küsste und streichelte er mich. Nach mehr war mir nun nicht zumute, denn die Sonne ging bald auf. Seine Lippen und Hände waren immer noch zarter, als die der Jüngeren. Plötzlich flüsterte er: „Ich liebe dich, Jessica", in mein Ohr. Ich hatte die Augen schon geschlossen und dämmerte in meinen Schlaf, konnte nichts mehr erwidern und hörte noch: „Meine schöne Geliebte, ich will dich nicht verlieren."

 

Am nächsten Abend hielt er mich im Arm, als ich aufwachte. Wieder Küsse. Diesmal wanderten seine Lippen über meine Brüste, meinen Bauch, bis zu den Schenkeln. Er machte sich dazwischen zu schaffen und ich ließ die Erregung aufbrausen. Wir wurden wilder und liebten uns schließlich. „Jack hat erzählt, du wärst sehr begehrt gewesen im Club", begann er. Ich wurde verlegen: „Er hat sie abgewimmelt."

„Mir schien nicht alle. Wer war der Glückliche, dessen Duft ich gestern an dir wahrnahm?"

„Kennst du nicht!", sagte ich fast ärgerlich. Er lächelte: „Du kannst machen, was du willst. Ich weiß schon, wann ich eifersüchtig sein muss. Dein menschliches Gewissen ist rührend. Mit der Zeit verlierst du es." Jetzt machte er sich auch noch über mich lustig. „Ach, sei doch nicht gleich böse. Küss mich lieber! Ich fühle mich schon vernachlässigt, bei so vielen Männern in deinem Leben."

„Aber wir haben doch alle Zeit der Welt, Schatz.", erwiderte ich.

„Schon, aber man kann nie wissen. Heute möchte ich nur mit dir zusammen sein." Darauf schmiegte ich mich an ihn: „Was macht Jack?"

„Ich weiß nicht."

„War er mal in dich verliebt?" Er sah mich verwundert an: „Wie kommst du jetzt da drauf?"

„Er hat 's mir erzählt. Nein, er erzählte nur, dass ihr eine Affäre hattet und deine Frauen immer zuerst kamen." Cornelius senkte den Blick und spielte mit dem Stoff der Bettdecke: „Ich konnte seine Gefühle nicht erwidern. Ich liebte meine Gefährtin und für ihn empfand ich nicht dasselbe. Für Jack, als junger Unsterblicher, war ich mit meinen damaligen zweihundert Jahren, alt und mächtig. Das beeindruckte ihn."

 

Jack betrachtete mich in den nächsten Nächten immer wieder eingehend. Sollte ich ihm den Beischlaf gewähren? Irgendwie wollte ich schon noch wissen, wie es jetzt mit ihm wäre. Wer weiß, wann wir uns das nächste Mal treffen würden?! Er war plötzlich so schüchtern, mir gegenüber. Seit ich unsterblich war, hatte er mich kaum angefasst, oder versucht, mich zu verführen. Solange er auf Besuch war, befriedigte er sich nur mit Sterblichen und meinem Schöpfer. Auf einmal wurde mir klar, wieso. Er traute sich nicht an unsterbliche Frauen heran. Nicht mal im Club hatte er eine abgeschleppt. In unserer Welt war er einfach ein normaler, schüchterner Mann und bei den Menschen mimte er den Draufgänger. Es gefiel mir, so von ihm begehrt zu werden. Nun war er von mir abhängig, so wie ich früher von ihm. Schließlich erhörte ich ihn.

Er schwamm unten im Pool, als ich ihm folgende Gedanken schickte: ‚Ich bin oben im Schlafzimmer. Kommst du nachher rauf?‘  Ich öffnete das Fenster zum Garten und legte mich auf das Bett nieder.

Kurze Zeit später fiel ein Schatten auf mich, während ich zur Decke starrte. Vor dem Fenster stand ein nasser Jack im Zimmer. Nun hielt ihn nichts mehr zurück. Er war fast rasend vor Erregung, biss mich in die Schulter und drängte sich ungestüm zwischen meine Beine. Diese Vergewaltigungsnummer gefiel mir. Es war so animalisch. Als er seine Zähne von mir löste, packte ich ihn an der Kehle. Er genoss mein Saugen, es veranlasste ihn zu kräftigeren Bewegungen.

Ich sah plötzlich ein Gehöft in der Toskana vor meinem inneren Auge. Cornelius stand in altmodischer Kleidung und langem Haar im Weinberg und Jack küsste ihn. Sie ließen sich auf die Erde sinken. Dann wechselte der Schauplatz zu einem reichgeschmückten Saal, Ballkleider und die beiden unter den Gästen. Jack verfolgte Cornelius mit den Augen. Es war ein menschlicher Ball, denn ich hörte Herzschläge und das Gedankenflüstern. Sie waren auf einmal in einem noblen Schlafzimmer mit einer Sterblichen. Alle drei nackt im Bett und die beiden Männer liebten sie und tranken abwechselnd von ihr. Als sie tot war, machten sie zu zweit weiter. Ich wusste, dass es ihre erste gemeinsame Nacht war. Gleich auf dem Ball, auf dem sie sich kennen gelernt hatten. Weitere Bilder von einer schönen blonden Frau mit langem, glattem Haar, folgten. Sie stand neben dem Haus dieses Gehöfts und blickte über die Hügel. Cornelius näherte sich ihr von hinten und legte die Arme um sie. Seine damalige Frau, oder Gefährtin.

Nun hörte ich Jacks Stöhnen. Wir waren wieder in der Gegenwart und er kam. Danach meinte er: „Ich hätte sie damals fast getötet."

„Wen? Diese Frau?", fragte ich. Er sank neben mich: „Maria, ja. Ich war jung und hungrig. Ich schlief in Cornelius Versteck und sie war da noch sterblich. Ich glaube nur ihr Wissen über uns, hat sie gerettet. Als ich nämlich auf sie zu ging, stand die Gier schon in meinen Augen. Sie fragte, was mit mir sei und stumm flehte sie mich an, sie zu verschonen. Da gewann mein Verstand die Oberhand und ich floh aus ihrer Gegenwart. Danach fürchtete sie mich, konnte meine Anwesenheit nur noch mit Cornelius ertragen. Er versuchte, ihr alles zu erklären, aber ihre Angst blieb. Also, musste ich den Hof verlassen. Ich blieb jedoch in der Nähe und traf mich weiterhin mit ihm. Ihre Verwandlung bekam ich noch mit. Hätte ich sie damals umgebracht, würde ich heute nicht mehr existieren. Cornelius hätte mich sofort vernichtet." Ich stimmte zu: „Mit Recht! Du hättest die Regeln verletzt und seine große Liebe getötet. Das wäre unverzeihlich gewesen."

Jack wurde nachdenklich: „Manchmal frage ich mich, wer Lorraine damals überfallen hat. Vielleicht war er es!" Ich war entsetzt: „Nein, Jack. Das kann nicht dein Ernst sein. Cornelius würde so etwas Hinterhältiges niemals tun. Du hast doch seiner Frau nichts getan." Er drehte sich auf den Rücken: „Vielleicht nahm er mir den Versuch schon übel. Ich habe den Kerl damals nicht erkannt. Ich sah nur einen dunklen Schatten zum Fenster hinaus springen. Lorraine konnte ihn später auch nicht beschreiben, aber sie hatte helle Augen gesehen." Ich wandte mich ihm zu und streichelte seine Brust: „Hat sie dir erzählt, wie es geschah?" Seine Augen richteten sich auf mich: „Ja. Sie schlief und spürte im Aufwachen einen kühlen, nackten Körper an ihrem Rücken. Sie dachte, dass ich es wäre und ließ sich streicheln. Sie erwiderte schließlich die Küsse auf seine Lippen und da sah sie die funkelnden Augen. Kurze Zeit später erkannte sie, dass es nicht meine waren. Doch da war es bereits zu spät. Der Unbekannte packte grob ihre Kehle und ab da wusste sie, dass es ernst war. Sie wehrte sich gegen den harten Körper und flehte immer wieder, er solle aufhören. In ihrer Panik rief sie nach mir und fühlte dabei, ihr Blut in den Fremden strömen. Als sie schwächer wurde, verging er sich noch an ihr. Elender Mistkerl! Während ihr Leben entwich, dachte sie immer, dass ich sie doch noch rette. In gewisser Weise habe ich das auch getan. Wenigstens das!"

„Aber das hätte Cornelius nie getan. Auf so schändliche Weise. Ich verstehe nicht, dass du ihn verdächtigst." Jack haderte: „Ja, ich kann es mir auch nicht vorstellen. Aber es hat mich danach, keiner herausgefordert. So eine Tat ist normalerweise eine Provokation zum Duell, aber ich habe nie wieder etwas von diesem Unsterblichen gesehen. Auch Lorraine nicht, die dann ja umgewandelt war." Ich dachte nach: „Oder es war Zufall. Ein Durchreisender, der hungrig war." Er schüttelte den Kopf: „Nein, Jessica. Wenn er von ihr trank, dann wusste er alles. Auch, dass sie mit einem Unsterblichen zusammen war. Ab da hätte er von ihr ablassen müssen. Es war Absicht!"

„Es macht dich immer noch wütend." Er nickte.

Ich sah wieder das Bild von Cornelius vor mir, wie er Maria in den Arm nahm und ich war eifersüchtig. Sofort verwarf ich dieses Gefühl. Es war seine Vergangenheit und ich hatte es mit Jacks Augen gesehen. Sicherlich hatte ihm der Anblick damals weh getan, weil er um Cornelius Liebe gebuhlt hatte. „Warum hast du mir diese Bilder gezeigt?" Er küsste meine Brüste: „Ich weiß nicht. Vermutlich, weil sich manches wiederholte. Ich kannte dich sterblich und dann verwandelt durch ihn. So, wie Maria damals."

„Und die Szenen auf dem Ball?" Er lächelte: „Du hast mich doch neulich danach gefragt und das wollte ich dir zeigen." Ich fragte weiter: „Wer hatte die Sterbliche ausgesucht?" Jack antwortete: „Ich. Da ich ihn haben wollte, lud ich ihn ein." Schmunzelnd dachte ich an das Angebot im Londoner Club zurück, das Jack ausgeschlagen hatte. So wäre ich also in den Armen der Beiden geendet. Er spielte mit einer Strähne meines Haares: „Das wäre wirklich eine Schande gewesen."

 

Nach insgesamt zwei Wochen Aufenthalt flog Jack nach London zurück. Cornelius begleitete ihn zum Flughafen. Ich suchte mir heute wieder ein Opfer, ging danach aber gleich wieder nach Hause. Ich erwartete Cornelius früh zurück. Tatsächlich war er vor mir da. Er schien mich schon erwartet zu haben, und fragte: „Kommst du mit ins Bad? Darauf habe ich jetzt Lust." Ich nickte und folgte ihm, wusste, dass er eigentlich fragte, ob ich mit ihm schlafen will. Mein höflicher, dezenter Cornelius. Er würde nie vulgäre Ausdrücke dafür verwenden. Wir hatten einen Jacuzzi im Bad und den nutzten wir nun, räkelten uns in der großen, ovalen Wanne. Ich erinnerte mich an die erste Nacht mit Jack im Hotel. Das sprudelnde Wasser war jetzt viel prickelnder auf der Haut. Cornelius zog mich ohne Zurückhaltung an sich. Wie ich ihn ersehnte? Das frische Blut machte mich eben lüstern.

„Liebling, wann musst du wieder trinken?", fragte ich. „Morgen", hauchte er. Ich bekam seine Jagden gar nicht mehr mit. Nur, dass er in manchen Nächten voll erblüht war.

„Darf ich mitkommen?"

„Nein. Ich möchte dabei allein sein. Damals warst du eine Sterbliche. Das war etwas anderes." Ich war ein wenig beleidigt. Dann fragte ich: „Wusste Maria vorher über deine Ernährung Bescheid?"

„Ja, aber sie hatte mich nie trinken sehen. Es sind zweierlei Dinge, ob du jemandem sagst, dass du Blut trinkst oder ihn zusehen lässt. Ich wollte es auch nie, aus Angst sie könnte mich dann verdammen. Das hätte sie sicher auch getan. Ich wollte für sie der geheimnisvolle, schöne, starke Mann bleiben. Sie bekam auch meine Zähne kaum zu Gesicht, geschweige denn, zu spüren."

„Dann war die Verwandlung wohl ein Schock für sie?!", bemerkte ich. Er nickte: „Zumindest das Jagen. Sie plagte sich mit ihrem Gewissen, auch wenn ich ihr räudige Mörder vorsetzte. Jack war da anders gewesen. Er ließ Lorraine an vielem teilhaben, aber auch sie bekam die Jagd nie mit." Ich betrachtete sein Gesicht, seufzte und sagte: „Er glaubt, du hättest sie überfallen. Du wolltest dich, wegen Maria rächen." Cornelius senkte den Kopf: „Nicht aus Rache, aber ich war es." Ich schüttelte fassungslos den Kopf: „Das kann nicht sein. Das ist nicht wahr, Cornelius." Meine Stimme war lauter geworden.

Er legte beschwichtigend seine Hand auf meine Schulter: „Bitte hör mich an. Es war nicht so, wie es Jack erzählt hat. Er sollte die Geschichte mit dem Unbekannten glauben, weil Lorraine ihm nicht die Wahrheit gestehen kann. Also, sie lebte schon einige Jahre mit ihm zusammen, kannte seine Geheimnisse und war sich sicher, dass er sie nie umwandeln würde. Sie fragte ihn immer wieder, aber er vertröstete sie nur. Sie wurde nicht jünger, sah ihre besten Jahre vorbeiziehen und da zog sie mich ins Vertrauen. Ich sollte Jack wegen der Sache aushorchen. Leider musste ich ihre Befürchtungen bestätigen. Er würde sie nicht unsterblich machen. Da fasste Lorraine einen Plan. Sie wollte ihn zwingen, ihr das Blut zu geben. Ich warnte sie, dass er sie vielleicht trotzdem sterben ließe. Mein Blut konnte ich ihr ja nicht geben. Damit wären unsere Freundschaft und ihre Liebe kaputt gewesen. Sie erzählte von Jacks Gewohnheit, sie gleich nach der Jagd, aufzusuchen. Es schien als Gelegenheit perfekt. Ich würde sie bis an die Todesschwelle aussaugen und er ihr sein Blut einflößen. Lorraine beharrte, trotz meiner Warnungen, auf ihrem Plan. Als Jack eines Nachts auf die Jagd ging, verbrachte ich die Zeit mit ihr im Bett. Wir waren schon öfters zusammen gewesen. Sie begehrte mich. Als ich sein Zurückkommen spürte, biss ich zu und trank so schnell ich konnte. Vorher hatte ich Lorraine in eine Traumwelt versetzt, weil ich diesmal nicht behutsam vorging. Nachdem ihr Herz nur noch stolperte, hüllte ich mich nackt in einen Kapuzenumhang, den ich neben das Bett gelegt hatte und wartete kurz, bis Jack die Tür öffnete. Dann sprang ich zum Fenster hinaus. Er folgte mir nicht, weil er die sterbende Lorraine auf dem Bett liegen sah. Die Laken waren schon zerknüllt gewesen und ich hatte noch einige Blutflecke hinterlassen. Ich hoffte nur, dass er es tun würde. Ich hätte mir sonst, diese Tat nie verzeihen können. Wochen zuvor war ich offiziell auf Besuch gewesen. Da gestand mir Lorraine zum ersten Mal ihren Kummer. Ich reiste ab mit dem Versprechen, bald zurückzukommen, um es zu tun. Jack wusste nichts über meinen damaligen Aufenthalt in London. Ich traf mich heimlich mit ihr. Tja, und so bekam sie, was sie wollte. Sie besuchte mich gleich nach zwei Nächten in meinem Versteck und bedankte sich überschwänglich. Ich spürte in ihren Küssen und Umarmungen, dass da mehr war, als nur Dankbarkeit. Noch in derselben Nacht verschwand ich aus ihrem Leben und kehrte in meine Toskana zu Maria zurück."

„Armer Jack! Wurde so betrogen."

„Bitte, erzähle nie etwas davon. Außer Lorraine, weißt nur noch du davon. Ich konnte ihr Flehen und Bitten nicht abweisen. Glaub mir, es fiel mir nicht leicht, ihn zu hintergehen. Ich wollte Lorraine auch nicht sterben lassen. Es kostete mich, alle Überwindung ihr das anzutun. Die ganze Zeit stellte ich mir vor, wie sie als Unsterbliche weiterlebt. Sie war so zuversichtlich, dachte keine Minute daran, dass Jack sie einfach liegen lassen könnte. Nachdem ich aus dem Fenster geflohen war, blieb ich in der Nähe, um zu lauschen. Ich hielt die Ungewissheit nicht aus, ob sie überleben würde. Ich hörte seine Gedanken. Er schirmte sie nicht ab. Er war total verzweifelt seine Liebste im Sterben zu sehen und zögerte nicht, ihr das Blut einzuflößen. Nun ging ich beruhigt."

Ich schmiegte mich an ihn: „Ich kann Lorraine verstehen. Ich hätte es auch nicht ertragen, deine Jugend ständig vor Augen zu haben, während ich gealtert wäre." Er küsste mein Haar: „Das hätte ich niemals zugelassen. Du sollst alles bekommen, was du dir wünschst. Ich hoffe, dass wir lange zusammen sind. An die ewige Liebe glaube ich nicht mehr."


 

 

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