5. Vierzehn

Toni wurde von lautem Stimmengewirr wach. Er schlug die Augen auf, sah die fremde Zimmerdecke und brauchte einen Moment, um sich zurecht zu finden. Dann stand er auf, ging zum Fenster, von wo die Stimmen herkamen, und sah vorsichtig hinaus.

Unten vor dem Haus stand eine Gruppe Menschen, einige mit Kameras um den Hals, die einem großen Mann mit rötlichem Haar zuhörten, der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Johanns Vater war. Und die anderen waren auf jeden Fall Touristen auf einer Burgführung.

Als alle synchron ihre Kameras hoben und auf das Haus richteten, machte Toni, dass er vom Fenster verschwand, um nicht aus Versehen auf irgendein Bild zu kommen.

Dann zog er sich an und ging nach unten. Wo wieder niemand war, was, nachdem er einen Blick auf die Uhr an der Wand ihm gegenüber geworfen hatte, auch kein Wunder war. Um neun Uhr an einem Montag war Kamilla in der Schule und Nadja und Thorsten in der Gärtnerei beschäftigt. Er war also ganz für sich und als sein Magen laut knurrte war ihm sofort klar, was er als erstes machen würde.

An den Kühlschrank war ein Zettel gepinnt auf dem ,Bedien dich' stand und daneben war ein lachendes Gesicht gemalt. Toni kannte zwar ihre Schrift nicht, aber das konnte nur Nadjas Werk sein. Wütend, weil er sich aus irgendeinem Grund wieder vorkam wie ein totaler Idiot, riss er den Zettel ab, knüllte ihn zusammen und warf ihn in den Mülleimer. Seine Wut hinderte ihn aber nicht daran, sich ein gutes Frühstück zu machen und es sich schmecken zu lassen. Danach saß er noch eine ganze Weile am Tisch, vor sich den leeren Teller und war einen Moment überfordert mit der totalen Freiheit die er grade hatte. Zuhause war es seiner Mutter immer wichtig, zu wissen, wie er seine Tage verbrachte und sie ließ keine Gelegenheit aus ihn zu etwas zu ermuntern, das in ihren Augen ,wichtig für seine Entwicklung' oder ,sehr lehrreich' war. Ermunterungen, denen er in den wenigstens Fällen nachging und sie machte dann auch keinen Aufstand, aber hier wurde er ja noch nicht einmal zu irgendetwas ermuntert. Und gestern, als er bei Dämmerung wiederkam hatte ihn niemand gefragt, wo er gesteckt hatte. Er konnte also offenbar machen was er wollte. Eigentlich wäre er gerne im Wald herumgestreut und hätte sich das verlassene Dorf angeguckt, von dem Johann erzählt hatte, aber da hätte er sich sicher verlaufen und dann gar nicht wieder zurückgefunden. Nein, Herumspazieren im Wald schied defintiv aus.

Er ging nach oben und holte sein Buch, in der festen Absicht, diesmal mehr zu lesen. Dann öffnete er die Tür zum ummauerten Garten, auf dessen Terrasse zwei Liegestühlen unter einem großen Sonnenschirm standen. Hier verbrachte er den Vormittag, teilweise mit Lesen, teilweise mit Tagträumen und teilweise mit der Frage, was Lydia und Max jetzt wohl so taten und wie sehr er sie um ihre tollen Urlaube beneidete, während er hier auf dieser totlangweiligen Burg herumgammelte. Die er eigentlich gar nicht mehr so langweilig fand, aber es fiel ihm nach wie vor schwer, das vor sich selbst einzugestehen.

Ein Rumpeln riss ihn aus seinem Schläfchen und als er neugierig ins Haus trat, stand Nadja in der Küche. Die Gartentür fiel von selbst hinter ihm mit einem leichten Knall in Schloß, Nadja hob den Kopf und winkte ihm lächelnd zu. "Hallöchen," sagte sie gutgelaunt. "Das Mittagessen hast du leider verpasst, das gibt's immer so gegen zwei wenn Kamilla aus der Schule gekommen ist. Soll ich dir schnell was aufwärmen?"

Keine Frage, dass Toni wieder Hunger hatte. "Ja bitte," sagte er, ging zu Nadja und setzte sich an den winzigen Küchentisch.

"Und, was hast du heute so den ganzen Tag getrieben?" erkundigte sie sich während sie einen Teller mit Kartoffelpüree und Fischstäbchen für ihn fertig machte. Da in ihrer Stimme nichts anderes mitschwang als Interesse antwortete Toni wahrheitsgemäß: "Im Garten geschlafen." Denn viel gelesen hatte er schon wieder nicht.

"Das ist gut," antwortete Nadja. "Wenn man sich erholen kann, sollte man da jede Minute nutzen."

Sie stellte Toni den Teller hin. "Dann lass es dir mal schmecken. Und wenn du noch einen Nachschlag willst, dann sag Bescheid." Sie zwinkerte ihm zu und machte sich daran, die Arbeitsplatte abzuwischen.

Toni beschloss diesmal, sich von diesem leidigen Thema nicht den Appetit zu verderben und machte sich über das Essen her und hatte dann auch kein Problem, um einen Nachschlag zu bitten.

Er war grade mit der zweiten Portion fertig geworden, als es an der Tür klopfte.

"Komm rein," rief Nadja, als wusste sie schon ganz genau wer draußen stand. Zu Tonis Überraschung war es Gregor. Er hatte ihn zwar gestern zusammen mit Kamilla gesehen, aber nachdem sie vorher so einen Aufstand gemacht hatte, hätte er nicht damit gerechnet, dass sie sich näher kannten. Denn natürlich war Gregor wegen Kamilla hier. Und selbst, wenn Toni sich da nicht sicher gewesen wäre, der Todesblick, den Gregor ihm zuwarf, sagte schon alles.

In Toni stieg das Bedürfnis auf, sich gegen diese unfaire Behandlung zu wehren. Er hatte schließlich nichts gemacht, womit er sowas verdient hatte. Hier ging es auch nicht darum, dass es ihm wichtig war, dass Gregor warum auch immer nicht mehr sauer auf ihn war, sondern hier ging es um Prinzip. Aber im Moment und vorallem vor Nadja war der falsche Moment für so etwas. Stattdessen blieb er ruhig am Tisch sitzen, während sich Nadja zu Gregor umdrehte und ihn anlächelte. "Sieht man dich auch wieder. Wie gehts dir?"

Gregor zuckte mit den Schultern. "Geht so," murmelte er.

"Und deinen Eltern?" fragte Nadja weiter und jetzt runzelte er die Stirn. "Geht so," wiederholte er. "Ist viel zu tun. So, als ob das nie aufhört."

"Ach ja," machte Nadja und stüzte sich mit einer Hand am Küchentisch ab. "Da haben sie sich auch ganz schön was vorgenommen. Aber schon mal gut, dass jetzt schon ein paar Leute kommen, um sich das Durcheinander anzugucken."

Gregor schien kein Freund dieser Unterhaltung zu sein, denn er zog unbehaglich die Schultern zusammen und Nadja erlöste ihn schließlich, in dem sie sagte: "Ich schau mal nach, ob Kamilla Lust hat, runter zu kommen. Du weißt ja, wie sie manchmal ist." Sie ging zur Treppe und rief nach oben: "Milla Schatz, Gregor ist hier. Komm mal runter."

Es dauerte nicht lange, da klappte oben eine Tür und Kamilla kam die Treppe runter. Nadja strich ihr liebevoll übers Haar, als sie an ihr vorbeilief und dann kam sie zurück in die Küche, wo Toni am Tisch saß und nicht wusste, ob er sich in diese Situation irgendwie einbringen sollte. Kamilla nahm ihm die Entscheidung schließlich ab, indem sie ihm zuerst zunickte und ein leises "Hallo," sagte und Toni sofort wieder Gregors glühenden Blick auf sich spürte aber seine Stimme war weder wütend noch grummelig wie vorher, als er "Hi," zu Kamilla sagte. "Draußen ist es total heiß, ich dachte, wir gehen schwimmen. Wenn du Lust hast."

 "Ich weiß nicht, ob ich nicht vielleicht helfen muss," antwortete Kamilla und sah Nadja an die den Kopf schüttelte. "Es ist im Moment alles ruhig. Wir sagen dir Bescheid, wenn wir deine Hilfe wieder brauchen. Geh ruhig mit schwimmen. Du weißt ja, wo dein Badeanzug ist."

Kamilla nickte und lief los um die Sachen zu holen und Nadja wandte sich wieder an Gregor wobei sie in einer scherzhaften Geste mit dem rechten Zeigefinger wackelte. "Aber nicht wieder so spät kommen wie beim letzten Mal. Sonst gibt's Ärger."

"Natürlich nicht," erwiderte Gregor steif, ohne auf Nadjas neckende Art einzugehen.

Nachdem Kamilla und Gregor verschwunden waren und Nadja die Küche zuende aufräumte überlegte Toni sich, dass er ja auch eine Badehose und ein Badetuch dabei hatte und Lust zu schwimmen hatte er auch. Er würde sich jetzt einfach dazugesellen, Todesblicke hin oder her.

Er räumte seinen Rucksack bis auf diese beiden Dinge aus, warf ihn sich über die Schulter und lief aus dem Haus hinter Kamilla und Gregor her, die erstaunlich schnell gingen und schon einen ganz schönen Vorsprung hatten. Er musste rennen, um sie einzuholen, was ihn ganz ziemlich ins Schwitzen brachte. Aber am Ende des Weges würde ja ein kühler See oder Fluß auf ihn warten, denn die Umgebung machte nicht unbedingt den Eindruck, als würde es hier ein Freibad geben.

Kamilla und Gregor drehten sich gleichzeitig um, als Toni nah genug bei ihnen war, dass sie das Geräusch des Schotters unter seinen Füßen hören konnten.

Als er bei ihnen angekommen war, musste Toni erst einmal wieder zu Atem kommen bevor er sagte: "Ich hab mir gedacht, ich komm mit schwimmen."

Gregor verschränkte die Arme vor der Brust und machte den Eindruck, als wolle er dazu etwas sagen, aber er schwieg und stattdessen sagte Kamilla: "Klar," und lächelte Toni an.

In diesem Moment ergriff Gregor sie am Arm und zog sie ein Stück von Toni weg, sodass sie wenigstens einigermaßen aus seiner Hörweite waren. Dann redete er eifrig auf Kamilla ein und auch, wenn Toni kein Wort von dem Geflüstere verstehen konnte, war ihm doch klar, was Gregor für ein Problem hatte und er war gespannt, wie Kamilla reagieren würde. Nach zwei Tagen konnte er sie noch nicht wirklich einschätzen.

Gregor war inzwischen fertig mit seinem Vortrag und Kamillas Erwiderung bestand aus ein paar kurzen, mit ruhiger Stimme vorgetragenen Sätzen bevor sie zu Toni zurückkam. "Es ist noch ein Stück bis zum See," sagte sie, für Toni das Zeichen, dass sie sich durchgesetzt hatte, was er eher nicht erwartet hatte.

Sie bogen nach rechts ab und gingen über die Wiese an der Burgmauer entlang und jetzt war es Gregor, der mit gesenktem Kopf hinter ihnen hertrottete.

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