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                                                      ANNA

Wir sind schon eine Weile in dem modrig riechenden Tunnel unterwegs. Zu unserem Glück waren ein paar alte Fackeln an den Wänden. Ich dachte wirklich nicht, das diese noch ihren Sinn erfüllen, aber als Lexa sie dann mit einem Spruch entzündet hat, war ich überrascht und erleichtert. Denn im Dunkeln hier entlang zu spazieren, könnte gefährlich werden. Da nun auch Nathan keine Superkräfte mehr hat und wir eigentlich nur zwei Hexen und ein menschgewordener Vampir auf Umwegen sind, bin ich froh dass wir etwas Licht haben, das uns den Weg erleuchtet. Auch wenn es nicht gerade viel ist, reicht es aus, um einen Schritt nach dem anderen machen zu können und dabei zu sehen wo man hintritt. Der Boden knirscht unter unseren Füßen und keiner von uns spricht auch nur ein Wort.
Dann plötzlich stoppt Nathan und hält seine Hand hoch. Ein Zeichen, das wir anhalten sollen. Als er sich sicher ist, dass wir auf sein Zeichen reagieren und uns nicht mehr von Fleck rühren, geht er langsam in die Knie und greift nach einem kleinen Stein, der vor uns auf dem Boden liegt. Dann stellt er sich wieder neben uns und nimmt den Stein in seine Hand. Er wirft ihn ein paar mal spielend nach oben und fängt ihn dann wieder. Dann umschließt er ihn mit seinen Fingern und wirft ihn in die Dunkelheit des Tunnels.
Wir alle warten auf dieses eine Geräusch. Das Geräusch, dass ein Gegenstand macht, wenn er auf einem Untergrund aufkommt. Doch nichts. Sekunden vergehen und ich höre nichts. Mein Blick richtet sich zu Nathan, denn nur er scheint nicht verwundert darüber zu sein.

„Okay. Ihr werdet jetzt so schnell laufen wie ihr nur könnt. Und wenn ich sage das ihr springen sollt. Dann springt ihr. Keine verfickte Sekunde später oder früher. Habt ihr mich verstanden?“

Er verunsichert nicht nur mich mit diesem Befehlston, denn auch Lexa sieht mich an, als würde sie sich ebenfalls so fühlen wie ich. Verunsichert, eingeschüchtert und etwas ängstlich. Doch ich weiß auch, dass es etwas bedeutet, wenn er so ernst ist. Er nickt uns zu. Die Fackel in seiner Hand und bereit loszulaufen. Und auch wir nicken. Wir sind bereit. Was auch immer uns bevorstehen mag. Und schon laufen wir. Wir laufen so schnell uns unsere Beine tragen können. Und dann, wie ein Schrei nach Leben ruft er uns zu.

„JETZT!“

Unsere Füße heben sich vom Untergrund und unsere Körper heben in die Dunkelheit ab. In eine Dunkelheit, die mir das Ziel vorenthält. Und dann. Ohne Vorwarnung. Ohne auch nur ein Zeichen, spüre ich einen schmerzhaften Schlag auf meinen Brustkorb. Ohne großartig darüber nachzudenken, schließe ich meine Hände um das, was sich vor meinem Brustkorb befindet. Meine Füße suchen nach Halt, doch ich rutsche immer wieder ab und kann mich nur mit meinen Händen festhalten. Um mich herum ist alles dunkel und ich erkenne rein gar nichts. Es fühlt sich jedoch so an, als hätte ich es nicht geschafft. Als wäre ich nicht weit genug gesprungen und irgendwo gelandet, wo ich eigentlich nicht landen sollte.

„ANNA!“

Ich höre verzweifelte Schreie. Dann höre ich, wie jemand auf mich zukommt. Ich sehe noch immer nichts. Das einzige was ich fühle ist, wie sich meine Hände immer weiter lösen und meine Kraft weniger wird. Die Schmerzen in meinem Brustkorb und der rutschige Untergrund, lassen mich die Hoffnung verlieren, dass ich hier wieder lebend rauskomme. Doch dann. Eine Hand die sich um meinen Unterarm schließt und mich nach oben zieht. Ich versuche so gut es geht mitzuhelfen. Dann, endlich habe ich wieder festen Untergrund unter meinen Füßen. Ich bin überglücklich und löse mich von den starken Armen, die mich nach oben gezogen haben.

„Danke Nathan. Nicht mehr lange und ich wäre abgestürzt.“

Zu meiner Enttäuschung bekomme ich keine Antwort. Ich kann nur ein leises Atemgeräusch wahrnehmen. Langsam bekomme ich Panik. Was ist hier los? Plötzlich höre ich die Schreie mit meinem Namen aus weiter Entfernung. Und schon bewegen sich meine Gedanken blitzschnell. Wenn Nathan und Lexa nach mir rufen, wer ist das dann vor mir? Und gerade als ich nach den beiden rufen will, packt mich dieser Jemand und hält die Hand vor meinen Mund. Ich versuche mich zu wehren. Ich trete und schlage um mich. Versuche die Kraft, die ich noch habe, aufzuwenden, aber er ist viel stärker als ich. Der Druck seiner Umklammerung ist so fest, dass ich Schwierigkeiten habe Luft zu bekommen. Es dauert nicht lange, dann ist alles schwarz um mich herum.

Ich werde geweckt vom metallischen Geschmack in meinem Mund. Mein Brustkorb schmerzt noch immer und meine Zähne klappern vor Kälte. Langsam komme ich wieder zu mir und kann den nassen kalten Boden unter meinem Körper spüren. Meine Lider sind schwer und ich versuche mit aller Kraft sie zu öffnen. Es dauert einige Sekunden, bis sich meine Augen an das schwache Licht gewöhnt haben. Erst dann erkenne ich diesen Ort und auch dieses Gesicht vor meinen Augen. Es ist das Loch, in das ich mich teleportiert habe, um mit Luna zu sprechen. Und dann sind da noch diese wunderschönen blauen Augen, die mich betrachten als hätten sie mich noch nie gesehen. Es sind jedoch nicht die blauen Augen, in die ich mich verliebt habe. Denn diese blauen Augen sind leer. Sie haben kein Leben. Kein Herz. Keinen Verstand und doch ist es so unwirklich für mich, dass ich seinen Namen über meine Lippen flüstere. Ein Funke Hoffnung. Der Funke Hoffnung, dass er sich an mich erinnern kann. Das es alles nicht wahr ist und er noch immer Gefühle für mich in sich trägt.

„Alex.“

Seine Augen weiten sich, bevor er wieder zu dem kalten Blick zurückfindet. Er starrt mich an und spricht kein einziges Wort. Langsam versuche ich mich aufzurichten. Ich versuche auf meine Füße zu kommen und mit etwas Kraft schaffe ich es. Doch Alex tritt jetzt einen Schritt zurück. Mein Blick ist noch immer auf ihn gerichtet und auch er lässt mich nicht aus den Augen.

„Alex. Wo bin ich hier? Was soll das?“

Ich kann nicht anders. Ich weiß nicht einmal wie sich jemand verhält, der keine Seele hat. Kann er mich hören? Kann er mit mir sprechen? Und mit einem Schlag hat sich meine Frage beantwortet.

„Es ist nicht wichtig, wo du bist oder was das soll.“

Was für ein arroganter besserwisserische Arsch. Wäre ich nicht von seinem Aussehen so verwirrt, würde ich ihm jetzt liebend gerne meine Faust in das Gesicht rammen. Aber ich kann nicht. Außerdem hätte ich sowieso keine Chance. Dann kommt er auf mich zu und sein Atem streift meine Stirn. Er ist so nahe und doch so fern. Das letzte Mal als ich ihm so nahe war, wollte er mich umbringen. Doch ich komme nicht davon ab, dass ich für diesen Körper Gefühle habe. Okay, er ist leer. Aber ich kann es nicht abschalten. Ich kann meinem Sehsinn nicht sagen, er soll aufhören Alex zu sehen. Also versuche ich es auf die andere Art und dabei kann ich meine Tränen nicht länger zurück halten. Ich kann meine Wut, die Trauer und meine Enttäuschung nicht länger vor ihm verstecken.

„Alex, bitte. Du musst dich doch an mich erinnern. Du musst doch auch etwas empfinden? Du hast doch noch dein Herz. Ist das nichts wert? Sind dort nicht auch deine Gefühle? Bitte, Alex. Ich kann dir helfen. Ich kann dir deine Seele wieder zurückgeben. Bitte lass es mich versuchen.“

Sein leerer Blick ist noch immer auf mich gerichtet und ich gebe die Hoffnung schon fast auf. Fast. Denn, als sich seine Hand langsam auf meinen Nacken legt und er mich zu sich zieht spüre ich Hoffnung. Dann berühren sich endlich unsere Lippen. Seine Lippen auf den meinen. Doch irgendetwas ist anders. Sein Kuss ist wilder und härter als je zuvor. Dann packt er mich an meinen Oberarmen und drückt mich mit meinem Rücken an die kalte Felsenwand. Er tut mir weh.
Ich kann keinerlei Gefühle in diesem Kuss spüren, außer vielleicht Wut und Hass. Unter Tränen versuche ich mich zu wehren. Ich will, dass er damit aufhört. Dass er seinen festen Griff löst und mir nicht noch mehr Schmerzen zufügt. Doch er hört nicht auf. Ich versuche an meine Kräfte zu appelieren. Doch ich schaffe es nicht. Es ist, als hätte ich keine Kontrolle über meine Kräfte. Als würden sie eine Pause einlegen. Er drückt sein Knie zwischen meine Beine und sein Oberkörper drückt sich noch weiter an meinen. Ich versuche meinen Kopf zur Seite zu drehen, doch er lässt mich nicht. Er nimmt seine Hand und hält damit mein Kinn fest. Ich kann mich nicht mehr bewegen und schlage aus Reflex mit meiner, jetzt freien Hand, auf seine Brust. Mit letzter Kraft und schmerzerfüllter Stimme versuche ich nochmals auf ihn einzureden. Nochmals versuche ich meine Kräfte zu bündeln. Doch ich schaffe es nicht. Ich bin zu verwirrt. Zu schwach. Zu verletzt.

„Bitte Alex. Bitte hör auf. Bitte.“

Schluchzend und flehend bringe ich gerade noch so die Worte über meine Lippen bevor ich eine bekannte Stimme höre.

„Tja, Anna. Gefällt es dir, wie Alex nun meinen Worten folgt? Er ist wirklich einzigartig und so stark.“

Bevor er von mir ablässt, flüstert er noch ein „Schlampen wie du, müssen so behandelt werden.“ in mein Ohr. Mein Herz zerspringt dabei in tausend Stücke. Diese Worte von seinen Lippen sollten mich nicht so verletzen. Aber sie tun es. Sie verletzen mich. Auch wenn ich weiß, dass er nur eine seelenlose Hülle ist. Aber trotz allem sind es seine Lippen, über denen diese Worte kommen.
Zu allem Überfluss kann ich jetzt auch sehen, woher diese, mir bekannte Stimme kommt. Es ist Salivana und ihr durchgeknallter Marius. Sie stehen grinsend vor uns und blicken zwischen mir und Alex hin und her. Dann fängt Salivana lauthals an zu lachen.

„Tja, Anna. Gefällt es dir, wie Alex nun meinen Worten folgt? Er ist wirklich einzigartig und so stark.“

Nicht nur, dass sie eine arrogante Schlampe ist und mich damit noch mehr verletzen will, nein, nun legt sie auch noch ihre dreckigen Finger auf seine Brust und küsst ihn auf die Wange. Verdammt nochmal, ich werde sie einfach umbringen. Egal ob ich draufgehe. Am liebsten würde ich jetzt diese verdammten Lippen von ihrem Mund schneiden und ihr in die Kehle stopfen, damit sie daran erstickt. Diese verdammte Schlampe lässt mich so dermaßen wütend werden, dass ich mich kaum noch unter Kontrolle habe und doch kommen meine Kräfte nicht zum Vorschein. So, als würde ich nie welche gehabt haben.

„Bringt sie in die Gruft.“

Und dann packen mich Alex's Hände. Er zerrt mich nach sich. Ich versuche mich noch immer zu wehren, aber es funktioniert nicht. Ich habe nicht genug Kraft. Nicht gegen ihn. Er ist zu stark. Er schleift mich durch einen langen Gang, der durch Steine und Holzbalken gestützt ist. Ich schlage noch immer wie wild um mich. Doch nach einigen Minuten stockt mir der Atem. Ich denke, jetzt sind wir in dieser sogenannten Gruft. Wir stehen in einem riesigen Raum. Er ist so hoch, dass ich kaum eine Decke darüber erkennen kann. In der Mitte des Raums oder besser gesagt, der großen Höhle, steht ein steinerner Sarg. Er ist von so vielen Runen bedeckt, dass ein Mensch ohne Übernatürlichem Wissen, wahrscheinlich Jahre brauchen würde um ihn entziffern zu können. Überall an den Wänden sind brennende Fackeln befestigt und dann kann ich sie sehen. Luna. Sie ist an der Wand angekettet. Ihr Kopf hängt nur noch auf ihren Schultern. Ihr Haar ist strähnig. Ihre Haut blass. Als sie jedoch ihren Kopf hebt und mich erblickt, sehe ich so etwas wie einen kleinen Funken Lebensenergie in ihr.

Je näher wir ihr kommen, desto genauer kann ich erkennen, wie es um sie steht. Ihre Lippen sind bereits vollkommen aufgerissen und blutig. Mehrere dunkelblaue und rote Blutergüsse säumen ihre Arme. Die Äderchen in ihren Augen scheinen geplatzt zu sein und ihre Augen sind blutunterlaufen. Ihre Haut ist leichenblass und an ihrem Körper hängen nur noch die Reste eines weißen Kleides, das vollkommen verdreckt ist. Ihre Haare hängen in ihr leblos wirkendes Gesicht und verdecken die lange Narbe die sich darüber erstreckt. Dann schweift mein Blick von ihr ab und zu den Haken an der Wand neben Luna.
Alex kettet mich daran fest und ich versuche mich noch immer zu wehren. Doch er ist schneller und schon bin ich mit den Händen an die Wand gefesselt und kann mich nicht mehr bewegen. Jeweils eine Hand rechts und eine Hand links von meinem Körper. Dann höre ich Luna's schwache Stimme neben mir, die so leise ist, dass nur ich sie hören kann.

„Beruhige dich. Du wirst deine Energie noch brauchen.“

Wenn sie nur wüsste, dass meine Energie jetzt schon weg ist.

Alex hat mittlerweile seinen Platz neben Salivana und Marius eingenommen. Sie alle stehen vor diesem Sarkophag. Salivana`s Stimme durschneidet erneut die Luft und sie befiehlt ihnen, dieses Ding zu öffnen. Und als ihre Sklaven tun sie, was sie befiehlt. Ich weiß nicht was mir mehr wehtut. Das Alex keine Gefühle mehr für mich hat oder dass er Salivana`s Worten folgt. Beides gibt mir das Gefühl, dass mein Herz zerspringt.
Marius und Alex machen sich daran, die Abdeckung, die ebenfalls aus Stein ist, wegzuschieben. Sie stemmen sich, so wie es aussieht, mit all ihrer Kraft dagegen und der Gegenstand gibt auf. Er bewegt sich mit einem schleifenden Geräusch, bis er unter lautem Krach zu Boden fällt und in zwei Teile zerbricht.
Zu gerne würde ich wissen wollen, was sich tatsächlich in diesen Sarkophag befindet, doch ich kann nichts sehen. Das einzige, das ich erkenne, ist das siegessichere Lächeln von Salivana und somit vermute ich, dass sich Das darin befindet, was sie erwartet hat.
Daraufhin wendet sich Salivana Marius zu. Ihr Lächeln wirkt dabei falsch. Unecht. Böse. Verräterisch. Marius hingegen scheint dies nicht zu stören. Seine Augen wirken ebenso leer. Vielleicht hat auch er keine Seele mehr? Vielleicht ist auch er nur ein Gegenstand für Salivana? Marius scheint zu wissen, was sie von ihm verlangt und geht auf sechs goldene Schalen zu, die er vor ihr am Boden abgestellt hat. Daraufhin beginnt sie irgendetwas zu murmeln. Ein Zauber. Marius hält seine Hand über eine der Schalen und Salivana schneidet mit einem ebenso goldenen Dolch in seine Handfläche. Blut tropft daraufhin in diese Schale unter ihm. Ihr Sprechgesang geht weiter und auch Alex hält die Hand über die Schale. Sie schneidet in seine Handfläche und dabei kommt ein leises „Nein“ über meine Lippen. Jedoch scheint es keiner von ihnen wahrgenommen zu haben. Alex`s Blut tropft ebenso in eine weitere Schale. Dann kommt sie auf uns zu. Ihr boshaftes Lächeln liegt noch immer auf ihrem Gesicht und der Hass auf sie wächst mit jedem ihrer Schritte.
Zuerst bewegt sie sich auf Luna zu. Sie packt ihren Fußknöchel und stellt ihn in die Schale. Ich sehe, dass Luna versucht sich zu wehren, aber ich erkenne auch, dass sie keine Kraft mehr hat. Die Frage, die sich mir stellt, wieso sie Luna`s Blut braucht? Ich dachte, sie braucht das Blut einer Bathory und einer Hexe und ich bin beides.
Doch meine Fragen verstummen für einen weiteren Moment, indem sie mit dem Dolch in Luna`s Wade schneidet und daraufhin ihr Blut an ihrem Bein hinunterläuft und sich ebenfalls in der Schale sammelt.

Ich brauche nicht lange, um zu wissen, dass ich die Nächste bin. Obwohl ich dachte, dass sie schon längst genug Blut von mir haben müsste, scheint sie noch immer welches für dieses Ritual zu benötigen. Ich versuche mich zu wehren. Doch ich bin zu schwach. Sie hält die Schale unter mein Handgelenk und ritzt auch dort in meine Haut. Grob. Schmerzhaft. Aber ich versuche diesen Schmerz zu verstecken. Die Genugtuung werde ich ihr nicht geben. Niemals. Sie stellt die Schale am Boden ab und ich blicke auf mein Blut, das in regelmäßigen Tropfen in die Schale fällt.
Und dann, ohne Vorwarnung höre ich eine Stimme. Eine Stimme, die bis in mein Herz dringt. Es ist Nathan's Stimme. Er flucht und scheint sich zur Wehr zu setzen. Dann taucht er hinter einer weiteren Steinwand auf und ich sehe, wie Alex ihn nach sich zerrt. Seine Hände sind gefesselt, so wie die meinen. Doch was mich am meisten irritiert, ist Lexa, die aussieht als würde sie Alex`s freiwillig folgen. Ich suche ihren Blick, doch sie senkt ihren Kopf, um daraufhin mit einem todbringenden Ausdruck in den Augen auf mich zu blicken. So Böse. So Dunkel. Ich kann plötzlich ihre Aura erkennen. Ich konnte noch nie ihre Aura sehen. Doch ich spüre, wie Kälte meinen Körper überzieht. Sie ist böse. Vorallem die nächste Szene vor mir, lässt mich nach Luft schnappen und einen Fluch über meine Lippen bringen, als sie auf Salivana zukommt und sich ein kaltes Lächeln auf ihre Lippen legt.

„Lexa, was machst du da?“

Ich kann mich nicht länger zurückhalten. Ich brauche Antworten. Auch wenn ich sie bereits zu wissen glaube.
„Denkst du wirklich ich würde euch hier reinlassen, wenn ich nicht noch einen Joker im Ärmel hätte? Ich wusste, dass du naiv bist, aber dann auch noch so dumm, mich zu unterschätzen...“

Ein tadelndes Zischen kommt über Salivana`s Lippen, während sie mich wieder mit diesem abschätzigen Blick betrachtet. Lexa hingegen schweigt.

„Ich plane das hier schon Jahre und ich musste sicher sein, dass sich mir niemand in den Weg stellt. Also habe ich Lexa unter meinen Schutz genommen. Ich habe ihr gezeigt, zu was sie alles fähig ist, wenn sie sich nur von diesem langweiligem Guten abwendet. Und nun bin ich meinem Sieg so nahe. Ich habe dank Nathan`s Dummheit nun auch Menschenblut.“ Nun wendet sie sich Nathan zu, der meinen Blick sucht und mich mitfühlend betrachtet. Danach richtet sich dein Blick hasserfüllt auf Salivana, die ihn belächelt. „Du warst fast soweit, dass du es geschafft hättest dich meinen Zauber zu widersetzen. Daraufhin habe ich meinen Plan geändert und dich aufgehalten, indem Lexa dich zu einem Menschen gemacht hat.“


„Nathan, denkst du wirklich, ich hätte einfach so zugelassen, dass du Rache an mir üben kannst? Du bist genauso naiv wie unsere kleine Anna, hier. Es war alles geplant. Nur ein Kuss von Anna kann dir deine Vergangenheit wieder zurückgeben. Und da du jetzt ein Mensch bist, würde ich gerne dein Blut haben.“

Sie nickt Alex zu, der Nathan noch immer festhält und dieser versenkt seine Zähne in Nathans Handgelenk. Es dauert keine Sekunde und das dunkelrote Blut bahnt sich seinen Weg. Alex schleift ihn nach sich und hält seine Hand über eine der Schalen. Dann versuche ich meine Kräfte zu sammeln.

„Viel Spaß bei der Suche nach deinem Vampirblut. Ich werde ihn sicherlich nicht küssen.“

Ich hasse diesen Ausdruck auf ihrem Gesicht. Dieses selbstgefällige, hässliche Lächeln, als sie Marius einen Blick zuwirft und ein kaltes „Bring sie her“ über ihre Lippen bringt. Wie erwartet, folgt Marius ihren Worten wie ein Lakai und taucht wenige Sekunden später aus einem der Zugänge auf. Mein Herz stoppt. Ich bin zu geschockt, um etwas sagen zu können. Denn in einem festen Griff an ihrem Oberarm, zerrt er Melina nach sich. Um ihre Handgelenke und Fußfessel liegt eine silberne Kette. An ihrer Kleidung klebt eingetrocknetes Blut. Ihre Augen wirken müde, obwohl ich sie noch nie so gesehen habe und nicht dachte, dass ein Vampir jemals müde wirken kann. Sie versucht sich nicht einmal zu wehren, was mir beweist, dass sie keine Energie mehr hat. Als Nathan sie erblickt, kommt ein wütender Laut über seine Lippen. Er versucht sich zu wehren, doch Alex ist stärker und Nathan hat als Mensch keine Chance.

„Warum? Warum, willst du das? Warum?“

Meine verzweifelten Worte hallen an den Tunnelwänden wider.

„Weil ich es satt bin, immer nach den Regeln zu leben und weil ich Rache will. Und jetzt habe ich alles was ich brauche. Ich habe eine Hexe, deren Ahnen Nathan dabei geholfen haben, diese Gruft zu verriegeln und die mir nun geholfen hat, die Gruft wieder zugänglich zu machen. Ich habe einen Menschen, dessen Blut zu Elisabeth`s Verwandlung beigetragen hat. Ich habe einen Vampir, der ebenfalls von der Blutlinie abstammt, die dafür verantwortlich war. Dann habe ich einen Jäger, der ein Nachfahre der Bathory ist. Eine Bathorynachfahrin und Hexe, in deren Blut Lexa vorhin, bei einem vermeintlichen Zauber den Bathoryanteil darin erhöht hat.“

„Was?“

Schockiert und perplex blicke ich zu Lexa, die ein Grinsen auf ihre Züge legt.

„Schon richtig gehört. Glaubst du wirklich dieser Zauber hätte nicht auch noch einen Haken gehabt. Auch die anderen Zauber. Mit jedem den wir gesprochen haben, habe ich dein Blut immer mehr und mehr in Bathoryblut verwandelt und somit auf das Ritual vorbereitet.“

Ich schüttle meinen Kopf in der Hoffnung die Schuld vertreiben zu können. Vergebens. Salivana lächelt ebenfalls und blickt danach wieder zu mir.

„Ich sagte ja, wir haben es geplant und du hilfst uns sogar noch dabei. Ich habe nun auch noch den zweiten Teil des Amuletts, das nur eine Bathory wieder zurück in die Gruft bringen konnte.“

Sie kommt auf mich zu und mit einem Ruck zieht sie am Amulett, das mir vorhin Lexa gegeben hat vom Hals. Das Amulett, dass mir helfen hätte sollen Alex zu finden. Und ich dachte wirklich es würde funktionieren, es hat vorhin aufgeleuchtet, als Alex mir nahe war. Nur in der Gruft nicht mehr. So als würde der Zauber hier nicht funktionieren. Wie denn auch? Lexa hat mich betrogen. Sie hat mich hintergangen. Ich will garnicht daran denken, was sie noch alles gemacht hat.
Mein Nacken schmerzt, als sich die Kette in meine Haut schnürrt. Aber zu meinem Glück oder eher Pech, löst sich der Stein bevor die Kette reißt. Das Gefühl, das sich in meiner Brust breit macht ist kaum zu beschreiben. Ich fühle Schuld. Ich fühle mich so dumm. So naiv.

„Wieso zurück?“

„Weil Nathan so geschickt war, das Amulett in zwei Teile zu brechen und auf den zweiten Teil einen Zauber legen zu lassen, der bewirkt, dass nur eine Bathory mit diesem Amulett wieder in die Gruft zurückkehren kann. Ich danke dir dafür. Und ich danke dir auch dafür, dass Alex uns jetzt so freiwillig ergeben ist. Denn er ist ebenfalls ein wichtiges Puzzleteil. Er stammt von der Blutlinie ab, dessen Biss für Elisabeth`s Verwandlung zum Wolf verantwortlich ist. Ich bin also doppelt abgesichert. Jeder von euch hat eine Verbindung mit Elisabeth und deswegen wird dieses Ritual auch funktionieren und ich werde unbesiegbar sein.“

Ich schüttle meinen Kopf und versuche, auch wenn ich keine Hoffnung habe, an Lexa zu appelieren. Irgendetwas Gutes muss doch noch in ihr sein. Ich hatte immer das Gefühl, ich könnte ihr vertrauen. Doch wieder einmal hat mich mein Gefühl getäuscht.

„Lexa. Das kannst du nicht zulassen. Bitte.“

„Ich kann alles was ich will.“

Sie schüttelt den Kopf und widmet sich nun Melina. Sie schneidet ihr ebenfalls mit dem Dolch in ihre Handfläche, sodass Blut in die goldene Schale tropft. Ich bekomme Panik. Alles um mich verschwimmt und scheint in Zeitlupe an mir vorbeizulaufen. Ich blicke zu Luna, deren Lider geschlossen sind. Kein Wunder, dass sie bereits so ausgelaugt ist, wenn sie Salivana dafür benutzt hat, den Zauber zu brechen. Dann wandert mein Blick zu Nathan, der sich noch immer zu wehren versucht. Weiter zu Melina, die ebenfalls wie ein Sack Kartoffeln auf den Boden fällt, als Marius seinen Griff lockert und sich genug Blut in der Schale gesammelt zu haben scheint. Dann weiter zu Alex, der mit kaltem leeren Blick Salivana`s Befehlen folgt und Nathan in Zaum hält.

Ich muss etwas tun. Ich muss handeln. Ich muss meine Kraft irgendwie zum Leben erwecken, obwohl es mit diesem Chaos in meinen Kopf unmöglich sein wird meine Kräfte abzurufen. Ich habe ja so schon Probleme sie abzurufen. Doch jetzt. Jetzt versinkt alles im Chaos und meine Schuldgefühle scheinen mich zu ersticken. Bis Salivana wieder in einem Sprechgesange einfällt und meine Gedanken sich überschlagen. Ich muss etwas tun. Mit der Schuld auf meinen Schultern kann ich nicht einfach tatenlos zusehen. Also versuche ich die ganze Wut, die Entäuschung, die Trauer, den Hass, die Schuld, die Verzweiflung, auf meine Kräfte zu konzentrieren. Mein Blick trifft auf Nathan`s und ich weiß, was ich zu tun habe. Ich lasse die Energie fließen. Spüre, wie sie mich einnimmt. Wie ich mich ihr hingebe. Ich spüre die Hitze in meinem Körper. Spüre, wie sich meine Handflächen mit Flammen füllen. Mit einem Ruck reiße ich mich von den Ketten los, die unter meiner Kraft zu schwach geworden sind. Ohne zu zögern laufe ich auf Nathan zu. Doch bevor ich meine eigentliche Idee in die Tat umsetzen will, konzentriere ich meine ganze Energie auf meine Hände und schlage sie auf Alex`s Brust. All meine Kraft geht in diesen Schlag, obwohl es schmerzt, dass ich Alex damit wehtun werde. Doch ich tue es. Es ist die einzige Chance eine zu haben, um die zu retten, die mich retten wollten. Und tatsächlich. Alex wird nach hinten geschleudert. So, als hätte er nicht mit meiner Kraft gerechnet.
Gleich darauf nutze ich den Moment. Jetzt oder nie. Ich lasse mich auf meine Knie fallen, direkt vor Nathan, der ebenfalls am Boden kniet. Für einen Sekundenbruchteil blicke ich in seine Augen. Vielleicht um mir Mut zu machen. Doch ich muss es tun. Also presse ich meine Lippen auf Nathan`s. Fest. Hart. Voller Angst. Hilfesuchend. Und dennoch fühlt es sich falsch an. Es ist falsch. Aber es ist die einzige Möglichkeit Nathan`s Kraft zurückzuholen und somit seine Unterstützung. Er ist stärker als alle hier. Er kann Salivana aufhalten. Er muss mir helfen. Er muss uns alle retten. Schwer atmend löse ich mich von seinen Lippen. Die Hoffnung in mir lässt mich gebannt auf seine Augen blicken. Bitte Schicksal, lass mich nicht im Stich. Bitte.

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