5 - und G wie ganz weg

Ari saß mit wippendem Knie in ihrem Seminar und schaute abwechselnd auf die Uhr und aus dem Fenster. Die Stunde schien sich ewig hinzuziehen. Als sie am vergangenen Tag, zum zweiten Mal, nervös vor Thomas' Tür herum getigert war, hatte sie seinen Nachbar getroffen und erfahren, dass Thomas mittags keine Zeit hatte ins Wohnheim zu gehen. Daraufhin hatte sie in der Mensa nach ihm Ausschau gehalten, doch nicht entdeckt. Ihr blieb nichts anderes übrig, als es nach der Uni noch einmal bei im Wohnheim zu versuchen. Sollte er wieder nicht da sein, würde sie einfach ihre Nummer auf ein Stück Papier schreiben und mit in den Beute legen. Vielleicht hätte sie das schon längst machen sollen.

Als der Dozent sie endlich ins Wochenende verabschiedete, hatte das Mädchen bereits alles gepackt und die Tasche über die Schulter gehängt. Sie trat als Erste durch die Tür und sah sich einem gutaussehenden jungen Mann im Nadelstreifenanzug gegenüber, der sie strahlend anlächelte und die Arme ausbreitete. Sie lachte und warf sich ihm an den Hals. Er schlang seine Arme um sie, hob sie ein Stück hoch und wirbelte sie herum.

„Was machst du denn hier?", fragte sie fröhlich, als er sie abgesetzt hatte.

„War zufällig in der Gegend...", entgegnete er schmunzelnd.

„Zufällig auf dieser Seite des großen Teichs? Das glaube ich nicht." Ari boxte ihm spielerisch gegen die Brust. „Sag schon, Cousin!"

„Na ich verpasse doch nicht den Geburtstag meiner Lieblings-Cousine!" Er zog sie in eine liebevolle Umarmung und flüsterte ihr ins Ohr: „Happy Birthday, Ariel."

Ari grinste bis über beide Ohren. „Danke, Felix!", säuselte sie.

„Komm ich lad dich zum Essen ein", schlug Felix vor, nahm Ari ihre schwere Ledertasche ab und legte ihr einen Arm um die Schulter.

„Oh, aber ich hab doch erst morgen...", erwiderte sie zögernd, als ihr Blick auf einen dunkelhaarigen Mann auf der anderen Straßenseite und Wut in den Augen fiel, der sich in diesem Moment abwandte und davon ging.

„Oh Shit, warte mal kurz Felix", sagte sie mit klopfendem Herz und rannte über die Straße. „Tom!", rief das Mädchen und lief zwischen den beiden Gebäuden hindurch, hinter denen Thomas verschwunden war. Sie sah sich um und rief noch einmal, den Tränen nahe, seinen Namen, doch sie konnte ihn nirgends entdecken. Niedergeschlagen kehrte sie zu ihrem Cousin zurück, der mit ihrer Tasche über seiner Schulter, auf sie wartete.

„Alles in Ordnung?", fragte er besorgt, als sie mit hängendem Kopf neben ihm stehen Blieb. „Ich hab jemanden kennen gelernt...", begann sie geknickt. Sie sah sich noch einmal nach der Stelle um, wo sie Thomas entdeckt hatte. Dann seufzte sie schwer. „Ich erzähl es dir beim Essen. Aber zuerst brauch einen Drink...", wimmerte Ari hakte sich bei ihrem Cousin unter.

                                                                   ~    ~    ~

Thomas kam sich vor wie ein Idiot. Wütend schlug er mit der Faust auf seinen Schreibtisch. Er sah sich rastlos in seinem Zimmer um. Sein Blick blieb an seiner Sporttasche hängen. Er ist lange nicht mehr beim Training gewesen. Stand auf und suchte, entschlossen etwas Dampf abzulassen, seine Sachen zusammen.

Die Halle war nicht entfernt und zog er sich schon zu Hause um und joggte den Weg dorthin, um die Zeit zu nutzen sich gleich warm zu machen.

Am frühen Nachmittag war das Sportstudio gut besucht. Umso besser. So fand er sicher schnell einen Sparringspartner. Er holte die Handschuhe aus der Tasche, verstaute seine Sachen in einem Spind. Noch auf dem Weg in den Trainingsraum, schlüpfte Thomas in die schwarzen Trainingshandschuhe, die Handrücken und Finger schützten, doch die Handflächen frei ließen, um schnell zwischen Schlagen und Greifen wechseln zu können.

An einem freien Sandsack führte er seine Erwärmung fort, bis er sich bereit fühlte.

„Thomas! Schön dich auch mal wieder hier zu sehen."

Ein älterer Mann mit Glatze und Trainingsanzug, der das Symbol des Studios trug, stellte sich hinter den Sandsack und hielt ihn für Thomas fest. Er hatte ein freundliches Gesicht, das so gar nicht zu seiner massigen, kompakten Gestalt passen wollte. Seine Oberarme waren gewaltig und zeugten von vielen Jahren harten Trainings.

„Hey, Peter. Wie geht's?", sagte Thomas zwischen zwei harten Schlägen und hielt dann inne, um seinen alten Trainer mit einem freundschaftlichen Handschlag zu begrüßen

„Gut. Aber scheinbar nicht. Du wirkst aufgebracht", bemerkte der kleinere Mann mit einem besorgten Stirnrunzeln. Thomas zog die Brauen zusammen. „Alles gut. Harte Woche", erwiderte er einsilbig. „Ich brauch einen Sparringspartner. Will wieder richtig rein kommen."

Peter nickte. „Klar, Junge, ich hab da genau den richtigen für dich. Trainiert gerade selbst für ein paar Amateurkämpfe. Das wäre vielleicht auch was für dich, wenn du wieder in Form bist. Springt sogar in bisschen Kohle bei raus, wenn du gut bist." Interessiert neigte Tom den Kopf und und ließ sich von seinem alten Freund durch die Halle führen.

„Jan. Mach mal kurz Pause, ich will dir jemanden vorstellen", sprach Peter einen jungen Mann mit kurz geschorenen Haar und wachen Augen an, der sich gerade mit Springseilspringen erwärmte. Peter stellten die beiden einander vor und so begann ihr gemeinsames Training.

~ ~ ~

Müde und genervt brütete Ari über ihren Büchern. Der Abend war bereits fortgeschritten und obwohl sie die Wohnung für sich allein hatte und schon vor zwei Wochen die letzte ihrer Prüfungen für dieses Semester hinter sich gebracht hatte, war ihr nicht nach Feiern zumute. Ihre Mutter hatte ihr sogar angeboten ein paar Freunde einzuladen, wenn sie schon keine Lust hatte, endlich mal wieder das Haus zu verlassen, und nicht bei Dr. Tomalik zu arbeiten. Doch Ari zog es vor sich in Arbeit zu verkriechen. Die Zwischenprüfungen hatten ihr die letzten Monate eine plausible Ausrede verschafft. Inzwischen viel aber sogar ihrer schwer überarbeiteten Mutter auf, dass mit ihrer Tochter etwas nicht zu stimmen schien.

Ari sah aus dem Fenster. Sie löschte die Schreibtischlampe und ließ ihren Augen einen Moment Zeit sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Die Nacht war dunkel. Mondlos und sternenreich. Sie hatte ewig nicht an Thomas gedacht. Doch plötzlich war er wieder da. Als hätte er nur darauf gewartet, dass sie Ähnlichkeit der Nacht zu jener anderen Nacht erkennt, die schon so lange her ist.

Zwei Wochen, nachdem Thomas sie gesehen hatte, wie sie scheinbar einen anderen Kerl um den Hals gefallen war, der daraufhin sein Gesicht in ihrem Haar vergraben und den Arm ziemlich vertraut um ihre Schultern gelegt hatte, hatte sie ihren Mut zusammen genommen. Gestützt von einer leichten Wut darüber, dass dieses Missverständnis absolut lächerlich war, ist das rothaarige Mädchen noch einmal vor seiner Tür erschienen. Das T-Shirt in einen Beutel geknüllt, hatte sie energisch angeklopft. Mehrfach. Doch niemand hatte geöffnet. Sie war schon im Begriff gewesen zugehen und hatte den Beutel an den Knauf gehängt, als der blonde Zimmernachbar aus seiner Tür spähte. Von ihm hatte sie erfahren, dass Thomas die Uni geschmissen hatte und ausgezogen ist. Und der Junge hatte natürlich keinen Plan wieso und wohin Tom gezogen war. Verwirrt und traurig ist sie gegangen. Seither hatte sie versucht ihn sich aus dem Kopf zu schlagen, überzeugt, ihn niemals wieder zusehen.

„In a white room, with black curtains, near the station...", trällerte unerwartet Aris iPhone und setzte sie über einen eingehenden Anruf ihrer Mutter Kenntnis – White Room, war einer von Cornelias Lieblingssongs.


„Hey Mama, was denn los?" – „Bist du nüchtern, Kind?" – „Äh... Jaaah. Wieso?" – „Du musst einen Hausbesuch für mich übernehmen."- „WAS? Mutter, ich dokter nur an Tieren rum, selbst das bisher nicht wirklich." – „Keine Sorge, meine Süße, du brauchst nichts Aufregendes zu machen. Er hat wohl nur ein paar Schrammen und vielleicht ein paar kleine Wunden zu nähen. Der Junge ist der Sohn einer alten Freundin und sie sind gerade knapp bei Kasse. Der Junge gerät wohl hin und wieder in eine Schlägerei und ich behandle ihn unter der Hand." – „Mama...." – „Du schaffst das, Schatz. Nimm meine Tasche. Sie steht im Kleiderschrank. Ich schreib dir die Adresse." Und mit diesen Worten legte Cornelia auf und ließ ihrer Tochter keine Wahl.

Seufzend zog Ari sich an. Das Telefon fiepte und sie öffnete die Nachricht mit der Adresse. Gar nicht weg. Das Mädchen schnappte sich die Erste-Hilfe-Tasche und machte sich auf den Weg.

Die Wohnung befand sich nur zwei Straßen entfernt. Ari überflog die Klingeln, bis sie den angegebenen Namen fand und dünne Frauenstimme erklang aus der Gegensprechanlage.

„Hallo?" – „Hi, hier ist Ariel... die Tochter von Cornelia. Meine Mutter hat mich hergeschickt."

„Hallo Ariel, kommen Sie rein." Es summte und Ari drückte die Tür auf. Im dritten Stock stand eine kleine, blasse Frau in der Tür und lächelte entschuldigend. „Danke, dass Sie so kurzfristig kommen." Sie reichte ihr die Hand. „Ich bin Katrin." – „Bitte, Ari reicht völlig", sagte sie und ergriff die Hand der Frau. Sie ließ sich in einen kleinen Wohnraum führen. Auf dem Sofa lag regungslos ein junger Mann, nur mit einer leichten Jogginghose bekleidet und einem Kühlpäckchen auf dem Kopf. Er sah übel zusammen geschlagen aus und Ari hoffte nervös, dass ihre Fähigkeiten ausreichten, um zu helfen. Die Mutter des Jungen brachte ihr einen Hocker, während sie neben dem Sofa die Tasche öffnete, Desinfektionsmittel, Mulltupfer und Handschuhe heraus suchte. Die prächtige Platzwunde über der Stirn war noch feucht vom Blut, das sein ganzes Haar auf der rechten Seine verklebte. Das Auge war so zugeschwollen, dass er es nicht mehr öffnen konnte. Die Lippe war aufgeplatzt und auf seinem Oberkörper und den Armen hatte er zahllose Blessuren und blutige Kratzer. Was ist zur Hölle ist dem denn zugestoßen.

Sie streifte die Einweghandschuhe über und warf einen genaueren Blick auf ihren Patienten. Vorsichtig hob sie den Kühlakku an und blinzelte erschrocken.

Thomas?!

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