6. Vierzehn

Kamilla hatte mit ihrem ,ein Stück bis zum See' ziemlich untertrieben denn tatsächlich war es noch eine halbe Stunde bis sie ihr Ziel erreichten. Oder es fühlte sich für Toni, der als echtes Großstadtkind bei solchen Entfernungen den Bus oder die Straßenbahn nahm und lange Fußmärsche über unebenes Gelände nicht wirklich gewohnt war, so an. Er war schon nach kurzer Zeit völlig verschwitzt weil die Sonne gnadenlos vom blitzblauen Himmel auf sie niederbrannte und als sie den Burgberg auf der westlichen Seite hinunterstiegen, wo es noch nicht einmal einen Schotterweg gab, stolperte er einige Male und konnte sich grade noch so eben fangen, bevor es ein Unglück gab, während Kamilla neben ihm den Abhang mit der Leichtigkeit einer Gämse meisterte. Wie es bei Gregor war konnte Toni nicht sagen, weil er konsequent drei oder vier Schritte hinter ihnen ging.

Glücklicherweise entkamen sie der unbarmherzigen Hitze dann endlich, als sie in das schattige Dickicht des Waldes eintauchten, der unmittelbar am Fuß des Burgbergs begann. Aber auch hier hatte Toni ganz schön mit dem ziemlich dichten Unterholz zu kämpfen. Doch die anstrengende Reise wurde dann schließlich mit einem wunderbaren Ziel belohnt: einem kleinen völlig einsam daliegenden See.

Kamilla und Gregor hatten in weiser Voraussicht ihre Badeklamotten bereits unter ihre anderen Sachen gezogen während Toni sich erst eine abgelegene Stelle suchen musste, an der er sich umziehen konnte.

Als er wieder zurück zum Ufer kam, plantschen Kamilla und Gregor bereits im Wasser. Toni war zwar schon in ein paar Seen geschwommen war aber trotzdem bei den ersten Schritten ins Wasser vorsichtig. Als der Boden dann aber plötzlich ein ganzes Stück abfiel kam das für ihn trotzdem völlig unerwartet, er stolperte und tauchte komplett unter. Das wenige Sonnenlicht, das durch die Baumkronen der sehr dicht stehenden Bäume am Ufer fiel hatte das Wasser nicht wirklich aufgewärmt und die Kälte versetzte Toni erst einmal einen heftigen Schock. Er schwamm so schnell wie möglich zurück an die Oberfläche und schnappte nach Luft.

Er hörte Gregor laut lachen und hätte auch sofort mitgelacht, weil, jetzt, wo er sich vom ersten Schrecken erholt hatte, fand er das Ganze eigentlich auch ziemlich lustig, wenn das Lachen nicht so gehässig gewesen wäre.

Kamilla kam hastig zu ihm hingeschwommen. "Hast du dir weh getan?" fragte sie besorgt und schlug dann die Augen nieder. "Ich hätte dich warnen müssen. Es tut mir Leid."

Jetzt gelang Toni es doch zu lachen. "Nein, alles gut, ist ja nichts passiert," beruhigte er sie.

Sie sah ihn ernst an. "Wirklich?"

"Wirklich, ehrlich!" versprach Toni und zum Beweis dafür schwamm er einmal um Kamilla herum. "Siehst du?" Und da war sie dann wieder beruhigt und bedachte ihn mit ihrem scheuen Lächeln.

Da das hier nicht das Schwimmbad in der Stadt war und Kamilla weder Max noch Lydia blieb alles ruhiger, als Toni es gewohnt war. Er sprang zwar ein paar Mal von dem Baumstamm, der quer über dem Wasser hing, aber da Kamilla nicht dazu zu bewegen war, mitzumachen und immer nur ein bisschen quietschte, wenn er neben ihr aufkam und sie einen Schwall Wasser abbekam, verlor er irgendwann die Lust.

Und Gregor, der vielleicht mitgesprungen wäre, wenn er nicht aus irgendwelchen Gründen etwas gegen Toni hatte, war ans andere Ende des Sees geschwommen.

"Sag mal, was hat er eigentlich für ein Problem mit mir?" erkundigte Toni sich bei Kamilla als sie für eine kurze Verschnaufpause ans Ufer geschwommen waren und auf ihren Handtüchern in einem Sonnenfleck saßen und Gregor beobachteten, der sich in sicherer Entfernung von ihnen im Wasser treiben ließ.

"Ich weiß es nicht," antwortete Kamilla. "Aber selbst, wenn ich es wüsste, dann will ich mich in so etwas nicht einmischen."

"Ich habe ihm absolut gar nichts getan," beschwerte Toni sich. "Ich hab noch nichtmals n Wort mit ihm gewechselt! Er hat also kein Recht, sich so scheiße zu verhalten!"

"Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich dazu sagen soll," murmelte Kamilla und da entschied Toni sich, dass der Tag viel zu schön war, sich wegen so etwas aufzuregen. Wer war Gregor denn schon?

Sie waren jetzt wieder einigermaßen aufgewärmt und gingen zurück ins Wasser, um noch ein wenig zu schwimmen, denn die vernünftige Kamilla hatte nach einem Blick auf ihre im Gras liegende Armbanduhr festgestellt, dass sie sich bald auf den Weg zurück machen mussten.

Toni stellte fest, wie wunderbar es war, sich auf den Rücken zu legen, zu den Baumkronen hinaufzublicken, zwischen denen in unregelmäßigen Abständen die Sonnenstrahlen hindurchblitzten und auf das leise Plätschern des Wassers und dem Rauschen der Bäume zu lauschen.

Nachher schwammen sie noch einmal zum gegenüberliegenden Ufer und zurück, was nicht besonders lange dauerte, da der See nicht sehr groß war. Und da sie beide sich so leise verhielten konnten sie noch ein paar Enten beobachten.

"Ich sag Gregor eben Bescheid, dass wir jetzt gehen," informierte Kamilla Toni, als sie auf Gregors Höhe angekommen waren, der sich seit der Zeit, die sie jetzt hier waren, kaum von der Stelle bewegt und sich, da war Toni fest von überzeugt, zu Tode gelangweilt hatte.

Er folgte Kamilla natürlich nicht, sondern schwamm zurück zum Ufer und trocknete sich kurz mit seinem Handtuch ab. Dann stopfte er es zusammen mit seiner Hose in den Rucksack und behielt stattdessen seine Badeshorts an. Wenn sie gleich in der Sonne zurückgingen, würde sie im Nu wieder trocken sein und bis dahin würde sie für ein wenig Kühle sorgen. Er hatte zwar eine Menge Spaß gehabt, aber das kilometertiefe Loch in seinem Magen war wieder da und jetzt war er nur noch froh, dass es zurück zur Burg ging.

Natürlich schwamm Gregor ein ganzes Stück hinter Kamilla her und ließ sich dann Zeit damit, seine Sachen zusammenzupacken. Wenn es nach Toni gegangen wäre, dann hätten sie gar nicht auf ihn gewartet, doch Kamilla sah das natürlich anders und Toni, der seinem Orientierungssinn nicht wirklich vertraute, folgte ihrem Beispiel widerwillig. Mit dem Ergebnis, dass Gregor mit riesigen Schritten losstürmte und ihnen schon ein ganzes Stück voraus war, als sie aus dem Wald kamen. Toni hörte Kamilla neben ihm einmal tief aufseufzen und er hätte sie jetzt gerne noch einmal nach ihrer Meinung gefragt, aber inzwischen konnte er sie gut genug einschätzen um zu wissen, dass dabei sowieso nichts herauskommen würde.

Der anstrengende Weg hin, der anstrengende Weg zurück und dazwischen das stundenlange Schwimmen forderten ihren Tribut von Toni, sodass er direkt nach dem Abendessen ins Bett ging und sofort einschlief, nachdem sein Kopf das Kissen berührt hatte.

Als er am nächsten Morgen wieder von Stimmengerwirr geweckt wurde, interessierte ihn das nicht mehr sonderlich, denn er wusste ja jetzt was es war und er würde unter der Woche bestimmt jeden Tag von diesen Stimmen geweckt werden, weil das vermutlich eine von den Burgtouren war, die Johann erwähnt hatte.

Im Gegensatz zu gestern hatte Toni jetzt noch nicht wirklich Lust, aufzustehen. Erst einmal, weil in den Ferien lange schlafen für ihn unbedingt dazu gehörte und dann, weil er einen ziemlichen Muskelkater vom Schwimmen hatte. Natürlich, schließlich war er kein besonderer Fan von Sport und schon gar nicht vom Schulsport und hatte sich gestern mehr als üblich bewegt.

Also drehte er sich auf die Seite und schloß die Augen, aber er merkte schon nach fünf Sekunden, dass er defintiv zu wach war, um wieder einzuschlafen. Also öffnete er die Augen wieder und starrte stattdessen die Wand an, während er nachdachte.

Kamilla war ja wirklich ein nettes Mädchen aber so ruhig und irgendwie auch ziemlich langweilig. Wenn er jetzt für den Rest der Ferien mit ihr herumhing, dann würde es hier doch noch richtig öde werden.

Johann stellte auch keine wirkliche Alternative dar. Immerhin war er, so schätzte Toni jedenfalls, zwei Jahre älter als er und als er das letzte Mal mit Leuten zu tun gehabt hatte, die zwei Jahre älter gewesen waren, war es nicht nur unglaublich schwer gewesen, so zu tun, als wäre er auch schon so erwachsen und lässig wie sie, er hatte sich auch, kurz nach seinem vierzehnten Geburstag, in dem verzweifelten Versuch, anerkannt zu werden, ziemlich heftig betrunken. Dafür bekam er dann von seiner Mutter nicht nur eine Ohrfeige, die sich gewaschen hatte, sondern obendrein noch drei Wochen Hausarrest und wenn ihn das nicht beeindruckt hätte, einen ganzen Tag kotzend über dem Klo zu hängen und nichts essen zu können, obwohl ihm vor Hunger schwindelig gewesen wäre, wenn das nicht der Kater für ihn übernommen hätte, hätten es dann sicher getan.

Und wenn er nicht ins Dorf hinuntergehen und wie ein totaler Idiot irgendwelche fremden Leute in seinem Alter ansprechen wollte, blieb wohl nur noch Gregor. Er machte auf Toni zwar den Eindruck, als würde er den ganzen Tag nur mit einem Gesicht wie sieben Tage Regenwetter herumlaufen, worauf er auch nicht wirklich Lust hatte, aber vielleicht lag das auch einfach nur daran, dass er wer weiß was gegen Toni hatte.

Der hatte sich inzwischen dagegen entschieden, ihn direkt drauf anzusprechen. Keine Ahnung, wie er herausfinden konnte, ob er sich mit ihm nicht doch ganz gut verstehen würde, wenn Gregor endlich wieder klarkam, aber hinterherlaufen würde er ihm jedenfalls nicht.

Also blieb dann doch erst mal nur Kamilla übrig, aber als sie aus der Schule nach Hause kam, war sie noch stiller als sonst und verschwand direkt nach dem Essen in ihr Zimmer.

"Stör sie jetzt besser nicht," sagte Thorsten, der heute für das Mittagsessen zuständig gewesen war, zu Toni. "Sie braucht jetzt ihre Ruhe." Weiter ging er nicht darauf ein und Toni hakte auch nicht nach. Er würde ja sowieso nicht mehr aus seinem Onkel herausbekommen. Es war schließlich eindeutig, von wem Kamilla ihr stilles Wesen geerbt hatte.

Er stand jetzt also ganz alleine da und für einen Moment regte sich in ihm der Protest. Er war hier schließlich Gast, sollte man sich da nicht darum kümmern, dass er angemessen unterhalten wurde? Andererseits, wenn er sich jetzt beschwerte, dann würde er vielleicht für irgendeine Arbeit eingespannt werden. Es war nicht schwer zu sehen, dass eine Gärtnerei zu betreiben ziemlich aufwendig war.

Und damit er nicht zufällig in die Schusslinie geriet weil er hier untätig herumsaß, schnappte er sich sein Buch mit dem Vorsatz, in seine Ecke mit dem Baum zu gehen und diesmal wirklich etwas zu lesen. Draußen war allerdings viel zu viel los für ungestörtes Lesen. Überall liefen Leute herum, es wurde gehämmert und gebohrt um die Burg touristengerecht fertig zu machen. Und die Touristen, die jetzt schon da waren, liefen in dem ganzen Getümmel auch noch herum, diesmal geführt von Johann, der Toni einmal zunickte, als er an ihm vorbeikam.

Unschlüssig, was er jetzt machen sollte, schlenderte Toni ein wenig herum und beobachtete, was so um ihn herum passierte. Bis er um die Ecke bog und so heftig mit jemandem zusammenstieß, dass er zurückprallte und ihm sein Buch aus der Hand auf den Boden fiel.

Toni hatte noch nie wirklich über Schicksal nachgedacht, aber dass er hier ausgerechnet mit Gregor zusammenstieß, das war sicher Schicksal. Er war unschlüssig, was er jetzt machen sollte, während Gregor ihn mit seinem üblichen wütenden Blick anstarrte. Allerdings verfehlte dieser diesmal seine Wirkung. Vermutlich, weil er dafür einfach zu verheult aussah. Seine Augen waren rot und geschwollen und ihm liefen immer noch Tränen über die Wangen. Heftig wandte er sich von Toni ab und rannte weiter.

Toni hob hastig sein Buch auf und folgte ihm. Bei Gregor war eindeutig mehr im Gange als irrationaler Hass und er würde dieses Missverständnis jetzt erst einmal aufklären.

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