5. Kapitel

Tevin erwachte vom Prasseln des Regens, der mit tausend Fingern gegen Dach und Wände trommelte. Müde rieb er sich den Schlaf aus den Augen und sah mit trüben Blick aus dem Fenster. Der Boden und die festgetretenen Pfade des Sommers schmolzen unter der Gewalt des Himmels und flossen als brauner Strom durch das engstehende Dorf. Viele Häuser standen bis zu den Fenstern im Morast, andere hatten wie Tevins Vater in weiser Vorrausicht auf Stelzen gebaut und konnten dem reißenden Fluss aus Schlamm und Gras entgehen. Die Regenzeit hatte begonnen und sie würde erst enden, wenn mindestens drei Häuser unter der Belastung zusammengebrochen und die Vorräte aufgebraucht waren.
Tevin wandte sich von dem prasselnden Spektakel ab und verließ mit schlurfenden Schritten sein Zimmer. Der erste Tag der Regenzeit bedeutete den ersten Tag ohne Unterricht und die weisen Belehrungen der Gelehrte des Dorfes. Die meisten Kinder freuten sich auf die Unterbrechung, aber den meisten wurde auch nicht fast tagtäglich gesagt, dass sie etwas aus ihrem Leben machen mussten. Sie würden die Arbeit ihrer Väter und Mütter übernehmen oder heiraten und bei den Aufgaben ihrer Schwiegereltern helfen. Ihr Weg war seit ihrer Geburt bestimmt, ohne Möglichkeit ihm zu entfliehen. Tevin wusste nicht was schlimmer war, eine derart gesicherte Zukunft oder der Zwang selbst eine zu erschaffen. Andere Söhne sahen ihren Vätern bei der Arbeit zu, lernten ihr Handwerk und gaben es wiederum an ihre Söhne weiter. Er dagegen wollte und vor allen Dingen durfte nicht der gleichen Tätigkeit wie sein Vater nachgehen. Früher hatte er oft darüber nachgedacht, sich gewünscht ein berühmter und berüchtigter Mann zu werden, von allen gefürchtet und respektiert, doch heute wollte er der Aufforderung seines Vaters, etwas zu lernen, um die Welt zu verbessern, mehr als alles andere nachkommen. Große Träume für den Sohn eines Blutdieners.

„Papa?“, rief Tevin mit hohler Stimme, während er sich den Weg in die Küche bahnte. Er erwartete keine Antwort, aber die Stille tat dennoch weh. „Wo bist du nur?“, flüsterte er leise und lehnte sich mit schweren Schultern gegen die Kommode. Sein Blick wanderte zum Sessel. Der Kater, das kleine Monster, saß mit gelangweiltem Blick auf der Lehne und leckte sich genüsslich die langen Krallen.

Das Tier reagierte mit einem lauten Fauchen und noch bevor Tevin verstand was gerade passierte, sprang es auf und hechtete binnen einer Sekunde quer durch das Zimmer. Tevin riss ebenso erschrocken die Arme nach oben, als die Fensterscheibe, die bereits unter der Wucht des Regens gebebt und gezittert hatte, plötzlich zersprang. Scherben zerschellten auf den Boden und kleine, scharfe Splitter fanden ihren Weg unter Tevins Haut. Er schrie überrascht auf, duckte sich instinktiv und schloss die Augen.
Feine Schnittwunden zogen sich über seinen Rücken und Nacken, als endlich das letzte Fensterglas neben ihm zersplitterte und er es wagte, sich zitternd aufzurichten. Plötzlicher, schneidender Wind zerwühlte sein Haar und kalter Regen schlug ihm entgegen, während er mit schreckgeweitetem Blick nach draußen starrte.

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media