8. Vierzehn

"Das ist wirklich schön hier," sagte Toni als sie nebeneinander zu der angelehnten Tür gingen und warf noch einen Blick zurück zu den Blumenbeeten.

Gregor zuckte mit den Schultern. "Ja schon," erwiderte er desinteressiert, fügte dann aber noch hinzu: "Hier komm ich immer her, wenn ich nachdenken muss. Hier läuft wenigstens nicht ständig einer rum."

Gregor mochte die Burg vielleicht nicht, aber er kannte sich hier mit der gleichen schlafwandlerischen Sicherheit aus, wie sein Bruder, während Toni gefühlt schon nach der zweiten Kurve die Orientierung verloren hatte. Aber anders als sein Bruder redete Gregor kein Wort während sie durch die Flure liefen, er warf Toni nur hin und wieder einen prüfenden Blick zu und Toni spürte seine Anspannung. Anscheinend war er sich nach wie vor sicher, dass das hier ein Streich von Johann war und Toni jede Sekunde etwas in der Richtung machen würde.

Obwohl es Toni auf der Zunge kribbelte, entschloss er sich, nichts dazu zu sagen. Auch nicht, als Gregor ihn vorgehen ließ, als sie eine knarzende Holztreppe in einem sehr engen Treppenhaus hochstiegen. Es ging nur eine Etage höher, dann standen sie vor einer Tür, die Gregor mit einem alten Schlüssel aufschloss. Sie kamen wieder nach draußen auf einen kleinen Absatz und vor ihnen führte eine steile Steintreppe hoch zu einem weiteren Gebäude, während rechts neben ihnen der Berg, auf dem dieser Teil der Burg gebaut war, ziemlich steil abfiel. Toni sah Kamillas Haus und dahinter die Beete und das Gewächshaus der Gärtnerei. Wieder packte ihn diese unbestimmte Verzauberung, wie schon grade in dem kleinen Garten und er konnte absolut nicht verstehen, wie man diese Burg nicht mögen konnte und überging dabei geflissentlich die Tatsache, dass es eine Zeit gab, in der er auch alles scheisse gefunden hatte.

Und gleich nach diesem Gedanken fiel ihm dann ein, dass er hier ja nur zwei Wochen blieb und es selbstverständlich etwas völlig anderes war, hier zu wohnen. Während er neben Gregor die Steintreppen hochstieg wurde ihm bewusst, dass es ihn auch stören würde, wenn ständig irgendwo irgendwelche fremden Menschen herumliefen und Krach machten und im Winter würde es hier bestimmt schlecht warm werden. Gab es hier überhaupt Heizungen? Bis jetzt hatte Toni immer nur Kamine gesehen.

Sie waren inzwischen oben an der Treppe angekommen und Gregor schloss die nächste Tür auf. In dem Flur, in den sie jetzt kamen, lag ein dicker Teppich auf dem Boden und es hingen auch Teppiche an den Wänden, auf manchen befanden sich mittelalterliche Szenen und lateinische Innenschriften, die Toni zeigten, wie alt sie waren. Er war ziemlich beeindruckt und hoffte halb, Gregor würde irgendetwas dazu sagen, hatte es aber nicht erwartet und Gregor entsprach dann auch dieser Erwartung, als er einfach weiterging, ohne den Teppichen auch nur einen Blick zu gönnen.

Sie folgten dem Flur, versanken in dem dicken Teppich und Toni konnte nicht umhin, in die Räume, an denen sie vorbeikamen, einen kurzen Blick zu werfen. Da war das Esszimmer, an dem nicht nur der Raum riesig war, sondern auch der Eichentisch, der in der Mitte stand, das Wohnzimmer, bei dem Toni in erster Linie das große Sofa auffiel und dann noch ein Raum in dem, wenn Toni richtig gesehen hatte, ein Klavier stand. Dann machte der Flur eine Biegung und es kamen keine Räume mehr, sondern es ging wieder eine Treppe hoch. Diesmal war es eine Wendeltreppe und sie endete nicht im ersten Stock sondern schraubte sich weiter in die Höhe. Die ganze Lauferei war Tonis immer noch sehr schmerzenden Muskeln nicht sehr zuträglich und so kam es ihm vor wie eine Ewigkeit, bis sie endlich zu einem kleinen Absatz mit einer Tür kamen. Die Treppe ging zwar noch höher, aber zu Tonis Erleichterung öffnete Gregor die Tür und sie kamen in einen großen viereckigen Raum mit dem obligatorischen Kamin und einem ähnlich dicken Teppich auf dem Boden, einem Bett, einem Schrank, einem Schreibtisch, einem vollgestopfen Bücherregal und in der Ecke stand ein Fernseher.

"Mein Zimmer," sagte Gregor, Toni sah sich einmal genau um und nickte dann anerkennend. "Das ist wirklich ziemlich cool," meinte er und Gregor grinste einmal schief. "Oh ja, total cool. Vorallem wenn du mitten in der Nacht pinkeln musst und dann die ganzen Treppen wieder runtersteigen musst, mit einer Kerze, weil es im Flur kein elektrisches Licht gibt." Er ging zur gegenüberliegenden Seite, wo durch zwei Fenster und eine Tür mit einer Glasscheibe helles Sonnenlicht fiel.

Die Tür führte auf einen Balkon, der verdammt weit oben lag. Unter ihnen befand sich die Burgmauer und noch weiter unten die kleinen Häuser des Dorfes. Und ganz in der Ferne blitzte das Wasser eines Flusses im Sonnenlicht. Rechts und links erstreckten sich Felder und Wälder soweit das Auge reichte.

"Das ist ja der Wahnsinn," rief Toni, noch beeindruckter, als er es inzwischen von der Burg überhaupt schon war. Wenn er hier wohnen würde, dann würde er sicherlich die meiste Zeit hier stehen und einfach nur gucken.

Gregor neben ihm machte eine wegwerfen Handbewegung. "Ja, ja, ich hab mir schon gedacht, dass du das sagen wirst," meinte er nur und Toni hätte ihn beinahe ungläubig gefragt, wie ihn diese Aussicht denn nicht beeindrucken konnte, bis ihm dann wieder die Relation zwischen ,jeden Tag sehen' und ,zum ersten Mal sehen' klar wurde. Ebenso wie, dass er, wenn das hier sein Zimmer war, auch nicht jeden Tag hier stehen würde. Aber in diesem Moment hielt ihn die Ausicht komplett gefangen und so standen sie eine ganze Weile schweigend nebeneinander, bis Toni sich einigermaßen sattgesehen hatte.

"Einer meiner Vorfahren ist hier runtergesprungen und hat sich umgebracht," meinte Gregor irgendwann beiläufig.

"Hier runter?" rief Toni entsetzt und blickte nach unten auf den Hof. Eine Gänsehaut lief ihm den Rücken runter bei dem Gedanken, die ganze Strecke zu fallen mit der sicheren Gewissheit, am Ende tot zu sein.

"Seine Geliebte hat ihn mit einem anderen betrogen und er war deswegen so fertig, dass er gesprungen ist," erzählte Gregor und wieder überlief Toni ein Schauer morbider Faszination. Er hätte gerne noch mehr über diese Geschichte erfahren, war sich aber sicher, dass Gregor darüber auch nicht gerne sprechen würde und verkniff sich jegliche Nachfragen. Stattdessen nickte er, als Gregor ihn fragte, ob er Lust hatte, sein neustes Autorennspiel auf der Playstation zu spielen.

Sie zockten, bis es an der Tür klopfte und Gregors Mutter hereinkam. "Es gibt..." fing sie an, dann fiel ihr Toni auf und sie hielt mitten im Satz inne. "Ach, du hast Besuch. Wie nett," rief sie dann. Toni stand höflich auf, um ihr die Hand zu geben. Sie musterte ihn einmal von oben bis unten. "Woher kenne ich dich?" fragte sie aber bevor Toni etwas sagen konnte, beantwortete sie sich die Frage selber: "Du warst das, dem Johann neulich die Burg gezeigt hat, nicht wahr?"

Toni nickte. "Ja, das war ich," erwiderte er und hoffte, dass Gregor jetzt nicht wegen Johanns Erwähnung ausrastete.

"Gefällt dir die Burg immer noch so gut," erkundigte sich Gregors Mutter, aber bevor Toni dazu etwas sagen konnte, redete sie schon weiter: "Trotz der ganzen Sachen die hier noch gemacht werden müssen? Das bringt mich manchmal echt zur Verzweifelung, wenn ich daran denke..."

"Man, Mama!" fiel ihr Gregor wütend ins Wort. "Jetzt erzähl doch nicht ständig von diesem ganzen Mist! Das will keiner hören!"

Sie stemmte die Arme in die Seiten, sagte aber mit nach wie vor ruhiger Stimme: "Junger Mann, wie oft haben wir schon darüber gesprochen, dass du dich nicht immer so aufführen sollst?! Schon gar nicht, wenn Gäste da sind! Und jetzt mach die Konsole aus, das Abendessen ist fertig!" Sie wandte sich wieder an Toni. "Du musst dann jetzt gehen. Aber du kannst gerne morgen wiederkommen."

"Das entscheide ja wohl immer noch ich!" schnappte Gregor.

"Nicht, wenn ich mich entscheide, dir für ein unmögliches Verhalten morgen Hausarrest zu geben!" entgegnete seine Mutter, immer noch ruhig.

Toni war das Wortgefecht inzwischen nicht nur ziemlich peinlich, bei der Erwähnung von Abendessen hatte er natürlich auch gleich wieder Hunger bekommen. Er wäre jetzt gerne sofort gegangen, aber dann fiel ihm ein, dass er nicht wirklich Ahnung hatte, wie er wieder zurück kam. Deswegen stieg er dann zusammen mit Gregor und seiner Mutter die Treppe herunter und während Gregor wortlos in Richtung Esszimmer ging, ließ seine Mutter Toni durch den Haupteingang raus. Er musste dann zwar einige Stufen hinuntersteigen, aber zumindest hatte er sein Ziel die ganze Zeit vor Augen, sodass es keine Chance gab, sich zu verirren.

Er warf noch einen kurzen Blick zurück zu dem Haus, das eigentlich mehr ein Palast war und sich beeindruckend vor ihm auftürmte. Und dann fiel ihm der große Turm an der Seite auf und er sah auch den Balkon, auf dem er vor ein paar Stunden noch gestanden hatte und die Tatsache, dass Gregor nicht einfach in diesem Gebäude wohnte sondern in einem echten Turm machte das Ganze für Toni noch beeindruckender.

Er dachte allerdings auch noch kurz über Gregor nach, während er zurückging. Mit ihm abzuhängen hatte eigentlich Spaß gemacht. Auch, wenn Toni immer noch peinlich berührt davon war, wie Gregor mit seiner Mutter umgegangen war. Seine Mutter hätte ihm schon längst eine geknallt, das war sicher.

Nichtsdestotrotz war Gregor eindeutig die bessere Alternative zu Kamilla und sie mussten ja auch nicht die besten Freunde werden. Er hatte ja schließlich beste Freunde. Aber für die zwei Wochen würde das alles sicher funktionieren. Und lesen konnte Toni ja auch den ganzen Vormittag.

 

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