5: Kae

Es war schon wieder fast morgens, die Sonne ging langsam auf und steckte nach und nach ein paar Strahlen mehr durch die Fenster.
Nach dem Gespräch mit dem Chef waren wir in Adrians Wohnung gegangen. Sie war groß, modern und – wie es sich wohl für eine Männer-Single-Wohnung gehörte – komplett unaufgeräumt. Hier und da lagen benutzte Kleidungsstücke, Handtücher, Pornohefte, leere Bierdosen und am Fenster ein paar Zigarettenstummel. Zumindest rauchte er demnach am Fenster und nicht die ganze Wohnung voll.
Ich lag auf der Couch, die wohl für die nächste Zeit mein Schlafplatz sein sollte. Stundenlang lag ich schon wach, alles was ich hörte waren draußen wenige Autos und Adrians ruhiger Atem, während er ein paar Meter weiter in seinem Riesenbett schlief.
Ich setzte mich auf und verspürte ein leichtes Hungergefühl, also tapste ich leise zum Kühlschrank, der praktischerweise gar nicht so weit weg von der Couch platziert war. Gespannt, was ich darin finden würde, öffnete ich die Tür. Was eine Überraschung, so gut wie nichts Essbares war vorzufinden. Alles was mir der Anblick bat waren Bierdosen, Energy Drinks und ein Glas saure Gurken. Von was ernährte sich der Kerl? Und davon mal abgelassen, was zur Hölle wollte er mit einem einzigen Glas Gurken?
„Was machst du an meinem Kühlschrank?“ Ich zuckte zusammen. Adrian war wach geworden. „Kauf dir gefälligst dein eigenes Essen“, befahl er. Ich drehte mich um. „Willst du den Inhalt da wirklich als Essen bezeichnen?“, sagte ich und deutete auf den offenen Kühlschrank. „Essen oder nicht, von mir bekommst du nichts. Geh und kauf dir eigenes Zeug, die Straße runter ist ein 24h-Shop.“ Adrian stand mit verschränkten Armen an eine Säule direkt neben der Couch gelehnt, mit nichts als Boxershorts bekleidet.
Er war wirklich heiß, ohne Ausrede. Seine dunklen Haare hingen ihm ins Gesicht, passend zu den genauso dunklen Augen. Muskeln zierten seinen Oberkörper und er trug eine lederne Kette, an der ein silberner Anhänger in Form eines Kreuzes hing. Er wäre genau mein Typ und Beuteschema, nur blöd dass ich ihn nicht ausstehen konnte. Vor einer Zeit hatte er mal mit einer Freundin von mir geschlafen, deren Herzschmerz ich dann beseitigen durfte. Vor solchen Kerlen sollte man sich in Acht nehmen.
„Du willst eine junge Frau nachts alleine auf die Straße lassen? Noch dazu in so einem Viertel?“, fragte ich mit erhobenen Händen. Adrian neigte den Kopf zur Seite. „Mir ist völlig egal was du machst und was mit dir passiert. Wenn dich jemand vergewaltigt ist das nicht mein Problem.“
Was für ein sinnliches Beispiel. Ich knallte die Kühlschranktür zu und stapfte an Adrian vorbei, zu der Tasche mit meinen Klamotten. Ich kramte darin, um etwas zu finden was dicker als meine Sweatjacke war, vergebens.
Es war deutlich kalt draußen und in einer Sweatjacke würde ich erfrieren. Jedenfalls so gut wie; es schneite schon.
Ich seufzte. Die ganze Straße lang laufen und mir dabei den Arsch ab zu frieren war dieser Mitternachtssnack nicht wert. Also ging ich wieder, sichtlich frustriert, auf die Couch zurück und ließ mich nieder. Adrian stand immer noch an die Säule gelehnt und betrachtete mich. Vielleicht sah er auch an mir vorbei auf eins der Pornohefte, das wie die anderen auf dem Boden lag. Er hatte sich nicht mal die Mühe gemacht sie wegzuräumen, schämen tat er sich dafür auch nicht.
„Na, doch keinen Hunger mehr?“, fragte er, mit hochgezogener Augenbraue. „War dir nicht egal was mit mir ist?“, fauchte ich. Er lachte leise auf. Von Zeit zu Zeit verstärkte sich in mir das Gefühl, er amüsierte sich über meine Art ihm gegenüber.
Ach, sollte er doch machen was er wollte.
Dann stieß er sich von der Säule weg und ich hoffte, dass er sich endlich zurück in sein Bett legen und die Klappe halten würde. Himmel, er tat es nicht, stattdessen setzte er sich zu mir auf die Couch. Das war so ziemlich das, was ich am wenigsten wollte.
„Was wird das, wenn ich fragen darf?“, knurrte ich. „Meinst du nicht du hast eine ziemlich manipulierte Einstellung auf mich? Ich meine, sieh mich an, jede andere Frau würde bei meinem Anblick dahin schmelzen“, äußerte er. Adrian machte eine ausladende Bewegung über seinen Körper.
Bitte? Wie kam er denn jetzt darauf, sich erst zu mir zu setzen und mir dann von seinem ach so unglaublichen Körper zu erzählen? Ich hörte wohl nicht richtig.
„Adrian, was hast du für Probleme? Ich interessiere mich weder für dich, noch für deinen Anblick und es geht mir auch am Arsch vorbei wie meine Einstellung zu dir ist. Du bist und bleibst ein Ladywinner, der so einige verliebte Frauen in unendlichen Liebeskummer gestürzt hat. Wenn du Sex willst, such dir doch Frauen, die auch nur eine Nacht mit dir wollen. Aber mach was du willst, ändert nichts an meiner Sicht über dich.“ Ich hob meine Beine auf das Sofa und faltete sie zu einem Schneidersitz.
„Aber wo bleibt denn dann der Spaß?“, fragte Adrian verschmitzt. Meine Miene verfinsterte sich. Konnte er nicht, gottverdammt, einfach abhauen?
„Wenn eine Frau das Gleiche will wie man selbst, ist der Sex schnell getan. Aber…“, Adrian guckte seitlich zu mir, „…wenn man ihr die Ewigkeit verspricht, bekommt man meistens mehr als man am Anfang erwartet hat.“
Wie ich ihn verabscheute. Er nutzte Gefühle für seine eigene Befriedigung aus. „Verschwinde, Adrian“, zischte ich. Er lehnte den Kopf nach hinten und legte seine Hände in den Nacken. „Das ist meine Wohnung, ich gehe und bleibe wo ich will.“
Das reichte, ich wollte keine Sekunde länger mit jemandem wie ihm in einem Raum verbringen. Ob er mich nun gerettet hatte, hin oder her, er war arrogant und ich mochte ihn nicht. Außerdem war es sein Job mich zu beschützen, aus eigenem Handeln wäre das nie entstanden.
Ich sprang vom Sofa auf und warf meine Jacke über. Minusgrade draußen waren egal. Ich steuerte auf die Tür zu, als plötzlich der halbnackte Adrian vor mir stand. Ich wäre beinahe gegen ihn gelaufen, wie kam der so schnell dahin?
„Wohin so eilig?“, fragte er, den Kopf leicht geneigt. Ich schnaubte. „Weg von dir und dieser Wohnung“, antwortete ich gereizt. Adrian zog die Brauen hoch und sah mir ins Gesicht. Ich tat es ebenfalls, auch wenn ich bei der fehlenden Beleuchtung nur die Ansätze seiner markanten Gesichtszüge sehen konnte.
Er kicherte. „Hab ich dich schon in die Flucht geschlagen?“ Er trat einen Schritt näher an mich heran, zwischen unseren Gesichtern lag nur noch eine Handbreite Entfernung. „Und wie du das getan hast. Jetzt würde ich aber auch gerne weiterflüchten, also geh mir aus dem Weg.“
Ich ging ebenfalls ein wenig näher an ihn, sodass ich schon seinen Atem auf meinem Gesicht spüren konnte. In einem schlechten Film hätten wir uns da vermutlich geküsst.
Sein Atem war warm, eine Abwechslung zu der Kälte in der Wohnung. Mit Heizungen hatte er es wohl nicht so. „Wird das hier jetzt eine Art Flirten?“, säuselte Adrian herablassend. „Oh ja, und gleich hüpfe ich mit dir ins Bett und flehe dich an mich nie wieder zu verlassen“, warf ich im quasi ins Gesicht.

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