7.

Als sich der Sturm legte und somit auch wieder eine Funkverbindung mit Aloria hergestellt werden konnte, wurde die sofortige Rückkehr zur Kolonie angeordnet. Zum einem weil der Fund von Tarkub neue Wissenschaftliche Erkenntnisse liefern würde und weil ein detaillierter Bericht erforderlich war, immerhin waren drei Menschen bei der Expedition ums Leben gekommen. Die Wege der Teilnehmer trennten sich wieder und jeder ging seiner eigenen Tätigkeit nach. Gunnardson führte eine weitere Expedition über den Roten Planeten, De La Fuente und Monifa arbeiteten an der Auswertung ihrer Funde und Chung ging einen gänzlich anderen Weg. Bewegt durch die Erlebnisse in Tarkub gründete er einen eigenen Orden, den der Orden der Offenbarung nannte. Sein kurzes Haar ließ er länger wachsen und trug es offen, während er seinen immer länger werdenden Bart zu einem kunstvollen Zopf flocht. Er war bekannt dafür, dass er in den Straßen und auf den öffentlichen Plätzen darüber Predigte, dass der Mensch hier nichts verloren habe und bald den Zorn des Herren zu spüren bekommen werde. Immerhin wurde er im zweiten Garten Eden entrückt und sah die Zukunft. Das Schicksal der Stadt Tarkub, das er mit dem biblischen Babylon gleichsetzte, würde sich wiederholen, wenn nicht die Menschen ihre Stadt aufgeben und den Planeten verlassen sollten. Nur wenige Auserwählte sollten zurückbleiben und eben wie die Gonaii durch die wüsten Lande ziehen und über die Unberührtheit des Planeten wachen. Obwohl er von vielen belächelt wurde, schaffte er es dennoch eine große Zahl an Gläubigen um sich zu scharren. Besonders unter Neuankömmlingen, deren Träume auf ein besseres Leben in der Kolonie wie Seifenblasen platzten, fand er bald Gehör und somit wurde seine kirchliche Bewegung immer bekannter. Sehr bald zogen seine Predigten regelmäßig mehrere Hunderte Menschen an.

Monifa runzelte ihre Stirn, als sie zwei Proben miteinander verglich. Ein Blick auf die Dokumentation bestätigte ihre Vermutung. Sie hatte den Grund für den Untergang Tarkubs gefunden. Schnell erstellte sie einen Ausdruck ihrer Ergebnisse und rannte zu Farge ins Büro. »Was ist los? Sie sehen aus als hätten Sie ein Gespenst gesehen.«, begrüßte er seinen ungebetenen Besuch freundlich. Wortlos reichte sie ihm die Ergebnisse. Es war ein Vergleich mit den Gewebeproben der Mumie und den Sporen des Mooses, welches sie in der Höhle gefunden hatte. Doktor Farge überflog die Ausdrücke und alles Blut wich aus seinem Gesicht. Verstört sah er die junge Biologin an.

»Wissen Sie was das bedeutet?«, fragte er heiser.

»Ja! Sie müssen alle Teilnehmer der ersten Expedition umgehend unter Quarantäne stellen! Diese Sporen assimilieren jedes biologisches System, mit dem sie in Kontakt kommen, dehnen sich exponentiell aus und bis sie die Hülle durchbrechen und sich erneut ausbreiten. Das Wesen, was sich in der Höhle befunden hat, war ein Opfer der Bewohner um der Ausbreitung der Sporen Einhalt zu gebieten! Durch seinen Metabolismus konnten sich die Sporen nicht so schnell ausbreiten wie gewohnt, aber dennoch wurden Tarkubs Bewohner mit ihnen infiziert. Sollte es hier in Aloria zu einem Ausbruch kommen, endet es in einer Katastrophe!«


Mühsam zog Chung seine weißen Samthandschuhe über. Er konnte den Anblick des blauen Netzes, das seinen Körper überspannte nicht länger ertragen. Die Stimmen in seinem Kopf hatten ihm wieder den Schlaf geraubt und auch das Brennen in war stärker geworden. Ein starker Husten schüttelte ihn und er brauchte die Hilfe zwei seiner Ordensbrüder um die Stufen zu der kleinen Plattform zu besteigen. Es war wieder Zeit für seine Predigt, vielleicht würde er ja dieses Mal endlich die Menschen davon überzeugen zu können dem roten Planeten den Rücken zu kehren.

Der Marktplatz Alorias war prall gefüllt, es schien so als hätte sich die ganze Kolonie versammelt um seinen Worten zu lauschen. Jubel und Applaus brandete ihm entgegen, als er seinen Platz erreichte und er hob die Hände um die Menge zu beruhigen. »Brüder und Schwestern hört mein Wort!«, begann er. »Der Herr war so gütig und gewährte mir Einsicht in sein Handeln! Er führte mich in den zweiten Garten Eden und zeigte mir das Schicksal jenes stolzen Volkes, das die Stadt Tarkub errichtete. Sie waren arrogant und ergaben sich anscheinend in unheiliger Dekadenz, ähnlich wie wir es tun! Ich sage euch, es ist falsch was wir hier treiben! Mit unseren Maschinen zerstören wir das Antlitz und je tiefer wir Graben, desto mehr Teufelswerk werden wir entfesseln! Wir müssen wieder zurück in unsere Heimat kehren, die wir in einem Anfall von blinder Euphorie hinter uns ließen! Wir müssen wieder zurück in Gottes Arme kehren, ehe es zu spät ist! Wir…« Ein weiterer Hustenanfall unterbrach seine Predigt. Sein Herz schlug schneller und hämmerte schmerzhaft gegen seine Rippen. Bunte Punkte tanzten vor seinen Augen und er hörte nicht das besorgte Raunen der Menge. Zu laut waren wieder die Stimmen, die in fremden Zungen zu ihm Sprachen und ihn verführten. Warum versuchte er die Menschen fern zu halten? Sollten Sie doch weiter und tiefer Graben, der Geist der Tiefe war hungrig und es gierte ihm nach mehr! Es gab kein Zurück mehr, der Geist der Tiefe war entfesselt worden und ließ sich nicht mehr bannen. Selbst ein Exodus würde ihn nicht davon abbringen seinen Hunger zu stillen und sich an den unschuldigen Seelen der Kolonialisten zu laben. Chung atmete mehrmals pfeifend ein und aus. Schließlich ging der Anfall vorüber und auch das Brennen lies wieder nach. Als er wieder genug Kraft gesammelt hatte richtete er sich auf und hob erneut die Arme. Mit einem tiefen Atemzug füllte er seine Lungen um weiter zu predigen, doch seinen Lippen blieben stumm. Stattdessen stand er dar, mit offenem Mund und starrte in den Himmel. Plötzlich blähte sich sein Körper auf und zerfiel in eine Wolke saphirfarbenen Staubs, der sich über den Marktplatz von Aloria verteilte und wie ein Tuch auf die Menschenmenge legte.


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