7. Dezember

Nachdenklich betrachtete Draco den angebissenen Apfel in seiner Hand. Es funktionierte inzwischen problemlos, unbelebte Objekte durch das Verschwindekabinett zu schicken, doch jegliches Lebewesen, das er hineintat, kam nie wieder raus. Er verstand nicht, warum. Es ergab einfach keinen Sinn. Er hatte alle Bücher, die die Bibliothek zu diesem Thema hatte, durchgewälzt, doch er konnte einfach keine Lösung finden.

Frustriert schleuderte er den Apfel von sich. Die Zeit lief ab. Für andere mochte der Sommer und damit das Ende des Schuljahres noch in weiter Ferne liegen, doch wenn er in dem Tempo weiter an dem verfluchten Schrank bastelte wie bisher, würden die wenigen Monate niemals ausreichen. Es schien, als ließe das Schicksal nicht mit sich reden. Er konnte es nicht austricksen.

Resigniert blickte er zu der Flasche Alkohol hinüber. Er würde dieses Jahr noch abwarten, wenigstens bis Weihnachten, ehe er einen zweiten Versuch startete. Er wusste, die Aussicht, das Gift über Slughorn zu Dumbledore zu schmuggeln, war noch verrückter als sein Versuch mit Katie Bell, aber es kümmerte ihn nicht. Es war der Versuch, der zählte, mehr würde er sowieso nie erreichen. Vielleicht würde Voldemort Gnade walten lassen, wenn er die Versuche sah. Vielleicht.

Stöhnend sank Draco zu Boden. Die Kopfschmerzen und die Übelkeit, die ihn inzwischen regelmäßig plagten, krochen wieder hoch. Er hatte am Vortag noch eine geschlagene Stunde in dem von Hermine Granger erschaffenen Raum gesessen, das Gefühl der Geborgenheit und Stille genossen. Erst, als er schließlich den Raum verlassen hatte, waren all die Angst, die Verzweiflung und der Hass zurückgekehrt. Für einen Moment hatte er im Raum der Wünsche alles vergessen können.

Und jetzt wünschte er sich nichts sehnlicher, als dass Granger wieder vor ihm auftauchen würde und ein neues Wunder wirken könnte. So ätzend sie auch manchmal war, ihr warmes Lächeln und die Tatsache, dass sie ihn einfach akzeptierte und keine Fragen stellte, waren im Moment alles, was ihn daran hinderte, mit gezücktem Stab in Dumbledores Büro zu stürmen und ihn zu einem Duell zu fordern. Es wäre Selbstmord. Aber vermutlich immer noch ein gnädigerer Tod als durch die Hand des Dunklen Lords.

Mit unsicheren Schritten wankte er durch den Raum voller Trödel, bog mal hier, mal da an einem Turm von Schrott vorbei, bis er schließlich an der Tür angelangt war. Leise trat er hinaus und beobachtete, wie die Tür langsam wieder mit der Wand verschmolz.

„Hab ich mir doch gedacht, dass ich dich hier finden würde.“

Erschrocken drehte er sich um: „Granger!“

„Tut mir leid“, sagte sie sanft und trat näher an ihn heran: „Ich spioniere dir nicht nach, keine Sorge. Es ist nur…“

Die lächelnde Fassade brach zusammen und plötzlich sah sich Draco mit einem verzweifelt schluchzenden Mädchen konfrontiert. Hilflos legte er ihr eine Hand auf die Schulter: „Was ist denn los?“

„Es sind alles solche Idioten“, kam es gepresst zwischen zwei Schluchzern von ihr: „Es ist schon schlimm genug, dass Ron nicht mehr mit mir redet, aber jetzt ist auch noch Harry sauer auf mich, weil ich gesagt habe, dass Ginny gehen kann, mit wem sie will. Als hätten wir keine anderen Probleme!“

Unsicher blickte Draco den Gang entlang. Es war unwahrscheinlich, dass jemand hierher kommen würde, aber dennoch wollte er sicher gehen, dass sie nicht gesehen wurden. Zögerlich erwiderte er: „Hast du nicht selbst gesagt, dass solche alltäglichen Dinge gut sind? Stabilität durch Alltag und so?“

Unwillig schüttelte sie seine Hand ab: „Ja! Hab ich! Aber das heißt nicht, dass das alles sein sollte, worüber man nachdenkt! Merlin… Harry versteht einfach nicht. Er ist wichtig! Er… Oh, er ist so fixiert auf Kleinigkeiten, dass er das große Ganze aus den Augen verliert. Und wenn er nicht bereit ist, was soll dann aus uns allen werden?“

Betreten blicke Draco zu Boden. Das hier war definitiv nicht die Unterhaltung, die sie miteinander führen sollten: „Nichts für ungut, Granger, aber… denkst du nicht, dass ich da der falsche Ansprechpartner bin?“

„Mit wem soll ich denn sonst reden?“, fuhr sie ihn zornig an: „Ich habe doch niemanden! Niemand versteht, was los ist! Du schon! Du hast selbst gesagt, dass du weißt, was außerhalb von Hogwarts auf uns lauert. Wenn nicht mit dir, mit wem soll ich sonst reden?“

„Granger“, sagte er leise, „verstehst du nicht, was ich dir sagen will? Verstehst du es wirklich nicht?“

Aus tränenüberströmten Augen sah sie ihn an: „Du warst es doch, der mir gesagt hat, ich soll ihn nicht verdächtigen ohne Beweise. Also, hier bin ich und verdächtige dich nicht.“

„Du hast mir gestern dein Innerstes gezeigt und mich gebeten, es für mich zu behalten“, flüsterte er: „Kannst du dasselbe für mich tun?“

Sie nickte nur. Er wusste, er war unfair. Er konnte nicht von ihr verlangen, dieses Geheimnis für sich zu behalten, aber es war alles, was er ihr zeigen konnte, ohne die wirklich wichtigen Dinge zu verraten. Wortlos rollte er seinen Ärmel hoch und streckte ihr sein Handgelenk hin.

„Verstehst du jetzt?“, hakte er nach.

„Du…“, setzte sie an, doch ihre Stimme brach. Mit großen Augen blickte sie ihn an.

„Ja, Granger. Das ist es, was ich die ganze Zeit versuche, dir klarzumachen. Ich habe das hier seit dem Sommer. Ich weiß, was außerhalb von Hogwarts los ist. Aber ich stehe auf der anderen Seite.“

Sie taumelte einige Schritte zurück, bis sie gegen die kalte Wand des Flures stieß: „Aber… du bist so wütend geworden, als du gehört hast, dass Harry und ich dich verdächtigen!“

Zynisch lachte er auf: „Oh, ja, das bin ich. Paradox, nicht wahr? Vielleicht wollte ich dich einfach nur in die Irre führen, damit mir niemand nachschnüffelt?“

Er hatte die Worte kaum ausgesprochen, da bereute er sie schon. Er wusste, er durfte Granger nicht an sich heran lassen, aber er konnte sich einfach nicht helfen. Er wollte sie nicht verscheuchen, auch wenn es besser für ihn gewesen wäre. Verzweifelt blickte er sie an, während sie ihn ebenso anschaute.

„Nein“, sagte sie schließlich leise, aber bestimmt: „Das da heißt gar nichts. Du bist ein guter Mensch, Malfoy. Ist mir egal, was du denkst. Ich jedenfalls glaube an dich. Das da bedeutet nichts!“

Er wollte ihr sagen, dass sie sich selbst belog und lächerlich machte, doch sie lief davon. Schneller, als er sie jemals hatte rennen sehen, lief sie vor ihm weg, als wollte sie seine Antwort nicht einmal hören.

Und er ließ sie.

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