6. Vierundzwanzig

Das Kaffeetrinken dauerte wirklich nicht lange – zumindest für diejenigen, die nach einer Stunde schon gingen. Aber Anna machte keine Anstalten, es ihnen gleichzutun. Sie stand zwar auf, aber nur, um sich zu Xenia zu setzen und wie immer, wenn die beiden zusammen waren, waren sie bald ins Gespräch vertieft. Was auch eigentlich kein Wunder war, denn Toni erinnerte sich, dass Anna ihm mal erzählt hatte, dass sie auch gerne Kunst studiert hätte, sich dann aber für Jura entschieden hatte. Weil sie damit nach dem Studium ganz sicher Geld verdienen konnte, während das mit einem Kunststudium nicht ganz so sicher war. Kein Wunder also, dass sie und Xenia sich so gut verstanden und ihre Bekannschaft jetzt schon viel länger andauerte, als all die anderen. Vermutlich hatten sie auch noch viel mehr Dinge gemeinsam

Aber Toni war ja nicht auf Anna angewiesen und hätte jetzt gehen können. Doch er zog es vor, auf seinem Platz zu bleiben und so zu tun, als würde er der Diskussion neben sich, die inzwischen von impressionistischen Malern zu impressionistischen Bildern hinübergewandert war, interessiert folgen. Aber in Wirklichkeit war seine ganze Aufmerksamkeit auf Gregor gerichtet, den er im Augenwinkel grade eben noch sehen konnte.

Er tat zwar immer noch nichts anderes, als dazusitzen, Xenias Hand zu halten und ab und zu einen Schluck aus der Tasse vor ihm zu nehmen, aber dafür waren Tonis Gedanken umso lebhafter. Denn ihm war grade erst so richtig bewusst geworden, dass er heute morgen beim Sex mit Anna an Gregor gedacht hatte. Was definitiv eine ganz andere Hausnummer war, als an die Darsteller aus seinen nicht jugendfreien Filmen oder Kerle aus seinem Semester zu denken, mit denen er eh nie etwas zu tun haben würde. Und was ihn endgültig akzeptieren ließ, dass der alte Toni wieder da war und dass er einfach wieder lernen musste, damit umzugehen. Er hatte das  ja schon einmal hinbekommen, also würde er es diesmal auch wieder schaffen! Und ein wichtiger Punkt war dabei eindeutig, Gregor gegenüber nicht mehr so verkrampft zu sein, sondern ihn als das zu behandeln, das er war: der Freund der momentan besten Freundin von Anna.

Sie mussten natürlich selbst keine Freunde werden, aber ein normaler Umgang sollte ja möglich sein. Das Gegenteil davon wäre dann eh nur verdächtig, Anna hatte sich ja sowieso schon über seine Geistesabwesenheit gewundert und mehr Stoff zum Wundern wollte er ihr auf keinen Fall geben.

Und während Toni darüber nachdachte, wurde ihm klar, dass ihm diese Situation sehr bekannt vorkam. Denn vor fast sieben Jahren war er fast genau in der gleichen gewesen. Nur, dass es damals seine Mutter gewesen und sein Plan absolut nicht aufgegangen war. Aber das damals war auch eine ganz andere Situation gewesen. Schließlich war er weg von Zuhause und Gregor und seine Leute die einzigen gewesen, mit denen er sich die Zeit hatte vertreiben können. Aber jetzt und hier hatte er definitiv genug zu tun. Und es zwar Zeit, es in Angriff zu nehmen.

Er trank seinen Kaffee aus, zählte aus dem Kleingeldvorrat in seinem Portemonnaie die Summe für den Kaffee ab, stand auf und ging zu Anna, Xenia und Gregor hin. "Ich werd dann jetzt mal abhauen," sagte er und bedachte sie alle mit einem Lächeln. Er beugte sich zu Anna rüber, küsste sie auf die Wange und legte in der gleichen Bewegung das Geld auf den Tisch. "Du bezahlst doch bestimmt für mich, oder?"

"Natürlich," erwiderte sie und drückte liebevoll seinen Arm. "Dann mal ran an die Bücher. Und denk dran wenn du durchhängst: Traubenzucker hilft."

"Ich weiß," sagte Toni, denn er hatte den Tipp schon gefühlte fünfhundert Mal vorher bekommen. Er nickte noch einmal in die Runde und ging zum Ausgang.

In den nächsten Tagen stürzte er sich in die Arbeit. Er schrieb zwar nicht alle Prüfungen mit, von denen er Anna erzählt hatte, aber zu lernen gab es auch so genug. Er übernahm auch noch extra Schichten im Kino und wenn er grade nicht arbeitete oder lernte achtete er darauf, immer irgendwo mit seinen Freunden unterwegs zu sein. Irgendeiner von ihnen hatte immer Zeit und Lust auf ein paar Bierchen, Videospiele oder was ihnen sonst so einfiel.

Toni bekam Gregor zwar nicht komplett aus dem Kopf und er lag auch noch manchmal nachts wach und dachte über ihn nach oder über sein Leben allgemein. Aber so gut wie immer beschäftigt zu sein und hin und wieder ein bisschen Joggen sorgte dafür, dass die Gedanken nicht mehr ganz so intensiv und die Nächte nicht mehr ganz so oft vorkamen. Deswegen war Toni auch immer darauf erpicht, dass es am Tag so wenig ruhige Minuten gab wie möglich. Zwar hielt er eine Stunde die Füße still, als sie am Freitagabend zu dritt in Julians Zimmer auf der Couch rumhingen, auf den Fernseher starrten und Bier tranken, aber danach verlor er die Geduld.

"Was machen wir jetzt?" wollte er wissen und Julian seufzte einmal. "Ehrlich gesagt keine Ahnung. Aber lasst uns doch einfach auf Aaron warten, der hat doch immer irgendwelche Ideen."

"Oh ja," meldete sich da Linus von seinem Platz auf dem Teppich zu Wort. "Vorallem als er damals unbedingt auf der Parkbank seine Tüte rauchen musste. Das war echt großartig!"

"Is' klar, dass Spießern wie dir sowas nicht gefällt," erwiderte Julian und duckte sich dann lachend zur Seite, als Linus ihn mit einem Kronkorken bewarf. Dann brummte sein Handy auf der Sofalehne und nachdem er einen kurzen Blick drauf geworfen hatte meinte er: "Glück für dich, Spießer, denn er hat grade abgesagt."

Toni seufzte einmal genervt und griff seinerseits zum Handy. "Irgendwas muss es doch heute hier geben." Nach einer raschen Internetsuche fand er dann auch was: "Da, wo früher diese komische Eisdiele gewesen ist, hing doch n Schild, dass da eine Kneipe reinkommt. Und die ist jetzt fertig und hat heute Eröffnung, mit halbem Preis auf alle Getränke. Ich würd sagen, da gehen wir jetzt hin!"

"Oh toll, eine Eröffnung," seufzte Linus. "Da wird es bestimmt schön voll sein."

"Mehr Menschen, mehr Spaß!" sagte Toni, stand von der Couch auf, griff Linus am Arm und zog ihn hoch. "Los geht's!"

Es war zwar voll, aber doch nicht so extrem, wie Toni es erwartet hatte. Sie schafften es, sich einen Platz an der Theke zu erkämpfen und während sie ihr erstes Bier tranken, blickte Toni sich um. Er sah einige bekannte Gesichter und in der hinteren Ecke einen Billardtisch und einen Kicker und da er sowohl gerne kickerte als auch Billard spielte nahm er sich fest vor, beides heute noch zu benutzen.

Linus rechts neben ihm beschwerte sich nur noch einmal darüber, wie eng es war und dass er ständig von Leuten angerempelt wurde, dann entdeckte er in der Menge Vanessa, auf die er schon eine ganze Weile scharf war und hatte auf einmal kein Problem mehr damit, sich durch lachende und trinkende Menschen zu ihr durchzuquetschen.

Toni sah ihm hinterher und seufzte einmal tief. Für einen kurzen Moment beneidete er Linus, ohne dem Gefühl näher nachzugehen, dann hörte er, wie jemand seinen Namen rief und drehte sich zu Jana und Manuel um, die in den Vorlesungen meistens irgendwo in seiner Nähe saßen. Sie unterhielten sich eine ganze Weile über die anstehenden Prüfungen, den zu bewältigenden Lernstoff und den einen Prof mit seinem unmöglichen Skript und mitten im Gespräch hörte Toni plötzlich seinen Namen. Er drehte den Kopf und da stand Gregor neben ihm an der Theke. "Hallo," sagte er und lächelte Toni einmal kurz zu, bevor er beim Barmann zwei Bier bestellte und Toni danach nicht weiter beachtete.

Toni war absolut nicht überrascht ihn hier zu sehen. Er hatte ja schon festgestellt, dass es sein Leben jetzt eben so wollte, dass er Gregor ständig über den Weg lief.  Er konnte sich selbst auch nicht davon abhalten, der Konversation nur noch mit halbem Ohr zuzuhören und stattdessen den gehenden Gregor mit den Augen zu verfolgen, als der sich mit zwei Gläsern Bier zurück an seinen Platz am Fenster kämpfte. Toni hatte eigentlich erwartet, Xenia auch zu sehen, aber stattdessen standen da nur lauter Unbekannte.

Toni wandte sich wieder seinen Gesprächspartnern zu, warf allerdings öfters einen Blick in Gregors Ecke. Er unterhielt sich eigentlich die meiste Zeit mit den gleichen drei Leuten. Aber nachdem Toni kurz abgelenkt war, weil wieder jemand Bekanntes für einen kurzen Plausch bei ihm stehengeblieben waren, waren die drei verschwunden und stattdessen stand neben Gregor das absolute Klischee eines BWL-Studenten mit Chinohose, rosa Hemd und einem Pullover um die Schultern. Toni musste zweimal hingucken um sich davon überzeugen, dass der Typ wirklich echt war. Und anhand seiner großartigen Gesten und der Art, wie er den Kopf hin- und herbewegte war Toni sich sicher, dass dieses Gespräch nur ein Thema hatte: ihn selbst.

Toni sah sich das eine ganze Weile belustigt an, bis ihm irgendwann Gregors Gesichtsausdruck auffiel, der ihm nur zu bekannt vorkam: fest zusammen gepresste Lippen, sodass sie nur noch ein dünner Strich waren und dabei eine gerunzelte Stirn. Und als Toni das sah, handelte er, ohne auch nur eine Sekunde drüber nachzudenken. Er stieß sich von der Theke ab und zwängte sich rasch durch die immer noch dichtgedrängte Menschenmenge zu den beiden hin. Ohne Gregor auch nur einmal anzusehen, wandte er sich direkt an das Klischee: "Hallo," sagte er überfreundlich: "Ich hab mir das jetzt ne Weile angesehen und ich finde, es ist jetzt Zeit, dass du deine heiße Luft woanders ablässt! Findest du nicht?!"

Der Typ war so perplex über Tonis plötzliches Auftauchen, dass er ihn für einen Moment nur wortlos anstarrte. Doch dann fiel ihm auf, was Toni grade gesagt hat und seine Miene änderte sich von perplex zu wütend. "Bist du total irre oder wieso meinst du, dass mich deine völlig irrelevante Meinung interessiert?" rief er. "Verpiss dich lieber in das Loch, aus dem du gekrochen bist!"

"Ich denk ja gar nicht dran," erwiderte Toni zuckersüß und bemerkte zu seiner Erleichterung, dass er ein ganzes Stück größer war, als der Kerl. Seit seiner Kindheit war er zwar nicht mehr in eine Schlägerei verwickelt gewesen, aber sollte es dann doch mal irgendwann passieren, hoffte er immer, durch seine Größe dann einen Vorteil zu haben, denn durch Muskelkraft hätte er definitiv keinen. "Ich würde sagen, du bist derjenige, der sich jetzt hier verpisst. Such dir lieber ein paar andere Pullover-Heinis, die sich dein uninteressantes Gelaber anhören wollen!"

Toni empfand sich selbst schon nicht als absolut schlagfertig, aber wenn ihm jemand so etwas an den Kopf geworfen hätte, wie er es grade getan hatte, dann hätte wäre ihm bestimmt irgendeine Erwiderung eingefallen. Aber der Typ sellte sich dann als noch weniger schlagfertig heraus, denn er tat nichts anderes, als seinen Kopf in den Nacken zu werfen und einfach wortlos zu gehen.
Toni sah ihm hinterher und in diesem Moment hatte er das Gefühl, als würde ihn irgendeine unsichtbare Macht, die ihn bis jetzt kontrolliert hatte, freigeben und er konnte er nicht wirklich glauben, was er da grade getan hatte.

"Was war das denn bitte?" fragte Gregor neben ihm lachend.

Toni schluckte einmal. "Ich... weiß irgendwie auch nicht."

Gregor grinste breit. "Na ja, auf jeden Fall hast du mich vor ihm und seinem furchtbaren Gelaber gerettet. Komm, ich geb dir ein Bier aus!"

Mit einem flauen Gefühl im Magen folgte Toni ihm zum Tresen und da neben Gregor kein Platz mehr war, stand er hinter ihm, während er bestellte. Was gut war, denn Toni musste erst einmal wieder zu sich kommen. Deswegen dauerte es einen Moment bis er reagierte, als Gregor ihm ein Glas hinhielt. "Auf meinen Retter," sagte er lächelnd und hielt sein Glas hoch. Sie stießen an und Toni trank einen großen Schluck. Danach hatte er sich wieder einigermaßen gefangen, wusste in diesem Moment aber trotzdem nicht, was er sagen sollte. Aber Gregor dafür umso mehr. Sein früheres Verhalten mit eiskalten Blicken und frostiger Stimme, aus denen die totale Abneigung sprach, waren komplett verschwunden. Und zurück blieb einfach der alte Gregor, wobei Toni nicht ganz verstand, was diese Verwandlung ausgelöst hatte.

"Ist schon echt lustig, dass wir uns ausgerechnet hier wieder treffen," meinte Gregor und lachte einmal. "Was hat dich denn hier in den hohen Norden verschlagen."

"Ich musste einfach raus von Zuhause," erwiderte Toni und als er Gregor dabei ansah, wurde ihm bewusst, dass dieser Satz für ihn bestimmt auch noch andere andere Bedeutung hatte, als die offensichtliche. Denn schließlich war es Gregor, mit dem unglaublichen Gedächtnis.

Und kaum hatte Toni die Worte ausgesprochen, da flackerte auch schon die Erkenntnis in seinen Augen auf. "Ja... ach ja," erwiderte er und Toni konnte sich nicht dagegen wehren, rot zu werden und auch, wenn es sicherlich komisch aussah, wandte er trotzdem lieber den Kopf ab.

Eine Sekunde blieb es still zwischen ihnen, dann räusperte Gregor sich einmal. "Und, was machst du jetzt?" lenkte er das Gesprächsthema wieder auf etwas Unverfängliches. "Was studierst du?"

"Medienwissenschaften," antwortete Toni. "Und du? Geschichte? Wie du es wolltest?" erkundigte er sich und war fast ein wenig stolz auf die Tatsache, dass ihm auch etwas von damals eingefallen war.

Gregor nickte. "Ja. Im Hauptfach. Und im Nebenfach BWL. Daher kenn ich auch Patrick von grade. Nicht, dass mich das Zeug interessiert, aber mein Vater bestand darauf. Und da er grade noch das Geld hat und ich nicht, kann ich da halt auch nicht nein sagen." Er schnitt eine Grimasse. "Deswegen musste ich auch noch ne Hotelier-Ausbildung bei uns machen, bevor ich studieren gehen konnte. Aber na ja," er zuckte einmal kurz mit den Schultern. "Letztendlich ist es das alles wert gewesen."

Sie unterhielten sich noch eine ganze Zeit über ihr Studium, ihre Vorlesungen, ihre Dozenten, die Leute aus ihrem Semester und vermieden alle andere Themen. Vermutlich dachte Gregor genau das Gleiche wie Toni, dass sie einfach nur oberflächlich befreundet sein und deswegen auch nur über eher oberfläche Dinge reden sollten. Und obwohl Toni das Gefühl hatte, dass die Sachen von damals trotz allem über ihnen schwebten, unterhielt er sich echt gerne mit Gregor und merkte dabei gar nicht, wie die Zeit vorbei flog.

Die Kneipe leerte sich bis nur noch eine Handvoll Leute da waren, die aber um zwei Uhr auch vor die Tür gesetzt wurden.
Natürlich zogen die meisten jetzt weiter aber Toni empfand es als besser, den Abend jetzt zu beenden. Auch, wenn Julian und Linus ihn noch zum Mitkommen aufforderten. Aber als er nein sagte, hakten sie gar nicht weiter nach, sondern verabschiedeten sich nur und gingen zurück zu den zwei Frauen, die sie heute kennengelernt hatten.

Aber Gregor hatte genau den gleichen Gedanken gehabt. "So, Zeit nach Hause zu gehen, Mach'sgut," sagte er einfach und lächelte Toni noch einmal an, bevor er ging. Sie mussten in unterschiedliche Richtungen und es dauerte eine Weile bis Toni, der Gregor noch eine ganze Weile hinterher gesehen hatte, sich aufraffen und ebenfalls auf den Nachhauseweg machen konnte.

Er versuchte gar nicht erst, zur Haltestelle zu gehen, entweder fuhr sowieso kein Bus mehr oder er würde eine Wartezeit von mindestens einer Stunde haben und in dieser Zeit wäre er schon fast zweimal wieder zuhause gewesen.

Also ging er los und natürlich beschäftigten sich seine Gedanken ausschließlich mit Gregor und dem heutigen Abend. Und vorallem diese Vertrautheit, die er die ganze Zeit gespürt hatte, während sie sich unterhalten hatten. Was sicher einfach daran lag, dass er Gregor damals ziemlich viel von sich selbst anvertraut hatte, er wusste eindeutig mehr über ihn als Max, Lydia und Anna zusammen.

Also war es völlig in Ordnung, jetzt so zu denken, denn das kam schließlich vom alten Toni, dessen Existenz er akzeptieren aber eben nicht ausleben wollte. Und der heutige Abend war auch ein erster Schritt in die Richtung gewesen, zu Gregor ein freundschaftliches Verhältnis aufzubauen für weitere Treffen von Xenia und Anna. Der Plan ging also voll auf.

Während Toni durch die Straßen lief war er sich zwar des breiten Grinsens auf seinem Gesicht und dem warmen Gefühl in seinem Bauch bewusst, aber das war ja nur die Freude darüber, dass alles so gut lief.

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