7.

Nach der Vorstellungsrunde löste sich die Gemeinschaft wieder auf und Lucy beobachtete, wie die Hälfte der Patienten aus dem Gruppenraum verschwanden. Der erste der verschwand war Alec, er war vor Beendigung der Erlaubnis aufgestanden und schnellen Schrittes aus dem Raum verschwunden. Nachdenklich sah Lucy ihm nach und sah dann auf den kleinen Bären runter wobei sie sich fragte, was der Junge wohl hatte. Dann spürte sie eine Hand auf der Schulter, zuckte erschrocken zusammen und sah zu Zoe hinter, die sie anlächelte. „Na komm, ich mach dich dan mal mit den Regeln hier vertraut...“, lächelte sie und sah sich etwas im Gruppenraum um. „Also... Dieser Raum wird mit einer der Haupträume sein, damit du dich mit den anderen Patienten dieser Station auseinandersetzen kannst. Machst du es nicht freiwillig wirst du gezwungen. Das ist zum Beispiel für Steph echt schwer.“, seufzte diese und fuhr sich durch die Haare bevor sie zu dem im Holzschrank eingeschlossenen Fernseher sah. „Fernsehen dürfen wir abends eine Stunde, aber meistens nur Kinderfilme wegen Derek...“, meinte sie nachdenklich und sah dann auf die Uhr. „Bei deinem Alter musst du... halb neun im Bett sein glaube ich, der Nachtdienst kommt aller zwei Stunden und sieht nach wie es euch geht, wenn du eine Zimmergenossin bekommst.“, meinte sie und verließ dann den Gruppenraum um in die Küche zu gehen. Lucy folgte ihr schnell und sah sie verwundert an. Schlafenszeiten? Und wieso so früh? Wieso so wenig Zeit zum fernsehen? Sie persönlich hatte ja kein Problem damit, sie sah eh nicht gern fern sondern zeichnete während sie Musik hörte aber es klang ja schon recht seltsam.

„Hier am Kühlschrank hängt der Sitzplan für Frühstück, Mittag und Abendessen, den wir einhalten müssen. Und essen darfst du nur zu bestimmten Zeiten.“, erklärte Zoe und deutete auf den farblich gekennzeichneten Plan. Daneben hing eine Art Wochenplan auf dem „Tischdienst“ in geschwungenen Buchstaben die Überschrift bildeten. Darunter war eine Tabelle mit drei Spalten, in der ersten standen die Wochentage, in der zweiten Vorbereitung und in der dritten Nachbereitung. Je nach Wochentag standen andere Namen bei Vor-, und Nachbereitung, so verteilt, dass jeder einmal dran war. Lucy fand das ziemlich kitschig, hörte sich aber aufmerksam die Regeln an die Zoe erklärte, da sie sich keinen Ärger einbrocken wollte. Zoe erzählte von den wöchentlichen Kochabenden, den einzuhaltenden Therapien, die an einem gläsernen Plan an der Wand gegenüber der Küche aufgelistet waren, den Regeln auf dem Spielplatz im Innenhof, der Hausschule, den anderen Stationen, dem Verbot des körperlichen Kontaktes und der Beziehungen zwischen den Geschlechtern, die Lucy mehr als überflüssig fand.

„Achja, und weil du neu bist werden deine Sachen kontrolliert...“, brachte Zoe dann ein. Lucy starrte sie erschrocken an. Ihre Sachen sollten durchsucht werden. „Warum...?“, fragte sie dann leise und als das Mädchen ihr berichtete, es sei aus Sicherheitsgründen um alle zum selbstverletzen zu verwendenden Geräte zu entfernen zuckte sie zusammen und biss sich auf die Lippe. In den meisten ihrer Sachen hatte sie immer etwas versteckt, ob es eine kleine Packung Klingen in ihrem Portemonnaie war, ein Teppichmesser in ihrer Jackentasche oder auch nur ein Stück einer Spitzerklinge den sie in ihrem BH versteckte oder der einzelnen, in einem Pflaster versteckten Klinge die sie in der Hülle ihres Smartphones im Kartenschlitz versteckt hatte. „Achja und Handys dürfen wir hier auch nicht haben...“, meinte Zoe seufzend als Lucy ihres langsam hervor zog.

Eine neue Schwester betrat die Küche und betrachtete die beiden Mädchen bevor sie Lucy kurzerhand das Smartphone entriss und es ausschaltete. „Das bekommst du heute Abend zur Telefonzeit zurück.“, meinte diese lächelnd und verschwand wieder auf dem Gang. Halb panisch flüchtete Lucy in ihr Zimmer und schloss die Tür hinter sich, die ein abschließbares Schloss hatte. Ob die Schwestern die Erlaubnis hatte, Patienten einzusperren? Sie verspürte Angst bei diesem Gedanken und öffnete hastig ihren Kleiderschrank um ihre Klingen und ähnliches besser zu verstecken. Sie konnte es sich nicht vorstellen ohne diese, sie würde kaum eine Woche ohne aushalten, es war wie eine Sucht geworden. Sucht nach diesem kühlen Metall auf der Haut, Sucht nach dem fließenden Blut, Sucht nach dem schwindenden Druck und den hinterlassenen, meist im Laufe der Zeit tiefer werdenden Schnitten.

Schon beim bloßen Gedanken daran musste sie sich beherrschen keines der Verstecke auffallen zu lassen und sich nun damit zu befriedigen. Sie wusste nicht weshalb sie hier war, doch das würde sie sicher bald herausfinden. Und sie hatte Angst, die Zeit hier würde sich verlängern wenn sie sich selbst bereits am Anfang schadete.

„Jenko will dich sehen.“, entriss eine männliche Stimme Lucy wieder aus ihren Gedanken und sie drehte sich zum Türrahmen, in dem Alec mit monotoner Miene lehnte und ihr den kleinen Stoffbären zuwarf. Sie musste ihn in der Küche vergessen haben. „Danke...“, murmelte sie und ging langsam zur Tür. Scheinbar ihre Worte überhörend ging Alec wieder seines Weges und Lucy schritt langsam auf das Untersuchungszimmer zu, wo Jonker mit lächelnder Miene wartete und sie aufnahm. „Keine Sorge, das wird nur eine kleine Aufnahmeuntersuchung. Wiegen, messen und deine Wunden überprüfen, ob sie ordentlich verbunden sind und so weiter.“, begrüßte er sie lächelnd und schloss hinter ihr die Tür. Lucy fragte sich wozu der letzte Punkt gedacht war, wenn sie doch bereits im Krankenhaus untersucht wurde und sich die Ärzte sicher auch um ihre Wunden gekümmert hatten. „Dann mach dich bitte bis auf die Unterwäsche frei.“, lächelte der langhaarige Mann und Lucy schüttelte langsam aber bestimmt den Kopf. Ihr war die ganze Sache schon unangenehm genug, da brauchte sich dieser vermeintliche Psychiater nicht noch wie ein Pädophiler aufzuführen. „Ich bitte dich Lucy... Es ist wichtig...“, meinte er dann seufzend und machte einen Schritt auf sie zu, sie machte fast zeitgleich einen zurück in Richtung geschlossener Tür und beobachtete jede Reaktion des Mannes genau. Sie kam mit wenigen Menschen ziemlich gut klar, doch wenn es ein Mann in einem kleinen, engen, verschlossenen Raum war, der auch noch verlangte dass sie sich halb frei machte, so machte sie dies doch ziemlich fertig. „Nein!“, meldete sie sich nun zu Wort und spürte die aufsteigende Angst. Platzangst und Angst vor diesem Mann. Das schien er zu bemerken, denn er ging wieder zurück und setzte sich langsam auf die an der Wand stehenden Liege. „Gut... Dann mache ich dir ein Angebot. Wiegen und Messen werden wir mit deinen Sachen machen und du zeigst mir die Narben später. Einverstanden?“, fragte er ruhig. Lucy zögerte, ihr war die Sache nicht geheuer, obwohl es keine schlimme war, und schließlich willigte sie ein.

Kommentare

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    Der letzte Part war irgendwie, ich weiß nicht wie ich sagen soll, aber ich hab da echt mitgefühlt.

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    Wenigstens hat Lucy eine Freundin, die ihr alles erklärt. Warum muss sie sich bis auf die Unterwäsche ausziehen? Muss sie es, damit man sieht wo sie sich überall geritzt hat?

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