7. Vierzehn

Gregor ging mit so riesigen Schritten, dass Toni kaum hinterher kam. Außerdem tat ihm immer noch alles weh, es war heiß und er schwitzte. Deswegen dachte er für einen Moment darüber nach, das Ganze für heute auf sich beruhen zu lassen, schließlich konnte Gregor ihm doch total egal sein, aber dann verschwand der in einem Spalt zwischen zwei Gebäuden und jetzt war Toni viel zu neugierig um ihm nicht weiter nachzulaufen. Also quetschte er sich ebenfalls durch den Spalt der gerade breit genug war, dass er mit den Schultern nicht anstieß. Auf der anderen Seite lag ein kleiner Garten mit drei Blumenbeete und einer Rasenfläche, auf der ein Tisch und drei Stühle standen. An einem kleinen Vordach, das sich über einer halb offen stehenden Tür befand, hing ein Windspiel. Vor ihnen erhob sich die massive Burgmauer.

Das Alles hatte etwas Bezauberndes an sich, sodass Toni Gregor für einen Moment vergaß und einfach nur da stand. Dann fragte er sich, wieviele von diesen versteckten Ecken es noch in der Burg gab, die die Touristen und sicher auch er niemals zu Gesicht bekommen würden. Wobei er hatte ja zumindest mal eine Ecke gefunden, weil er Gregor hinterher gelaufen war.

Als er soweit gedacht hatte, wandte er seine Aufmerksamkeit wieder dem zu, weswegen her hiergekommen war. Gregor stand mit dem Rücken zu ihm an der Mauer und als Toni vorsichtig näher heranging sah er, dass er ein paar Mal wuchtig gegen die Steine trat. Dazu hatte er die Fäuste geballt und Toni fragte sich, ob es wirklich klug von ihm war, hier zu sein. Wer weiß ob Gregor, wenn er so drauf war, nicht auf ihn losgehen würde. Und für eine Prügelei tat ihm grade eindeutig alles viel zu weh.

Also wollte er sich umdrehen um unbemerkt wieder zu verschwinden, aber er hatte grad den ersten Schritt gemacht, als ein wütendes: "Was willst du denn hier?!" gegen seinen Rücken prallte. Also holte er einmal tief Luft und drehte sich wieder um, nur um mit einem "Verpiss dich!" bedacht zu werden.

Jetzt hatte Toni natürlich kein Interesse mehr daran, einer Konfrontation aus dem Weg zu gehen. Stattdessen verschränkte er die Arme vor der Brust. "Jetzt reg dich mal ab," erwiderte er mit ruhiger Stimme, um Gregor nicht noch mehr zu provozieren. "Ich hab dir nix getan. Aber weil...."

"Nix getan?!" spie Gregor ihm entgegen und kam mit einem roten Gesicht auf ihn zu. "Zuerst hängst du mit meinem scheiss Bruder rum und dann meinst du echt, du kannst dir alles erlauben und einfach mitkommen anstatt bei meinem scheiss Bruder und seinen scheiss Freunden zu sein, wo du hingehörst!"

Toni starrte ihn ungläubig an. "Deswegen stellst du dich so an?" sagte er ungläubig. Mit allem hatte er gerechnet, auch, dass Gregor wegen Kamilla eifersüchtig auf ihn war, aber nicht damit, dass Johann der Grund war. Er wollte noch etwas sagen, aber wieder kam Gregor ihm zuvor. "Ich stell mich gar nicht an!" brüllte er. "Mein Bruder ist ein dummer Drecksack und alle seine Freunde sind..."

Toni hatte jetzt die Nase voll davon, dass Gregor ihm dauernd ins Wort fiel und brüllte deswegen genau so laut wie er: "Er ist gar nicht mein Freund! Er hat mir nur die Burg gezeigt, verdammt! Und weißt du, wieso? Weil Kamilla es nicht wollte!"

Sein Gebrülle hatte Gregor anscheinend beeindruckt, denn er schwieg einen Augenblick. "Ach komm, verarsch mich nicht," erwiderte er dann und wandte sich ab. "Du bist doch bloß hier, weil Johann gesagt hat du sollst mir irgendeinen Streich spielen. Vermutlich, damit du dann zu seiner scheiss Gruppe gehörst." Etwas an seinem Gesichtsausdruck und seiner Stimme sorgte dafür, dass Toni jetzt nicht sauer wurde, dass er einfach nicht einsah, dass Johann hier seine Finger nicht im Spiel hatte. "Johann hat hiermit echt nichts zu tun!" sagte er fest. "Aber ich seh schon, dass ich eh sagen kann, was ich will, du glaubst mir ja sowieso nicht. Also werd ich jetzt mal wieder gehen."

"Weswegen bist du überhaupt hergekommen?" wollte Gregor wissen, ohne sich ihm wieder zuzuwenden.

"Weil ich dachte, wir beide könnten was machen," antwortete Toni. "Kamilla ist mir nämlich irgendwie zu langweilig."

Jetzt sah Gregor ihn wieder an. "Und Johann hat dir echt nicht gesagt, dass du herkommen und das sagen sollst?"

Toni seufzte einmal innerlich und unterdrückte den Impuls, die Augen zu verdrehen. "Nein, hat er nicht," erwiderte er ruhig. "Er hat mir bloß die Burg gezeigt, mehr nicht." Und in der Hoffnung, das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken, fügte er hinzu: "Es ist übrigens eine ganz tolle Burg."

"Nein, ist es nicht!" schrie Gregor und die Tatsache, dass er von einer Sekunde auf die andere wieder komplett ausrasten konnte, sorgte dafür, dass Toni einen Schritt zurücktrat. Mit dieser Reaktion hatte er nicht gerechnet. Nachdem Johann so stolz auf die Burg war, war Toni davon ausgegangen, dass es bei Gregor genau so war. Aber sein wutverzerrtes Gesicht zeigte ihm, dass es anscheinend genau gegenteilig war.

Für einen Moment überlegte Toni, ob es nicht besser war, jetzt einfach abzuhauen und den Rest seines Urlaubs mit Kamilla und seinen Büchern zu verbringen. Es waren ja nicht mehr ganz zwei Wochen. Nicht mehr ganz zwei Wochen, die er nicht wirklich mit Vulkan Gregor verbringen wollte, der offensichtlich jederzeit grundlos ausbrechen konnte.

Aber dann wischte Gregor sich einmal über die Augen und Toni wurde bewusst, dass er eigentlich nur deswegen grundlos ausrastete, weil Toni die Gründe nicht kannte. Die Frage, ob er trotzdem noch weiter versuchen wollte, sich mit Gregor irgendwie anzufreunden, war noch nicht beantwortet stellte sich in diesem Moment aber nicht, weil Toni grade ziemlich Mitleid hatte. Er ging zu Gregor hin, dessen Schultern inzwischen angefangen hatten zu beben. "Was ist denn los?" erkundigte er sich sanft und erwartete, dass Gregor ihn wieder anschrie, womit das Maß aber für Toni dann endgültig voll gewesen wäre.

Aber Gregor schrie nicht. Er sah Toni aus schwimmenden Augen an und murmelte: "Es ist diese verdammte Burg. Meine Eltern streiten sich ständig nur wegen all dem Scheiss, der hier noch erledigt werden muss. Entweder sind sie sich nicht einig, wie es aussehen soll, oder einer sagt, es kostet zuviel Geld und der andere sagt, es muss trotzdem gemacht werden...." Er schniefte einmal. "Ich hab keinen Bock mehr drauf! Ich will hier nicht mehr wohnen! Ich will eine ganz normale Wohnung! Oder ein Haus! In dem nicht ständig gestritten wird!"

"Und du meinst, in ner Wohnung oder nem Haus ist es besser?" erkundigte sich Toni und Gregor zuckte mit den Schultern. "Weiß nicht. Aber wenigstens können sie dann nicht mehr darüber streiten ob hier was restauriert werden soll oder nicht."

Toni schluckte einmal. Er hatte zu diesem Thema auch etwas zu sagen, was er allerdings nicht besonders gern tat. Aber irgendwas an Gregor brachte ihn dazu, es trotzdem zu tun. "Weißt du, meine Eltern waren nie verheiratet. Sie haben bloß zusammengewohnt. Und als meine Mutter schwanger mit mir wurde, da hat mein Vater sie verlassen. Weil er kein Kind wollte. Er hat einfach seine Sachen gepackt und war weg, als meine Mutter von der Arbeit wiederkam. Meine Mutter wollte unbedingt ein Baby und mein Vater hat ihr nie gesagt, dass er keins wollte und sie war ziemlich wütend auf ihn, als sie's dann rausgefunden hat. Und als er dann aufgehört hat, Unterhalt für mich zu bezahlen, weil er geheiratet hat und doch noch ein Kind bekommen hat, das er auch wirklich wollte, ist sie ziemlich ausgeflippt. Sie ist zum Anwalt gegangen und ich musste dann sogar mit zum Gericht. Und in der Verhandlung ist meine Mutter richtig ausgerastet und hat meinem Vater gesagt, dass er ein Hurensohn ist. Und sie sagt ja noch nichtmals scheisse oder so. Deswegen war das ganz schön hart."

Toni atmete einmal tief ein, als er an diese Episode seines Lebens zurückdachte, an die er sich noch sehr gut erinnern konnte, da sie ja grade erst einmal zwei Jahre her war. Andererseits hatte er das alles als so krass empfunden, dass er es vermutlich nie vergessen würde. "Mein Vater hat dann wieder angefangen zu zahlen aber er hat absolut kein Interesse an mir. Ich hab ihn im Gericht erst zum zweiten Mal in meinem Leben gesehen. Na ja, es ist mir auch egal, ich kenn ihn ja sowieso nicht. Aber ganz schlimm ist, dass meine Mama irgendwann Peter kennengelernt hat und der ist richtig übel. Er denkt ich wär noch ein kleines Kind. Und nur weil meine Mama und er sich jetzt auch wieder streiten konnten wir nicht nach Portugal fahren und ich musste hier her kommen." Er biss sich auf die Lippen und fügte dann hinzu. "Was jetzt aber gar nicht mehr so schlimm ist." Und es fiel ihm gar nicht mal schwer, das zu sagen. Aber er musste doch einen Moment wehmütig an Portugal denken. Und auch an Lydia und Max.

Für einen Moment sagte keiner von ihnen ein Wort.

"Sie hat ihn echt einen Hurensohn genannt?" rief Gregor dann. "Im Gericht? Wurd sie dann rausgeschmissen?"

"Nein, wurde sie nicht. Der Richter hat ihr nur gesagt, sie soll so etwas nicht noch einmal sagen. Aber wenn sie es gemacht hätte, dann hätte sie sicher rausgehen müssen," antwortete Toni.

"Das ist ja echt heftig," meinte Gregor und Toni grinste einmal. "Na ja, du siehst, es wird auch in Wohnungen gestritten. Oder jedenfalls streiten sich auch die Leute, die in Wohnungen leben."

Gregor erwiderte sein Grinsen. "Ja, es ist wohl überall der gleiche Scheiss." Er trat einmal gegen einen kleinen Stein. Dann sah er Toni von der Seite an. "Also, wenn du die Burg so toll findest, willst du dann vielleicht mal mein Zimmer sehen?"

"Na klar," sagte Toni wie aus der Pistole geschossen. Er wusste jetzt schon, wie Burgbesitzer-Kinder aussahen aber nicht, wie sie wohnten. Das, was er bis jetzt von der Burg gesehen hatte, hatte ja nicht wirklich wohnlich ausgesehen und er war ziemlich neugierig, wie man auf so einer Burg eigentlich lebte.

 

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