8. Vierundzwanzig

In dieser Nacht schlief Toni überhaupt nicht. Was einmal daran lag, dass er natürlich die ganze Zeit über Gregors Worte nachdenken musste, die er immer noch nicht verstand. Er wusste beim besten Willen nicht, inwiefern er seinen seelischen Ballast bei ihm abgeladen haben sollte, wenn sie bis zu diesem Tag so gut wie gar nicht und wenn, dann nur über absolut oberflächliche Dinge gesprochen hatten.

Toni ging all ihre Begegnungen, soweit er sich noch an sie erinnern konnte, durch, aber auch da fand er absolut gar nichts. Dafür waren ihm einige Dinge wieder peinlich, wie sein Verhalten damals am Strand. Und natürlich, dass es Gregor aufgefallen war, dass Toni ihn und Xenia die ganze Zeit beobachtet hatte, wenn sie zusammen waren. Was allerdings gar nicht so überraschend war, denn so intensiv, wie Toni seine Observierung betrieben hatte, war klar gewesen, dass das nicht für immer unentdeckt bleiben würde. Was natürlich nichts daran änderte, dass Toni das unglaublich unangenehm war und er sich unter der Decke verkroch.

Der zweite Grund, wieso er nicht schlief, war, dass er schon um halb sechs wieder aufstehen musste, denn vor ihm lag eine zehnstündige Busfahrt.

Er stellte den Wecker aus, bevor der klingeln konnte, stand auf und fühlte sich dabei wie ein Zombie. Er zog sich bequeme Klamotten an und griff nach seiner bereits gepackten Tasche. Dann sah er sich noch einmal im Zimmer um, fand, dass alles in Ordnung war und schloß die Tür von außen ab. Dann zog er sich Schuhe und Jacke an und machte sich auf den Weg, um zehn Stunden mit dem Fernbus in die alte Heimat zu fahren.

So, wie es im Moment aussah, würde diese Busfahrt nur eine Verlängerung der letzten Nacht werden, nur mit dem Unterschied, dass Toni nicht an die Decke sondern aus dem Fenster starren würde, während die Gedanken unablässig in seinem Kopf herumjagten. Deswegen seufzte er einmal tief, als er es sich auf seinem Fensterplatz so bequem wie möglich gemacht hatte und wusste, dass er in dem Buch, das auf seinem Schoß lag und das er bereits an der umgeknickten Seite aufgeschlagen hatte, keine Zeile lesen würde. Was er dann aber nicht tat, weil er nur aus dem Fenster starrte, sondern, weil er einschlief, bevor der Bus überhaupt losgefahren war. Und womit er, bis auf ein paar Pinkelpausen, fast die kompletten Reise verbrachte.

Als er schließlich aufwachte und sich endlich mal wieder richtig ausgeschlafen fühlte, konnte er anhand des Autobahnschildes, an dem der Bus ein paar Minuten danach vorbeikam, erkennen, dass sie praktisch schon da waren. Was sehr gut war, denn jetzt, wo er wieder wach war, kamen die Gedanken natürlich auch zurück. Aber glücklicherweise wusste er, dass zuhause genug Ablenkung auf ihn warten würde. Und das vorallem in Form von Maja.

Als er nach dem Aussteigen darauf wartete, dass der Busfahrer ihm seine Tasche aus dem Gepäckraum gab, hörte er sie schon seinen Namen rufen und als er sich umdrehte, raste sie mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu und warf sich in vollem Lauf gegen ihn und hätte Toni damit fast von den Füßen geholt. Aber da er Majas stürmische Begrüßungen schon kannte, hatte er sich auf einen heftigen Aufprall eingestellt und blieb stehen. Er schwankte lediglich ein bisschen.

Obwohl Maja jetzt schon fast acht Jahre alt war und jedesmal energisch protestierte, wenn sie jemand als klein bezeichnete und ihn dann auf ihr Alter hinwies, bestand sie jetzt, wie sonst auch darauf, dass Toni sie zuerst einmal auf den Arm nahm. Und da er das Ritual auch ebenfalls schon kannte, tat er es bereits in diesem Moment, als sie ihm die Arme entgegenstreckte. Noch war sie glücklicherweise leicht genug dafür, aber Toni merkte deutlich, wie es mit jedem Jahr schwieriger wurde, sie für eine ganze Weile festzuhalten. Denn auf diese Weile bestand sie auch. Sie schlang die Arme um seinen Hals. "Endlich bist du da!" rief sie.
"Und jetzt bleib ich auch eine ganze Woche!" erwiderte Toni und drückte sie ebenfalls einmal fest an sich.

In diesem Moment hielt ihm der Busfahrer mit einem Grinsen im Gesicht seine nicht so leichte Tasche hin und sie zu nehmen forderte auch noch das letzte von Tonis Standfestigkeit, sodass er sie lieber gleich wieder auf den Boden stellte. Denn er wusste, so lange Maja wollte, dass er sie auf dem Arm hielt, hatte er keine andere Möglichkeit, als auch genau das zu tun, denn ansonsten würde sie so lange quengeln und nerven, bis er nicht anders konnte, als sie wieder hochzuheben. Und mit Maja auf dem Arm und der Tasche in der Hand zu seiner Mutter zu gehen, die am Rande des Parkplatzes stehen geblieben war und lächlend zu ihnen hinübersah, war inzwischen absolut außerhalb seiner Möglichkeiten.

Also blieb Toni stehen, wo er war und streichelte Maja so lange übers Haar, bis ihre unbändige Energie schließlich wieder erwachte und sie darauf bestand, dass er sie wieder runterließ.
Aber dafür griff sie dann sofort wieder nach seiner Hand, doch zumindest konnte Toni jetzt seine Tasche nehmen. Zusammen gingen sie zu seiner Mutter, die ebenfalls die Arme nach ihm ausstreckte und ihn einmal feste umarmte. "Na, mein Großer!" sagte sie und strahlte ihn an. "Wie war die Fahrt?"

"Absolut ereignislos, weil ich echt die ganze Zeit geschlafen habe," antwortete Toni aber verschwieg natürlich, wie absolut froh er über diese Tatsache war. Denn das gehörte zu einem Thema, über das er mit seiner Mutter schon damals nicht gesprochen hatte und auch in Zukunft niemals sprechen würde. Obwohl sich ihr Verhältnis, nachdem Toni ausgezogen war, unglaublich verbessert hatte. Das Eltern-Kind-Schema war zwischen ihnen nicht mehr so ausgeprägt, wie Toni das zum Beispiel bei Anna mitbekommen hatte, wo die Eltern sie noch für Entscheidungen kritisierten, die in ihren Augen schlecht waren, und ihr auch immer gerne Ratschläge fürs Leben erteilten, was Anna jedes Mal zu Weißglut brachte.

Tonis Mutter konnte so etwas zwar auch manchmal nicht unterdrücken, aber wenn sie es tat, dann nie in der belehrenden Eltern-Art sondern so, wie das ein Erwachsener gegenüber einem anderen machen würde. Zumindest hatte Toni diesen Eindruck. Und er war wirklich erstaunt gewesen, als er nach seinem Auszug festgestellt hatte, wie wunderbar seine Mutter eigentlich war. Sie war sehr verständnisvoll, versuchte auch aus der schlechtestens Situation noch das Beste rauszuholen und allgemein hatte sie eine total lockere Einstellung, die es Toni wirklich sehr einfach machte, mit ihr über fast alles zu reden, was in seinem Leben vor sich ging. Außer diese eine Sache.

Aber Tonis Mutter machte es ihm auch einfach darüber nicht zu reden, denn im Gegensatz zu früher, versuchte sie, ihn gar nicht mehr darauf anzusprechen und auch, wenn sie mit Anna bis jetzt nur ein paar Mal telefoniert hatte, zweifelte sie die Beziehung von Toni und ihr kein einziges Mal an.

Auch in Peters Augen war Toni inzwischen erstaunlicherweise erwachsen geworden. Wobei das bei ihm hieß, dass er mit ihm jedes Mal, wenn er zu Besuch kam, über Versicherungen, Rechnungen, Bausparverträge und anderen Dingen dieser Art redete. Er erstellte dann auch jedes Mal einen Haushaltsplan für Toni, an den der sich allerdings niemals hielt aber er bedankte sich natürlich trotzdem dafür. Denn inzwischen war ihm klar geworden, dass es einfach Peters Art war, so zu sein und, dass er das auch absolut liebevoll meinte. Genau, wie er es damals immer liebevoll gemeint hatte, wenn er Toni wie ein kleines Kind behandelt hatte. So war er eben und jetzt, wo Toni das begriffen hatte, hatte er auch seinen Frieden mit ihm geschlossen.

Die Fahrt nach Hause wurde natürlich von Maja dominiert, die Toni von der Rückbank pausenlos und ohne Unterbrechnung die neuesten Neuigkeiten aus ihrem Leben erzählte: von ihrem neuen Puppenhaus, den doofen Jungs aus ihrer Klasse, dem Bild, das sie vor kurzem gemalt hatte... Sie war auch noch nicht fertig, als sie nach einer Viertelstunde Fahrt angekommen waren aber Toni war dankbar für ihre Lebhaftigkeit, die ihm keine Zeit für andere Gedanken ließ.

Deswegen stellte er auch nur eben seine Taschen in seinem Zimmer aufs Bett und spielte danach zusammen mit Maja an ihrem neuen Puppenhaus und half dann seiner Mutter bei der Zubereitung des Abendessens.

Auch in den nächsten Tagen sorgte er dafür, dass er ständig beschäftigt war. Er diskutierte mit Peter über die neuste Entwicklung des Aktiensmarkts, wobei es eigentlich gar keine Diskussion war, weil Peter die ganze Zeit redete und Toni mehr oder weniger interessiert zuhörte und von dem Thema absolut keine Ahnung hatte; er half seiner Mutter beim Einkaufen und im Haushalt, er kümmerte sich um Maja, ging mit ihr auf den Spielplatz und ins Museum und wenn alle Familienmitglieder grad nicht da waren, hatte er sich aus der Bibliothek ein dickes und staubtrockenes Fachbuch mitgebracht, das seine ganze Konzentration beanspruchte.

Und natürlich traf er sich auch noch mit Lydia und Max, denn auch, wenn sie jetzt an verschiedenen Orten lebten und verschiedene Dinge taten hatten sie trotzdem den Kontakt nicht verloren.

Lydia arbeitete inzwischen in einem Betrieb auf der anderen Seite der Stadt und wohnte seit ein paar Wochen mit ihrem Freund zusammen und Max war, über Kontakte seiner Mutter und zur Überraschung aller, bei einem Gärtner gelandet und machte seine Sache seiner Aussage nach sogar richtig gut. Allerdings konnte man sich bei Max nie sicher sein, denn auch, wenn er nicht mehr der Angeber von damals war, ein bisschen aufspielen tat er sich immer noch.

Die Stimmung zwischen ihnen war auch immer die Gleiche wie damals – mit der Ausnahme, dass Toni sein schlechtes Gewissen gegenüber Lydia einfach nicht los wurde, auch, wenn das zwischen ihnen schon mehr als vier Jahre zurück lag und sie sich damals im Guten getrennt hatten. Aber immer, wenn Toni Lydia sah und auch, wenn sie noch so glücklich mit ihrem neuen Freund war, musste er an früher denken und wie gnadenlos er sie damals ausgenutzt hatte. Und, dass sie niemals davon erfahren würde. Er versuchte zwar zu überspielen, dass er sich in ihrer Gegenwart manchmal etwas unbehaglich fühlte, aber sie kannte ihn einfach schon zu lange und zu gut, um es nicht mitzubekommen, was er an den Blicken merkte, die sie ihm manchmal zuwarf. Und auf die er niemals reagieren würde.

Die Woche raste dahin, wie es gefühlt jede freie Zeit tat, die Toni hatte, und bald saß er im Bus zurück und winkte Maja und seiner Mutter, die unten auf dem Busparkplatz standen, noch einmal zu, bevor der Fahrer den Motor anwarf und es zurück Richtung neue Heimat ging.

Erst jetzt, wo Toni wieder mit sich alleine war, wurde ihm erst klar, wie erholsam diese eine Woche gewesen war, weil er einfach keine Zeit für zermürbendes Nachdenken gehabt hatte. Und so aus der Ferne und mit Abstand berachtet wusste er auch gar nicht, wieso er darüber überhaupt noch nachdenken sollte. Es war doch egal, was Gregor mit dem seelischen Ballast gemeint hatte, vielleicht hatte er es auch bloß im Affekt gesagt und es steckte überhaupt nichts dahinter.

Und wieso war er überhaupt wieder so auf Gregor angesprungen und hatte, beinah schon peinlich verzweifelt, versucht, ihn zurück in sein Leben zu holen? Er hatte doch vorher schon zweimal feststellen dürfen, dass das absolut keine gute Idee war. Und doch durchfuhr ihn ein kleiner Stich, als an den Herbst von damals dachte.

An diesem Punkt wurde ihm dann bewusst, dass er jetzt doch wieder über Gregor nachdachte. Gut, dass er sich in weiser Voraussicht das trockene Fachbuch mitgenommen hatte. Er schlug es auf, schloss dann kurz die Augen, holte einmal tief Luft und nahm sich fest vor, sich jetzt nur noch darauf zu konzentrieren. Was ihm auch gelang. Und auch in den nächsten Tagen durfte er feststellen, dass es ihm wirklich gut getan hatte, weg gewesen zu sein, denn solange er es nicht bewusst wieder heraufbeschwor, dachte er überhaupt nicht mehr an Gregor und alles, was ihn betraf. Und da Anna noch eine Woche länger bei ihren Eltern bleiben würde, gab es auch keine Zusammentreffen mit ihm und Xenia.

Es fühlte sich schon fast therapeutisch an, mit seinen Jungs um die Häuser zu ziehen, hier und da ein Bier zu trinken, mit Leuten zu reden, die er noch nie vorher gesehen zu haben und einfach die Freiheit zu genießen, die er grade hatte.

Doch der andere Toni in ihm war ja nicht plötzlich verschwunden. Wenn überhaupt, dann machte er grade nur ein kurzes Schläfchen und es brauchte auch überhaupt nicht viel, um ihn wieder aufzuwecken. Es reichte, dass Tonis Bus, in dem er zwei Wochen, nachdem er zurückgekommen war, abends saß, an einer Bushaltestelle auf der anderen Straßenseite vorbeufuhr, an der Gregor mit ein paar Leuten stand. Und obwohl das Licht an der Haltestelle nicht besonders gut war, erkannte Toni sofort, dass es Gregor war und sein Herz machte einen heftigen Satz. Ohne die Entscheidung bewusst zu treffen, drückte er den Halteknopf, stieg am nächsten Halt aus und lief den Weg zurück.

Als Gregor und die drei ihm völlig Fremden fast erreicht hatten, blieb er für einen Moment stehen und versuchte, sein rasendes Herz wieder zu beruhigen. Für einen Moment war er noch kurz davor umzudrehen, weil der Gedanke, jetzt gleich vor ein paar völlig Unbekannten aufzutauchen und verwirrt angestarrt zu werden, nicht so schön war. Aber dann hörte er Gregor lachen und irgendetwas sagen und da konnte er nicht anders, als hinzugehen.

Er drängte sich einfach zwischen zwei der Unbekannten und sagte "Hallo." Natürlich drehten sich sofort sämtliche Köpfe in seine Richtung aber da Toni sowieso nur Augen für Gregor hatte, fiel ihm das gar nicht auf.

Gregor war natürlich völlig überrascht, ihn zu sehen und er öffnete den Mund, aber Toni kam ihm zuvor. "Können wir vielleicht kurz reden?"

Gregor zögerte einen Moment mit der Antwort und Toni, dem erst jetzt wieder einfiel, dass ihr letztes Treffen absolut nicht gut geendet hatte, bekam plötzlich Angst, dass er jetzt nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte und ihn gleich vor den versammelten Unbekannten demütigen würde.

Aber stattdessen zuckte Gregor einmal kurz mit den Schultern und sagte "Meinetwegen" und die Erleichterung, die Toni in diesem Moment durchströmte, war mit Worten nicht zu beschreiben.

Und er war noch erleichterter, als Gregor nicht darauf bestand, vor den Unbekannten zu reden, sondern sich nach dem Ok sofort umdrehte und ohne ein weiteres Wort losging.

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