6. Magnus Erwachen

Serbien, 1987

Langsam kam Magnus zu sich. Sein Verstand wurde ganz allmählich klarer. Nun erkannte er die Umgebung um sich herum. Er stand in einer Höhle. Nackte Felswände umgaben ihn, die von grellem Licht beschienen wurden und es roch intensiv nach Menschen und Blut. Alarmiert blickte er sich um. Ein toter Mann lag auf dem staubigen Boden, dessen Kehle aufgerissen war und Magnus selbst schmeckte Blut auf seiner Zunge. War er es gewesen, der den Sterblichen getötet hatte? Er versuchte, sich zu erinnern. Wie war er hierhergekommen?

Dann zog das helle Licht seine Aufmerksamkeit auf sich. Zwei dunkle Behälter auf je einem Stab standen an den Höhlenwänden und aus diesen Behältern strömte dieses grelle Licht, so hell wie der Tag. Neugierig schritt er näher an so ein Ding heran. Konnte es ihn verletzen? Als er daneben stand, streckte er zaghaft die Hand aus und tauchte sie sehr vorsichtig in den Lichtstrahl. Es fühlte sich nur warm an, wie bei einer Fackel. Doch es flackerte nicht. Wie war das möglich? Seine Augen schweiften abermals durch die Höhle und blieben auf dem toten Körper haften. Dieser Mann trug seltsame Kleidung. Beinkleider aus einem rauen bläulichen Stoff und eine Art Hemd ohne Knöpfe oder Sonstiges. Wie zog man so etwas an, wenn es enger am Körper anlag? Und seine Schuhe waren noch merkwürdiger. Sie bedeckten nur den Fuß, wurden geschnürt und waren nicht aus Leder gemacht. Sie rochen seltsam. Magnus betrachtete den grobgehauenen, steinernen Sarkophag, dessen Deckel weggenommen worden war und plötzlich kam die Erinnerung zurück. Er hatte ihn sich selbst gezimmert und sich darin zu seinem Komaschlaf gebettet und diese arme Seele hatte ihn gefunden. Wie viel Zeit war vergangen? An diesen merkwürdigen Dingen in seiner Höhle, ahnte er, dass es sehr viel sein musste. Was er von seinem Körper sehen konnte, sah noch ausgezehrt aus. Das Blut von einem Menschen reichte noch nicht, um seine einstige Blüte zurück- zubringen.

Plötzlich witterte er noch mehr Sterbliche, hörte Stimmen, Pulsgeräusche und Schritte. Seine Gier erwachte sofort und er ging ihnen knurrend entgegen. Er sah zwei Lichtkegel in den Höhlengang vor sich leuchten und erkannte zwei Männer. Magnus blieb stehen und als ihn ein Lichtstrahl traf, stoppte ein Mann abrupt: „Wer ist da?“ Der Unsterbliche hielt sich nicht lange auf, schnellte vor und packte den Kerl mit seinen starken Kiefern am Hals. Sofort begann er gierig zu saugen. Ja, das Blut schmeckte immer noch gut, aber doch ein wenig anders als früher. Der Zweite leuchtete panisch auf den nackten, bleichen Mann, der seinem Kollegen die Kehle verbiss. Vor Entsetzen konnte er sich nicht rühren. Was war das für ein Wesen? Als er endlich aus seiner Starre erwachte, war es zu spät. Magnus packte ihn am Kragen und schlug seine Zähne in den verschwitzten Hals.

Nachdem der Unsterbliche nun endlich gesättigt war, betrachtete er seine Arme. Jetzt waren sie so ansehnlich wie vor dem Koma und er hatte eine menschliche Hautfarbe. Frisch gestärkt folgte er dem Gang und gelangte endlich ins Freie. Die frische Nachtluft schlug ihm entgegen und er nahm einen tiefen Atemzug. Ein Stück von der Höhle entfernt am Fuße der Kalksteinfelsen, standen Kutschen. Blitzschnell war er unten. Er umkreiste diese seltsamen Wagen. Wo waren die Pferde? Er konnte keine in der Nähe riechen oder hören. Diese Räder sahen ebenfalls merkwürdig aus. Es gab keine Speichen, nur Metallscheiben mit Löchern darin und außen herum war ein noch seltsameres Material. Es war fest, aber gab ein wenig nach, wenn er dagegen drückte. Es fühlte sich weich an, aber roch scheußlich. Das gesamte Gefährt stank irgendwie nach Teer. Die Vorderseite hatte zwei Augen. So zumindest sahen diese Glasscheiben aus. Er fand keine Deichsel. Wie machte man daran die Pferde fest? Als er die Türen der Kutsche entdeckte, öffnete er eine und blickte in das Innere. Es befanden sich zwei Sitze darin und vor einem war ein Rad angebracht. Konnte man es drehen? Magnus versuchte es und spürte, dass unter der Kutsche etwas passierte. Es bewegte sich ein wenig. Er spähte aus der offenen Tür, drehte das Rad hin und her und stellte fest, dass sich nun die vorderen Räder bewegten. So schien man dieses Gefährt zu lenken. Das wurde ja immer interessanter. Unter dem Rad zum Lenken entdeckte er zwei Hebel. Als er auf jeden drückte, geschah nichts. Zwischen den Sitzen befand sich nochmal ein Hebel. Als er diesen bewegte, hörte er ein schreckliches Geräusch aus dem Inneren, das ihn zusammenzucken ließ. War die Kutsche nun kaputt? Achselzuckend stieg er aus.

Magnus war immer noch nackt und so beschloss er sich an den Kleidern der toten Männer zu bedienen. Irgendetwas würde ihm schon passen. Er zog allen drei Leichen Schuhe, Hosen und Oberteile aus und probierte sie nacheinander an. So kam er auch hinter das Geheimnis, wie man diese Hemden ohne Knöpfe anzog. Sie waren sehr dehnbar, so dass man sie über den Kopf ziehen konnte. An den Hosen war außer dem Knopf noch etwas Merkwürdiges, das wie eine Naht aussah. Als er die Hose der ersten Leiche ausziehen wollte, bekam er sie nicht heruntergezogen. Erst als er diese Naht öffnete, ging es. Nun zog er die kleine Metalllasche nach oben und die Naht schloss sich. Was für eine praktische Erfindung. Magnus schob sie nochmal herunter und wieder hoch. Dann blickte er sich ein letztes Mal in der Höhle um, das Licht brannte immer noch und er zog die drei Körper mit sich. Er begrub sie unter den Felsen und schoss in den Himmel hinauf. Herrlich wieder zu fliegen. Seine Ruhestätte wurde immer kleiner und er strebte zuerst nach Norden. Dabei dachte er an Catherine. Existierte sie noch? Und Magdalena? Bestimmt hatten sie ihn vermisst, als er plötzlich verschwunden war. Dieser sehr alte Unsterbliche war damals auf einmal in seine Burg spaziert und hatte ihn zum Duell herausgefordert. Magnus wusste, dass er nicht die geringste Chance gegen ihn gehabt hätte. Entweder würde er von dem Unbekannten vernichtet werden, oder er floh. Das war zwar sehr unehrenhaft, aber Magnus wollte nicht sterben, wollte nicht, dass sein Dasein nach ungefähr 400 Jahren endete. So hatte er sich für den Komaschlaf entschlossen.

Bald darauf tauchte eine große Stadt unter ihm in einem Tal auf. Sie war eingebettet in die hügelige Landschaft und ein Strom floss hindurch. Magnus hörte viele merkwürdige Geräusche nach oben dringen. Die Stadt schien regelrecht zu brummen und er sah unzählige Lichter. So beleuchtet waren die Städte früher nie. Er verringerte die Höhe, zog knapp über den Hausdächern hinweg. Plötzlich tauchten dunkle Seile vor ihm auf und er wich schnell aus. Vorsichtshalber stieg er wieder höher und sah noch mehr von diesen Seilen über die Häuser gespannt. Sie waren an Pfosten festgebunden. Zu was dienten sie nur? Auch ragten Metallgebilde auf den Dächern in die Höhe. Sie sahen wie ein vereinfachtes Bäumchen aus. Sollte das böse Geister abhalten? Als er die Stadt sah, erinnerte er sich wieder, wie es damals war, als er hier ankam. Die Siedlung war noch viel kleiner gewesen. Vrhbosna hieß sie und lag im Land der Slawen. Man sah damals den starken Einfluss des Orients. Für Magnus war das sehr exotisch gewesen.

Zwischen den Häusern entdeckte er glatte, breite Wege, auf denen diese merkwürdigen Kutschen ohne Pferde fuhren. Sie brummten laut und stanken. Waren das lebende Wesen? Dem musste er genauer auf den Grund gehen. Er setzte schließlich neben den Häusern auf. Diese Straße war aus Stein, aber es gab keine Fugen. Alles an einem Stück und es waren Streifen darauf gemalt. Nun fuhren diese brummenden Kutschen an ihm vorbei und er erkannte Menschen darin sitzen. In den Bergen hatte er ja bemerkt, dass diese Dinger nicht lebten, aber wie bekam man so etwas in Gang? Neugierig ging er die Straße entlang und bewunderte alles. Die beleuchteten Schaufenster und die strahlenden Lampen, die nicht flackerten, die Kutschen und seine Blicke streiften auch die Menschen. Das war das einzig Vertraute. Die Herzschläge und der menschliche Geruch. Sie waren nur ganz anders gekleidet als früher.

Als er drei junge Frauen entdeckte, erschrak er fast. Sie trugen enge Hosen, oder kurze Röcke, wo man sogar die Oberschenkel sehen konnte. Er konnte nicht anders und starrte auf die nackten Schenkel, tiefen Ausschnitte und Hinterteile, die sich so deutlich in diesen Hosen abzeichneten. Der Anblick der kompletten Beine und der Hüften, trotz des Stoffes darum, brachten sein Blut in Wallung. Ein leises Knurren entwich ihm und er fühlte ein Ziehen in den Lenden. Sein Gemächt wurde hart. Seine intensiven Blicke waren den Frauen nicht entgangen. Sie tuschelten kichernd und sahen zu ihm hinüber. Er spürte, dass er ihnen gefiel, beziehungsweise konnte er es in ihren Gedanken sehen. Zwar verstand er die Sprache nicht, aber die Bilder, die er in ihren Köpfen sah, offenbarten ihm, was sie dachten. Erotische Gedanken. Er war sich nicht sicher, ob er jetzt schon darauf eingehen sollte. Zumindest lächelte er ihnen freundlich zu, was sie abermals zum Tuscheln veranlasste. Wieder sah er anhand ihrer Gedankenbilder, was sie wollten. Sie erwarteten, dass er sie ansprach. Magnus überlegte, ob es käufliche Frauen waren, weil sie so kokett auf ihn reagiert hatten. Er hatte ja überhaupt kein Geld bei sich und beschloss weiterzugehen.

Es dauerte nicht lange, da spürte er Artgenossen. Irgendwo in der Nähe waren viele davon und er strebte vorsichtig in diese Richtung. Magnus gelangte zu einem Gebäude aus dem merkwürdige Musik drang. Es hörte sich eher wie Krach an, aber es hatte einen Rhythmus. Wo war der Eingang? Plötzlich sah er, wie einige Unsterbliche auf das Dach schwebten. Neugierig folgte er ihnen. Von dort oben konnte man wirklich in das Gebäude gelangen. Magnus ging ihnen durch die offenstehende Tür nach und hätte sich drin am liebsten die Ohren zugehalten. Es war schrecklich laut und durch die Dunkelheit zuckten bunte Blitze. Was war das nur für ein Ort? Er hoffte, hier einen älteren Unsterblichen zu finden, der eventuell seine Sprache verstehen konnte. Aber bis jetzt spürte er nur junge Auren. Es waren keine Sterblichen hier. War das ein Treffpunkt für ihre Art?

Nachdem er alles abgesucht hatte, entdeckte er eine dunkelhaarige Frau, die wohl am ältesten hier war. Sie bemerkte seine Blicke und fand diesen hellblonden, blauäugigen, großgewachsenen Kerl sehr attraktiv. Magnus lächelte ihr zu und sprach sie an: „Mylady, könnt Ihr mir sagen, wo ich bin? Versteht Ihr mich?“ Sie legte den Kopf ein wenig schief und musterte ihn. Durch seine Gedanken verstand sie, was er sagen wollte. In einem Englisch, das man vor ungefähr 300 Jahren sprach, antwortete sie: „In Sarajevo. Woher kommst du?“ Magnus lächelte erfreut, da er sie einigermaßen verstehen konnte: „Aus Britannien. Welches Jahr haben wir?“ Sie sah ihn zuerst ungläubig an, aber er hatte eine stärkere Aura als sie und vielleicht hatte er geschlafen. Manche ihrer Art taten so etwas. „Das Jahr 1987.“ Magnus wusste nicht, ob er es richtig verstanden hatte, und sah sie verwirrt an. Da streckte sie ihren Daumen nach oben, danach 9 Finger, 8 und 7. Er begriff, was sie meinte und als er es wirklich realisierte, weiteten sich seine Augen entsetzt. Fassungslos schüttelte er den Kopf und blickte dann betrübt zu Boden. Catherine, Magdalena! Sie existierten vermutlich nicht mehr. 7 Jahrhunderte waren vergangen. Um die 700 Jahre. Magnus fühlte sich, als würde er den Boden unter den Füßen verlieren. Die Hand der Fremden an seinem Arm holte ihn wieder aus seinem Trübsal heraus. „He, was ist mit dir? Hast du lange geschlafen?“ Er nickte nur mechanisch. „Wie ist dein Name?“, fragte sie weiter. Er antwortete monoton: „Magnus.“ Sie stellte sich nun ebenfalls vor und lächelte ihn aufmunternd an: „Ich bin Selene.“ Sie umgriff seinen Arm und wollte ihn mit sich ziehen, aber er war stärker: „Komm, reden wir draußen weiter.“ Er folgte ihr hoffnungsvoll. Sie konnte ihm diese neue Zeit vielleicht näher bringen und er konnte sich gut mit ihr verständigen.

Selene setzte sich am Rand des Daches nieder: „Wann hast du dich niedergelegt? Das Jahr hat dich ja sehr schockiert.“ Magnus hockte sich neben sie: „Anno 1295. Sie sind sicher alle vernichtet.“ Selene pfiff durch die Zähne: „Hu, das ist wirklich lange. Wer ist vernichtet?“ Er sah auf die Straße hinab: „Meine Blutstochter und meine Gefährtin. Sie dachten sicher, ich wäre tot. Ich verließ meine Heimat ohne Abschied, überstürzt.“ Sie legte ihre Hand auf seinen Arm: „Gib die Hoffnung nicht auf. Du kannst erst mal mit zu mir kommen und ich helfe dir dich zurechtzufinden.“ Nun lächelte er sie erleichtert an und sie machten sich zu ihrem Haus auf. Selene hatte ihn von seiner Aura her, jünger eingeschätzt, als er wirklich war. Wenn er 700 Jahre geschlafen hatte, war er auf jeden Fall noch älter. Vermutlich lag es am Komaschlaf.

Die Unsterbliche bewohnte eine Stadtvilla mit Garten. Vor der Haustür kramte sie einen kleinen Schlüssel aus der Jackentasche und schloss auf. Magnus folgte ihr neugierig. Plötzlich ging das Licht in der Eingangshalle an. Er starrte erschrocken auf die Lampe, die von der Decke hing. Woher kam nur dieses Licht so plötzlich? Selene hatte seinen verdutzten Blick bemerkt und zeigte auf den Knopf an der Wand: „Das hier ist ein Lichtschalter. Damit knipst man die Lampe an.“ Der Ältere beobachtete, wie sie nochmal darauf drückte und das Licht wieder erlosch. Zögernd streckte er die Hand nach dem Schalter aus und drückte vorsichtig darauf. Sofort wurde es wieder hell. „Zauberei!“, flüsterte er. Selene lachte: „Nein, das funktioniert mit Strom. Daraus bestehen die Blitze und die Menschen können das heutzutage künstlich herstellen. Der kommt dann über Metalldrähte in die Häuser und mit Drähten in den Wänden durch die Räume. Na ja, ich kann dir das alles nicht genau erklären. Ich stamme auch aus einer Zeit mit Kerzen und Fackeln.“

Sie führte ihn zuerst einmal in eine große Kammer hinein mit merkwürdigen Möbeln. Eine große und kleinere Liegestatt stand darin und große und kleine Schränke. Selene wies auf die Liegestatt: „Setz dich.“ Magnus befolgte ihre Anweisung. Das Polster dieses Möbels war weich und er sank tief hinein. „Es ist alles so fremd“, sagte er mehr in ihrem Englisch. Er passte sich ihren Worten an. Dank seiner vampirartigen Fähigkeiten, konnte er neue Sprachen ohnehin schnell begreifen und ihre waren nicht ganz so verschieden. Die Aussprache war oft nur anders. Sie setzte sich ihm gegenüber auf die kleinere Liegestatt. Zwischen ihnen stand ein niederer Tisch auf dem, einige bunte Blätter lagen . Magnus betrachtete die Titelbilder und berührte sie auch: „Das ist aber gut gemalt. Wie echt.“ Selene lächelte: „Das sind Fotos. Richtige Aufnahmen von Menschen. Aber das ist jetzt zu kompliziert.“ Sie seufzte: „Du wirst in nächster Zeit sehr viel lernen müssen.“ Magnus lächelte: „Zum Glück habe ich dich getroffen. Du bist bestimmt eine gute Lehrmeisterin.“ Sie zuckte mit den Schultern: „Naja, ich glaube zwar nicht, aber um dir alles näher zu bringen, wird es reichen.“ Er tat ihr leid. So verloren in der Neuzeit, wo für ihn alles vollkommen fremd war. Das musste ein Schock sein vom 13. Jahrhundert in das 20. katapultiert zu werden. Vom finsteren Mittelalter in die Moderne. Sie selbst stammte aus dem 17. Jahrhundert, aber hatte die Erfindungen und Veränderungen immer miterlebt.

Magnus nahm erst jetzt sein Gegenüber näher in Augenschein. Die ganzen neuen Dinge hatten ihn völlig abgelenkt. Selen hatte dunkelbraune, glatte Haare, die ihr nur bis zur Schulter reichten und große braune Augen. Heutzutage trugen die Frauen anscheinend auch kürzere Haare. Auf der Straße hatte er sogar welche mit ganz kurzen Haaren gesehen, wie es die Männer dieser Zeit taten. Mit langen Haaren war ihm kaum einen Mann aufgefallen. Selene trug eine schwarze Lederhose und ein enges dunkelrotes Shirt. Das war sehr aufreizend für ihn, aber ihr Aufzug gefiel ihm. Sie sprang plötzlich auf und nahm seine Hand: „Komm, ich zeige dir das Bad. Wenn du nachher bei mir schlafen sollst, hätte ich dich gern ohne Staub.“ Magnus erhob sich und ließ sich mitziehen. Ein Bad zu nehmen wäre jetzt wirklich nicht schlecht und vielleicht badete seine Gastgeberin ja mit. Sein Blick haftete an ihrem reizvollen Hinterteil, das sich unter der engen Hose abzeichnete. Diese Kleidung heutzutage verlangte von den Männern sicher viel Beherrschung.

Sie betraten einen Raum, der ganz aus hellen Marmorplatten bestand. Sie waren auf dem Boden und an den Wänden. An einer Wand stand eine große Wanne aus glattem, kaltem Material. Dann gab es noch eine Waschschüssel, die an der Wand festgemacht war und eine Schüssel auf einem breiten Stehfuß. Selene registrierte seinen fragenden Blick, der auf die Toilette gerichtet war: „Das Teil brauchen wir ja zum Glück nicht. Das ist der Abtritt.“ Selene benutzte die mittelalterliche Bezeichnung, damit er es eher begriff. Magnus nickte nur lächelnd, aber trat trotzdem neugierig näher. Da drückte Selene auf die Spülung und er zuckte kurz zurück. „Entschuldige. Damit spülen die Sterblichen dann ihr Zeug runter. Praktisch oder? Soweit ich weiß, fiel es in deiner Zeit einfach in den Burggraben.“ Magnus nickte. Er wusste es nur, weil seine Diener den Abtritt seiner Burg benutzt hatten. Meistens war ein Plumpsklo in einen kleinen Erker gebaut gewesen und die Ausscheidungen fielen dann einfach in die Tiefe. Dann zeigte sie auf die Wanne: „Hier kannst du baden oder dich nur abspritzen.“ Sie setzte sich auf den Wannenrand, nahm einen Stab, der an einem dünnen Schlauch angebracht war, schraubte an einem sternförmigen Griff an der Wand und dann spritzte Wasser aus diesem Stab. In vielen dünnen Strahlen. „Hier kommt heißes Wasser heraus und hier kaltes.“ Dabei zeigte sie auf den rechten Stern an der Wand. „Das musst du dann mischen, wie es dir angenehm ist. Das Teil heißt übrigens Dusche.“ Dann erklärte sie ihm noch, was in einer Flasche neben der Wanne war: „Damit kannst du deine Haare einseifen und auch deinen Körper. Es heißt Shampoo und ist eine Seife für die Haare.“ Magnus nahm die Flasche in die Hand und wunderte sich, dass sie leicht und weich war. Das war kein Glas. Selen zeigte ihm, wie man den Verschluss öffnete, die Flasche umdrehte und sie zusammendrückte, damit unten etwas herauskam. Wirklich faszinierend diese Welt. Sie stand auf: „Gut, dann lasse ich dich jetzt allein. Wenn du nicht zurechtkommst, rufe einfach. Ich schau mal solange, ob ich frische Klamotten für dich finden kann. Es müssten noch ein paar Männersachen da sein.“ Sie holte noch ein großes Tuch aus einem Schrank und legte es auf einen Hocker: „Hier, zum Abtrocknen. Aber bade nicht zu lange. Es wird bald dämmern.“ Magnus nickte nur und bedauerte es, dass sie ihm keine Gesellschaft leistete. Nun war er mit diesen fremden Dingen ganz allein, doch sie machten ihm keine Angst. Er empfand einfach Faszination für alles. Schnell zog er sich aus, setzte sich in die Wanne und schraubte an den Griffen, bis Wasser kam. Diese Dusche fühlte sich, wie Regen auf der Haut an. Er hob sie über seinen Kopf und ließ das Wasser auf sich niederregnen. Wunderbar! Dann tat er etwas von dem Shampoo in seine Hand. Es roch sehr fruchtig. Nun begann er seine Haare einzuseifen und sogleich schäumte es sehr stark. Der Schaum war anders, als normaler Seifenschaum. Viel weicher und viel mehr. Nachdem Magnus alles wieder abgespült hatte, stand er auf und griff nach dem Tuch. Es war dick und kratzig, aber nach kurzer Zeit wurde es weicher und trocknete seine Haut schnell.

Da klopfte es an der Tür und Selenes Stimme fragte: „Kann ich hereinkommen?“ Er wickelte sich das Tuch um die Hüften und rief: „Ja, ich bin soweit.“ Sie brachte ihm ein dunkles Hemd und so eine blaue Hose, wie er sie schon getragen hatte, und legte es auf den Hocker, wo vorher das Tuch gelegen hatte: „Das könnte dir passen.“ Er musste schmunzeln, weil der Anblick seines nackten Oberkörpers ihr wohl gefiel, so wie sie ihn angesehen hatte, als sie herkam.

Nachdem sie wieder hinausgegangen war, zog er die Sachen an und betrachtete sich im Spiegel. Sein Spiegelbild war viel klarer als in dem blanken Metall von früher. Er klopfte vorsichtig daran und es fühlte sich an, wie Glas. Magnus gefiel sich. So gut hatte er sich noch nie sehen können. Dann riss er sich von seinem Spiegelbild los, denn seine Gastgeberin erwartete ihn sicher schon und bald mussten sie sich niederlegen.

Solange er sich frisch gemacht hatte, hatte Selene ein Lager aus einigen Kissen und Decken im Vorzimmer ihrer Schlafkammer für ihn hergerichtet. Sie hätte ihn zwar gern in ihrem Bett, aber noch war es zu früh, ihm zu sehr zu vertrauen. Er schien im Moment hilflos, aber sie wusste ja überhaupt nichts über ihn und er kam aus einer dunklen Epoche. Er traf sie auf dem Flur: „Nun fühle ich mich schon besser.“ Die Jüngere blickte ihn grinsend an und nahm eine feuchte Haarsträhne: „Ja, sehr gut. Ich habe dir ein Lager bereitet. Das zeige ich dir dann, wenn es, soweit ist.“

Schließlich kroch die Schwere langsam in Magnus Glieder. Selene erging es genauso und sie forderte ihn auf, ihr zu folgen. Unter der Treppe öffnete sie eine niedere Tür, wo man sich ducken musste und dahinter erstreckte sich ein langer, sehr schmaler Gang in dem Magnus mit den Schultern fast an den Wänden streifte. Der Gang endete in einer Sackgasse und nun öffnete Selene eine Luke im Boden. Darunter ging es einige Meter in die Tiefe. Sie sprang und Magnus hinterher. Dabei lachte er: „Ähnlich wie in meiner Burg damals. Ich hatte die Treppenstufen zu meiner Kammer weggeschlagen.“ Endlich kamen sie in eine kleine Kammer, wo er schon das bereitete Lager erkannte. „Hier kannst du ruhen und ich bin in einem anderen Raum. Dann bis morgen Abend und angenehme Ruhe.“ Ein wenig enttäuscht war er schon, dass sie ihm nicht näherkommen wollte, aber aufgeschoben war ja nicht aufgehoben und es ging ohnehin bald die Sonne auf. Und morgen Nacht ging die Erkundung dieser neuen Welt weiter. Magnus freute sich schon wie ein kleiner Junge im Wunderland darauf.

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